Die triviale Feststellung, dass das Lesen eine eindeutige körperliche Tätigkeit sei, wird zum zentralen Gegenstand meiner literaturtheoretischen Arbeit.
Es wird mit einem interdisziplinären Ansatz eine neue Perspektive auf das Lesen eröffnet. Entgegen der klassischen Literaturtheorie und insbesondere der Hermeneutik, wird der Leseakt nicht als ein rein intellektueller Akt, sondern als ein performativer Akt verstanden. Dies wird zunächst literaturtheoretisch begründet und anschließend anhand einer exemplarischen Analyse aufgezeigt.
In der Arbeit erfahren Sie aus einer leserorientierten Perspektive, was es heißt, den Leseakt performativ zu verstehen und inwiefern neuste Forschungsergebnisse aus der Kognitionswissenschaft (Embodiment-Konzept), die Annahme eines performativen Leseaktes stützen. Auf der Grundlage dieser Arbeit können weitere Überlegungen zur Interpretationspraxis und zum Verhältnis von Autor, Werk und Leser getroffen werden.
Inhaltsverzeichnis
- 1. Einleitung: Zum Gegenstand der Arbeit
- 2. Forschungsbericht
- 3. Lesen als ein performativer Akt
- 4. Problematisierung der hermeneutischen Perspektive Hirschs auf den Leseakt
- 5. Fazit und Ausblick
- 6. Literaturverzeichnis
- 6.1. Primärliteratur
- 6.2. Sekundärliteratur
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Lesen nicht nur als einen intellektuellen, sondern auch als einen performativen Akt und problematisiert E. D. Hirschs hermeneutische Perspektive, die das Lesen auf einen rein intellektuellen Vorgang reduziert. Sie vertritt die These, dass der Leseakt als intellektueller und performativer Akt verstanden werden muss, da neben kognitiven Prozessen auch ergologische und physiologische Faktoren das Lesen beeinflussen und situativ einbetten, wodurch es ein individueller Akt bleibt.
- Die Betrachtung des Lesens als eigenständige körperliche Handlung.
- Die Kritik an der Reduzierung des Leseakts auf einen rein intellektuellen Vorgang in traditionellen Literaturtheorien.
- Die Einführung und Differenzierung des Konzepts des performativen Leseakts.
- Die Analyse und Problematisierung von E. D. Hirschs hermeneutischer Perspektive zur objektiven Interpretation.
- Die Integration kognitionswissenschaftlicher und soziophysiologischer Ansätze zur Unterstützung der These.
- Die Betonung der individuellen und situativen Einbettung des Leseakts.
Auszug aus dem Buch
Lesen als ein performativer Akt
Im Folgenden soll ein Konzept vom Leseakt dargestellt werden, das dafür argumentiert, dass das Lesen sowohl aus einem intellektuellen als auch performativen Akt besteht. Da vor allem letzteres in der Hermeneutik kaum berücksichtigt wird, soll die intellektuelle Seite nur kurz definitorisch dargelegt und die performative differenziert ausgeführt werden, sodass deutlich wird, dass der Leseakt mehr als ein geistiger Prozess ist. Zunächst bedarf es einer terminologischen Klärung, was unter einem intellektuellen Akt verstanden wird. Das Lesen als einen intellektuellen Akt zu beschreiben, zielt darauf ab, das Lesen als eine ausschließlich geistige Tätigkeit zu betrachten, da das Lesen als ein mental-neuronaler Denkprozess verstanden und als eine abstrakte Größe behandelt wird. Es bezieht sich somit auf das Denk- und (hö-here) Erkenntnisvermögen des Subjekts, das durch seinen intuitiven Charakter bestimmt ist. Den Leseakt als eine ausschließlich geistige Tätigkeit zu betrachten, wird in klassischen kognitionspsychologi-schen Lesekonzepten und in Begriffserläuterungen diverser Lexika zementiert, wonach der Leseakt bedeute: „[...] to look at or otherwise scan (as letters or other symbols representing words or sentences) with mental formulation of the words or sentences represented.“
Das davon ausgegangen, dass die Leiblichkeit eine Basis der Kognition sei, womit die Annahme der älteren Forschung, dass der Geist getrennt vom Körper zu betrachten sei, zurückgewiesen werden kann. Damit lässt sich dieser Ansatz in eine Symbiose mit der These der vorliegen-den Arbeit bringen, das Lesen als eine physiologische Tätigkeit wahr-zunehmen, da das menschliche Denken in und mit dem Körper statt-findet. Folglich können jene Erklärungsmodelle in Frage gestellt wer-den, die zu stark die Abstraktheit des Denkens (Computermetapher) oder dessen neuronalen Grundlagen (Neurowissenschaft) betonen.
Verstehen eines Textes sei demnach das Ergebnis mentaler Prozesse, indem durch das kognitive Erkennen von Buchstaben, Sinn (Bedeu-tung) neuronal entstehen würde. Dieses Verständnis vom Lesen be-zieht die körperliche Erfahrung des Leseaktes nicht mit ein und geht auf eine alte Überzeugung der Geisteswissenschaften zurück, dass der Körper getrennt vom Intellekt zu betrachten sei. Den Ursprung die-ser Denkrichtung findet sich im Ausdruck des französischen Philoso-phen, René Descartes, wieder: „Cogito ergo sum“. Diese Vorstellung, dass das Gehirn (der Geist) ein Denkorgan sei, das losgelöst vom Kör-per funktioniere, definierte Langezeit die Betrachtungsweise der Geis-teswissenschaften. Von dieser irrtümlichen, seit der frühen Neuzeit verbreiteten Einstellung des „nackten Verstandes“, muss sich auch in der Erkenntnistheorie der Literaturwissenschaft verabschiedet werden, weshalb im Folgenden eine weitere Betrachtungsweise auf den Lese-akt eingeführt wird, die das Lesen als einen körperlichen Akt und als eine aktive und wirklichkeitskonstituierende Handlung versteht.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Zum Gegenstand der Arbeit: Dieses Kapitel führt in die Thematik des Lesens als performativen Akt ein und grenzt es von rein intellektuellen Leseauffassungen ab, um die Forschungsfrage und die Kernthese der Arbeit zu formulieren.
2. Forschungsbericht: Hier wird der aktuelle Forschungsstand zum Leseakt erörtert und ein Forschungsdesiderat identifiziert, indem gezeigt wird, dass das Lesen in der Literaturwissenschaft selten als eigenes Forschungsthema behandelt wird und der reale Leser oft vernachlässigt wird.
3. Lesen als ein performativer Akt: Das Kapitel entwickelt ein Konzept, das das Lesen als intellektuellen und performativen Akt begreift, wobei der Fokus auf den handlungsbezogenen und körperlichen Aspekten des Lesens liegt, gestützt durch Theorien der Performativität und verkörperter Kognition.
4. Problematisierung der hermeneutischen Perspektive Hirschs auf den Leseakt: Dieses Kapitel kritisiert E. D. Hirschs hermeneutischen Ansatz zur objektiven Interpretation, da dieser den Leseakt auf eine intellektuelle Tätigkeit zur Rekonstruktion des Autorensinns reduziert und die körperlichen sowie situativen Einflüsse auf den Leseakt ignoriert.
5. Fazit und Ausblick: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen, bestätigt die Notwendigkeit, das Lesen als performativen Akt zu verstehen und betont die Überkomplexität, die durch physiologische Einflüsse entsteht, welche in Hirschs Theorie übersehen werden.
6. Literaturverzeichnis: Listet alle verwendete Primär- und Sekundärliteratur auf.
Schlüsselwörter
Lesen, performativer Akt, Hermeneutik, E. D. Hirsch, intellektueller Akt, Körperlichkeit, Embodiment, Kognitionswissenschaft, Leserzentrierte Literaturwissenschaft, Interpretation, Bedeutungskonstruktion, Literaturtheorie, Rezeption, Soziophysiologie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit dem Leseakt und argumentiert, dass dieser nicht nur ein intellektueller, sondern auch ein performativer, also körperlich und handlungsbezogener Vorgang ist, und problematisiert eine rein intellektuelle Auffassung des Lesens, insbesondere in der Hermeneutik.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themenfelder sind die literaturtheoretische Diskursanalyse des Leseakts, die Hermeneutik, insbesondere die Interpretationstheorie von E. D. Hirsch, Performativitätstheorien sowie kognitionswissenschaftliche Ansätze zur verkörperten Kognition (Embodiment).
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es, den Leseakt stärker als performativen Akt darzustellen und die Dichotomie zwischen Körper und Geist sowie Text und Leser in Hirschs Hermeneutik aufzuheben. Die Forschungsfrage lautet, ob das Lesen als ein performativer Akt bezeichnet werden kann und inwiefern der Leseakt in Hirschs Interpretationstheorie auf einen intellektuellen Akt reduziert wird.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit verfolgt einen interdisziplinären Ansatz, der literaturtheoretische Diskursanalyse mit kognitionswissenschaftlichen Erkenntnissen verbindet und eine exemplarische Analyse von Hirschs hermeneutischem Ansatz durchführt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil wird zunächst ein Leseaktkonzept als performativer Akt entwickelt und anschließend E. D. Hirschs hermeneutische Perspektive zur objektiven Interpretation detailliert analysiert und problematisiert, um die Reduzierung des Lesens auf einen rein intellektuellen Vorgang aufzuzeigen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird charakterisiert durch Schlüsselwörter wie Lesen, performativer Akt, Hermeneutik, E. D. Hirsch, intellektueller Akt, Körperlichkeit und Embodiment.
Welche Kritik wird an E. D. Hirschs Interpretationstheorie geübt?
Hirschs Theorie wird kritisiert, weil sie den Leseakt auf eine rein intellektuelle Tätigkeit zur Rekonstruktion des Autorensinns reduziert, physiologische und situative Einflüsse ignoriert und somit den Leseakt als unterkomplex behandelt, indem sie seinen Handlungscharakter verkennt.
Wie wird der Begriff der Performativität in dieser Arbeit definiert?
Performativität wird einerseits als Handlungen verstanden, die Wirklichkeit hervorbringen, und andererseits als verkörperter Akt, der visuelle, kognitive, imaginative, memorale und emotionale Aktivitäten beim Lesen umfasst, also ein "Akt der Inkorporation".
Welche Rolle spielen Georges Perec, Roland Barthes und Umberto Eco in der Argumentation?
Georges Perec gilt als Pionier des Konzepts des realen Lesers, indem er sozio-physiologische Einflüsse auf den Leseakt betonte. Roland Barthes und Umberto Eco werden herangezogen, um zu zeigen, dass die Sinnkonstruktion im Leseakt selbst verortet ist und der Leser aktiv an der Bedeutungsproduktion beteiligt ist, was Hirschs Auffassung entgegensteht.
Wie unterscheidet sich die Arbeit von traditionellen Lesekonzepten?
Die Arbeit unterscheidet sich von traditionellen, oft hermeneutischen Lesekonzepten, indem sie das Lesen nicht primär als passive Rezeption oder intellektuellen Entzifferungsakt versteht, sondern als dynamischen, körperlich verankerten und situativ beeinflussten performativen Akt, der Bedeutung aktiv konstruiert.
- Citation du texte
- Dennis Dapprich (Auteur), 2024, Lesen als ein performativer Akt, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1554429