Das Motiv des Todes in Thomas Manns Erzählung Der Tod in Venedig


Hausarbeit, 2002

20 Seiten, Note: 3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

Das Motiv des Todes in Thomas Manns Erzählung „Der Tod in Venedig“

1. Leitmotivtechnik
1.1. Leitmotive (allgemein)
1.2. Leitmotive mit Todessymbolik

2. Die Todesboten – den Tod vorausdeutende Leitfiguren
2.1. Beschreibung der einzelnen Todesboten.
2.1.1. Der Wanderer – eine Vereinigung vieler antiker Todesgestalten
2.1.2. Der ziegenbärtige Zahlmeister.
2.1.3. Der „falsche Jüngling“
2.1.4. Der Gondolier – mythologischer Fährmann Charon
2.1.5. Der Bademeister.
2.1.6. Tadzio – Psychagog und Todesengel
2.1.7. Der Bänkelsänger – eine „Kreuzung von Luzifer und Clown“
2.1.8. Der Clerk und der Hotelfriseur
2.1.9. Aschenbach – sein eigener Todesbote
2.2. Mythologische Vorbilder der Todesboten.
2.2.1. Hermes – Psychopompos, der Seelenführer
2.2.2. Hades – Herrscher der Unterwelt
2.2.3. Charon – Fährmann der Verstorbenen
2.2.4. Thanatos – der personifizierte Tod.
2.2.5. Psychagogos / Pychopompos – Führer und Verführer der Seelen
2.2.6. Apollon und Dionysos – Zucht und Zügellosigkeit

3. Gustav Aschenbachs Tod in Venedig
3.1. (Künstler-)Würde – Tod: Entwicklung eines Lebens auf den Tod hin
3.2. Eros – Tod: Tadzios Rolle
3.3. Aschenbachs Tod

Literaturverzeichnis

Das Motiv des Todes in Thomas Manns Erzählung „Der Tod in Venedig“

1. Leitmotivtechnik

1.1. Leitmotive (allgemein)

Neben dem Motiv des Todes, das unverkennbar schon zu Beginn der Erzählung gegenwärtig ist und in der gesamten Handlung vorherrscht, gibt es auch noch andere Leitmotive, die zwar nur indirekt, aber dennoch mit dem Tod in Zusammenhang stehen. Ich werde kurz auf diese eingehen, weil sie wichtig sind, um die von Thomas Mann angewandte Leitmotivtechnik besser zu erfassen.

Ein erstes Beispiel ist die zunehmende Verfremdung der gewohnten Welt Aschenbachs: noch in seiner Heimatstadt München spürt er, dass sein gewohntes Leben irgendwie aus den Fugen geraten ist. Er steckt nicht nur in einer Schaffens-, sondern in einer Lebenskrise. So reicht seine alltägliche Bewegung an der frischen Luft nicht aus und er muss „einen weiteren Spaziergang“ unternehmen, um innerlich zur Ruhe zu kommen. Dabei hat Gustav von Aschenbach dann ein befremdendes Erlebnis, als er dem mysteriösen Wanderer begegnet, durch den er sich zum Reisen animiert fühlt. Die Verfremdung seiner gewohnten Welt setzt sich in einer traumartigen Vision von einer Urwaldwildnis, in der dionysische „Tiger“ lauern, fort. Auf der Reise nach Venedig begegnet er zwei weiteren Gestalten, geheimen Todesboten[1], deren Erscheinen Aschenbach zutiefst beunruhigt und die ihn auf dem Weg in die andere, fremde Welt, welche die Stadt Venedig darstellt, begleiten. Die Verfremdung nimmt im Laufe seines Venedig-Aufenthaltes immer weiter zu, bis seine bisherige, streng apollinische Lebenshaltung in eine ungehemmt dionysische Lebensweise übergeht.[2]

Leitmotivische Bedeutung hat ebenfalls das Meer. Es steht hier für das Maßlose, das Nichts. Aschenbach wählt sein Reiseziel so aus, dass er in Meeresnähe sein kann. So hält er sich während seines Aufenthaltes bevorzugt am Meeresstrand auf, wo er seinen „Geliebten“ ungestört beim Spielen beobachten kann. Nicht zuletzt sind Meer und Strand Schauplatz seines eigenen Todes, wobei das Meer hier für den Strom Acheron steht, über den der Fährmann Charon in der griechischen Mythologie die Toten in den Hades führt.

Die Stadt Venedig selbst kann als ein solches leitendes Motiv gesehen werden. Mit der Anspielung auf den Markusdom („das byzantinische Bauwerk“)[3] wird sie gleich zu Beginn eingeführt und ist ab dem 3. Kapitel Schauplatz des Geschehens. Und schließlich findet der Tod an diesem Ort statt, wie es der Titel der Erzählung schon vorwegnimmt. Damit steht die Stadt in enger Verbindung mit dem Tod, schon allein durch die Tatsache, dass Venedig als mythische Lagunenstadt, die ein Bild gesellschaftlicher Verfallserscheinung bietet, bezeichnet wird, wobei die Lagune mit dem Hades, der griechischen Unterwelt, verglichen werden kann.

Ein weiteres Motiv ist das Wetter, das immer wieder Aschenbachs inneren Zustand reflektiert. Über die „Wetterberichte“ ahnt man, wie es in seinem Innern aussieht. Beispiele sind das drohende Gewitter kurz vor seiner Begegnung mit dem Wanderer, das auf Aschenbachs Schaffenskrise anspielt, „der falsche Hochsommer“[4] und „eine widerliche Schwüle“[5], die den abscheulichen Zustand wiedergibt, in dem Aschenbach sich befindet, und die Verbindung von Erregung und Erschlaffung erklärt, der er zunehmend verfällt. E. Lämmert spricht vom „Wetterparallelismus“[6]. Es gibt eine deutliche Parallele zwischen dem Wetter und Venedigs Örtlichkeiten, die darunter zu leiden haben, einerseits und Aschenbachs Seele andererseits.

Als letztes Leitmotiv, das nur indirekt in Beziehung zum Tod steht, kann man eine wiederkehrende Gebärde Aschenbachs nennen: die zur Faust geschlossene Hand gegenüber der geöffneten Hand und den herabhängenden Armen. Wenn Aschenbach im 2. Kapitel als Künstler eingeführt wird, wird seine bisherige Lebenshaltung metaphorisch mit einer Faust verglichen, die im Gegensatz steht zu einer geöffneten, von der Lehne eines Sessels hängenden Hand. Dieses Motiv kehrt zweimal zurück: das erste Mal findet man Aschenbach, nachdem er sich entschlossen hat, doch nicht abzureisen, mit „schlaff über die Lehne des Sessels hinabhängenden Armen [...] die Handflächen vorwärtskehrend“[7] vor. Ein weiteres Mal erscheint er „zurückgelehnt, mit hängenden Armen“8 und der Sehnsuchts-Formel „Ich liebe dich“[8] auf den Lippen. Beide Male ist diese Gebärde charakteristisch für Aschenbachs neue Haltung, welche sich nach und nach dem dionysischen Lebensprinzip vollkommen unterwirft und sich nicht mehr gegen den Tod wehrt.

1.2. Leitmotive mit Todessymbolik

Wie bereits erwähnt, ist das Motiv des Todes unverkennbar schon auf den ersten Seiten von Thomas Manns Erzählung präsent (ganz vom Titel abgesehen!) und durchzieht die gesamte Erzählung mit zunehmender Intensität, bis die Handlung schließlich in Agonie und Tod endet.

Bereits im Nachnamen des Protagonisten finden wir einen verborgenen Todeshinweis: Als Ausgangsmodell hat Thomas Mann den Landschaftsmaler Andreas Achenbach gewählt. Durch die geringfügige Änderung des ersten Bestandteils erhält der Name durch das Wort „Asche“ Todesassoziation.[9]

Aber nicht nur, dass der Tod schon im Titel und im Namen des Protagonisten vorausgedeutet wird, man kommt in der gesamten Erzählung niemals an ihm vorbei. Er lauert an jedem Ort, versteckt sich hinter jeder Person, ist einfach omnipräsent. So ist einer der ersten Schauplätze des Geschehens bezeichnenderweise ein Friedhof, der in allen Einzelheiten beschrieben wird. Aschenbach begegnet hier Kreuzen, Gedächtnistafeln und einem zweiten, unbehausten Gräberfeld, sicher eine tragische Vorausdeutung.

Die Gondel, die den Protagonisten zum Lido übersetzt, nachdem er mit dem Schiff in Venedig angekommen ist, wird aufgrund der schwarzen Farbe und auch wohl wegen ihrer Form mit einem Sarg verglichen. Somit ist sie eine Art Todesbarke, die den Todgeweihten seinem Lebensende näher bringt und auf ihn wartet.

Die schwarze Farbe wird ein weiteres Mal erwähnt an einem entscheidenden Moment der Erzählung: „ein schwarzes Tuch, darüber [über einem Photoapparat auf einem dreibeinigen Stativ, der auf den Dreifuß des Apoll anspielt] gebreitet“[10], das klatschend im Wind flattert. Aschenbach bemerkt es am Strand, kurz bevor er Zuschauer des Kampfes zwischen Tadzio und seinem Freund Jaschu, dem Schwarzen (!), wird. Wenig später stirbt er.

Am Abend des Gastauftrittes der Straßensänger trinkt Aschenbach Granatapfelsaft und denkt dabei an die Sanduhr in seinem Elternhaus, die schon fast abgelaufen ist. Der Granatapfel ist ein antikes Todessymbol, weil er einst Persephone, die davon gegessen hatte, in den Hades bannte. Dieses Zeichen deckt den Grund auf für die Todesverfallenheit Aschenbachs: die Geschlechtslust, die schon bei Adam und Eva existierte. Die Sanduhr steht wie kein anderes Zeichen für die schon abgelaufene und die noch abzulaufende Zeit, sprich für die Vergänglichkeit.

Auch die Geruchsempfindungen haben Leitmotivfunktion und zwar werden sie meistens mit dem Attribut „faulig“ genannt, wodurch sie ihrerseits auf den Tod hinweisen. Die Lagune riecht faulig und die Atmosphäre der Stadt wird umschrieben als ein „leis fauliger Geruch von Meer und Sumpf“[11], womit die todbringende Cholera angekündigt wird. Diesen Geruch atmet Aschenbach „in tiefen , zärtlich schmerzenden Zügen“11 ein. Eine ganz klare Anspielung auf die Cholera enthält auch der Ausdruck „Geruch der erkrankten Stadt“, welcher durch die Desinfektionsmittel bestimmt wird. Damit wird der Tod auch über den Geruchsinn vermittelt.

Eine bezeichnende Funktion haben auch die Erdbeeren. Als Aschenbach Tadzio kennen lernt, frühstückt er „große, vollreife Erdbeeren“[12] und auf einer seiner „Verfolgungsjagden“, wo er Tadzio nachstellt, isst er im Gehen „Erdbeeren, überreife und weiche Ware“[13]. Die Erdbeeren sind insofern mit dem Tod verbunden, als sie voll- bzw. überreif und weich sind und somit zu einem Infektionsherd werden, da sich die Cholera über faules, und auch schon überreifes Obst und Gemüse sehr schnell überträgt.

An dieser Stelle sollte kurz auf die Assoziation der Cholera mit dem Tod eingegangen werden, die überdeutlich wird, wenn man von ihrer Letalität weiß, die in klinischen Wörterbüchern mit etwa 70% angegeben wird[14]. Es handelt sich um eine äußerst gefährliche Seuche, die an die Pest, den schwarzen Tod, erinnert. So spricht man von ihr als vom „umgehenden Tod“. In Bezug auf Aschenbach wird die Seuche als äußere Entsprechung für die Vorgänge in seinem Innern erkenntlich. Auf die Cholera als wahrscheinliche (medizinische) Ursache für seinen Tod werde ich in Kapitel 3.3. näher eingehen.

Als letztes, nicht-menschliches Motiv mit Todessymbolik muss noch die Krankheit im allgemeinen angeführt werden, auf die immer wieder angespielt wird. Die Stadt Venedig wird mehrmals als krank charakterisiert, da die todbringende Cholera sie heimgesucht hat, und auch die Liebe Aschenbachs zu Tadzio muss als krankhaft bezeichnet werden. Im üblichen Sprachgebrauch kann das Kranke sowohl auf Aschenbach, den Todgeweihten, als auch auf Tadzio, seinen Todesengel, bezogen werden. Beide sind von einer eher schwächlichen und kränklichen Natur. Aufgrund von Erkrankungen und daraus folgender Schwäche war Aschenbach bereits in frühen Jahren vom Schulbesuch ausgeschlossen und erhielt stattdessen Privatunterricht zu Hause. Die Aufgaben, zu denen sein Talent ihn verpflichtete, musste er zeit seines Lebens „auf zarten Schultern tragen“[15]. Ähnlich ergeht es Tadzio. Aschenbach beschreibt seine Zähne als „blass, ohne den Schmelz der Gesundheit [...] wie zuweilen bei Bleichsüchtigen“[16]. Er erscheint ihm kränklich, so als ob er nicht alt werden würde. Tadzios Schwäche kommt auch zum Ausdruck im Kampf mit seinem Freund Jaschu.

Die Krankheit bzw. das Kränkliche stellt demnach eine Verbindung her sowohl zwischen dem Protagonisten und seinem „Geliebten“ als auch, als letztes hier aufgeführtes Motiv, zum Tod.

[...]


[1] Die Todesboten werden in Kapitel 2.1. ausführlich behandelt.

[2] Das Dionysische und Apollinische und alle weiteren mythologischen Bezüge werden in Kapitel 2.2. behandelt.

[3] Thomas Mann, Schwere Stunde und andere Erzählungen, Der Tod in Venedig, 9. Auflage, Fischer Taschenbuchverlag GmbH, Frankfurt am Main 1991 S.187

[4] Thomas Mann, Schwere Stunde, S.186

[5] Thomas Mann, Schwere Stunde, S.221

[6] Ehrhard Bahr, Erläuterungen und Dokumente - Thomas Mann, Der Tod in Venedig, Philipp Reclam jun. GmbH & Co., Stuttgart 1991, S.10

[7] Thomas Mann, Schwere Stunde, S.228

[8] Thomas Mann, Schwere Stunde, S.240

[9] Ehrhard Bahr, Erläuterungen und Dokumente, vgl. S.6

[10] Thomas Mann, Schwere Stunde, S.265

[11] Thomas Mann, Schwere Stunde, S.224/225

[12] Thomas Mann, Schwere Stunde, S.219

[13] Thomas Mann, Schwere Stunde, S.262

[14] Pschyrembel – Klinisches Wörterbuch, 258., neu bearbeitete Auflage, de Gruyter Verlag , Berlin 1998

[15] Thomas Mann, Schwere Stunde, S.193

[16] Thomas Mann, Schwere Stunde, S.221

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Das Motiv des Todes in Thomas Manns Erzählung Der Tod in Venedig
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Germanistisches Seminar)
Veranstaltung
Einführung in die Literaturwissenschaft
Note
3
Autor
Jahr
2002
Seiten
20
Katalognummer
V15508
ISBN (eBook)
9783638205979
Dateigröße
527 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Motiv, Todes, Thomas, Manns, Erzählung, Venedig, Einführung, Literaturwissenschaft
Arbeit zitieren
Noémie Schlentz (Autor), 2002, Das Motiv des Todes in Thomas Manns Erzählung Der Tod in Venedig, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/15508

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