Das Amts- und Selbstverständnis des Apostel Paulus


Seminararbeit, 2006
13 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Paulus` Selbstverständnis nach seiner Berufung
2.1. Die apostolische Sendung
2.2. Paulus` Aufgabe als Apostel
2.3. Paulus als Knecht Jesu Christi

3. Das Verhältnis des Apostels zur Gemeinde
3.1. Paulus als Mittler
3.2. Paulus als Elternteil
3.3. Der Verzicht auf finanzielle Unterstützung durch die Gemeinde

4. Paulus` Schwachheit als Stärke
4.1. Paulus` Leiden
4.2. Weisheitliches Reden bei Paulus

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Um den Apostel Paulus ranken sich seit Beginn des Urchristentums viele Mythen und Legenden, was sich schon beim Aufblättern des Neuen Testaments zeigt, wenn man liest, wie viele unterschiedliche Personaltraditionen Lukas (Apg) und die Autoren der pseudo- epigraphen Paulusbriefe über Paulus verarbeiteten. Im Laufe der Geschichte prägten die paulinischen Briefe die Theologie vieler namenhafter Theologen, darunter Augustin und Luther. Und auch heute noch gilt er als der bedeutendste Missionar des Christentums, als Märtyrer und Heiliger. Doch so positiv wie Paulus heute gesehen wird, wurde er nicht immer rezipiert. Zu seiner eigenen Lebenszeit musste er sein Amt und seine Theologie gegenüber gegnerischen Vorwürfen und Anfechtungen rechtfertigen. Mit welchem Selbstverständnis entgegnete der Apostel diesen Vorwürfen? Und wie hat sich Paulus selbst gesehen und sein Amt als Apostel verstanden?

Ausgehend von diesen Fragestellungen möchte ich meine Arbeit beginnen und einen Einblick in das Selbst- und Amtsverständnis des Paulus geben. Da Paulus „die gegnerischen Stichworte auch seinen Ausführungen über das apostolische Amt und Legitimität zugrunde gelegt hat“1 werde ich methodisch so vorgehen, dass ich zu vielen Punkten erst die gegnerischen Vorwürfe kurz darstellen werde. Von hier aus werde ich dann das paulinische Selbst- und Amtsverständnis herausarbeiten.

2. Paulus` Selbstverständnis nach seiner Berufung

2.1. Die apostolische Sendung

Das Selbst- und Amtsverständnis des Paulus lässt sich nur im Horizont des Damaskuserlebnis nachvollziehen, denn von hier aus entfaltet und legitimiert Paulus sein Selbst- und Amtsverständnis als Apostel vor sich und anderen, vor allem seinen Gegnern. Diese kritisierten Paulus und zweifelten sein Apostolat an, weil er nicht durch dieselbe Offenbarung wie die anderen Alt-Apostel direkt nach der Kreuzigung Christi beauftragt wurde das Evangelium zu verkünden. Auch, dass Paulus vor seinem Damaskuserlebnis ein Verfolger der Christen gewesen war, trug dazu bei, dass seine Gegner ihn nicht als vollwertigen Apostel anerkannten.

Paulus rechtfertigt sich dagegen und stellt die Gleichwertigkeit seines Apostelamtes heraus, indem er sein Verständnis von seiner Berufung und seines Apostolats im Gal 1,10-24 und im 1Kor 15,1-11 darlegt: So wie den anderen Aposteln Christus erschienen ist, so hat Gott Paulus „in seiner Güte seinen Sohn offenbart“ (Gal 1,15f.) und „als letztem von allen erschien er [Christus] auch mir“ (1Kor 15,8) vor Damaskus, „damit ich ihn unter den Heiden verkündige“ (Gal 1,16). Mit der Christophanie erhält Paulus also einen speziellen Auftrag und sieht sich damit gleichberechtigt neben den Alt-Aposteln zum Apostel berufen.

Trotzdem stellt sich auch für Paulus die Frage, warum gerade er, der doch die „Kirche Gottes verfolgte und zu vernichten suchte“ (Gal 1,13), eine Christusvision hatte und zum Apostel berufen wurde. Denn gerade auf Grund seiner Vergangenheit als Christenverfolger, bezeichnet sich Paulus selbst als „Mißgeburt“ und Geringsten der Apostel (vgl.1Kor 15,8f.). Paulus beantwortet sich diese Frage, indem er immer wieder auf die Gnade Gottes hinweist, durch die Gott ihm sein Apostelamt verliehen hat (1Kor 3,10; Gal 2,9; 1Kor 15,10). Und so kann Paulus im 1Kor 15,10 sogar behaupten, er habe sich mehr als alle anderen Apostel abgemüht das Evangelium zu verkünden, denn die Gnade Gottes wirke in ihm und befähige ihn zum ruhelosen Wirken.

Im Philipperbrief macht Paulus dann deutlich, dass er durch die Christusoffenbarung das alte Leben als Pharisäer und Verfolger der Kirche (3,6) abgelegt habe, um nun ein neues Leben in Jesus Christus zu führen.

Das Damaskuserlebnis mit der Christusvision begründet somit Paulus` neues Leben als berufener Apostel. Dass er nicht von Menschen, sondern unmittelbar von Gott zum Apostel erwählt wurde und damit im Auftrag Jesu Christi handelt, betont Paulus in fast allen Präskripten seiner Briefe (1Kor 1,1; 2Kor 1,1; Röm 1,1; Gal 1,1) und legitimiert damit auch seine Autorität als Apostel gegenüber den paulinischen Gemeinden, den Adressaten der Briefe.

2.2. Paulus` Aufgabe als Apostel

Wie schon angedeutet, sieht sich Paulus als Gesandten Jesu Christi damit beauftragt das Evangelium zu predigen, dass er „ja nicht von einem Menschen übernommen oder gelernt, sondern durch die Offenbarung Jesu Christi empfangen“ (Gal 1,12) hat. Liest man 1Kor 1,16ff. wird deutlich, dass der Missionsgedanke dem Apostel sehr wichtig war: Er sei nicht gesandt um zu taufen, sondern um das Evangelium zu verbreiten. Dabei ist es Paulus wichtig zu betonen, dass Gott ihm die besondere Aufgabe übertragen habe unter den Heiden zu missionieren, um sie „zum Gehorsam des Glaubens zu führen“ (Röm 1,5). Dies bringt Paulus auch dann zum Ausdruck, wenn er in Gal 2,7ff die Entschlüsse des Apostelkonzils rechtfertigt und dabei explizit den Unterschied zwischen seiner und der Sendung des Petrus hervorhebt.

Paulus sieht seine Aufgabe als eschatologischen Dienst: „Ihm oblag die besondere Aufgabe, angesichts des mit der Wiederkunft Christi hereinbrechenden Gerichts Gottes über allen Menschen den Heiden das Evangelium von Kreuz und Auferstehung Jesu Christi zu verkünden, um so zumindest einige zu retten.“2

2.3. Paulus als Knecht Jesu Christi

Mit der Christophanie vor Damaskus fühlt sich Paulus nicht einfach gesandt, um für einen begrenzten Zeitraum die Heiden zu missionieren. Wie oben schon angesprochen, fängt mit der Offenbarung Jesu Christi ein neues Leben für Paulus an. Seine Sendung ist nicht zeitlich begrenzt, sondern wird zu seiner Lebensaufgabe. Daher bezeichnet sich Paulus auch nicht nur als Abgesandten oder Apostel Jesu Christi gegenüber seinen Gemeinden, sondern nennt sich selbst auch „Diener“ (1Kor 4,1) oder „Knecht Jesu Christi“ (Röm 1,1; Phil 1,1; Gal 1,10). Damit wird zum Ausruck gebracht, dass Paulus sich als ein Werkzeug des Herrn sieht: Paulus übermittelt direkt die Worte und Gebote Christi, durch ihn spricht Christus zu den Heiden (1Kor 14,37; 2Kor 13,3; Röm 15,18). Als Gesandter und Diener des Herrn repräsentiert er „Christus, wie dieser Gott repräsentiert, der ihn gesandt hat“3 und ist damit auch nur noch Gott unterstellt. Paulus` Leben ist abhängig von Gott, es ist nicht seine eigene Entscheidung gewesen, das Evangelium zu verkünden, „denn ein Zwang liegt auf mir. Weh mir, wenn ich das Evangelium nicht verkünde!“ (1Kor 16).

Doch wie lässt sich erklären, dass sich Paulus einerseits als Knecht Christi sieht und sein Leben alleinig von Gott bestimmt wird, sich andererseits aber durch die Christus Offenbarung zur Freiheit befreit fühlt (vgl. Gal 5,1)? Diese geschenkte Freiheit sieht er darin, dass er befreit ist von gesellschaftlichen Zwängen und Urteilen. Wie er im 1Kor 4,1-5 schreibt, mache es ihm nichts mehr aus, wenn ein menschliches Gericht in zur Verantwortung ziehe, denn nur das Gericht Gottes könne und werde ihn noch richten. Als Diener und Knecht Christi unterliegt der Apostel nur noch dem Urteil des Herrn.4

Mit diesem Selbstverständnis entgegnet er den Gegnern, als diese ihm mangelnde Autorität unterstellen.5 Er antwortet ihnen im 2Kor 10,12ff, indem er betont, dass er nur noch am Maß Gottes gemessen werden könne. Nicht am Urteil oder Maß der Gegner sei das paulinische Apostolat und seine Autorität zu messen, sondern nur daran, wie gut er den göttlichen Auftrag erfülle. Auch als die Gegner dem Apostel fehlende Apostolizität vorhielten, weil er kein Empfehlungsschreiben vorzeigen könne (2Kor 3,1), weist Paulus die Korinther darauf hin, dass nur sie, aufgebaut durch seinen „Dienst, (...) mit dem Geist des lebendigen Gottes“, das lebendige Empfehlungsschreiben (2Kor 3,2ff.) und „Siegel meines Apostelamtes“ (1Kor 9,2) seien.

3. Das Verhältnis des Apostels zur Gemeinde

3.1. Paulus als Mittler

Mit diesen Ausführungen wurde bisher nur erläutert, wie Paulus seine Aufgabe und sein Verständnis im Verhältnis zum Herrn sieht. Im folgenden werde ich, ausgehend von den schon erarbeiteten Feststellungen, darauf eingehen, wie sich der Apostel im Verhältnis zu seinen Gemeinden sieht. Dabei werde ich insbesondere auf die Frage eingehen, wie sich Paulus als Verkünder des Evangelium versteht.

Gemäß seines Selbstverständnisses als Diener Jesu Christi, fungiert er als Mittler zwischen Gemeinde und dem Herrn. Was das für den Apostel bedeutet, verdeutlicht er der korinthischen Gemeinde im 2Kor 1,24: Er wolle nicht als Herr über den Glauben der korinthische Gemeinde stehen, sondern ihnen helfen, zum Glauben zu kommen und damit zum Heil errettet zu werden. „Paulus sah seine Aufgabe darin, eine unmittelbare Christusbeziehung zu stiften. In räumlichen Kategorien ausgedrückt: Er stellt sich unter die Menschen und macht sich zum Werkzeug ihrer Erhöhung.“6 Auch mit seiner Metapher vom Ackerfeld Gottes und von sich als Baumeister, welches er im 1Kor 3,5-23 entfaltet, betont der Apostel erneut, dass er nur ein Diener und Mitarbeiter Gottes sei, der durch die ihm geschenkte Gnade Gottes „wie ein guter Baumeister den Grund“ (V. 10) der Gemeinde gelegt habe. „Ich habe gepflanzt, Apollos hat gegossen, Gott aber ließ wachsen“ (1Kor 3,6), mit diesem Satz macht Paulus deutlich, dass Gott jeden Apostel zu einem anderen Dienst an der Gemeinde beauftragt (vgl. Gal 2,7ff.) hat. Gott aber hat die alleinige, heilsschaffende Kraft, um die Gemeinde, also Gottes Ackerfeld, wachsen zu lassen. Mit dieser Metapher möchte der Apostel den Korinthern vermitteln, dass sie sich nicht menschlichen Autoritäten unterstellen sollen, denn „wenn menschliche Autoritäten zu sehr in den Vordergrund gestellt werden, dann wird der Blick auf die letzte Ursache allen Heilshandelns, Gott, verstellt.“7

[...]


1 Ernst Käsemann: Legitimität des Apostels. In: Rengsdorf: Paulusbild. Darmstadt 1969, S. 499.

2 Udo Schnelle: Paulus. Berlin 2003, S. 160.

3 Hans-Christoph Meier: Mystik bei Paulus. Tübingen 1998, S. 71.

4 Vgl. Richard Giesriegl: Die Sprengkraft des Geistes. Thaur/Tirol 1989, S. 242.

5 im folgenden Absatz beziehe ich mich auf: Ernst Käsemann: Legitimität des Apostels. In: Rengsdorf: Paulusbild. Darmstadt 1969, S. 505.

6 Gudrun Guttenberger Ortwein: Status und Statusverzicht. Freiburg 1999, S. 276.

7 Richard Giesriegl: Die Sprengkraft des Geistes. Thaur/Tirol 1989, S. 240.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Das Amts- und Selbstverständnis des Apostel Paulus
Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg  (Theologie)
Veranstaltung
Paulus
Note
1,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
13
Katalognummer
V154911
ISBN (eBook)
9783640678969
ISBN (Buch)
9783640679423
Dateigröße
422 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Amts-, Selbstverständnis, Apostel, Paulus
Arbeit zitieren
Christine Brengelmann (Autor), 2006, Das Amts- und Selbstverständnis des Apostel Paulus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/154911

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