Die kubanische Volksreligion Santería und ihre Heilrituale


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004

15 Seiten, Note: 1,2


Leseprobe

M.A. Oliver Kneip

Santería – Heilrituale auf Kuba

1. Einleitung

Die kubanische Volksreligion ist die Santería – daran haben weder fünf Jahrhunderte katholischer Mission noch drei Jahrzehnte sozialistischen Atheismus´ etwas ändern können.

Die Santería ist eine synkretistische Religion, sprich: ein eigenwilliges Mischprodukt aus afrikanischen Gottheiten und Kulten, die mit den Sklavenschiffen ins Land kamen, und der katholischen Religion, die die spanischen Kolonialherren auf der Insel implantierten – und beides vermengt und weiter entwickelt zu einer neuen, spezifischen kubanischen Religion, deren hervorstechendstes Merkmal vielleicht ihre Toleranz ist.

In der Santería ist es die natürlichste Sache der Welt, dass ihreAnhänger gleichzeitig auch anderen Religionen und Ideologien folgen, zum Beispiel in die katholische Messe gehen, der KP angehören oder an chinesische Horoskope glauben. Umgekehrt war diese Toleranz oft geringer. Doch seit Anfang der 90er Jahre ist die öffentliche Diskriminierung weitgehend gefallen, und die Santería erlebt einen ungeheuren Boom.[1]

Im folgenden Text wird zunächst eine kurze Beschreibung der Santería Religion geliefert, wobei das Augenmerk hier besonders auf die Heilrituale und Heilmethoden der Regla de Ocha Gruppe gesetzt wird. Ferner folgt eine Beschreibung der Schutzgötterverehrung bzw. der Methodik der Heilrituale, die mit Hilfe der Orishas vollzogen werden.

Anschließend wird eine knappe Zusammenfassung der Heilrituale der drei verschiedenen Richtungen im Santería Glauben gegeben, wobei hier näher auf die Riten der sog. Abakuá Sekte eingegangen wird. Danach folgt eine Beschreibung von Stephan Palmié über den Ablauf eines Initiationsrituals, das gleichzeitig auch als Heilritual von den Anhängern des Santería Glaubens praktiziert wird.

Abschließend wird zu untersuchen sein, in wiefern man Parallelen vom afrikanischen Aberglauben zum iberischen Aberglauben bzw. zum spanischen Spiritismus (espiritísmo)

ziehen kann.

2. Kurzer historischer Überblick

Am 28. Oktober des Jahres 1492 landete Christoph Kolumbus auf der Insel Kuba (damals noch Juana). Im Zuge der spanischen Kolonialisierung und der katholischen Missionierung begann ab 1517 die Vertreibung bzw. „Ausrottung“ der vorwiegend Aruak –sprachigen Urbevölkerung der Insel durch spanische Kolonialtruppen unter Diego de Velázquez. Die Taino –Kultur entstand nach den bisherigen Kenntnissen zwischen 800 und 900 n. Chr. auf der Insel Hispaniola (heute Dom. Rep. bzw. Haiti) als eine Ausgestaltung der vorhergehenden Sub- Taino Kultur.[2]

Im gleichen Zeitraum wurden afrikanische Sklaven nach Lateinamerika und in die Karibik als Arbeitskräfte verschleppt und missioniert.

1898 verliert Spanien im Frieden von Paris seine letzten kolonialen Besitzungen (Kuba, Puerto Rico und die Philippinen).

1899 bis 1902 wird die Insel Kuba militärisch durch die Vereinigten Staaten von Amerika besetzt, die ständige Marinebasen errichten. Gleichzeitig verliert die katholische Kirche mehr und mehr an Einfluss.

1902 wird Tomás Estrada Palma erster Präsident auf Kuba. In den Jahren der ersten Republik (1902 bis 1933) kommt es zu mehreren Interventionen seitens der USA und zu einigen Präsidenten Wechseln.

Von 1934 bis 1940 steht die zweite Republik mit den Präsidenten Carlos Mendieta, José Barnet, Miguel Mariano Gómez und Federico Laredo Brú unter der Kontrolle von Batista.

1952 gelingt Fulgencio Batista durch einen Staatsstreich die Machtübernahme.

1956 landet eine Gruppe von Guerilleros unter dem Kommando von Fidel Castro und Ernesto „Che“ Guevarra auf Kuba und es beginnt der Guerillakrieg im Osten Kubas bzw. die kubanische Revolution.

1959 wird Fidel Castro Regierungschef, nach dem Generalstreik und der Selbstauflösung der Armee, die den vorrückenden Guerilleros keinen Wiederstand leisten, und die Diktatur von Batista endet.

Ab 1960 beginnt die Annäherung Kubas an die Sowjetunion sowie die Verstaatlichung im Lande und das Handelsembargo der USA gegen Kuba.[3]

Bis heute herrscht offiziell der Atheismus nach sozialistischen bzw. kommunistischen Vorbild, auch wenn sich das Recht auf die Religionsfreiheit in den letzten Jahren zunehmend eingebürgert hat.

3. Santería

Santería wird oft als Oberbegriff für alle afro –kubanischen Religionen verwendet, sie ist aber lediglich die verbreitetste, die sog. Regla de Ocha.[4] Wie bereits erwähnt wurde ist diese Religion oder besser dieser Kult, ein Synkretismus, d.h. eine Verschmelzung aus afrikanischen Gottheiten bzw. Kulten und der katholischen Religion. Afrikanischer Glaube und spanischer Katholizismus haben sich vermengt und weiterentwickelt zu einer neun kubanischen Volksreligion. Verehrt wird nicht ausschließlich ein Gott, sondern eine Ganze Reihe von Schutzgöttern genannt Santos (Heilige) oder Orishas.[5]

Der höchste Gott im Santería Glauben ist Olorún, auch Olodumare oder Olofi genannt.

Er repräsentiert den „Herren des Himmels“. Ihm folgen in der Hierarchie zahlreiche Orishas von denen der oberste Obatalá ist. Unter den Orishas stehen die Egún, die Seelen verstorbener Verwandter sind.

Santería teilt sich auf in drei Hauptrichtungen oder Wege:
1. Regla de Ocha: ursprünglich von den Yoruba aus dem heutigen Nigeria stammend und der verbreitetste Weg von allen.
2. Regla Conga, Palo Monte oder Mayombe: Ursprünglich von den Bantu aus den Regionen Kamerun, Angola und Mozambique stammend.
3. Abakuá –Sekte oder Nànigo: Eine geheime und zahlenmäßig geringe Sekte mit haitianischen Einflüssen bzw. Einflüssen aus dem Voodoo.[6]

Santería (spanisch Santos, d.h. Heilige) ist auf ganz Kuba und teilweise in Miami, aufgrund der Immigration, sehr verbreitet und beliebt. Sie ist nicht zu verwechseln mit dem haitianischen Voodoo oder dem brasilianischen Candombé, obgleich alle drei afrikanischen Ursprunges sind und sie sich in manchen Praktiken sehr ähneln.

Die Santería ist folglich keine Religion der Ureinwohner der Insel und sie ist mittlerweile auch nicht mehr ausschließlich eine Religion der schwarzen Bevölkerung auf Kuba. Heutzutage sind viele Anhänger Kubaner aller Herkunft, Hautfarbe und sozialer Schicht.

Verehrt werden die Orishas. Die meisten dieser Schutzgottheiten lassen sich auf die religiösen Vorstellungen der Yoruba, ein Volk im heutigen Nigeria (West Afrika), zurückführen, etliche entstanden aber auch erst auf Kuba. Ihnen werden jeweils spezifische Fähigkeiten, Charaktereigenschaften und Vorlieben sowie Farben und Festtage zugeschrieben. Nach ihrer Verschleppung nach Kuba mussten die Sklaven, um ihre Götter unter den spanischen Herren weiterhin verehren zu können, diese unter einer christlichen Oberfläche verstecken. In der Folge wurden sie jeweils mit einer christlichen Heiligenfigur gleichsam „fusioniert“ und „verdoppelt“

[...]


[1] Bert Hoffmann: „Kuba“, S. 145.

[2] Corinna Raddatz: „Afrika in Amerika“, S. 18.

[3] Handbuch der Geschichte Lateinamerikas, S. 550-553.

[4] Bert Hoffmann: „Kuba“, S. 151.

[5] Bert Hoffmann: „Kuba“, S. 145.

[6] William Luis: „Culture and customs of Cuba“, S. 30-31.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Die kubanische Volksreligion Santería und ihre Heilrituale
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Veranstaltung
Hauptseminar
Note
1,2
Autor
Jahr
2004
Seiten
15
Katalognummer
V155089
ISBN (eBook)
9783640688814
ISBN (Buch)
9783640688777
Dateigröße
498 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Santería, Heilrituale, Kuba
Arbeit zitieren
M.A. Oliver Kneip (Autor), 2004, Die kubanische Volksreligion Santería und ihre Heilrituale, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/155089

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