Querschnittsstudie zur Standstabilität abstinenter Alkoholabhängiger in der stationären Therapie


Wissenschaftliche Studie, 2008

26 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Querschnittsstudie zur Standfahigkeit abstinenter Alkoholabhangiger in der stationaren Therapie
1.1 Einleitung
1.2 Stand der Forschung
1.3 Zielsetzung
1.4 Untersuchung
1.4.1 Probanden
1.5 Methodik
1.6 Statistik
1.7 Ergebnisse
1.7.1 Romberg-Versuch
1.7.2 Functional Reach Test
1.7.3 Time-chair-rise
1.7.4 5-Punkt-Test
1.7.5 Klassische Tests
1.7.6 Nikotin
1.7.7 Korrelationen zwischen Variablen und EinfluBgroBen
1.8 Diskussion

Literatur

Christoph Hagen

1 Querschnittstudie zur Standstabilitat abstinenter Alkoholabhangiger in der stationaren Therapie

1.1 Einleitung

Wahrend im Ausland vorrangig in den USA eine Reihe von Untersuchungen zu motorischen Funktionen bei Alkoholabhangigen stattgefunden haben, gibt es in Deutschland wenig aktuelle Untersuchungen zu diesem Thema (Bottlender & Soyka 2007 Juli 17). Mit dieser Untersuchung der motorischen Funktion der Standstabilitat in der Rehabilitation von Alkoholabhangigen soll ein Schritt unternommen werden, die Ergebnisse an einer deutschen Rehabilitationsklinik mit den Literaturergebnissen aus dem Ausland zu vergleichen.

Kleinhirnatrophien und Polyneuropathien gelten als mogliche Folgeschaden langjahriger Alkoholabhangigkeit (Singer& Teyssen 2001, A-2109).

„Atrophische Veranderungen vor allem des Kleinhirnoberwurmes sind schon lange bekannt“ (Gaspar & Mann & Rommelspacher 1999, 199; vgl. Mann & Gann & Gunthner 2004, 398; vgl. Sullivan & Pfefferbaum 2005, 588). Fur das Auftreten der alkoholbedingten Kleinhirnatrophie werden unterschiedliche Werte genannt. Schmidt & Schmidt (2003, 81) nennen ca. 30% der Alkoholabhangigen. Andere Veroffentlichungen sprechen von einem Vorkommen von 30-50% und weisen darauf hin, das die Symptomatik haufiger ist, als fruher angenommen (Gaspar & Mann & Rommelspacher 1999, 199; Mann & Gann & Gunthner 2004, 398). Im Bezug auf Polyneuropathien wird festgestellt: „Die haufigste chronische Nervenerkrankung bei Alkoholikern ist die Polyneuropathie (PNP). Sie ist klinisch bei etwa 50 Prozent, elektromyografisch sogar bei 70 Prozent der Alkoholiker nachweisbar“ (vgl. http://www.aerztezeitung.de/docs/1999/11/04/200a1501.asp?cat=/medizin/alkohol/suchtalk, 2007 Februar 13). Die Kleinhirnathropie und die Polyneuropathie gelten bei Alkoholabhangigen als Ursache einer Reihe von motorischen Einschrankungen(ebenda, Singer & Teyssen 2001, A-2109). Im Gegensatz zu den kognitiven Untersuchungen der Folgen des Alkoholismus kommen Sullivan u.a. (2000a) zu dem Schluss, dass die Schadigungen der motorischen Funktionen weitestgehend wenig Beachtung gefunden haben, obwohl diese fruher in Erscheinung treten als kognitive Funktionen. Eine dieser Schadigungen motorischer Funktionen ist die Standataxie (Sullivan & Pfefferbaum 2005, S.1 ff, http://www.aok.de/bund/tools/medicity/diagnose.php?icd=8105). Die Standataxie zeigt sich unter anderem in einer gestorten Standstabilitat. „Ein stabiler Stand zeichnet sich dadurch aus, dass sich der Korperschwerpunkt permanent uber der Unterstutzungsflache befindet“ (Bruhn 2003, 40). Die Regelung der Standstabilitat wird der Kleinhirnregion vermis zugeschrieben (Ouchi u.a. 1999, 336; vgl. Diener u.a.1989). Dazu werden afferente Informationen vestibularer, visueller und somatosensorischer und proprioceptiver Herkunft verwandt(Diener & Dichgans 1988). Uber die Purkinje-zellen in der Vermisregion nimmt das Kleinhirn Einfluss auf den Tonus der Extensoren und damit auf die Steuerung der Standstabilitat(vgl. Asmussen 1981, S. 119f, vgl. Berlit 2006). Der Verlust von Purkinje-Zellen durch die Kleinhirnatrophie bei Alkoholabhangigen beeintrachtigt das gesamte Output der betroffenen Kleinhirnregionen (vgl. Kolb 2005 Dezember 20; vgl. Andersen 2004, Baker u.a. 1999). Die besondere Bedeutung der Standstabilitat bei Alkoholabhangigen bestatigte Sullivan in einer Untersuchung, bei der sich ein positiver Zusammenhang zwischen der Standstabilitat (postural stability) und der GroBe der anterior superior vermis des Kleinhirns finden lieB (Sullivan u. a. 2000a). Zusammenfassend lasst sich feststellen, dass sich die Vermisschaden bei Alkoholabhangigen in einer eingeschrankten Standstabilitat zeigen konnen.

Weiterhin konnen bei Alkoholabhangigen Schadigungen des Nervensystems und der Muskulatur auftreten, die zu Funktionseinschrankungen fuhren konnen(Singer & Teyssen 2001, A-2109). Es wurden Schaden im Nervensystem sowohl im Bereich der weiBen als auch der grauen Substanz mit Einschrankungen der Nervenleitfahigkeit und negative Folgen motorischer und kognitiver Art beobachtet(Ubersicht bei Sullivan & Pfefferbaum 2005). Schaden in Form von Polyneuropathien fuhren zu Einschrankungen im Bereich der somatosensorischer und proprioceptiven Informationsubertragung(Singer & Teyssen 2001, A- 2109). Hierbei sind die Informationen aus dem Bereich der FuBsohle uber den Bodenkontakt fur die Standstabilitat von groBerer Bedeutung als die visuellen und die vestibularen (vgl. Granert 2006 Mai 28; Day & Guerraz & Cole 2002; Horak & Shupert 1994). Die mogliche eingeschrankte Ubertragungsfahigkeit der Nerven bei Alkoholabhangigen kann sich somit auch negativ auf die Standstabilitat auswirken.

Ferner hat man bei Alkoholabhangigen Muskelathrophien festgestellt, die einen Verlust von muskularer Kraft bedeuten konnen(Singer & Teyssen 2001, A-2109). Ein Mangel an muskularer Kraft als eine Basisvoraussetzung fur die Alltagsmotorik kann auch eine Einschrankung motorischer Funktionen, wie z.B. der Standstabilitat, zur Folge haben.

Zusammenfassend kann man feststellen, dass bei Alkoholabhangigen Kleinhirnschaden (Vermis), Polyneuropathien, Nervenschadigungen, Schadigungen der Muskulatur zu Problemen mit der Standstabilitat fuhren konnen.

Die Standstabilitat war Gegenstand einer Reihe von Untersuchungen mit abstinenten Alkoholabhangigen. Dabei wurde bei der Gruppe der Alkoholabhangigen ein schwacheres Standstabilitatsverhalten als in den Vergleichsgruppen festgestellt.

1.2 Stand der Forschung

Scholz u.a. (1986) untersuchten 78 Alkoholabhangige neurologisch, elektroneurographisch, myographisch und posturographisch. Bei 45% der Patienten wurde eine Polyneuropathie gefunden, klinische Zeichen einer Kleinhirnataxie fanden sich bei 33%, verstarkte Gleichgewichtsschwankungen im Stand (insbesondere Vor- und Ruckschwankungen) lieBen sich posturographisch bei 69% der Patienten feststellen. Die posturographische Untersuchung lieB im Gegensatz zur klinischen Untersuchung bei 2/3 der Patienten auf eine Kleinhirnatrophie schlieBen. Die AusmaBe von Kleinhirnataxie und Polyneuropathie korrelierten nicht miteinander. Dieser Unterschied wurde als ein Anzeichen fur unterschiedliche krankhafte Mechanismen, die auf die peripheren Nerven und das Kleinhirn wirken, angesehen. Diener und Dichgans (1988) kommen im Bezug auf Kleinhirnataxie und Polyneuropathie zu ahnlichen Ergebnissen; bei den untersuchten Alkoholabhangigen zeigten 1/3 klinisch cerebellare Symptome, wahrend 2/3 bei posturographischen Messungen pathologisch auffielen.

Ledin & Odkvist (1991 und 1992) untersuchten mit Hilfe von „Dynamic Posturography“ 11 abstinente Alkoholabhangige (Abstinenzzeiten 1-20 Jahre). Mit Hilfe der „Dynamic Posturography“ lassen sich Probleme mit der Standstabilitat aufgrund von visueller, proprioceptiver oder vestibularer Ursachen unterscheiden. Im Verhaltnis zur gesunden altersmaBig zugeordneten Kontrollgruppe zeigten die Alkoholabhangigen schlechtere Ergebnisse bei den Standstabilitatsuntersuchungen. Auffallig waren signifikant schlechtere Ergebnisse der Tests mit geschlossenen Augen. Eine mogliche Erklarung liegt in der haufig eingeschrankten somatosensorischen Information (Polyneuropathie, Kleinhirn/Vermis), die Alkoholabhangige scheinbar mit den Augen kompensieren. Ledin & Odkvist (1992) sahen in den Ergebnissen ernste Probleme der Alkoholabhangigen mit der Standstabilitat und eine Bestatigung von Dysfunktionen des Kleinhirns. Fruhere Untersuchungen, nach denen Alkoholabhangige bei Untersuchungen der Standstabilitat mit geschlossenen Augen groBere Vor- Ruckschwankungen (Scholz u. a. 1986) aufwiesen, konnten bestatigt werden.

Sullivan u. a. (2002) untersuchten 43 alkoholabhangige Frauen, die verglichen mit der Kontrollgruppe in Tests zur Standstabilitat (Postural balance) und zum Gangverhalten signifikant schlechter abschnitten (p<0.03). Die Ergebnisse wurden mit Hilfe einfacher Ataxietests( Romberg, Gehen auf einer Linie, Stehen auf einem Bein, jeweils mit offenen und geschlossenen Augen) gewonnen. Bei einem Test der Funktion der oberen Extremitaten (Griffstarke und 5- Finger Koordination) lieBen sich hingegen keine signifikanten Unterschiede beobachten. Dieser Test bezog sich Integritat der Basalganglien und den Gyrus praecentralis (ebenda).

In einer weiteren Untersuchung fanden Sullivan u. a. (2002a) bei 13 Mannern und 26 Frauen eine Bestatigung der obigen Untersuchung und zusatzlich signifikant langsamere Bewegungen bei Tests zu den oberen und unteren Extremitaten(p<0.002). Die reduzierte Geschwindigkeit konnte auch fur eine Polyneuropathie, eine Schadigung der weiBen Substanz, die eine verringerte Nervenleitfahigkeit zur Folge hat, sprechen. Die Zielgenauigkeit, oft ein Kriterium fur Kleinhirn-Hemispharentests (Intentionstremor), war dagegen kaum betroffen (Sullivan u. a. 2002a).

In einer weiteren Untersuchung von 71 abstinenten alkoholabhangigen Mannern (einen Monat und langer abstinent) fanden Sullivan u. a. (2000) wie oben beschrieben gegenuber der Kontrollgruppe schlechtere Ergebnisse in Standstabilitat (Postural balance) und Gangverhalten, die sie auf Dysfunktionen im Kleinhirn zuruckfuhren. Diese Ergebnisse hatten auch unabhangig von IQ oder Bildung bestand. Die Ergebnisse zeigten einen deutlichen Einfluss des Alters auf das Gleichgewichtsverhalten, jedoch keinen eindeutigen Zusammenhang zu der uber die Lebensspanne konsumierten Alkoholmenge(ebenda). In einer 2006 veroffentlichen Studie an 39 abstinenten Alkoholabhangigen (verglichen mit 30 gesunden Mannern) fanden Sullivan u.a. ein grundsatzlich schlechteres Standstabilitats- (Postural balance) und Gangverhalten der Alkoholabhangigen(Sullivan & Rose & Pfefferbaum 2006, 1). Im Zusammenwirken mit einer Plastikhilfe, die selber kein Gewicht tragen konnte und die mit dem Zeigefinger beruhrt werden durfte, konnten die Alkoholabhangigen sich so weit stabilisieren, dass ihr Schwankverhalten von den Gesunden nicht mehr zu unterscheiden war. Fur Sullivan ein Anzeichen, „that the alcoholics had functionally adequate sensorimotor integration skills despite the likely cerebellar basis for impaired postural control“(Sullivan & Rose & Pfefferbaum 2006, 7). Aus meiner Sicht schafft es das vestibulare System, sich mit der zusatzlichen sensorischen Information aus der oberen Extremitat(bei Alkoholabhangigen haufig erst in sehr fortgeschrittenem Stadium gestort) zu stabilisieren. Es spricht dafur, dass die sensorische Information aus der unteren Extremitat(bei Alkoholabhangigen haufig gestort), keine ausreichenden sensorischen Informationen an das vestibulare System liefern konnte. Sullivan bezieht sich in ihrer Untersuchung nur auf Schadigungen des Kleinhirns und beachtet periphere Storungen wie Polyneuropathie nur, wenn sie als Diagnose gestellt wurde. Aus der klinischen Erfahrung heraus hat es sich gezeigt, das sensible Storungen der unteren Extremitaten bei vielen Alkoholabhangigen auch ohne die Diagnose Polyneuropathie bestehen (vgl. http://www.aerztezeitung .de/docs/1999/11/04/200a1501 .asp?cat=/medizin/alkohol/suchtalk, 2007 Februar 13).

In einer weiteren Studie konnten Sullivan u. a. (2000a) einen positiven Zusammenhang zwischen der Standstabilitat (postural stability) und der GroBe der anterior superior vermis des Kleinhirns finden. Dieser Bereich des Kleinhirns ist durch die Folgen des chronischen Alkoholismus besonders betroffen. Untersucht wurden 34 Alkoholabhangige, davon 9 mit Korsakovdiagnose.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Bei den oben genannten Studien fallt auf, dass die Gruppen der Alkoholabhangigen sich im Bereich der Standstabilitat von den Kontrollgruppen unterscheiden. Der Intentionstremor, Gegenstand von neurologischen Untersuchungen zur Uberprufung der Funktion der Kleinhirnhemispharen bei Alkoholabhangigen ist in zwei Studien dagegen nicht auffallig.

Alle neueren der hier erfassten Studien stammen aus dem amerikanischen Raum. Zur Situation an deutschen Rehabilitationskliniken gibt es bisher keine aktuellen Untersuchungen zur Standstabilitat von Alkoholabhangigen (Bottlender & Soyka 2007 Juli 17). In der Literatur fand sich jedoch eine Beschreibung einer bewegungstherapeutischen Intervention mit dem Ziel der Verbesserung der Gang- und Standstabilisation bei chronisch und mehrfachbeeintrachtigten Alkoholabhangigen (Reymann & Scherer & Heinz 2000, S.77-79). Es wurden Bewegungen auf einer Art Weichmatte mit dem Ziel der Stand- und Gangstabilitat ausgefuhrt. Eine telefonische Rucksprache mit den Verantwortlichen ergab, dass zu der Intervention bisher noch keine Ergebnisse vorliegen, aber ein positiver Einfluss des Trainings beobachtet wurde.

[...]

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Querschnittsstudie zur Standstabilität abstinenter Alkoholabhängiger in der stationären Therapie
Autor
Jahr
2008
Seiten
26
Katalognummer
V155410
ISBN (eBook)
9783640693245
ISBN (Buch)
9783640693474
Dateigröße
570 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
motorische Funktionen, Alkoholabhänigkeit, Standstabilität, Rehabilitation, Alkoholabhängige, Gleichgewicht
Arbeit zitieren
Christoph Hagen (Autor:in), 2008, Querschnittsstudie zur Standstabilität abstinenter Alkoholabhängiger in der stationären Therapie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/155410

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