Der Gesellschaftsbegriff ist und war keine (sozial)wissenschaftliche Konstante in der scientific community. Die Beschäftigung mit ihm reicht über Jahrhunderte, und zwar, gemäß einer selektiven Auswahl meinerseits, von den alteuropäischen pluralistischen „Gesellschaften“ mit partikulärem Charakter über die universale Benennung der „Gesellschaft schlechthin“ im 19.Jahrhundert, gemäß Eberhard Gothein, bis zur aktuellen Weltgesellschaft. Letztere ist ein Neologismus der 1970er Jahre, dessen Konnotation das „Weltweite“ und „die moderne Gesellschaft“ beinhaltet. Die Singularität „einer Gesellschaft“ etablierten, unabhängig voneinander, John W. Meyer, Peter Heintz und Niklas Luhmann. Mittlerweile wird im 21.Jahrhundert im Zusammenhang mit (oder als Alternative zu) Globalisierung über den Begriff „einer einzigen Gesellschaft“ debattiert. Es stellt sich die Frage, ob Globalisierung bzw. Weltgesellschaft das Ende des Nationalstaates bewirkt/einleitet/unterstützt. Schon einmal, im 19.Jahrhundert, (ver)meinte Herbert Spencer das Ende des Staates und der „militant society“ zu erkennen, angesichts der unaufhaltsamen "industrial society". Den heutigen Positionen von Globalisierungsgegnern und den Befürwortern (methodisch) ähnlich richtete sich Durkheims Vertragssolidarität unmittelbar gegen die Spencerische Theorie des sterbenden Staates. Sein empirischer Ansatz in Über soziale Arbeitsteilung (1893) prognostiziert ein Wachstum der Staatsfunktionen in der Moderne.
Ist das Oppositionsverhältnis von Staat und Gesellschaft sinnvoll, wenn das Staatsvolk als grundlegendes Element eine gesellschaftliche (mehr oder weniger große) Organisation in Form eines Stammes, einer Dorf- oder Weltgemeinschaft sein kann? Ist es sinnvoll von Staat zu sprechen ohne die Gesellschaft mit einzubeziehen, obwohl das Synonym für Staat in Vertragstheorien „bürgerliche Gesellschaft“ lautet? Hegels Verständnis der bürgerlichen Gesellschaft, das noch nicht an Brisanz eingebüßt hat, zeigt, dass sie eine bedeutende, aber untergeordnete Rolle spielt und zwar als „äußerlicher Staat“ oder „Notstaat und Verstandesstaat“. Dilthey beispielsweise zweifelte scharf an einer Trennung von Staat und Gesellschaft, verwies aber „die äußere Organisation der Gesellschaft“ an die Staatswissenschaften und gebrauchte Gesellschaft als Oberbegriff.
Das Antonym Gesellschaft und Staat vertraten zahlreiche Theoretiker wie Marx, Engels, Stein, Mohl und Tönnies.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitende Worte
2. Gesellschaftstheorie und Staat
2.1 Untersuchung über Wesen und Ursachen des Reichtums der Völker
2.2 Politikethnologie
2.3 Soziologische Erklärungsansätze zu Entstehung und Funktion des Sozialstaats
2.4 Der gesellschaftliche Ort der Massenkommunikation
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit verfolgt das Ziel, die spezifische Bedeutung und Funktion verschiedener Gesellschaftsformen – von „primitiven“ bis hin zu modernen und publizistischen Gesellschaften – im Hinblick auf ihre Beziehung zum Staat zu analysieren und theoretisch einzuordnen. Ausgehend von unterschiedlichen gesellschaftstheoretischen Ansätzen wird untersucht, wie staatliche Strukturen durch den sozialen Wandel und die jeweiligen Organisationsformen der Gesellschaft geprägt werden.
- Analyse der historischen Entwicklung von Gesellschaftsformen und deren staatlicher Organisation
- Untersuchung des Verhältnisses von „primitiven“ Gesellschaften zu politischer Herrschaft
- Diskussion der Entstehungsfaktoren und Funktionen des modernen Wohlfahrtsstaates
- Reflexion der Rolle der Massenkommunikation als Instrument und Faktor in modernen Gesellschaften
- Interdisziplinäre Betrachtung des Staates als zentrales Ordnungs- und Verwaltungsinstitut
Auszug aus dem Buch
Soziologische Erklärungsansätze zu Entstehung und Funktion des Sozialstaats
Der deutsche Soziologe Stephan Lessenich behandelt in Soziologische Erklärungsansätze zu Entstehung und Funktion des Sozialstaats (2000) „die“ politische Organisationsform der modernen Gesellschaft: den Wohlfahrtsstaat. Die soziologische Perspektive auf eine „neu- wie einzigartig institutionelle Struktur“ (Lessenich 2000: S.39) moderner Gesellschaften löst die (in dieser Arbeit) vorangehende politikethnologische Perspektive auf die Gesellschaftstypen primitiver, mehr oder weniger entwickelter, Staaten ab. Sowie Primitivgesellschaften (Stagl) Lebenswahrheit des 21. Jahrhunderts sind, ist der Sozialstaat „gesellschaftshistorische Realität“ (Lessenich 2000: S.39). Die Vermögenden reicher Gesellschaften genießen noch heute, weit nach Smiths Ausführungen (1776), wie selbstverständlich höchstes Ansehen, aber ohne Befehlskompetenz. Mittels Sozialhilfe und zahlreichen Sozialsicherungsprogrammen sollen „Wohlstandsdifferenzen zwischen sozialen Milieus und geografischen Räumen“ (Zurbriggen 2003: S.362) behoben oder zumindest vermindert werden. Das ist die Kernaufgabe des Wohlfahrtsstaates. Der Schutz seiner „Bürgerinnen und Bürger vor den negativen Folgen von Arbeitslosigkeit, Krankheit, Unfall und Älterwerden“ (Zurbriggen) hat oberste Priorität.
Während Stagl den (richtigen) Eindruck erweckt, die Spezialdisziplin „Politische Anthropologie“ werde stiefmütterlich behandelt, bietet das Forschungsfeld zum Sozialstaat an sich, zu dessen Geschichte und Wandel, laut Lessenich, ein Überangebot an Erklärungsansätzen. Letzteres führte zu einer Unübersichtlichkeit, die beklagenswerte Dimensionen angenommen hat. Sein vorangestelltes Zitat von Baldwin, der die Forschungsmasse als ein „akademisches Babel“ (Lessenich 2000: S.39) bezeichnet, zieht sich leitmotivisch durch seine Abhandlung. Das ehrgeizige Ziel Lessenichs ist ein, freilich subjektiver, Wegweiser durch den „Dschungel“ von Erklärungsansätzen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitende Worte: Dieses Kapitel führt in den breiten Gesellschaftsbegriff ein und beleuchtet das Spannungsfeld zwischen Staat und Gesellschaft, von der klassischen politischen Theorie bis hin zu zeitgenössischen Debatten über Globalisierung und Weltgesellschaft.
2. Gesellschaftstheorie und Staat: Das Hauptkapitel analysiert vier klassische Texte, um die spezifische Rolle verschiedener Gesellschaftsformen für staatliche Gebilde zu untersuchen, wobei der Fokus auf Smiths Staatsverständnis, Stagls Politikethnologie, Lessenichs Wohlfahrtsstaatsanalyse und Saxers Perspektive auf Massenmedien liegt.
2.1 Untersuchung über Wesen und Ursachen des Reichtums der Völker: Hier wird Adam Smiths Auffassung dargestellt, dass der Staat primär zur Sicherung von Privatrechten und Eigentum in Gesellschaften mit bestehender Ungleichheit notwendig ist.
2.2 Politikethnologie: Dieser Abschnitt widmet sich Justin Stagls Typologie politischer Organisationsformen in „primitiven“ Gesellschaften und deren Abgrenzung zum modernen Staat sowie der kritischen Hinterfragung eurozentrischer Forschungsansätze.
2.3 Soziologische Erklärungsansätze zu Entstehung und Funktion des Sozialstaats: In diesem Kapitel werden die Entstehung, das Wachstum und die Funktionen des Wohlfahrtsstaates in der Moderne als institutionelle Antwort auf die durch Industrialisierung und soziale Differenzierung entstandenen Probleme diskutiert.
2.4 Der gesellschaftliche Ort der Massenkommunikation: Das Kapitel schließt mit einer Analyse von Ulrich Saxer, der die Rolle der Massenmedien als zentrale Teilsysteme innerhalb der Gesellschaft beleuchtet und die Spannungen zwischen Medienfreiheit, ökonomischem Druck und demokratischer Kontrolle thematisiert.
Schlüsselwörter
Gesellschaft, Staat, Wohlfahrtsstaat, Sozialpolitik, Politikethnologie, Primitivgesellschaften, Massenkommunikation, Soziologie, Herrschaft, Industrialisierung, soziale Arbeitsteilung, Wohlfahrtskapitalismus, Institutionen, soziale Sicherheit, Demokratie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der theoretischen Untersuchung und Einordnung verschiedener Gesellschaftstypen und deren Bezug zu staatlichen Strukturen und Institutionen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen die Evolution gesellschaftlicher Organisationsformen, die Entstehung des modernen Sozialstaats, die Herrschaftsstrukturen in ethnologischen Kontexten sowie die gesellschaftliche Rolle und Autonomie der Massenmedien.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die spezifische Funktion und Bedeutung unterschiedlicher Gesellschaftsformen für die Entstehung und Ausgestaltung des Staates aufzuzeigen und dabei aktuelle sozialwissenschaftliche Debatten zu verknüpfen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine komparative und interdisziplinäre Methode, bei der klassische und moderne soziologische Texte analysiert und durch historische sowie aktuelle Beispiele in einen größeren Zusammenhang gesetzt werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert vier ausgewählte wissenschaftliche Arbeiten von Smith, Stagl, Lessenich und Saxer, um verschiedene Typologien und theoretische Konzepte zur Interaktion von Staat, Gesellschaft und Medien darzustellen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen gehören Gesellschaft, Staat, Wohlfahrtsstaat, Politikethnologie, Massenkommunikation, Herrschaftsstrukturen und soziale Differenzierung.
Inwiefern beeinflusst der Begriff des „Primitiven“ die Analyse von Stagls Politikethnologie?
Stagl verwendet den Begriff „primitiv“ in einem wertfreien wissenschaftlichen Kontext, um die politischen Organisationsformen zu untersuchen, die sich durch andere Statusgefälle als moderne Industriestaaten auszeichnen, wobei er vor einer negativen Abwertung dieser Formen warnt.
Welche Rolle spielen Massenmedien bei der Beeinflussung von Identitäten in Primitivgesellschaften?
Saxer weist darauf hin, dass durch das Eindringen moderner Massenmedien in archaische Gesellschaften kulturelle Erschütterungen entstehen können, da die dortigen Identitäten und Ordnungsmodelle mit den Inhalten der modernen Medien in Konflikt geraten.
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- Monika Maria Slunsky (Author), 2010, Gesellschaftstheorie und Staat, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/155537