Kultur als TV-Programmkategorie – Über den Stellenwert von Kultur im deutschen Fernsehen am Beispiel von Kulturmagazinen


Bachelorarbeit, 2010
89 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Der Kulturbegriff
2.1 Das deutsche Kulturverständnis nach 1945
2.2 Der medienrechtliche Kulturbegriff
2.3 Der TV-Kulturbegriff

3 Kultur und Fernsehen
3.1 Fernsehen - Unterhaltungsindustrie und Bildungsinstitut
3.2 Fernsehen als Kulturvermittler
3.3 Fernsehen als Kulturfaktor

4 Kultur im deutschen Fernsehen
4.1 Der kulturelle Programmauftrag der öffentlich-rechtlichen Sender
4.2 Das Kulturverständnis der Programmverantwortlichen
4.2.1 60er Jahre: Reproduktion von Bewährtem
4.2.2 Ende 60er/ Anfang 70er Jahre: Politisierung der Kultur
4.2.3 70er Jahre: Neuer Konservatismus
4.2.4 80er Jahre: Wettbewerb im dualen System
4.2.5 Aktuelle Situation
4.3 Der Stellenwert der Programmkategorie Kultur
4.3.1 Bestandsaufnahme
4.3.2 Kulturinteresse in der Bevölkerung
4.3.3 Kompetenz der Kulturanbieter
4.4 Kulturmagazine
4.4.1 Das Genre Fernsehmagazin
4.4.2 Historische Entwicklung
4.4.3 Ästhetik
4.4.4 Inhalte
4.4.5 Aktuelle Lage
4.4.6 Der Fall Polylux

5 Untersuchung der Programmschemata
5.1 Bewertungskriterien
5.2 Aufbau der Analyse
5.3 Begründung der Methodik
5.3.1 Senderauswahl
5.3.2 Stichprobengröße und Repräsentativität
5.3.3 Wahl des untersuchten Sendevolumens
5.4 Kulturmagazine der Sender
5.4.1 ARD
5.4.2 ZDF
5.4.3 Dritten Programme
5.4.4 Kommerzielle Sender
5.4.5 Spartenkanäle
5.5 Kernaussagen der Analyse
5.5.1 Kulturanteil
5.5.2 Sendezeiten
5.5.3 Ausblick

6 Fazit

Anhang

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

Die Rundfunkanstalten setzen heute zunehmend auf Werbeeinnahmen um ihren Betrieb zu finanzieren. Während sie mehr denn je ihr Programmangebot auf eine Maximierung der Zuschauerzahlen ausrichten, haben die Kultursendungen im deutschen Fernsehen mit im­mer schwierigeren Rahmenbedingungen zu kämpfen. Sendeplatzverlegungen auf unattrak­tive Sendeplätze spät abends, die Abschiebung von Kultursendungen in Spartenkanäle für Minderheiten oder das Absetzen von Kulturformaten wie Polylux aus Kostengründen sind Folgen des immer größer werdenden Quotendrucks. Doch neben den ökonomischen Ab­wägungen, müssen die Programmverantwortlichen der öffentlich-rechtlichen Sendeanstal­ten bei ihren Entscheidungen auch immer den Auftrag um die kulturelle Verantwortung, der ihnen gegeben ist, berücksichtigen.

Christoph Stölzl, ehemals Direktor des Deutschen Historischen Museums und später Kul­tursenator in Berlin, wirft den öffentlich-rechtlichen Sendern vor, "stillschweigend einen erzieherischen Konsens" aufgekündigt zu haben.1 Doch wie steht es tatsächlich um den Kulturauftrag des deutschen Fernsehens?

Das Fernsehen stellt als gesellschaftliches Leitmedium zweifellos einen bedeutenden kul­turellen Faktor dar, transportiert kulturelle Vorstellungen und prägt Gesellschaft und Kul­tur unserer Zeit. Hauptinteresse dieser Arbeit ist jedoch nicht die besagte Fernsehkultur, vielmehr geht es um die vom Medium Fernsehen transportierten kulturellen Inhalte und Kulturformen. Ziel ist es herauszufinden, welchen Stellenwert Kultursendungen, und dabei insbesondere Kulturmagazine, die seit Beginn der 60er Jahre wohl meist verbreiteteste Form der TV-Kulturvermittlung, im Programm der deutschen Sendeanstalten einnehmen.2

Dafür wurde im Zeitraum vom 15.- 28. März 2010 anhand der Programmschemata der Sender ARD, ZDF, den Dritten, 3sat, RTL und SAT1 untersucht, welchen Anteil Sendun­gen Kulturmagazine am durchschnittlichen Fernsehprogrammangebot haben, wann sie ausgestrahlt werden und wie auf den steigenden Quotendruck seitens der Programmver­antwortlichen reagiert wird. Anhand dieser Programmanalyse soll untersucht werden, wel­che Schlüsse sich daraus für den Stellenwert der Kultur im deutschen Fernsehen insgesamt ziehen lassen.

Im ersten Kapitel der Arbeit findet zunächst eine Annäherung an den Kulturbegriff in Deutschland statt, gefolgt von einer grundsätzlichen Einstufung des Verhältnisses von Kul­tur, Massenmedien und Gesellschaft. Neben einer allgemeinen Analyse des Verhältnisses von Kultur und Fernsehen im zweiten Kapitel soll im dritten Kapitel am Beispiel der Kul­turmagazine untersucht werden, wie es um die Kultur im deutschen Fernsehen bestellt ist. Dabei wird es um den kulturellen Programmauftrag der Öffentlich-Rechtlichen gehen um im Anschluss einen Überblick auf das den Entscheidungen zugrunde liegende Kulturver­ständnis der Programmverantwortlichen zu geben und dann eine Bestandsaufnahme über den Stellenwert der Kultur und der Kulturmagazine im deutschen Fernsehen zu geben. Bevor Entwicklung und Charakteristika des Subgenres Kulturmagazin dargestellt werden soll es zunächst um die Entstehungsgeschichte der Gattung Fernsehmagazin gehen. Im vierten Kapitel erfolgt dann die Analyse zur Standortbestimmung der Kulturmagazine in der deutschen Programmlandschaft.

2 Der Kulturbegriff

Kaum etwas erfährt in der deutschen Gesellschaft eine derart hohe Wertschätzung wie der Begriff Kultur. Das zeigt sich schon in der inflationären Verwendung des Begriffs im Sprachgebrauch: „Alltagskultur“, „Leitkultur“, „Streitkultur“ und „Unkultur“ um nur eini­ge Beispiele zu nennen. Auch in der Politik wurde der Begriff zur schillernden Floskel. Der Einsatz des Kulturbegriffes in nahezu allen Lebensbereichen macht aber auch deutlich, dass es kein einheitliches Verständnis von Kultur im Sinne einer Hochkultur mehr zu ge­ben scheint - Die Vorstellungen um den Kulturbegriff haben sich verändert und erweitert.3 Mit dessen einheitlicher Definition beschäftigen sich heute zahlreiche, eigenständige wis­senschaftliche Forschungszweige. Kulturanthropologie, Kulturethnologie oder Kultursozi­ologie sind dabei nur einige der Forschungsdisziplinen.4 Es soll hier nicht in erster Linie um die Annäherung an den allgemeinen institutionellen oder verfassungsrechtlichen Kul­turbegriff gehen, sondern vielmehr eine Ausleuchtung hinsichtlich des medien- bzw. rund­funkrechtlichen Kulturverständnisses erfolgen.5

2.1 Das deutsche Kulturverständnis nach 1945

Die Bemühungen der westlichen Alliierten zielten in erster Linie auf eine Rückbesinnung auf die Werte des deutschen Humanismus, christliche Werte und den Wiederaufbau von Museen, Theater, Bibliotheken - eine Rückbesinnung auf die klassische Hochkultur. Ein bürgerlich geprägtes Kulturverständnis entsprach dem Interesse der westlichen Besat­zungsmächte: „Dir kulturelle Umerziehung orientierte sich in ganz besonderem Maße am ,Erbe‘ und hier wiederum an den deutschen Klassikern (...).“5 Um die Demokratisierung Deutschlands voranzutreiben, wurden eine unabhängige Presse und der von den Alliierten kontrollierte Rundfunk institutionalisiert.

Gerhard Schulze beschreibt in seiner Kultursoziologie der Gegenwart6 die Entwicklung des nachkriegsdeutschen Kulturverständnisses anhand von vier kulturpolitischen Leitmotiven:

Erstens das bereits beschriebene Hochkulturmotiv, zweitens das Demokratisierungsmotiv. Hierbei ging es um eine Popularisierung der Hochkultur, sie sollte breiteren Massen zu­gänglich gemacht werden und nicht mehr nur der Bildungselite vorbehalten sein. „Kultur für alle“ wurde zum geflügelten Wort der 60er und 70er Jahre. Ein drittes kulturpolitisches Leitmotiv war das Soziokulturmotiv. Dieser Ansatz wollte Alltagskultur zum Gegenstand der Kulturpolitik machen. Kultur und Alltag sollten nicht länger als getrennt, sondern als identisch betrachtet werden. Der sich im Kulturprozess verwirklichende Mensch stand im Fokus dieser Betrachtungsweise. Das vierte Motiv ist das sogenannte Ökonomiemotiv. Seit den 80er Jahren wurde Kultur auch immer mehr zum Wirtschaftsfaktor. Das kulturelle Angebot von Kommunen bekam eine immer größere Bedeutung für die Standortqualität und gewann an Bedeutung für die Kulturpolitik.7

Mit den Umwälzungen und der Ausweitung des Kulturbegriffs entstanden neue Aufgaben und Herausforderungen. Obwohl der soziokulturelle Bereich nun seit über dreißig Jahren im Bewusstsein der Menschen angekommen ist, beschränkt sich die öffentliche Kulturför­derung nach wie vor in erster Linie auf die Förderung der klassischen Kulturbereiche, die dem Hochkulturschema angehören.8

Die Diskussion um den Kulturbegriff kann nicht mit einer allgemeingültigen Definition beendet werden, vielmehr muss sie als anhaltender Prozess verstanden werden. Die Ten­denz geht eindeutig von einem recht engen zu einem immer weiter gefassten Kulturbegriff, der Kultur als „Gesamtbesitz an materiellen und immateriellen Werten und Normen einer Bevölkerungsgruppe“9 versteht. Mit der Tendenz alles zu Kultur zu erklären, kamen aber auch Bestrebungen auf, den Kulturbegriff wieder mehr zu spezifizieren.10 Bei all den verschiedenen Kulturbegriffen lassen sich jedoch folgende grundlegende Kul­turkategorien bzw. -felder benennen:

Hochkultur im engeren Sinne: Hier wird Kultur nach wie vor unter dem klassischen Kul­turbegriff, der sich auf die schönen Künste bezieht, verstanden. Hierzu zählen neben Male­rei, klassischer Musik, Theater, Oper und Literatur auch moderne Kunstformen wie Film, Fotografie oder Jazz.

Hochkultur im weiteren Sinne: Zum klassischen Bereich der schönen Künste kommen hier noch zweckmäßige, schöpferische Leistungen des Menschen aus den Bereichen Wissen­schaft, Politik oder Medizin. Es handelt sich also nicht wie beim Bereich der Hochkultur im engeren Sinne um künstlerische Kulturhervorbringungen.

Massen- bzw. Populärkultur: Dieser Kulturbegriff umfasst alle Formen massenpopulärer Unterhaltung. Neben den modernen Massenmedien wie Internet und Fernsehen zählen hier auch Gebrauchsliteratur und moderne Musik wie Schlager, Rock und Pop dazu.

Alltags- bzw. Soziokultur: Die gesamte Lebenswelt des Menschen ist in allen Bereichen kulturell geformt. Unter diesem Kulturbegriff sind alle lebensweltlichen Kulturphänomene zusammengefasst, die den Alltag des Menschen prägen. Als Beispiele seien die Lebensbe­reiche Wohnen, Arbeit, Essen, Kleidung genannt.11

2.2 Der medienrechtliche Kulturbegriff

Ausgehend von den Ausführungen zum allgemeinen Kulturbegriff in Abschnitt 2.1, soll in Abgrenzung dazu der Versuch einer rundfunkrechtlichen Kulturdefinition vorgenommen werden. Unter dem Kulturbegriff im rundfunkrechtlichen Sinne versteht man mit einem objektiv feststellbaren Kriterium zunächst nur jene Inhalte, „die aufgrund fehlender öko­nomischer Investitionsanreize überhaupt nicht produziert werden oder keine audiovisuelle Plattform finden, obwohl danach grundsätzlich eine (wenn auch quantitativ beschränkte) Nachfrage bestehen würde.“12 Ein weiteres unabhängiges Bewertungskriterium, ist die Forderung nach einer integritätsfördernden und identitätsstiftenden Wirkung des Kultur­programms, die der rundfunkrechtliche Kulturbegriff verlangt. Radio und Fernsehen sollen das künstlerische Schaffen durch die Wiedergabe von Werken aller Art fördern, über künstlerisches Geschehen berichten und dem Rezipienten Gelegenheit zu Aus- und Wei­terbildung bieten und somit zu seiner kulturellen Entfaltung beitragen.13

2.3 Der TV-Kulturbegriff

Der TV- Kulturbegriff ist geprägt vom Bildungsauftrag des Fernsehens. Nach dem Ver­ständnis vieler Programmverantwortlicher fallen somit alle Formate, die reinen Unterhal­tungszwecken dienen, aus dem engen Begriff der Sendungsformen, die zu Lehrzwecken verwendbar sind.

„Der enge TV-Kulturbegriff ist somit schwerlich operabel, er schrumpft zu einem behelfs­mäßigen Etikett, das überall da aufgeklebt wird, wo die Verantwortlichen im öffentlich­rechtlichen Fernsehen hoffen, ihrem besonderen Auftrag gerecht zu werden und so ihre Geschäftsgrundlage abzusichern. “14

Dabei darf nicht außer Acht gelassen werden, dass das Fernsehen nun mal ein Unterhal­tungsmedium ist und als solches auch dem Zweck der Unterhaltung dient. Wer es einschal­tet, will unterhalten werden. Diese Unterhaltung findet der Zuschauer neben dem Konsum von Samstagabend-Shows aber eben auch im Schauen eines historischen oder kulturellen Magazins. Unterhaltung und Bildung lassen sich nicht trennen.15

Im folgenden Kapitel soll die Situation des Fernsehens als Vermittler, kultureller Faktor und Bestandteil von Kultur genauer untersucht und analysiert werden.

3 Kultur und Fernsehen

3.1 Fernsehen - Unterhaltungsindustrie und Bildungsinstitut

Das Medium Fernsehen ist ein Massenmedium und als solches hat es für Kulturgesell­schaften eine nicht zu vernachlässigende, stabilisierende Wirkung. Stabilisierend wirkt es aber nicht, wegen der in Ländern und Programmen verankerten Kontrollaktivitäten wie Aufsicht oder gesetzliche Regelungen, sondern vor allem wegen seines Charakters als Massenmedium und Massenkommunikationsmittel. Wobei im Auge behalten werden muss, dass die Beziehung zwischen Sender und Rezipient höchstens rudimentär vorhanden ist. Die eigentliche Massenkommunikation leisten die Rezipienten untereinander - das Fernsehen als Lagerfeuer des 20. Jahrhunderts.16 Über diese unterhaltende Funktion hinaus, bietet das Medium aber auch die Möglichkeit zum Transport von Informationen und leistet somit Bildungsarbeit. Durch die leichte Zugänglichkeit und flächendeckende Verbreitung der Geräte kann auf einfache und bequeme Art und Weise ein in der häuslichen Umgebung Bildung aufgenommen werden. Mit der Einführung der Dritten Programme ab 1960 be­gann man bei den Rundfunkanstalten vermehrt auf Bildungsprogramme zu setzen. Von Sprachkursen über Physik-, Biologie und Psychologiekursen war alles geboten. Das Tele­kolleg im BR konnte man bei erfolgreicher Teilnahme sogar mit der Fachschulreife ab­schließend. Mitte der 60er Jahre starteten erste Versuche des sogenannten Schulfernsehens - das Fernsehen sollte zur Schule der Nation ausgebaut werden.17

Fünfzig Jahre später ist von diesen Visionen nicht viel geblieben. Das Fernsehen nimmt zwar noch immer eine zentrale Rolle in unserer Medienlandschaft ein, zum schulähnlichen Bildungsmedium des Volkes hat es aber nicht gereicht. Da hatte man die Potenziale des Mediums Fernsehens doch erheblich überschätzt. Dennoch ist klar, dass das Fernsehen wichtiges Mittel zum Transport von Bildungsinhalten sein und somit einen Beitrag zur Kulturvermittlung leisten kann. Neben dieser Eigenschaft eines Vermittlers kultureller In­halte, ist das Medium selbst zu einem bedeutenden Kulturfaktor geworden.

3.2 Fernsehen als Kulturvermittler

In den Anfangsjahren des Mediums herrschte eine durchweg positive hoffnungsvolle Ein­stellung. Das Fernsehen galt als Verteilungsapparat von Bildung und Kultur.18 Dieser Glaube an die vermittelnde Kraft des neuen Mediums scheint erstaunlich, betrachtet man die Tatsache, dass es sich um eine höchstens rudimentär vorhandene Kommunikation han­delt und der mediale Wissensvermittler ein stummes Gegenüber ist, das weder auf Fragen noch sonst wie reagieren kann. Kultur und Kulturvermittlung werden bei Huter als Prozes­se verstanden, die wechselseitig aufeinander einwirken. „Alles, was je von einer Kultur hervorgebracht wurde, ist kulturbedingend. Aber alles, was Kultur je hervorgebracht hat, wird ebenso kulturbedingend.19

Massenmedien spielen bei der Vermittlung von kulturellen Inhalten eine bedeutende Rolle und machen Kultur überhaupt erst alltäglich zugänglich. Printmedien, Radio und Fernse­hen nehmen dabei eine zentrale Rolle ein. Hunderte von deutschsprachigen Kulturzeit­schriften, über 130 000 Sendestunden aus den Bereichen Kultur/Bildung bei den regiona­len ARD-Hörfunkprogrammen und dem bundesweiten Deutschlandradio sowie insgesamt etwa 18 Sendestunden pro Tag aus dem Programmbereich Kultur im Fernsehen sprechen eine eigene Sprache.20 Zu den Charakteristika eines jeden Massenmediums gehören die sehr schnell ansteigende Verbreitungskurve und die relativ leichte Zugänglichkeit für ein breiteres, heterogenes Publikum. Laut einer GfK-Studie zur Fernsehnutzung aus dem Jahr 2006 liegt die Tagesreichweite des Mediums bei 73 Prozent der Gesamtbevölkerung ab drei Jahren.21 Durch das Fernsehen wurden kulturelle Themen aus dem Kreis der Elite her­ausgehoben und wurden allgemein rezipierbar. Als Unterhaltungsmedium, das differen­zierten Adressatengruppen gerecht werden will, musste das Fernsehen immer auch eine Fülle von Themen aus dem Bereich der Populärkultur anbieten.22

Neben den Chancen, die das Medium mit sich brachte, gab es aber auch immer wieder erbitterte Gegner, die einen vom Fernsehen provozierten Kulturverlust fürchteten. Der französische Soziologe Lucien Goldmann, sah Ende der 60er Jahre das Massenmedium Fernsehen als Hauptverantwortlichen für die Nivellierung der Hochkultur durch Unterhal­tung. Werner Faulstich stellte Anfang der 90er Jahre die These auf, die Gesellschaft befän­de sich auf dem Weg zur totalen Mediengesellschaft, in der Kultur primär über die elektro­nischen, digitalen Medien und nur noch rudimentär über Printmedien verbreitet wird.2223 Und die Medienkritikerin und Zeit-Autorin Barbara Sichtermann ist gar der Meinung, dass „der Bildschirm in einem gewissen Sinn ein subversives Element [ist]. Er banalisiert gna­denlos alles, was ihm vor die Röhre kommt (.. .j.“24 Demnach wäre dann selbst die Kultur­berichterstattung ein hilfloser Versuch dem entgegen wirken zu wollen. Zu dieser negativ geprägten Sicht auf den Einfluss des Fernsehens lässt sich sagen, dass zu allen Zeiten die jeweils neu auftauchenden Medien kritisch bewertet wurden - und es im Endeffekt nie zu einem Verlust von Kultur kam - im Gegenteil.25

Neben dieser Mittlerfunktion des Mediums, ist aber auch die Rolle des Fernsehens als Kul­turfaktor von großer Bedeutung und soll im nächsten Abschnitt Thema sein.

3.3 Fernsehen als Kulturfaktor

„Subsumiert man alle menschlichen Leistungen und Hervorbringungen unter den Begriff der (Human-)Kultur, ist aus dieser Perspektive der gesamte Rundfunkbereich und seine Hörfunk- und Fernsehprogramme unterschiedslos als Teilbereich der Kultur zuzurech­nen. “26

Es soll hier jedoch nicht um die Bedeutung des Mediums Fernsehen als kulturelles Phäno­men oder als kulturelle Institution gehen, sondern um die Berührungen der beiden Bereiche Kultur im engeren Sinne und Fernsehen.27 Kultur ist seit Gutenberg immer durch techni­sche Kommunikationsmedien geprägt, das Fernsehen wird deshalb auch als die umfas­sendste Symbiose von Kultur und Medium verstanden.28 Es muss bedacht werden, dass Fernsehen als aktiv kulturprägende gesellschaftliche Kraft immer auch selbst kulturgeprägt ist. Aus der Wechselbeziehung von Medium und Kultur lassen sich zwei Perspektiven her­ausfiltern. Fernsehen vermittelt als Medium nach zwei Seiten: Es vermittelt Kultur und prägt dadurch die Gesellschaft und umgekehrt vermittelt es die gesellschaftliche Wirklich­keit und prägt rückkoppelnd dadurch wiederum die kulturellen Hervorbringungen. Auch im direkten Sinn ist das Fernsehen Kulturfaktor. Durch die Produktion von Filmen, Auf­führungen und anderen Sendungen, sowie Förderung, Kooperationen und Nachwuchswett­bewerben ist das Fernsehen Faktor des kulturellen Lebens.2829

Wie es jedoch tatsächlich um die Kultur im deutschen Fernsehen steht und welche Rolle der im Rundfunkstaatsvertrag festgeschrieben Bildungsauftrag der öffentlich-rechtlichen Sender bei der heutigen Programmgestaltung noch spielt, soll im folgenden Abschnitt erör­tert werden.

4 Kultur im deutschen Fernsehen

4.1 Der kulturelle Programmauftrag der öffentlich-rechtlichen Sender

Im vorausgegangenen Kapitel wurde deutlich, dass das Medium Fernsehen zugleich Be­standteil und Vermittler von Kultur ist. Dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk kommt im dualen deutschen Rundfunksystem dabei eine spezielle Verantwortung zu. Er muss ge­währleisten, „dass der klassische Auftrag des Rundfunks erfüllt wird, der neben seiner Rol­le für die Meinungs- und Willensbildung, neben Unterhaltung und Information seine kultu­relle Verantwortung umfasst.“30 Diese Aufgabe war dem Rundfunk seit 1994 mit dem Grundversorgungsauftrag durch das Bundesverfassungsgericht aufgetragen.

Das öffentlich-rechtliche Fernsehen bekam drei Hauptaufträge mit auf den Weg: Es soll umfassend informieren, zur Bildung beitragen und unterhalten. Der Kulturauftrag ist an diese von den Sendeanstalten zu leistende Grundversorgung angeschlossen, ohne jedoch einen expliziten rechtlichen Rahmen vorgegeben zu haben.

Konkrete Angaben über den Stellenwert kultureller Sendungen lassen sich in den Richtli­nien der öffentlich-rechtlichen Anstalten deshalb auch nur spärlich finden. Die tatsächliche Durchführung und Ausgestaltung des Kulturprogramms ist offen und bleibt den Sendern überlassen. Juristen und Rundfunk halten den im Rundfunkauftrag festgeschriebenen Auf­trag jedoch für präzise genug, um beschreiben zu können, „was die Gesellschaft vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk erwarten kann. Und das ist etwas grundsätzlich anderes als der Quotenfetischismus, der vor Jahren in den Funkhäu­sern Einzug gehalten hat und bisher auch von den Gutwilligen unter den Programmver­antwortlichen nicht verjagt werden konnte. “31

Einige Sendeanstalten der Länder, wie zum Beispiel der WDR, die sich als ausgesproche­ne Bildungsinstanzen verstanden wissen wollten und von Beginn an besonderen Wert auf das kulturelle Verantwortungsbewusstsein gelegt haben, schrieben diese Ausrichtung auch in ihren grundlegenden Gesetzen nieder.32

Seit Inkrafttreten des 7. Rundfunkänderungsstaatsvertrages am 1. April 2004 ist dieser Auftrag nun allen öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten zugeteilt. Davor war es Län­dersache und nur in einigen Landesrundfunkgesetzen fand sich ein derartiger Programm­auftrag.33 Der Begriff Kulturauftrag ist dabei weder im RfÄndStV noch in einer der Ent­scheidungen des BVerfG zu finden, jedoch finden sich insbesondere in § 11 Absatz 2 des RfStV, der an die bereits bestehenden Rundfunkstaatsverträge von ARD und ZDF an­knüpft, formelle und inhaltliche Rahmenlinien zum kulturellen Programmauftrag:

„Der öffentlich-rechtliche Rundfunk hat in seinen Angeboten und Programmen einen um­fassenden Überblick über das internationale, europäische, nationale und regionale Ge­schehen in allen wesentlichen Lebensbereichen zu geben. Er soll hierdurch die internatio­nale Verständigung, die europäische Integration und den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Bund und Ländern fördern. Sein Programm hat der Information, Bildung, Beratung und Unterhaltung zu dienen. Er hat Beiträge insbesondere zur Kultur anzubieten.“34

Konsequenz aus der unklaren Regelung und Zuordnung der Sparte Kultur, waren lange Zeit Unsicherheiten im Umgang und bei der organisatorischen Zuordnung von Redaktio­nen und Abteilungen. ZDF, NDR und BR sind mit ihren selbständigen Programmbereichen Kultur noch immer Raritäten unter den Sendeanstalten. Meist wird der Bereich Kultur an­deren Organisationseinheiten beigefügt Kultur, Wissenschaft, Kirche und Zeitgeschehen (SWR) oder Kultur und Wissenschaft (WDR).

Ein weiterer Punkt des kulturellen Programmauftrags der Sendeanstalten, ist die sogenann­te finanzielle „Kulturhilfe“, die die Anstalten Institutionen oder Personen zukommen las­sen müssen. Das ZDF zum Beispiel hat sich vertraglich verpflichtet, alle Überschüsse aus den Einnahmen von Werbesendungen abzüglich der eigenen Kosten, kulturellen Zwecken zur Verfügung zu stellen.35 Neben der Vermittlerrolle mit der eigenen Programmgestaltung soll also darüber hinaus auch eine direkte Kulturförderung von den Anstalten ausgehen. In den Bereich dieser direkten Kulturförderung ohne Programmbezug fallen auch diverse Kulturpreise, die teilweise oder komplett von Rundfunkanstalten gestiftet werden wie der Deutsche Kamerapreis von WDR und ZDF, der Aspekte-Literaturpreis des ZDF oder Frankfurter Hörspielpreis des HR.36

Man darf nie vergessen, dass Fernsehsender und Sendeanstalten, wirtschaftlich arbeitende Unternehmen sind, die selbstverständlich an möglichst hohen Einschaltquoten interessiert sind und es ist bekannt, dass diese bei unterhaltenden Programmen höher liegt. Diese „Tri- vialisierung“ der kurzweiligen Angebote wurde von den Kulturkritikern zum Anlass ge­nommen, das Fernsehen als Ganzes zu verdammen.37 Da die Freiheit des Rundfunks, gera­de aufgrund der historischen Situation in Deutschland, das Fundament des Rundfunkwe­sens bildet, führt nahezu jede gesetzgeberische Initiative, die eine Festlegung der Quoten fordert, zu Konflikten. Programmquoten können zwar auch als Ausgestaltung der Rund­funkfreiheit gesehen werden, oft jedoch empfinden die Betroffenen oft den Beigeschmack eines Eingriffs in die Pressefreiheit.38

4.2 Das Kulturverständnis der Programmverantwortlichen

Der Begriff Kultur wurde in politischen und kulturpolitischen Debatten der vergangenen Jahrzehnte zum Schlüsselbegriff und zur gern genutzten Floskel. Offensichtlich führt die Unschärfe des Begriffs Kultur zu einer zunehmenden Inanspruchnahme.39 Weil der gesetz­liche Rahmen fehlte, waren die Stellung kultureller Sendungen im Programm und auch das Kulturverständnis an sich stark vom jeweiligen Zeitgeist beeinflusst und sind somit ein Spiegel der politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen der jeweiligen Zeit.

4.2.1 60er Jahre: Reproduktion von Bewährtem

In den sechziger Jahren speiste sich der Kulturbegriff vor allem aus der Übernahme be­währter Kulturveranstaltungen ins TV-Programm. Angesichts des geringen Produktions­aufwandes bot sich die Ausstrahlung von Theater- und Opernaufführungen an und das Fernsehen verstand sich als vermittelndes und über den Kulturbegriff informierendes Me- dium.40 Das Fernsehen als aktiver Teil des Kulturbetriebs war noch in weiter Ferne.

4.2.2 Ende 60er/ Anfang 70er Jahre: Politisierung der Kultur

Insgesamt war eine zunehmende Öffnung zum Politisch-Gesellschaftlichen hin festzustel­len. Die Gesellschaftsfrage wurde in fast allen Zusammenhängen gestellt, so auch im Be­reich der Kultur. Ausstrahlungen von Konzert-, Theater- und Opernveranstaltungen wur­den mehr und mehr verdrängt von einem erweiterten kulturellen Anspruch. Es kam zu ei­ner Demokratisierung des Kunst- und Kulturbegriffs, ein neues alternatives Kulturbewusst­sein hielt Einzug in den Köpfen der Deutschen. Die Unterteilung in U- und E-Kultur mach­te dem Begriff der A-Kultur Platz.41 In den Kulturredaktionen fanden sich die engagiertes­ten Vertreter der gesellschaftlichen Umwälzungen und neuen Denkweisen:

„Kultur [...] sei immer gesellschaftlich bedingt und somit eminent politisch, und verhäng­nisvoll sei nicht das Engagement der Intellektuellen für einen politischen Kulturbegriff, sondern die Blindheit des herrschenden Kulturbetriebs gegenüber seiner gesellschaftlichen Funktion. “42

4.2.3 70er Jahre: Neuer Konservatismus

Auslösende Faktoren einer gesamtgesellschaftlichen Trendwende in den siebziger Jahren waren u.a. repressive Maßnahmen der sozialliberalen Koalition wie dem Radikalenerlass von 1972, die ökologische Krisenstimmung und die Eskalation des Terrors mit der Ermor­dung von Generalbundesanwalt Buback und Arbeitgeberpräsident Schleyer. Die Demonta­ge der zeitkritischen Magazine bei ARD und ZDF kann als Beispiel für diese gesellschaft­liche Tendenzwende gesehen werden. Die geänderten Programmstrukturen der beiden größten deutschen Sendeanstalten boten nun keine sogenannten „Schutzzonen“ mehr, die die zeitkritischen Magazine bis dato vor der Unterhaltungskonkurrenz der anderen Pro­gramme geschützt hatte.43

4.2.4 80er Jahre: Wettbewerb im dualen System

Die drohende Konkurrenz durch die kommerziellen Privatsender, die Anfang der 80er Jah­re auf Sendung gingen (RTLplus und SAT.1 1984), führte bei den Öffentlich-Rechtlichen zu einer weiteren Verschiebung der Inhalte hinzu hauptsächlich Unterhaltendes und Seriel­les. Mit Spielfilmen und Serien versuchte man dem Zuschauerverlust entgegen zu wirken.

Kulturelle Themen wurden an den Rand gedrängt bzw. gerieten im Quotenvergleich unter immer größeren Legitimationszwang. Vom bisherigen Verständnis des Rundfunkstaatsver­trags entfernte man sich zunehmend. Zwar waren noch keine gravierenden Veränderungen im zeitlichen Umfang der Kultursendungen festzustellen, doch verschwanden sie aus dem Bewusstsein vieler Zuschauer, weil sie teilweise von der primetime auf spät Abends bzw. auf wenig attraktive Sendeplätze verschoben wurden.44

4.2.5 Aktuelle Situation

Da Fernsehen ein Massenmedium ist, hat es Massen- bzw. Populärkultur zu verbreiten. Es ordnet sich mit seinem Kulturverständnis nicht einer Elite- oder Hochkultur zu und auch nicht einem Kulturverständnis, das Kultur als Inbegriff aller schöpferischen Leistungen des Menschen sieht. Elite- und Populärkultur werden aber nicht mehr als sich ausschließende Gegensätze verstanden, sondern stellen sich gesellschaftsabhängig bedingende Kulturwirk­lichkeiten dar.45 In der Rundfunkpraxis hat sich die Unterteilung des Kulturverständnisses in mehrere Begriffskategorien herausgebildet: Die Kunstkultur im engeren Sinne umfasst den Bereich der Hochkultur, die Kunstkultur im weiteren Sinne schließt neben der zweck­freien Hochkultur auch noch den Bereich der menschlichen und gesellschaftlichen Ent­wicklungen mit ein und der Bereich der Alltagskultur beinhaltet die durch die Massenme­dien verbreitete Kultur und subsumiert alle Lebensbereiche inkl. Mode, Freizeit, Wohnen unter sich.46 Dieter Stolte beschrieb das Kulturverständnis des ZDFs folgendermaßen:

„Ich möchte hierfür den Begriff Alltagskultur verwenden, denn es geht um die Verbin­dungslinien zwischen esoterischem und nicht esoterischem Kulturverständnis; es geht da­rum, verschiedene gesellschaftliche Teilbereiche unserer Alltagskultur miteinander be­kanntzumachen und das darin Bewegende und Relevante allen mitzuteilen. “47

Der Kulturbereich muss aufpassen, dass er unter Kultur nicht nur ein sehr enges Segment an Hochkultur versteht. Der Rundfunk selbst ist ein Teil des Kulturbereiches und viele Sendungen - dazu gehören auch Unterhaltungssendungen - zählen selbstverständlich zur Kultur. Spätestens seit der Etablierung eines weiten Kulturbegriffs sollte in der kulturpoli­tischen Diskussion der Unterschied zwischen Hochkultur und der vermeintlich unterhal­tenden Breitenkultur eigentlich verschwunden sein.

4.3 Der Stellenwert der Programmkategorie Kultur

4.3.1 Bestandsaufnahme

Die Zahlen der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanbieter in Deutschland zu ihrem Kultur­programm können durchaus beeindrucken. Im deutschen Fernsehen lässt sich an einem Durchschnittssendetag ein Kulturangebot von insgesamt fast 18 Stunden nachweisen. Die Öffentliche-Rechtlichen decken davon über 90 Prozent ab. Zumindest theoretisch vermutet man aufgrund solcher Zahlen keine Problemen der Programmkategorie Kultur.48 In der Realität zeigt sich jedoch, wie schwer es den Sendern offensichtlich fällt sich zwischen den kulturlosen aber kommerziell erfolgreichen Formaten und dem Bildungsauftrag einzuord­nen. Auch ist nicht allein die Quantität von Kultursendungen im Programmablauf ent­scheidend, auch der Sendeplatz kann Aufschluss geben über den Stellenwert der Kultur im deutschen Fernsehen. Trotz allem darf nicht vergessen werden, dass trotz des Kulturabbaus mancher Sender, Vollprogramme wie 3sat, arte und Phoenix noch immer ein hochwertiges Kulturprogramm mit Spielfilmen auf Filmkunst-Kino-Niveau und preisgekrönten Kultur­Reportagen bieten.49

4.3.2 Kulturinteresse in der Bevölkerung

Ende des Jahres 2002 gaben, im Rahmen einer Repräsentativbefragung zum Informations­verhalten, 44 Prozent der Befragten an, sich für die Themenbereiche Kunst und Kultur etwas bzw. sehr zu interessieren. Auch wenn hier die „soziale Erwünschtheit“50 vermutlich die wahren Zahlen ein wenig schönt, zeigt sich doch ein relativ großes Interesse an kultu­rellen Themen. Die gleiche Umfrage ergab 2004, dass 58 Prozent der Zuschauer Kultur­magazine als wichtig bzw. besonders wichtig einstuften.51

Selbst die eher jungen Nutzertypen der Jungen Wilden, der Erlebnis- und der Leistungsori­entierten halten das öffentlich-rechtliche Fernsehen für kulturell unverzichtbar. Wie die Befunde des ARD-Forschungsdienstes zeigen, sprechen Kulturangebote in Hör­funk und Fernsehen in der Regel zwar kein Massenpublikum an, die spezifischen Ziel­gruppen legen jedoch großen Wert auf hohe Qualität und sind mit dem Angebot anschei­nend zufrieden.52 Die Sehdauer und Tagesreichweite bei Sendungen mit dem Schwerpunkt Kultur blieb laut GfK-Untersuchungen zwischen 2001 und 2006 nahezu konstant.53 Dennoch muss klar sein, dass es sich bei den Kulturinteressierten um eine Randgruppe der Fernsehzuschauer handelt. In der Vergangenheit hat diese Tatsache oft dazu geführt, diese Zuschauer zu vernachlässigen, da sie mit ihren Fernsehgewohnheiten nicht die erwünschte Quote bringen.

4.3.3 Kompetenz der Kulturanbieter

Bei der Frage nach der Kompetenz der Kulturanbieter weisen die Zuschauer den öffent­lich-rechtlichen Sendern deutlich größere Kulturkompetenz zu als den privaten Program­men. Dieser Vertrauensvorsprung der Öffentlich-Rechtlichen ist gerade bei Informations­sendungen wie eben auch Kulturmagazinen besonders groß. Lediglich bei Beiträgen mit zeitgenössischem Hintergrund wie Kino-, Satire- oder Kabarettsendungen können auch die kommerziellen Sender gute Kompetenzwerte für sich verbuchen.54 Das ZDF schnitt bei der Vertrauenswürdigkeit und Qualität der angebotenen Kultursen­dungen mit 35 Prozent am besten ab, dahinter folgten ARD (32%), die Dritten Programme (25%) und RTL (8%).55 ARD und ZDF werden als „unverzichtbarer Bestandteil der Kultur in Deutschland“ bewertet und liegen gerade bei der Spartenkompetenz ganz weit vorne.56 Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanbieter verfügen also über das entsprechende Ver­trauen der Rezipienten und es wären zumindest theoretisch auch interessierte Fernsehzu­schauer vorhanden, die sich die kulturellen Angebote im Programm ansehen würden. Doch oft kommen beide Seiten nicht zueinander und Diskrepanzen bestimmen das Verhältnis von Kulturanbieter im TV und Rezipient. Am Beispiel der Gattung Kulturmagazine soll im56 folgenden Abschnitt der Stellenwert der Kultur im deutschen Fernsehen näher beleuchtet werden.

4.4 Kulturmagazine

4.4.1 Das Genre Fernsehmagazin

Magazinsendungen, die ihre Anfänge im deutschen Fernsehen zu Beginn der 60er Jahre haben, werden in regelmäßiger Folge, meist im Wochenrhythmus, zur gleichen Sendezeit ausgestrahlt und sind einem bestimmten Themengebiet zugeordnet. Historisch gesehen basieren Fernsehmagazine auf einer für den Hörfunk konzipierten Sendeform. Mit dem Magazin-Konzept der NBC wollte man Anfang der 50er Jahre auf die zunehmend sinken­dem Hörerzahlen und die großen Verluste bei den Werbeeinnahmen, die das Fernsehen den Hörfunk gekostet hatte, reagieren.57

Fernsehmagazine zählen zu den kommentierenden, analysierenden und ergänzenden For­men der Berichterstattung im Fernsehen und stellen die quantitativ häufigste Sendeform unter den nicht-fiktionalen Genres im TV-Programm des deutschen Fernsehens dar.58 Im Jahr 2008 waren Magazine wie auch in den Vorjahren wieder die mit Abstand umfangs­reichste Sendungsform im Informationsangebot. Die ARD deckte gut ein Fünftel (20,2%) ihres Gesamtprogramms mit Magazinen ab, beim ZDF sind es sogar 27,3 Prozent. RTL (15,5%) und ProSieben (13,7%) haben aufgrund des geringeren Informationsangebots ins­gesamt auch weniger Magazinanteile zu verbuchen.59 Magazine setzen gewisse Grundin­formationen beim Zuschauer voraus und gehen über die reine „Grundversorgung“, wie sie zum Beispiel die Nachrichten leisten, hinaus. Zu den drei großen Subgenres zählen Politi­sche Magazine, Kulturmagazine und Wirtschaftsmagazine. Diverse spezielle Magazine, die sich auf bestimmte Bereiche (Reisen, Mode, Freizeit), Funktionen (Unterhaltung, Ver­braucherinformation) oder Zielgruppen (Frauen, Männer, Senioren) ausrichten, ergänzen die Magazintypen.

Charakteristisch für das Magazinformat sind die Wortlastigkeit und die Zentrierung auf den Moderator bzw. die Moderatorin. Die Moderatoren haben die Aufgabe, die einzelnen Reportagen oder Berichte zu verknüpfen und durch geeignete Einleitungen den Einstieg der Zuschauer in das Thema zu erleichtern. Durch den Moderator soll dem Zuschauer die Personalisierung des jeweiligen Konzepts ermöglich werden. Serienelemente wie das peri­odische Erscheinen, die wiederkehrende Erkennungsmelodie, sowie auch der Sendetermin zielen auch auf die Bindung des Zuschauers an die Sendung. Die Sendungen sind von einer gewissen Kleinteiligkeit geprägt: je nach Sendung werden vier bis fünf Themen oder Sto­ries nacheinander präsentiert. Auch kurze Kommentare, Diskussionen oder Studiogesprä­che können Elemente einer Magazinsendung sein.60 Bereits in den 50er Jahren hatten die Funkhäuser in den Regionalprogrammen begonnen, Magazine mit einer Mischung aus Information, Kritik und Unterhaltung, im Vorabendprogramm auszustrahlen. Die Funktion der „Neuen“ war klar definiert. Die Hessenschau (Frankfurt), Die Abendschau Baden­Württemberg oder Blick ins Land (Baden-Baden) sollten die Lücke zur Tagesschau schlie­ßen.61 Nach der Hochphase der Politmagazine in den 60er Jahren kam in den 70er Jahren die Zeit der Kulturmagazine.62

4.4.2 Historische Entwicklung

Bereits ab Anfang der 60er Jahre waren regional ausgestrahlte Kulturmagazine in den Drit­ten Programmen zu sehen. Als Beispiele seien hier genannt, das ab 1964 monatlich produ­zierte studio frankfurt (HR), das ebenfalls ab 1964 laufende Kulturmagazin des BR Hori­zonte, oder Studio III - Aus Kunst und Wissenschaft von NDR, RB und SFB ab 1965. Da spezielle Fachmagazine fehlten, behandelten die Kulturmagazine dieser Zeit, wie teilweise auch schon dem Untertitel zu entnehmen, aus den Gebieten Natur, Wissenschaft und Bil­dung. Zu den bekanntesten der bundesweit ausgestrahlten Kulturmagazine gehören noch heute Aspekte mit dem das ZDF seine Kulturberichterstattung im Magazinformat 1965 begann, sowie Titel, Thesen, Temperamente (1967), das erste von der ARD/HR produzierte Kulturmagazin.

[...]


1 unbekannter Autor 2004 - Schönes neues Fernsehen 2

2 Vgl. Kreutz 1995 - Kultur im Magazinformat, S. 11

3 Vgl. Kuchenbuch 2005 - Kulturverständnis in der Bevölkerung, S. 61

4 Vgl. Weber, Weber-Roßnagel-Osterwalder-Scheuer-Wüst 2006 - Kulturquoten im Rundfunk, S. 70

5 Vgl. Glaser 1997 - Deutsche Kultur 1945-2000, S. 107

6 Schulze, Gerhard (1997): Die Erlebnis-Gesellschaft. Kultursoziologie der Gegenwart. 7. Aufl., Studienaus­ gabe, Frankfurt/Main: Campus-Verlag

7 Vgl. Schulze 1997 - Die Erlebnis-Gesellschaft, S. 499

8 Vgl. Neiss 2000 - Kultur im deutschen Fernsehen, S. 16

9 Brednich 1991 - Medien als Stifter oraler Kommunikation, S. 16

10 Vgl. Neiss 2000 - Kultur im deutschen Fernsehen, S. 18

11 Vgl. Neiss 2000 - Kultur im deutschen Fernsehen, S. 19

12 Weber, Weber-Roßnagel-Osterwalder-Scheuer-Wüst 2006 - Kulturquoten im Rundfunk, S. 168

13 Vgl. Weber, Weber-Roßnagel-Osterwalder-Scheuer-Wüst 2006 - Kulturquoten im Rundfunk, S. 168f.

14 Sichtermann 2008 - Der Defensivbegriff Kultur im Fernsehen, S. 31

15 Vgl. Sichtermann 2008 - Der Defensivbegriff Kultur im Fernsehen, S. 31

16 Vgl. Doelker 1989 - Kulturtechnik Fernsehen, S. 103

17 Vgl. Menningen 1971 - Fernsehen- Unterhaltungsindustrie oder Bildungsinstitut, S. 79f.

18 Vgl. Kreutz 1995 - Kultur im Magazinformat, S. 23

19 Huter 1988 - Zur Ausbreitung von Vergnügen, S. 45

20 Vgl. Kuchenbuch 2005 - Kulturverständnis in der Bevölkerung, S. 61

21 Vgl. Gerhards, Klingler 2007 - Programmangebote und Spartennutzung im Fernsehen, S. 608

22 Vgl. Kreutz 1995 - Kultur im Magazinformat, S. 24

23 Vgl. Faulstich 1991 - Auf dem Weg zur totalen, S. 100

24 Sichtermann 8.09.1989 - Opfer der Pflicht

25 Vgl. Neiss 2000 - Kultur im deutschen Fernsehen, S. 29

26 Kreutz 1995 - Kultur im Magazinformat, S. 22

27 Vgl. Kreutz 1995 - Kultur im Magazinformat, S. 22

28 Vgl. Kreutz 1995 - Kultur im Magazinformat, S. 23

29 Vgl. Hermann 1991 - Das Fernsehen als zentraler Kulturfaktor, S.156f.

30 Bundeszentrale für politische Bildung - Massenmedien

31 Weischenberg 2008 - Auftrag und Wirklichkeit, S. 27

32 Vgl. Kreutz 1995 - Kultur im Magazinformat, S. 28

33 Vgl. Weber, Weber-Roßnagel-Osterwalder-Scheuer-Wüst 2006 - Kulturquoten im Rundfunk, S. 256f.

34 Rundfunkstaatsvertrag in der Fassung 20.01.2001, §11 Absatz 2

35 ZDF 20.07.2009 - ZDF-Staatsvertrag

36 Vgl. Kreutz 1995 - Kultur im Magazinformat, S. 29

37 Vgl. Kreutz 1995 - Kultur im Magazinformat, S. 25

38 Vgl. Weber, Weber-Roßnagel-Osterwalder-Scheuer-Wüst 2006 - Kulturquoten im Rundfunk, S. 246ff.

39 Vgl. Weber, Weber-Roßnagel-Osterwalder-Scheuer-Wüst 2006 - Kulturquoten im Rundfunk, S. 70

40 Vgl. Kreutz 1995 - Kultur im Magazinformat, S. 31f.

41 Vgl. Kreutz 1995 - Kultur im Magazinformat, S. 34

42 Vgl. Kreutz 1995 - Kultur im Magazinformat, S. 37

43 Vgl. Kreutz 1995 - Kultur im Magazinformat, S. 38f.

44 Vgl. Kreutz 1995 - Kultur im Magazinformat, S. 39f.

45 Vgl. Hermann 1991 - Das Fernsehen als zentraler Kulturfaktor, S. 154

46 Vgl. Weber, Weber-Roßnagel-Osterwalder-Scheuer-Wüst 2006 - Kulturquoten im Rundfunk, S. 190f.

47 Hoffmann 1979 - Kultur für alle, S. 14

48 Vgl. Weischenberg 2008 - Auftrag und Wirklichkeit, S. 27

49 Vgl. Eichel 2008 - Flockige Mainstream-Mischung, S. 30

50 Weischenberg 2008 - Auftrag und Wirklichkeit, S. 27

51 Vgl. Kuchenbuch 2005 - Kulturverständnis in der Bevölkerung, S. 62

52 Vgl. Dubrau, Oehmichen et al. 2000 - Kultur in Hörfunk und Fernsehen II, S. 69

53 Vgl. Gerhards, Klingler 2007 - Programmangebote und Spartennutzung im Fernsehen, S. 611

54 Vgl. Dubrau, Oehmichen et al. 2000 - Kultur in Hörfunk und Fernsehen II, S. 65f.

55 Kuchenbuch 2005 - Kulturverständnis in der Bevölkerung, S.62

56 Vgl. Weischenberg 2008 - Auftrag und Wirklichkeit, S. 27

57 Vgl. Kreutz 1995 - Kultur im Magazinformat, S. 64f.

58 Vgl. Kreutz 1995 - Kultur im Magazinformat, S. 11

59 Vgl. Krüger, Zapf-Schramm 2009 - Politikthematisierung und Alltagskultivierung im Infoangebot, S. 209

60 Vgl. Faulstich 2008 - Grundkurs Fernsehanalyse, S. 87f.

61 Vgl. Kreutz 1995 - Kultur im Magazinformat, S. 65

62 Vgl. Kreutz 1995 - Kultur im Magazinformat, S. 72

Ende der Leseprobe aus 89 Seiten

Details

Titel
Kultur als TV-Programmkategorie – Über den Stellenwert von Kultur im deutschen Fernsehen am Beispiel von Kulturmagazinen
Hochschule
Pädagogische Hochschule Ludwigsburg
Note
1,7
Autor
Jahr
2010
Seiten
89
Katalognummer
V155235
ISBN (eBook)
9783640684120
ISBN (Buch)
9783640684311
Dateigröße
15836 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kultur, TV-Programmkategorie, Stellenwert, Fernsehen, Beispiel, Kulturmagazinen
Arbeit zitieren
Kristina Kaiser (Autor), 2010, Kultur als TV-Programmkategorie – Über den Stellenwert von Kultur im deutschen Fernsehen am Beispiel von Kulturmagazinen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/155235

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Kultur als TV-Programmkategorie –  Über den Stellenwert von Kultur im deutschen Fernsehen am Beispiel von Kulturmagazinen


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden