Die Berichterstattung über die Finanzkrise

Eine komparative Analyse zwischen Deutschland und Spanien


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009

26 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Theoretische Uberlegungen

3 Einschub: Hintergrund und Chronologie der Finanzkrise

4 Fallauswahl und Hypothesenbildung
4.1 Deutschland
4.2 Spanien

5 Methodisches Vorgehen
5.1 Auswahl des Untersuchungsmaterials
5.2 Operationalisierung
5.3 Codierung, Reliabilitat und Validitat

6 Analysen und Ergebnisse
6.1 Positive und negative Darstellung der Krise
6.2 Analyse der verwendeten Begriffe
6.3 Kritik an Regierung und Kapitalismus

7 Fazit und Ausblick

1 Einleitung

Die Einschatzung der wirtschaftlichen Situation eines Landes kann weitreichen- de Konsequenzen sowohl fur die Volkswirtschaft auch als fur die gesamte Ge- sellschaft haben. Individuen treffen Konsum- und Investitionsentscheidungen schliefilich vor dem Hintergrund wahrgenommener okonomischer Perspektiven und Risiken. Daneben bildet die Wahrnehmung der wirtschaftlichen Entwick- lung auch eine wichtige Grundlage zur Beurteilung der Regierungsleistung in einem Land. Die Berichterstattung zur wirtschaftlichen Lage durch die Medien spielt hierbei eine zentrale Rolle. Dies ist angesichts der aktuellen Finanzkrise von besonderer Brisanz. Seit dem Zusammenbruch der „Lehman Brothers", ei- ner der grofiten und altesten Investment-Banken mit Hauptsitz in New York, im September vergangenen Jahres, wird in den Medien weltweit verstarkt uber die Finanzkrise und ihre etwaigen Folgen berichtet.

Auf dieser Berichterstattung liegt der Fokus der vorliegenden Arbeit. Ziel ist, zu untersuchen, wie diese Krise in den Medien dargestellt wird. Dabei geht es sowohl um die Frage, welche Inhalte vermittelt werden, als auch um die Frage, wie diese Inhalte gerahmt werden. In einer komparativen Analyse wird die Berichterstattung der Tagespresse zur Finanzkrise in Deutschland und Spanien untersucht. Dafur wurden zwei eher konservativ ausgerichtete Tageszeitungen gewahlt: „Die Welt“ (Deutschland) und „El Mundo“ (Spanien).

Mittels einer sowohl qualitativ als auch quantitativ ausgerichteten Inhalts- analyse werden zwei Zeitraume - die Woche des Zusammenbruchs der US- Investmentbank „Lehman Brothers" sowie eine Woche ein halbes Jahr nach diesem Zusammenbruch - naher betrachtet und dahin gehend untersucht, ob die Berichterstattung (1) uberwiegend mittels positiv oder negativ konnotierter Begriffe erfolgte, (2) ob und inwiefern in der Berichterstattung eine Kritik an der jeweils herrschenden Regierung und (3) am Kapitalismus bzw. der kapitalisti- schen Kultur geubt wurde sowie (4) ob und inwiefern sich die Berichterstattung in den beiden Landern unterscheidet.

Die Arbeit gliedert sich in sieben Teile. Nach Vorstellung des theoretischen Hintergrundes der Arbeit erfolgt ein kurzer Einschub uber die Hintergrunde und den Verlauf der aktuellen Finanzkrise. Anschliefiend erfolgt die Begrundung der Auswahl der beiden Lander Spanien und Deutschland. Darauf aufbauend werden Arbeitshypothesen zur Orientierung der empirischen Analyse formuliert. Im nachsten Schritt wird das methodische Vorgehen erlautert und schliefilich die Ergebnisse der Inhaltsanalyse prasentiert. Den Abschluss bilden ein Fazit uber die Untersuchung und die erhaltenen Ergebnisse sowie ein Ausblick auf mogliche weitere Forschung zu diesem Thema.

2 Theoretische Uberlegungen

Die Printmedien besitzen fur die Meinungsbildung und Forderung von Mei- nungspluralitat einen besonderen Stellenwert. Wie kein anderes Medium er- moglicht und fordert das geschriebene Wort dem Rezipienten (dem Leser) eine intensive und kritische Auseinandersetzung mit komplexen Inhalten sowie de- ren Verstandnis. Im Unterschied zu anderen Medien wie Hor- oder Fernsehfunk ist es dem Konsumenten von Printmedien in besonders hohem Mafie moglich, daruber zu bestimmen, wann, wie oft, an welchem Ort und in welchem Tem­po er die vermittelten Inhalte konsumiert (vgl. Rechmann 2008, S. 44). Auch geniefit das Printmedium Zeitung neben dem offentlich-rechtlichen Fernsehen die hochste Akzeptanz der Medienkonsumenten in Bezug auf Glaubwurdigkeit (ZMG Zeitungs Marketing Gesellschaft mbh & Co. KG 2009)[1]. Insofern tra- gen die Produzenten von Printmedien eine besondere Verantwortung in Bezug auf die Auswahl und Darstellung der von ihnen aufgegriffenen Themen. Diesen Standpunkt vertritt auch Habermas in seiner Kommunikations- und Demokra- tietheorie, welcher von Rechmann sehr treffend zusammengefasst wird:

„Durch ihre ordnende Funktion tragt die Presse zum Verstandnis komplexer Sachverhalte bei und ermoglicht gesamtgesellschaftliche Kommunikation. Sie fordert gesellschaftlichen Diskurs und Meinungs- bildungsprozesse der Offentlichkeit“ (Rechmann 2008, S. 44).

Die Untersuchung der Darstellung einer Krisensituation in den Printmedien er- scheint vor diesem Hintergrund besonders interessant. Die Berichterstattung, Darstellung und Analyse einer solchen Krise stellt besonders hohe Anforderun- gen an die berichtende Presse. Nicht nur muss sie sich mit komplexen Sach- verhalten auseinandersetzen, sondern sie wird auch stets mit einer Vielzahl un- terschiedlicher und kontroverser Meinungen und Thesen zu einer solchen Krise konfrontiert, hinter denen sich oft Motive bestimmter Interessengruppen ver- bergen, die es zu erkennen gilt. Einen besonderen Einfluss auf die gesamtge- sellschaftliche Kommunikation sowie die Meinungsbildung innerhalb der Gesell- schaft haben dabei die so genannten uberregionalen „Qualitatszeitungen“, denen ein besonders hohes Mafi an Glaubwurdigkeit sowie kritischer und realitatsnaher Berichterstattung zugesprochen wird (vgl. Rechmann 2008). Daher will sich die vorliegende Arbeit mit der Krisendarstellung in einer solchen Qualitatszeitung, insbesondere im Vergleich zu der eines anderen Staates, befassen.

In einem theoretischen Ausgangsmodell werden zunachst Aufbau und Struk- tur des Kommunikationsprozesses zwischen Produzent und Konsument von Pres- seberichten geklart. Auf dem Weg vom Sender zum Empfanger durchlauft der kommunizierte Inhalt einer Mitteilung einen zweifachen Kodierungsprozess. Die erste Kodierung erfolgt durch den Sender der Mitteilung, der den Inhalt die- ser in Zeichen ubersetzt. Die zweite Kodierung erfolgt durch den Empfanger der Mitteilung, der wiederum durch Dekodierung die Bedeutung dieser Zeichen erfasst (vgl. Diekmann 2002, S. 484).

Abbildung 1: Kommunikationsprozess

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Diekmann 2002: 484, eigene Bearbeitungen

Wahlt der Sender der Mitteilung zur Kodierung des Inhaltes dieser in erster Linie negative Zeichen, d. h., rahmt er den Inhalt negativ (Medien-Rahmen), ist es wahrscheinlich, dass der Empfanger diese Mitteilung ebenfalls negativ rahmt (Audienz-Rahmen), unabhangig vom konkreten Inhalt der Mitteilung (vgl. Scheufele 1999). Die allgemeine Nutzung bzw. Bildung eines sogenann- ten Medien-Rahmens liegt laut Scheufele vor allem in Ideologien, Einstellungen und Normvorstellungen des Journalisten (bzw. der Zeitschrift, fur die er tatig ist), in organisationalen Einschrankungen, journalistischen Routinen sowie in durch Eliten und/oder Interessen-Gruppen ausgeubten Druck begrundet (ebd., S. 109). Die Entscheidung fur einen konkreten Rahmen hat wiederum die Fa- higkeit, die politische Diskussion, wie auch die offentliche Meinung zu beeinflus- sen (ebd., S. 111). Durch den gebildeten Medien-Rahmen der Presse bzw. der Journalisten wird fur die Rezipienten ein sogenannter Audienz-Rahmen gesetzt, welcher dazu fuhrt, dass bestimmte Meinungen und Einstellungen beim Rezipi- enten starker aktiviert werden, als es bei der Wahl eines anderen Rahmens der Fall gewesen ware. Dies fuhrt auf individueller Ebene dazu, dass der Rezipient bestimmte Einstellungen/Meinungen zum thematischen Inhalt der Mitteilung, bestimmte Verhaltensweisen oder auch eine bestimmte Zuschreibung von Ver- antwortung entwickelt (ebd., S. 115ff.), welche aggregiert in einer offentlichen Meinung munden, die wiederum den Ausgangspunkt fur die Berichterstattung der Presse bzw. Journalisten darstellt. In Abbildung 2 auf Seite 4 ist dieser Prozess grafisch dargestellt.

Abbildung 2: Prozess-Modell der Medienrahmung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Scheufele 1999: 115

Vor diesem Hintergrund wurde schliefilich die zentrale Fragestellung dieser Untersuchung entwickelt: Erfolgt die Berichterstattung zur Finanzkrise in ers- ter Linie mittels positiv oder aber mittels negativ konnotierter Begriffe und inwiefern unterscheidet sich dies in verschiedenen Landern?

Ein konkretes Beispiel fur einen solchen Framing-Effekt, wenn auch in ei- nem anderen Zusammenhang, zeigten Tversky und Kahneman (1981). Mittels eines Experimentes demonstrierten sie erstmals den Effekt der Beschreibung von Entscheidungskonsequenzen auf die tatsachliche Entscheidung, bekannt ge- worden als „Asian disease problem11. Dieser Effekt wurde von Stocke (1998) in erweiterten Experimenten bestatigt.

In Bezug auf Wirtschaftsnachrichten existiert eine interessante Arbeit, wel- che die konkreten Auswirkungen der Berichterstattung in den Massenmedien auf die Bewertung der Wirtschaftslage in der Bevolkerung untersucht (Bachl 2008). Hier konnte mittels zeitreihenanalytischer Verfahren gezeigt werden, dass diese Beeinflussung auf zwei Wegen erfolgt: zum einem mittels der Veroffentlichung von amtlichen Konjunkturstatistiken und zum anderen mittels der Darstellung der Wirtschaftslage durch die Journalisten. Auch die konkrete Beeinflussung ist zweierlei: Auf der einen Seite konnen Massenmedien anhand der Berichter- stattung in den Wirtschaftsnachrichten das Konsumverhalten der Bevolkerung, auf der anderen Seite ihr politisches Urteil, sprich ihre Zustimmung oder Ab- lehnung zur Regierung, beeinflussen. Letzteres ware insbesondere im Hinblick auf die gerade stattgefundenen Bundestagswahlen interessant und ein moglicher Ausgangspunkt fur eine weiterfuhrende Arbeit.

Der Fokus der vorliegenden Arbeit liegt, wie bereits eingangs erwahnt, auf der Art und Weise der Berichterstattung vor dem Hintergrund der Medienrah- mung.

3 Einschub: Hintergrund und Chronologie der Finanzkrise

Zum besseren Verstandnis der Hintergrunde der Finanzkrise und den konkreten Themen in der Berichterstattung werden an dieser Stelle kurz die Hintergrun- de der Finanzkrise sowie deren bisheriger Verlauf beschrieben. Der Ursprung der Finanzkrise ist in den Vereinigten Staaten zu suchen. Nach dem Ende des „New-Economy-Booms“ und der damit verbundenen wirtschaftlichen Ernuchte- rung versuchte man die Wirtschaft anzukurbeln, indem man Gesetze und Re- gelungen erliefi, die den Erwerb von Immobilien fur Privatpersonen mit sehr geringer Bonitat oder gar ohne Eigenkapital ermoglichten (vgl. Stroisch et al. 2009). Dies funktionierte zunachst recht gut: Die Werte fur Immobilien in wirt- schaftlich starken Regionen stiegen und die Immobilienbesitzer konnten immer neue Kredite zur Erfullung von immer mehr Konsumwunschen aufnehmen. In Folge dessen bluhte dieser so genannte „Subprime“-Markt und die Gewinne der US-Hypothekenfinanzierer stiegen stetig an (ebd.). Auch andere Banken in der Welt wollten von dieser Entwicklung profitieren und kauften (in der Regel indi- rekt) Pfandbriefe von Investmentbanken des „Subprime“-Sektors. Sieben Jahre spater, im Fruhjahr 2007, zeigten sich erste Schwierigkeiten: Immer mehr Kre- ditnehmer kamen in Zahlungsschwierigkeiten, konnten ihre Kredite nicht mehr bedienen und schliefilich gingen erste Hypothekenfinanzierer der USA pleite. Damit begann die „Subprime“-Krise (ebd.). Zunachst ging man noch davon aus, dass sich diese Krise auf den „Subprime“-Markt beschranken wurde. Bald jedoch vermeldeten auch erste europaische Kreditinstitute Verluste aus ihren Hypothekengeschaften in den USA. Erstes deutsches Opfer der Krise wurde im Juni 2007 die IKB (Deutsche Industriebank), daraufhin folgte drei Monate spater die SachsenLB. Schliefilich entschied die EZB (Europaische Zentralbank) Mitte August 2007 einzugreifen, und pumpte 95 Milliarden Euro in den Geld- kreislauf. Trotz allem vermeldeten mehr und mehr Banken weltweit Gewinnein- bruche aufgrund der hohen Verluste aus Abschreibungen, was zu Beginn 2008 zu dramatischen Kurseinbruchen an den Borsen fuhrte (ebd.). In Deutschland gerieten die WestLB sowie die BayernLB in finanzielle Schwierigkeiten. Im Marz 2008 bracht die funftgrofite Investmentbank der USA, Bear Stearns, zusammen, wurde jedoch von der US-Regierung gerettet. Einen Monat spater meldete die Deutsche Bank erstmals rote Zahlen (ebd.). Im Juli 2008 ging eine weitere US- Investmentbank bankrott, viele weitere forderten finanzielle Unterstutzung vom Staat an. Anfang September 2008 drohte den beiden grofiten Baufinanzierern der USA - Fannie Mae und Freddie Mac - die Zahlungsunfahigkeit, erneut sprang der Staat helfend ein. Wenige Tage spater, am 15. September 2008, folgte der „Schwarze Tag“ der Finanzkrise: die alteste Investmentbank der Wall Street - „Lehman Brothers11 - meldete Insolvenz an (ebd.). An den darauffolgenden Ta- gen uberschlugen sich die Medien mit regelrechten Horrormeldungen und die Finanzkrise mit ihren weltweiten Auswirkungen wurde zu einem, die Bericht- erstattung und das Tagesgeschehen dominierenden Thema. Aus diesem Grund bildet der 15. September 2008 den Ausgangspunkt der vorliegenden Untersu- chung. Die Entwicklungen nach dem 15. September 2008 werden im folgenden Abschnitt separat fur Deutschland und Spanien aufgezeigt.

4 Fallauswahl und Hypothesenbildung

4.1 Deutschland

Politisches und wirtschaftliches System

Die 1949 gegrundete Deutsche Bundesrepublik ist mit rund 82 Millionen Ein- wohnern das bevolkerungsreichste Land mit der zugleich grofiten Volkswirtschaft Europas. Weltweit rangiert Deutschland auf Platz drei der starksten Volkswirt- schaften. Regierungsform ist eine parlamentarische Demokratie (Auswartiges Amt 2009b). Im fur die Analyse relevanten Zeitraum war Deutschland von einer Grofien Koalition aus CDU und SPD regiert, wobei die CDU als leicht starkere Partei die Bundeskanzlerin stellte. Die deutsche Wirtschaft ist vorwiegend auf die Produktion industrieller Guter sowie Dienstleistungen ausgerichtet. Land- wirtschaftliche Produktion und die Erzeugung von Rohstoffen sind von geringer Bedeutung. Deutschland ist die grofite Exportnation weltweit, wobei insbesonde- re Produkte der Automobilindustrie exportiert werden. Wichtigstes Importgut sind Energierohstoffe (ebd.). Von der Finanzkrise wurde Deutschland im Ver- gleich zu anderen europaischen Landern verhaltnismafiig hart getroffen. So erlitt die deutsche Wirtschaft zwischen dem 3. Quartal 2008 und dem 2. Quartal 2009 einen Verlust von 6,9% ihres Bruttoinlandsproduktes, der zu einem grofien Teil mit dem Ruckgang der Exporte zusammenhing. Die Regierung reagierte mit einem umfassenden Konjunkturprogramm auf die Krise. Unter anderem uber- nahm sie Burgschaften fur Unternehmen, vergab Kredite an Banken, kurbelte durch eine Umweltpramie die Pkw-Nachfrage an und erhohte die Bezugsdau- er von Kurzarbeitergeld, um Entlassungen zu vermeiden (Die Bundesregierung 2009). Die Wirksamkeit dieser Mafinahmen, sowie die dadurch entstandene hohe Neuverschuldung werden jedoch kontrovers diskutiert. Fur den Einzelnen hiel- ten sich die Auswirkungen der Finanzkrise bisher dennoch in Grenzen. Zwar mussten viele Privat-Anleger herbe Verluste hinnehmen, die Auswirkungen am Arbeitsmarkt konnten aber (zumindest bisher) durch flexible Arbeitszeiten und Kurzarbeit recht gut abgefedert werden (vgl. Bach et al. 2009). Fur 2010 wird ein weiterer, aber moderater Anstieg der Arbeitslosenzahlen von derzeit rund 3,5 Millionen auf rund 4,1 Millionen Arbeitslose prognostiziert, bei einem aber wieder positiven Wirtschaftswachstum (ebd.).

Zeitungslandschaft und Wirtschaftsberichterstattung

Deutschland gilt als Ursprungsland der Zeitung. Bereits 1605 erschien in Strafi- burg die von Johann Carolus veroffentlichte „Relation aller furnemmen und gedenckwurdigen Historien“ (Purer und Raabe 2007, S. 47). Von Deutschland ausgehend breiteten sich die Zeitungen dann innerhalb von wenigen Jahren uber Europa aus. 1650 erschien in Leipzig die erste Tageszeitung - „Die Einkommen- den Tageszeitungen“ -, herausgegeben von Timotheus Ritzsch (ebd.: 47). Die Pressefreiheit wurde im Ursprungsland der Zeitung jedoch verhaltnismafiig spat, im Jahre 1848 im „Reichspressegesetz“, gesetzlich verankert (ebd.: 62 ff.). Zum Ende des 19. Jahrhunderts unterschied man in Deutschland in erster Linie drei Zeitungstypen: Gesinnungs- und Parteipresse, Generalanzeiger sowie uberregio- nale Qualitatszeitungen. Letztere waren parteiunabhangig und gekennzeichnet durch eine umfangreiche politische, wirtschaftliche und kulturelle Berichterstat- tung (ebd.: 65). Zu dieser Unterteilung, die im Wesentlichen bis heute gilt, kam zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Boulevardpresse hinzu. Auf Grund ihrer umfangreichen Berichterstattung sowie der - trotz ihrer durchaus vorhan- denen Nahe zu bestimmten politischen Spektren - Parteiunabhangigkeit, wurde fur die vorliegende Untersuchung der Zeitungstyp der uberregionalen Qualitats- zeitung gewahlt. Durch ihre zumeist sehr grofie Auflage erreichen sie zudem eine grofie Leserschaft und haben daher durchaus Einfluss auf die Meinungsbil- dung im jeweiligen Land. Je nach Definition zahlen in Deutschland zu diesem Zeitungstyp sieben bis 10 uberregionale Zeitungen, darunter insbesondere die „Suddeutsche Zeitung“, die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ sowie die „Welt“. Die Wirtschaftsberichterstattung, insbesondere wirtschaftspolitische Nachrich- ten, sind ein wichtiger Bestandteil der Berichterstattung in den deutschen Me- dien. Nahezu jede deutsche Tageszeitung widmet den Wirtschaftsnachrichten einen eigenen Teil ihrer taglichen Ausgabe. In einer Vielzahl von Inhaltsanaly- sen volkswirtschaftlicher Medienberichterstattung konnte eine Tendenz zur ne- gativen Darstellung in der deutschen Wirtschaftsberichterstattung festgestellt werden (vgl. Maurer und Reinemann 2006, S. 165). Die Darstellung der wirt- schaftlichen Lage in der Presse ist in der Regel deutlich negativer, als durch offizielle Zahlen (z. B. Wirtschaftsindikatoren des Statistischen Bundesamtes) angegeben. Dies variiert zwischen den einzelnen Tageszeitungen je nach redak- tioneller Linie. Auch hangt das Ausmafi der Negativdarstellung von der aktuel- len Wirtschaftslage ab. Je besser die aktuelle Wirtschaftslage ist, desto weniger negativ fallt die Berichterstattung uber diese aus. Positive Entwicklungen der Wirtschaft werden in den Medien jedoch deutlich weniger stark aufgegriffen als negative Ereignisse und Entwicklungen. Wahrend Letztere von den Medien durchaus der Realitat entsprechend dargestellt werden, oft jedoch auch uber- spitzt und dramatisiert werden, finden positive Entwicklungen deutlich seltener Erwahnung. Von einer realitatsgerechten Darstellung der wirtschaftlichen Lage in den deutschen Medien kann demnach nicht gesprochen werden (ebd.: 166). Aufbauend auf diesen Befunden wird daher im Sinne einer Arbeitshypothese fur die empirische Untersuchung vermutet, dass die Berichterstattung uber die Finanzkrise in den deutschen Tageszeitungen eine deutlich negative Tendenz

[...]


[1] Wie an spaterer Stelle naher beleuchtet, trifft dieser Umstand in erster Linie auf Deutsch­land, nicht jedoch auf Spanien zu, wo insbesondere dem Fernsehrundfunk eine hohe Bedeutung zukommt.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Die Berichterstattung über die Finanzkrise
Untertitel
Eine komparative Analyse zwischen Deutschland und Spanien
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg  (Komparative Makrosoziologie)
Veranstaltung
Die neue Kultur des Kapitalismus
Note
1,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
26
Katalognummer
V155383
ISBN (eBook)
9783640691821
ISBN (Buch)
9783640692255
Dateigröße
527 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Makrosoziologie, Kapitalismus, Inhaltsanalyse, Deutschland, Spanien, Finanzkrise, Die Welt, El Mundo, Zeitung, Lehman Brothers
Arbeit zitieren
Nora Müller (Autor), 2009, Die Berichterstattung über die Finanzkrise, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/155383

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