Genealogie als Narrativ

Die Verwendung der Genealogien in Herodots Historien


Seminararbeit, 2010

25 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

Hauptteil

I. Theoretische Uberlegungen: Form und Funktion von Genealogien in der literarischen Tradition
1. Das Epos
1.1. Homer, Ilias
1.1.1. Aeneas, Asteropaios, Achill
1.1.2. Glaukos: Das Blattergleichnis
1.2. Hesiod
2. Hekataios von Milet

II. Die Verwendung der Genealogien in den Historien
1. Parallelen: Die Griechen. Leonidas, Leutychides, Pausanias
2. Nicht-Griechen
2.1. Gyges bis Kroisos: Die Mermnaden
2.2. Kyros und Kambyses
2.3. Dareios und Xerxes
3. Kandaules: Die Herakliden. Die Rolle des Schicksals

Appendix

Literaturverzeichnis

Einleitung

„Auf! Beginnen wir nun von den Musen, die droben im Himmel
Singend den hehren Sinn des gottlichen Vaters erfreuen;
Kunden doch alle Vergangnes, die Gegenwart und auch die Zukunft
Einig im Lied...‘a

(Hesiod, Theogonie, 36-39)

Die Form, in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft eine Einheit bilden, ist das yevo^. Die Vorstellung, dass die eigene Person in einer Abstammunslinie steht, die auf einen Ahnherrn zuruckgeht und die sie selbst fortsetzt, verbindet im Bewusstsein des Individuums Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Alle Zeitstufen sind miteinander verknupft. Ihren Ausdruck findet diese Vorstellung im Lied der Musen, prosaisch formuliert: in der Genealogie.

Betrachtet man die Grobstruktur des herodoteischen Geschichtswerks, fallt auf, dass es nach lydisch-persischen Herrschern aufgebaut ist. Da in einer Sukzession der Sohn dem Vater auf den Thron folgt, insofern die Herrschaft nicht mit Gewalt von einem fremden Gegner ubernommen wird, liegt es nahe zu fragen, welche Rolle die Abstammung in den Historien spielt. Dabei soll nicht aufgeklart werden, ob die Angaben historisch korrekt sind, sondern analysiert werden, welche Leistung die Genealogien in narrativer Hinsicht erbringen.

Die Auseinandersetzung mit solchen Abstammungslinien beginnt schon bei Homer: Die homerischen Helden stellen sich vor, indem sie ihre Vorfahren nennen. Exemplarisch sollen hier die Genealogien des Aeneas, des Asteropaios und des Achill untersucht werden. Zudem wird das Blattergleichnis des Glaukos naher besehen. Hesiod wahlt sich den Gegenstand zum Hauptthema seines Werks: Er beschreibt die Entstehung der Welt und der drei Gottergenerationen vom Chaos an. Eine zentrale Rolle spielen Genealogien auch bei Hekataios in seinem gleichnamigem Werk.[1]

Da diese drei Autoren als literarische Vorlaufer Herodots betrachtet werden konnen, soll in einem ersten Schritt auf Grundlage ihrer Werke ein theoretisches Modell entwickelt werden. Es sollen drei Aspekte untersucht werden: Welche Form haben die Genealogien? Wie sind sie ausgerichtet? Welche narrative Funktion erfullen sie damit?

In einem zweiten Schritt soil dieses Modell auf die Historien des Herodot angewendet werden. Dabei wird der Frage nachgegangen, welche etablierten Anwendungsweisen abgerufen werden, auf welche verzichtet wird und welche Aspekte womoglich neu sind. Es werden zunachst die Stammbaume der griechischen Heerfuhrer Leonidas, Leutychides und Pausanias betrachtet, um dann die Verwendung von Genealogien bei den Nicht-Griechen zu untersuchen. Eine Sonderstellung nimmt die Genealogie des Kandaules ein, die abschlieBend analysiert wird.

I. Theoretische Uberlegungen: Form und Funktion von Genealogien in der literarischen Tradition

1. Das Epos

1.1. Homer, Ilias

1.1.1. Aeneas, Asteropaios, Achill

a) Genealogie des Aeneas, 20. Gesang, 200-258 Kontext

Zeus versammelt die Gotter und erlaubt ihnen, wieder am Kampfgeschehen teilzunehmen (23-5). Sie stellen sich einander gegenuber, warten aber zunachst noch ab. Apollon treibt in Gestalt des Lykaon Aeneas zum Kampf mit Achill an (83-5). Dieser erhebt Einwande; der Gott kann ihn jedoch mit dem Hinweis auf seine Abstammung uberzeugen, sich Achill zu stellen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Als Aeneas und Achill aufeinander treffen (158ff.), schmaht dieser ihn, indem er sagt, Priamos schatze ihn gering. Zudem erwahnt er dieselbe Geschichte, die schon Aeneas im Gesprach mit Apollon als Argument gegen den Kampf angefuhrt hatte: schon einmal sei Aeneas in einer Begegnung mit ihm unterlegen gewesen und nur durch die Hilfe eines Gottes gerettet worden. Deshalb solle er ihn nicht herausfordern und sich zuruckziehen. In seiner Antwort legt Aeneas nun seine Abstammung dar; er spiegelt damit die Argumentation Apollons knapp 100 Verse zuvor.

Aeneas’ Rede

Aeneas beginnt seine Antwort mit der AuBerung, Achill konne ihn nicht mit Worten einschuchtern. Apollon hatte vorausgesehen, dass er dies versuchen wurde (108-9). Nach dem Vergleich ihrer jeweiligen Eltern greift er das Motiv „Waffen statt Worte“ noch einmal auf und rundet so den ersten Teil seiner Rede ab.

Darauf folgt die Genealogie (213-41). Sie ist nicht unmittelbar durch die vorausgehende Rede Achills motiviert - ublicherweise geht der Angabe des eigenen Stammbaums die Frage „Wer bist du und woher von den Mannern (...)?“ (bspw. 21,150; s.u.) voran. Allerdings reagiert Aeneas mit der Darlegung seiner Verwandtschaft mit Priamos und dem Verhaltnis seiner Vorfahren zu den Gottern direkt auf die beiden Vorwurfe Achills, die Gotter hatten ihn bei ihrem letzten Treffen gerettet und er stehe den Sohnen des Priamos an Ehre nach.

Die Genealogie wird eingerahmt von den gleichen Formeln, derer sich auch Glaukos gegenuber Diomedes bedient, um sich vorzustellen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Aeneas fuhrt seine vaterliche Abstammungslinie auf Zeus zuruck. Dieser habe Dardanos gezeugt, der Dardanie grundete und wiederum Erichthonios zeugte. Ihm werden gleich 10 Verse gewidmet, um seinen Reichtum, insbesondere an Pferden, auszufuhren; mit ihnen habe Boreas zwolf Fohlen gezeugt. Erichthonios Sohn Tros habe drei Sohne gehabt, unter ihnen Aeneas’ UrgroBvater Assarakos, dessen Bruder Ganymedes von Zeus auf den Olymp geholt worden sei, um ihm als Mundschenk zu dienen. Sein zweiter Bruder Ilos habe als Grunder des trojanischen Furstenhauses Laomedon und dieser Priamos neben vier anderen Sohnen gezeugt. Von Assarakos stamme eine Reihe einzelner Sohne ab: Assarakos, Kapys, Anchises, Aeneas. Die Aufzahlung schlieBt mit der Nebeneinanderstellung von Hektor und Aeneas: den Aeneas habe Anchises gezeugt, Priamos aber den Hektor.

Die beiden Hauptargumente seiner Rede sind die Nahe seiner Vorfahren zu den Gottern (Boreas, Zeus, Aphrodite) und der gemeinsame Stammbaum mit Hektor, der beide gemeinsam auf eine Stufe stellt. Zudem zeichnen sich seine Vorfahren durch groBe Besitztumer aus. Aeneas widerlegt damit Achill’s Warnung, ein ihm nicht ebenburtiger Gegner zu sein. Er verwendet seine Genealogie als Legitimation, gegen Achill zu kampfen.

Indem er noch einmal das Motiv „Waffen statt Worte“ aufgreift, fordert er deshalb Achill zum Kampf heraus:

Von der Kampfkraft aber bringst du mich nicht ab mit Worten, den Begierigen, / Ehe du nicht mit dem Erz entgegen gekampft hast. Doch auf! schnell! / Kosten wir denn voneinander mit den erzbeschlagen Lanzen! (256-8)[2]

Die beiden Helden schleudern ihre Lanzen aufeinander. Aeneas’ Lanze bleibt im Schild Achills stecken; Achills Lanze jedoch durchschlagt Aeneas’ Schild und bleibt im Boden stecken. Als Aeneas zu unterliegen droht, beschlieBt Poseidon, ihn zu entrucken, da es ihm bestimmt sei, die Linie des Dardanidengeschlechts fortzufuhren (300-8). Achill sieht ein, dass Aeneas sich zurecht seiner Vorfahren und ihrer Nahe zu den Gottern geruhmt hat - ein weiteres Mal hat ihm ein Gott beigestanden:

Ja, auch Aineias war lieb den unsterblichen Gottern! / Und ich meinte, daB er sich leer, nur drauflos, so ruhmte. (347f.)[3]

b) Asteropaios und Achill, 21. Gesang, 149-199

Kontext

Achill treibt einen Teil der Troer in den Fluss Skamandros. Er wutet und mordet unter ihnen, sodass sich das Wasser des Flusses rot farbt (21). Lykaon, ein Sohn des Priamos, fleht Achill an, ihn zu verschonen; dieser erbarmt sich jedoch nicht, sondern erschlagt ihn, mit der Begrundung, auch ein Heroe mit vorzuglicher (gottlicher) Abstammung sei dem Schicksal letztendlich ergeben (akX em xoi Kai epoi Gavaxo^ Kai potpa Kpaxaip, 110). Daruber erzurnt, legt der Flussgott dem Asteropaios „pevo<; (...) ev 9peoi“, „Kraft (...) in die Sinne“ (145), als er sich Achill entgegenstellt. Er rettet ihn jedoch nicht vor dem Tod.

[...]


[1] ubers. von T. von Scheffer in: Hesiod. Samtliche Werke, E.G. Schmidt (Hrsg.), Leipzig 1965.

[2] ubers. von W. Schadewaldt

[3] ders.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Genealogie als Narrativ
Untertitel
Die Verwendung der Genealogien in Herodots Historien
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Seminar für Klassische Philologie)
Veranstaltung
Proseminar Griechische Historiographie: Herodot
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
25
Katalognummer
V155414
ISBN (eBook)
9783640677948
ISBN (Buch)
9783640677962
Dateigröße
486 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Genealogie, Narrativ, Genealogien, Historien, Herodot
Arbeit zitieren
Juliane Dienemann (Autor), 2010, Genealogie als Narrativ, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/155414

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