Luther, Bonhoeffer und die Juden


Bachelorarbeit, 2010

37 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Martin Luther und die Juden
2.1 Der „frühe“ Luther und die Juden
2.2 Der „späte“ Luther und die Juden
2.2.1 Inhalt der Schrift „Von den Juden und ihren Lügen“ (1543)
2.2.2 Interpretation der Schrift „Von den Juden und ihren Lügen“

3. Dietrich Bonhoeffer und die Juden zur Zeit des Nationalsozialismus
3.1 Inhalt des Aufsatzes „Die Kirche vor der Judenfrage“ (1933)
3.2 Interpretation des Aufsatzes „Die Kirche vor der Judenfrage“
3.3 Kirchengeschichtlicher Exkurs
3.4 Bonhoeffer und die Juden in Anbetracht des Alten Testaments

4. Vergleich – Gemeinsamkeiten und Unterschiede bzgl. des Judenbildes von Luther und Bonhoeffer

5. Eigene theologische Position

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Im Verlauf meiner Bachelorarbeit beschäftige ich mich mit zwei der bedeutsamsten und größten Theologen, deren tiefgehende theologische und menschliche Grundsätze, lehrreiche Gedanken und den damit verbundenen Errungenschaften in der Vergangenheit bahnbrechend waren und auch für uns heutzutage noch leitend sind, so dass sie insbesondere in der Theologie konkret honoriert, rezipiert und gelebt werden.

Den großen Reformator Martin Luther (1483-1546) kennt eine Vielzahl der Menschen sicherlich u.a. durch folgende herausragende Leistungen: Das berühmte Anschlagen seiner 95 Thesen in Wittenberg im Verlauf der Reformation, die Bibelübersetzung, die Auflehnung Luthers gegen den Papst und den damit verbundenen Ablassbrief sowie seine Rechtfertigungs- und Zwei-Reiche-Lehre.

Dietrich Bonhoeffer (1906-1945) gilt als einer der größten Widerstandskämpfer zur Zeit des Nationalsozialismus, der seine Theologie, die u.a. im barmherzigen Umgang mit seinen Mitmenschen am Vorbild Jesu Christi und im Sinne der Nächstenliebe bestand, insbesondere in Bezug auf die leidenden Juden sowie auch gegenüber anderen leidtragenden Mitmenschen konkret in die Tat umgesetzt hat. Dieses wunderbare Gedankengut solch großartiger Theologen habe ich während meines gesamten Studiums Stück für Stück mit Faszination kennengelernt. Im Zuge meiner Bachelorarbeit hat mich jedoch, ausgehend von der öffentlichen Diskussion um Luthers angeblichen Antisemitismus[1], die Bearbeitung einer kontroversen Thematik gereizt: Wie gestaltete sich eigentlich das Verhältnis dieser beiden populären Theologen zu den Juden? Abschließend möchte ich folgende Fragen beantworten: Welche Lehre können wir für uns im Kontext der heutigen Zeit daraus ziehen – in einer Zeit, in der die jüdischen Opfer des schrecklichen Holocaust noch stets in unseren Gedanken kreisen, wenn wir über oder mit Juden sprechen? Wie können wir mit unseren jüdischen Mitmenschen in einem durch Respekt geprägten jüdisch-christlichen Dialog umgehen, sodass ein lebhaftes, vorurteilfreies Gespräch entstehen kann?

2. Martin Luther und die Juden

2.1 Der „frühe“ Luther und die Juden

Ich werde Luthers positive Tendenzen in Hinblick auf die Juden nur anhand seiner frühen Schrift „Daß Jesus Christus ein geborener Jude sei“ (1523) in einem groben Überblick auszugsweise aufzeigen können, da der Akzent meiner durch einen bestimmten Rahmen begrenzten Arbeit auf der Analyse seiner zwanzig Jahre später verfassten Schrift „Von den Juden und ihren Lügen“ (1543) liegt. Der Anlass für das Verfassen seiner Schrift „Daß Jesus Christus ein geborener Jude sei“ (1523) bestand in dem Vorwurf des Erzherzogs Ferdinand von Österreich, der behauptete, dass Luther die Jungfrauengeburt Jesu leugne und ihm somit seine Göttlichkeit abspreche.[2] Mit seiner Schrift setzte sich Luther nicht nur öffentlich zur Wehr, er wollte gleichzeitig „auch etwas nutzlichs [...] schreyben.“[3] Den Nutzen seiner Schrift sieht Luther in einer christlichen Auseinandersetzung im Umgang mit den Juden seiner Zeit. Demzufolge geht es Luther darum, darzustellen, dass Jesus, wie der Titel bereits verrät, einer von der Jungfrau Maria geborener Jude sei. Aufgrund der jüdischen Wurzeln Jesu hofft er, einer möglichst großen Anzahl seiner jüdischen Mitmenschen das Christentum nahezubringen, sodass sie letztendlich zum christlichen Glauben konvertieren.[4] Außerdem drückt Luther sein Mitgefühl im Sinne der Solidarität zu den Juden aus – er versetzt sich sogar direkt in ihre Lage, er zeigt Einfühlungsvermögen bezüglich der Juden, die unter der Herrschaft des Papstes wie ein Tier behandelt werden: „Und wenn ich eyn Jude gewesen were und hette solche tolpell und knebel gesehen den Christen glauben regirn und leren, so were ich ehe eyn saw worden denn eyn Christen. Denn sie haben mit den Juden gehandelt als weren es hunde und nicht menschen [...]“[5] Luther gesteht den Juden somit auch ihr Recht auf Menschsein zu. Die Juden hatten gar nicht die Möglichkeit , „recht gutte Christen [zu] werden“[6], da sie vom Papst und den Mönchen unterdrückt wurden, anstatt von diesen die Lehre Jesu Christi zu empfangen.[7] Im Gegensatz zu diesem diskriminierenden Umgang mit den Juden müsse man ihnen vielmehr mit Freundlichkeit das Evangelium näherbringen, wodurch Luther sich erhofft, sie zu gläubigen Christen zu machen: „Ich hoff, wenn man mit den Juden freuntlich handelt und aus der heyligen schrifft sie seuberlich unterweyßet, es sollten yhr viel rechte Christen werden [...]“[8] Überdies verweist Luther darauf, dass die Juden in der Vergangenheit brüderlich mit den damaligen Heidenchristen umgegangen seien – gleichermaßen müssten die Christen seiner Zeit nun die Juden als Brüder annehmen und diese im Sinne der Nächstenliebe behandeln. Zudem gesteht Luther ein, dass die Gemeinsamkeit zwischen Christen und Juden darin bestehe, dass sie alle Sünder seien: „Haben sie denn mit uns heyden so bruderlich gehandelt, so sollen wyr widderumb bruderlich mit den Juden handeln, ob wyr etlich bekeren mochten, denn wyr sind auch selb noch nicht alle hynan, schweyg denn hyn uber.“[9] Ferner merkt Luther an, dass den Juden gar nichts anderes übrig blieb, als Wucher zu betreiben. Sie hatten gar keine Chance sich zu bessern, da sie durch das „Gesetz des Papstes“ keinerlei menschliche Gemeinschaft mit Christen erfuhren.[10] Luthers Ratschlag besteht in einem freundlichen und zwischenmenschlichen Umgang mit den Juden im Sinne der Nächstenliebe, der durch ihre Integration in die christlich geprägte Gesellschaft gewährleistet werde. Die Folge dessen wäre, dass die Christen als Vorbilder gelebten christlichen Glaubens agierten, woran die Juden sich im Alltag orientieren könnten: „Will man yhn helffen, so mus man nicht des Papsts, sonder Christlicher liebe gesetz an yhn uben und sie freuntlich annehmen, mit lassen werben und erbeytten, da mit sie ursach und raum gewynnen, bey und umb uns tzu seyn, unser Christlich lere und leben tzu horen und zu sehen.“[11] Am Ende solidarisiert Luther sich nicht nur mit den Juden, sondern mit allen Menschen, die allesamt (Luther inbegriffen) Sünder sind und der Gnade Gottes, die er an dieser Stelle für alle Menschen erbittet, bedürfen. Demnach schließt er seine Schrift mit dem Grundgedanken seiner Theologie: „sind wyr doch auch nicht alle gutte Christen. [...] Gott gebe uns allen seyne gnade.“[12]

Rückblickend könnte man sich nun fragen, ob Luther sich lediglich aus taktischen Gründen so positiv gegenüber Juden geäußert hat, damit diese zum christlichen Glauben konvertieren. Denn Luthers Ziel bestand ohne Zweifel in der Bekehrung der Juden zum Christentum, da der Reformator dieses Vorhaben mehrfach erwähnt.[13] Trotzdem gilt es festzuhalten, dass seine Aussagen in dieser Schrift durchaus zugunsten eines menschenwürdigen Umgangs mit Juden auf der Basis der Nächstenliebe ausfallen, aus welchen Gründen auch immer. Über die wahren Beweggründe Luthers bezüglich seiner judenfreundlichen Äußerungen lässt sich nur spekulieren.

2.2 Der „späte“ Luther und die Juden

2.2.1 Inhalt der Schrift „Von den Juden und ihren Lügen“ (1543)

Der Anlass für das Verfassen seiner Schrift „Von den Juden und ihren Lügen“ (1543) bestand in Luthers Vernehmen der Schrift eines Rabbiners, welche Luther am 18. Mai 1542 durch die Zusendung des Grafen Wolf Schlick zu Falkenau vorlag, die allerdings heute nicht mehr erhalten ist. Diese rabbinische Schrift ist als eine kritische Reaktion von jüdischer Seite auf Luthers vorhergehende Schrift „Wider die Sabbather“ (1538) zu verstehen. Inhaltlich geht es in dieser jüdischen Schrift um die Aufforderung, vom christlichen zum jüdischen Glauben zu konvertieren.[14] Weiterhin ist anzunehmen, dass in dieser Schrift eine jüdische Exegese betrieben wurde, die nach Luthers Auffassung die Inhalte der Heiligen Schrift verfälsche und somit den christlichen Glauben anzugreifen versuche:[15] „Ich habe eine Schrifft empfangen, darinnen ein Jüde mit einem Christen gesprech hat, der sich unterstehet, die sprüche der Schrifft [...] zuverkeren und weit anders zudeuten, Damit er meinet, unsers glaubens Grund umbzustossen.“[16] Luther fühlte sich angegriffen und herausgefordert zugleich, da der Rabbiner in sein „Spezialgebiet“ eingedrungen ist, denn er argumentiert auf der Basis der Heiligen Schrift. Dadurch sah Luther den Wahrheitsanspruch des christlichen Glaubens besonders gefährdet.[17] Des Weiteren geht es dem Reformator schon längst nicht mehr um die Bekehrung der Juden zum christlichen Glauben, wie er es zuvor in seiner Schrift „Daß Jesus Christus ein geborener Jude sei“ im Jahre 1523 noch angekündigt hat, denn dies sei nicht mehr zu realisieren: „Viel weniger gehe ich damit umb, das ich die Jüden bekeren wolle, Denn das ist unmüglich.“[18] Vielmehr geht es Luther in seiner Schrift ausschließlich um die Bewahrung und Stärkung der christlichen Lehre. Sein dringendes Anliegen besteht darin, dass er die Anhänger des christlichen Glaubens, die Adressaten seiner Schrift, davor warnt, sich nicht von den Juden in den Bann der jüdischen Religion ziehen zu lassen, sondern sich von letzteren zu distanzieren: „So wollen wir doch, unsern Glauben zu stercken und die schwachen Christen zu warnen fur den Jüden [...] Aber weil ich erfaren, das die Elenden, heillosen leute nicht auffhören, auch uns, das ist die Christen, an sich zu locken, Hab ich dis Büchlin lassen ausgehen, Damit ich unter denen erfunden werde, die solchem gifftigen furnemen der Jüden widerstand gethan und die Christen gewarnet haben, sich fur den Jüden zu hüten.“[19] Ein weiterer bedeutsamer Gesichtspunkt bezüglich Luthers Vorgehensweise in dieser Schrift umfasst, dass Luther keinen Dialog mehr mit den Juden anstrebt – er möchte nicht mehr mit ihnen reden. Vielmehr nimmt er Abstand von ihnen, indem er intendiert, über sie und ihre Handlungen zu sprechen: „Wir reden jtzt [...] nicht mit den Jüden, Sondern von den Jüden und von jrem thun [...]“[20] (eigene kursive Kennzeichnung)

Luthers Schrift „Von den Juden und ihren Lügen“ gliedert sich insgesamt in vier Sinnabschnitte. In der Einleitung (S. 417-419) wird das Anliegen Luthers für das Verfassen seiner Schrift, das ich zu Beginn dieses Themenkomplexes bereits vorweggenommen habe, dargelegt.

Im ersten Sinnabschnitt problematisiert Luther, dass die Juden angeblich beanspruchen, das Volk Gottes zu sein (S. 419-448). Innerhalb dieser Problematik kritisiert Luther vier Themenbereiche, mit denen die Juden ihren Alleinanspruch auf das „Sein des Volkes Gottes“ begründen: Erstens stammen sie von den Erzvätern (u.a. Abraham, Isaak und Jakob) ab, zweitens seien sie beschnitten, drittens gehöre ihnen das Gesetz (Thora), viertens seien sie im Besitz Kanaans, Jerusalems und des Tempels. Diese vier Gesichtspunkte werde ich im Folgenden genauer beleuchten. Der erste Punkt beinhaltet, dass sich die Juden, so Luther, aufgrund ihrer Abstammung von den hoch angesehenen Erzvätern, allen anderen Menschen auf der Welt überlegen fühlen, weil sie aus der Masse hervortreten und das alleinige Volk Israel bilden. Ferner denken sie, sie seien etwas Besseres, hochwertigere Menschen, die mit ihrer Herkunft prahlen und auf die sie übermäßig stolz sind. Damit gehe angeblich die Herabsetzung der Christen, denen durch das überhebliche Verhalten der Juden ihre menschliche Würde abgesprochen werde, weil sie nicht direkt von den Erzvätern abstammen, einher.[21] Die Voraussetzung dafür, dass Gott sich den Juden gnädig erweist, besteht nach Luther darin, dass sie ihren Glauben aus dem Inneren ihres Herzens verbannen müssten, so dass sie ihn nicht mehr nach außen lehren oder ihm mit Hilfe von Gebeten Ausdruck verleihen könnten. Denn in ihren Gebeten und Gesängen würden sie doch nur mit ihrer Abstammung protzen.[22] Im Zuge eines zweiten argumentativen Schrittes wirft Luther den Juden vor, dass sie sich durch ihre Beschneidung für das alleinige Volk Gottes halten, welches alle anderen Menschen ausschließe.[23] In ihren Gebeten würden sie Gott fälschlicherweise dafür danken, dass er sie u.a. durch die Beschneidung zum auserwählten und allein selig machenden Volk erhoben habe, wodurch die Gebete der Juden aufgrund ihrer Lügen minderwertig seien – ja sie lästern Gott damit sogar, weil seine Worte angeblich anordnen, dass die Juden gar nicht das von anderen Menschen abgesonderte, geheiligte Volk seien.[24] Darüber hinaus gibt es, so Luther, einen dritten Grund dafür, warum sich die Juden für das auserwählte Volk Gottes halten, weil sie nämlich am Berg Sinai „mit Gott durchs Gesetz eine Ehe gestifft und seine Braut worden sind und hochzeit mit einander gehalten.“[25] Überdies erhebt Luther nicht nur den Vorwurf, dass die Juden sich wegen des Empfangens des Gesetzes preisen und diesen Gedanken auch noch in den Schulen verbreiten, sondern dass sie gegen eben dieses Gesetz Gottes durch ihre negativen Charaktereigenschaften (Neid, Wucher, Geiz und menschliche Bosheit) verstoßen.[26] In einem vierten Aspekt merkt Luther kritisch an, dass die Juden sich als das auserwählte Volk Gottes betrachten, weil sie das Land Kanaan, die Stadt Jerusalem und den Tempel besäßen.[27]

Der darauf folgende zweite Teil behandelt Luthers Versuch eines Beweises der Messianität Jesu anhand fünf alttestamentlicher Bibelstellen (S. 449-511). Konkreter gesagt, zieht er für seinen Beweis, dass Jesus sich bereits als der Messias erwiesen habe, folgende alttestamentliche Bibelstellen heran: 1. Mose 49, 10 (S. 450-462), 2. Sam. 23, 1-7 und 2. Sam. 7, 12 ff. (S. 462-469), Jer. 33, 17-26 (S. 469-476), Hag. 2, 6-9 (S. 476-492) sowie Dan. 9, 24 (S. 492-511). Diese auf dem Alten Testament beruhende Argumentation nimmt er vor, weil die Juden das für Christen verbindliche Neue Testament, in dem die Messianität Jesu bezeugt ist, verleugnen: „Wir Christen haben unser new Testament, das zeuget uns gewis und gnug von Messia, Das aber dem die Jüden nicht gleuben [...]“[28] Luthers Intention besteht zum einen darin, die unerhörte Vorstellung der Juden vom noch kommenden Messias zu widerlegen (falsche Lehre). Zum anderen möchte er die christliche „Wahrheit“, die umfasse, dass der Messias bereits gekommen sei, begründen (richtige Lehre).[29] Der wichtigste Beweis für Luther, dass und wann der Messias gekommen ist, besteht, basierend auf Genesis 49, 10 sowie Dan. 9, 24 darin, dass nach der Herrschaft des Herodes, mit der die Zerstörung Jerusalems einherging, der Messias kam. Derjenige, der diese Tatsache verleugne, zweifele an der Verheißung und Wahrheit Gottes.[30] Die Juden seien jenes Volk, die die wahrhaftige Verheißung Gottes fälschlicherweise umdeuteten.[31]

Nach Luthers Argumentation bezüglich der Messianität Jesu erfolgen im dritten Sinnabschnitt verschiedene Unterstellungen Luthers, wie die Juden angeblich heimlich über Jesus und die Jungfrau Maria lästern (S. 511-522). Jesus werde von den Juden aufgrund seiner Wundertaten der Zauberbei bezichtigt.[32] Weiterhin nehmen sie Jesu Namen seine ursprüngliche hebräische Bedeutung „Heiland oder Helfer“, in dem sie bestimmte Zahlenwörter verwenden, d.h. wenn sie mit ihren Worten in der Anwesenheit von Christen über Jesus sprechen, meinen sie eigentlich ihre lästerlichen Ziffern, die für das Wort „Jesus“ stehen. Demzufolge wollen sie ihren Schein vor den Christen wahren und geben vor, dass sie Jesus im Gebet ehren. Wenn sie jedoch unter sich sind, verfluchen sie ihn angeblich.[33] Darüber hinaus bezeichnen die Juden Jesus, so Luther, als „ein Hurkind und seine Mutter Maria [als] eine Hure [...]“[34], obwohl die unschuldige, arme Maria lediglich, wie andere Frauen auch, ein Kind zur Welt brachte.[35]

Im letzten, vierten Sinnabschnitt (S. 522-552) durchdenkt Luther die noch offene Frage, wie die Christen in der Zukunft mit den uneinsichtigen Juden verfahren könnten: „Was wollen wir Christen nu thun mit diesem verworffen, verdampten Volck der Jüden?“[36] Sein Rat an die Obrigkeit besteht in der Ausübung einer „scharffe[n] barmhertzigkeit“[37] an den Juden, welche er in sieben Schritten realisiert sieht:

Erstens müsse man ihre Synagogen und Schulen verbrennen, da sie darin angeblich sowieso nur „lestern, fluchen, anspeien und schenden“[38] sowie „Abgötterey“[39] betreiben.

Der zweite Ratschlag umfasst die Zerstörung ihrer Häuser aus den eben genannten Gründen. Danach könnten sie in elendigen Verhältnissen wie die Zigeuner hausen.

Drittens solle man ihnen die für sie bedeutsamen religiösen Schriften (Gebetsbücher und Talmud) entwenden, in denen „Abötterey, lügen, fluch und lesterung geleret wird.“[40]

Der vierte Punkt beinhaltet die Forderung des Lehrverbots für Rabbiner.

Fünftens schlägt Luther den Ausschluss der Juden aus der Teilnahme am öffentlichen Leben vor. Die Juden sollen sich in ihre Häuser zurückziehen, weil sie in der Arbeitswelt sowieso nur Wuchergeschäfte betreiben würden.

Der sechste Schritt knüpft direkt an den vorherigen an: Den Juden solle nicht nur das Zinsgeschäft (Wuchern) verboten werden, vielmehr rückt für Luther das Einziehen aller Wertsachen der Juden ins Blickfeld. Seine Begründung besteht darin, dass das Geld, das die Juden durch ihre Wuchergeschäfte „gestolen und geraubt“[41] hätten, eigentlich den Christen zustehe.

[...]


[1] Vgl. http://www.newsclick.de/index.jsp/menuid/291585/artid/11322224

Vgl. http://www.newsclick.de/index.jsp/menuid/291585/artid/11511306

[2] Stöhr, Martin: Martin Luther und die Juden. In: Heinz Kremers (Hrsg.): Die Juden und Martin Luther.

Martin Luther und die Juden. Geschichte – Wirkungsgeschichte – Herausforderung. Neukirchen-Vluyn

1985. S. 91.

[3] Luther, Martin: Daß Jesus Christus ein geborener Jude sei (1523). In: Sonderedition der Kritischen

Gesamtausgabe (Weimarer Ausgabe). Unveränderter Nachdruck der Ausgabe von 1900. Teil 1. Band 11.

Weimar 2003. S. 314, Z. 24.

[4] Vgl. Luther, Martin: Daß Jesus Christus ein geborener Jude sei (1523). WA 11. S. 314, Z. 25-28.

[5] Ebd. S. 314, 31-315, 4.

[6] Ebd. S. 315, Z. 9.

[7] Vgl. ebd. S. 315, Z. 3-9.

[8] Ebd. S. 315, Z. 14-16.

[9] Ebd. S. 315, Z. 21-24.

[10] Vgl. ebd. S. 336, Z. 24-29.

[11] Ebd. S. 336, Z. 30-33.

[12] Ebd. S. 336, Z. 34; Z. 36.

[13] Vgl. ebd. S. 314, Z. 27/28; S. 315, Z. 14-16; S. 315, Z. 21-24; S. 336, Z. 16-21; S. 336, Z. 30-33; S. 336, Z. 35.

[14] Vgl. Bienert, Walther: Martin Luther und die Juden. Ein Quellenbuch mit zeitgenössischen Illustrationen,

mit Einführungen und Erläuterungen. Frankfurt am Main 1982. S. 130.

[15] Vgl. Ehrlich, Ernst L.: Luther und die Juden. In: Heinz Kremers (Hrsg.): Die Juden und Martin Luther –

Martin Luther und die Juden. Geschichte – Wirkungsgeschichte – Herausforderung. Neukirchen-Vluyn

1985. S. 82.

[16] Luther, Martin: Von den Juden und ihren Lügen (1543). In: Sonderedition der Kritischen Gesamtausgabe

(Weimarer Ausgabe). Unveränderter Nachdruck der Ausgabe von 1920. Teil 5. Band 53. Weimar 2007.

S. 417, Z. 15-19.

[17] Vgl. Ehrlich, Ernst L.: Luther und die Juden. A.a.O., S. 82.

[18] Luther, Martin: Von den Juden und ihren Lügen (1543). WA 53. S. 417, Z. 22-24.

[19] Ebd. S. 449, 36-450, 2; S. 417, Z. 2-8.

[20] Ebd. S. 419, Z.19/20.

[21] Vgl. ebd. S. 419, Z. 22-25; Z. 28-32.

[22] Vgl. ebd. S. 427, Z. 14-16.

[23] Vgl. ebd. S. 429, Z. 1-3.

[24] Vgl. ebd. S. 429, Z. 18-21.

[25] Ebd. S. 440, Z. 14/15.

[26] Vgl. ebd. S. 443, Z. 14-17.

[27] Vgl. ebd. S. 446, Z. 20/21.

[28] Ebd. S. 450, Z. 4-6.

[29] Vgl. ebd. S. 449, Z. 3-6; S. 449, 36-450, 4.

[30] Vgl. ebd. S. 455, Z. 26-30; Z. 34-36; S. 493, Z. 1-5.

[31] Vgl. ebd. S. 456, Z. 23-30.

[32] Vgl. ebd. S. 513, Z. 1/2.

[33] Vgl. ebd. S. 513, 20-514, 8.

[34] Ebd. S. 514, Z. 18.

[35] Vgl. ebd. S. 515, Z. 9-14.

[36] Ebd. S. 522, Z. 29/30.

[37] Ebd. S. 522, Z. 35.

[38] Ebd. S. 523, Z. 10.

[39] Ebd. S. 523, Z. 23.

[40] Ebd. S. 523, Z. 31.

[41] Ebd. S. 524, Z. 21.

Ende der Leseprobe aus 37 Seiten

Details

Titel
Luther, Bonhoeffer und die Juden
Hochschule
Technische Universität Carolo-Wilhelmina zu Braunschweig  (Seminar für Evangelische Theologie uns Religionspädagogik)
Veranstaltung
E-Modul
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
37
Katalognummer
V155090
ISBN (eBook)
9783640679430
ISBN (Buch)
9783640681501
Dateigröße
590 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Luther, Bonhoeffer, Juden
Arbeit zitieren
Mona Marwan (Autor), 2010, Luther, Bonhoeffer und die Juden, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/155090

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