Der durch die multiplen Veränderungen im Wirtschafts- und Gesellschaftsgeschehen bedingte Strukturwandel hin zur Dienstleistungsgesellschaft geht mit einer erhöhten Bedeutung immaterieller Werte für den Leistungsprozess von Unternehmen einher. Immaterielle Werte wie Kundenbeziehungen, Marken und Humankapital stellen für eine wachsende Zahl an Unternehmen zentrale Erfolgsdeterminanten dar und beeinflussen als Werttreiber maßgeblich die Höhe des Unternehmenswertes, so dass sich dieser zunehmend weniger durch materielle und finanzielle Vermögenswerte bestimmt. Daher beziehen nicht zuletzt potentielle Investoren, die ihre Investitionsentscheidung regelmäßig am Wert eines Unternehmens ausrichten, immaterielle Werte verstärkt in ihr Entscheidungskalkül ein.
Da es als einziger immaterieller Wert unmittelbar an den im Unternehmen beschäftigten Mitarbeitern gebunden ist, nimmt Humankapital innerhalb der immateriellen Werte eine exponierte Stellung ein.5 Obschon die Belegschaft eines Unternehmens vielfach in der Öffentlichkeit u.a. in Folge der medialen Berichterstattung über betriebliche Restrukturierungs- oder Rationalisierungsmaßnahmen lediglich als reiner Kostenfaktor für Unternehmen wahrgenommen wird,6 zeigen die in den letzten Jahren stetig gestiegenen betrieblichen Investitionen in die Aus- und Weiterbildung von Mitarbeitern, dass Unternehmen im mitarbeiterbezogenen Humankapital zunehmend einen wesentlichen Wettbewerbsfaktor sehen.7 Dieser Bedeutungsgewinn von Humankapital wird durch empirische Studien bestätigt, die Humankapital als bedeutendste Komponente der immateriellen Werte einstufen8 und ihm dadurch den stärksten Einfluss auf den langfristigen Unternehmenserfolg beimessen.
Inhaltsverzeichnis
1 Problemstellung
2 Grundlagen der Analyse
2.1 Definition und Abgrenzung grundlegender Begriffe
2.1.1 Immaterielle Werte
2.1.2 Humankapital
2.2 Zielsetzung und Grundsätze der Rechnungslegung nach IFRS
3 Bilanzierung von Humankapital nach IFRS
3.1 Bilanzierung von Humankapital als immaterieller Vermögenswert
3.1.1 Ansatzkonzeption und Zugangsarten immaterieller Vermögenswerte
3.1.2 Anwendung der Ansatzkonzeption auf Humankapital
3.1.2.1 Abstrakte Bilanzierungsfähigkeit von Humankapital
3.1.2.2 Konkrete Bilanzierungsfähigkeit von Humankapital
3.1.3 Bilanzierung von Humankapital in Abhängigkeit der Zugangsart
3.1.3.1 Zugang von Humankapital durch Einzelerwerb
3.1.3.2 Zugang von Humankapital durch Selbsterstellung
3.1.3.3 Zugang von Humankapital im Rahmen eines Unternehmenserwerbs
3.1.4 Exkurs: Bilanzierung von Spielervermögen im Profisport
3.2 Humankapital als Bestandteil der Anschaffungs- oder Herstellungskosten aktivierungsfähiger Vermögenswerte
3.3 Berichterstattungspflichten über Humankapital
4 Kritische Würdigung der Bilanzierung von Humankapital vor dem Hintergrund der Primärgrundsätze der IFRS
4.1 Relevanz
4.2 Verlässlichkeit
4.3 Vergleichbarkeit
4.4 Zusammenfassende Würdigung
5 Möglichkeiten und Grenzen einer erweiterten bilanziellen und außerbilanziellen Abbildung von Humankapital
5.1 Erweiterte bilanzielle Abbildung von Humankapital
5.2 Erweiterte Berichterstattung in außerbilanziellen Informationsinstrumenten
6 Zusammenfassung und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht kritisch die Bilanzierung von Humankapital nach den IFRS-Vorschriften, analysiert die Anwendbarkeit aktueller Rechnungslegungsstandards auf diesen immateriellen Wert und entwickelt auf dieser Basis Reformansätze für eine verbesserte bilanzielle und außerbilanzielle Abbildung.
- Methodische Einordnung von Humankapital als immaterieller Wert nach IAS 38
- Analyse der Ansatzkriterien (Identifizierbarkeit, Verfügungsmacht, Nutzenzufluss) für Humankapital
- Untersuchung der Bilanzierung in Abhängigkeit von der Zugangsart (Erwerb, Selbsterstellung, Unternehmenskauf)
- Kritische Würdigung vor dem Hintergrund der Primärgrundsätze der IFRS (Relevanz, Verlässlichkeit, Vergleichbarkeit)
- Entwicklung von Reformoptionen für die bilanzielle und außerbilanzielle Berichterstattung
Auszug aus dem Buch
3.1.2 Anwendung der Ansatzkonzeption auf Humankapital
Humankapital könnte abstrakt aktivierungsfähig sein. Hierzu müsste das Humankapital eines Unternehmens die Definitionskriterien nach IAS 38 erfüllen. Immaterielle Vermögenswerte definieren sich nach IAS 38.8 als identifizierbare (I), nicht monetäre Vermögenswerte ohne physische Substanz (II), über die das Unternehmen eine Verfügungsmacht besitzt (III) und von denen künftig ein wirtschaftlicher Nutzenzufluss erwartet wird (IV).
Das Definitionskriterium der Identifizierbarkeit (I) fordert eine eindeutige Abgrenzbarkeit immaterieller Werte vom Geschäfts- oder Firmenwert (GoF). Für Humankapital ist dies als erfüllt anzusehen, wenn dieses entweder vom Unternehmen separierbar ist, indem es gelöst vom GoF (einzeln oder zusammen mit anderen Vermögenswerten) verkauft, transferiert, lizenziert oder vermietet werden kann, oder auf vertraglichen oder gesetzlichen Rechten beruht, gleichgültig der Übertragbarkeit dieser Rechte. Aufgrund der Personengebundenheit von individuellem Wissen und Fähigkeiten und der fehlenden rechtlichen Möglichkeit, zivilrechtliches Eigentum an Mitarbeitern zu erwerben, ist es dem Unternehmen im Regelfall unmöglich, das mitarbeiterbezogene Humankapital getrennt vom GoF aus dem Unternehmen auszugliedern und über den Markt mittels oben genannter Verwertungsformen in Geld oder Geldmitteläquivalente umzuwandeln.
Einen Sonderfall stellt dabei der Profisport dar. Aufgrund der dort im Rechtsverkehr entwickelten Übertragungsmöglichkeiten kann hier angenommen werden, dass die wirtschaftlichen Vorteile aus der exklusiven Nutzung der sportlichen Fähigkeiten von Spielern wirtschaftlich gesehen mittels der im Profisport praktizierten Transfervarianten (Verkauf, Tausch und Ausleihe) verwertbar sind, so dass das Kriterium der Separierbarkeit von Humankapital für diesen Ausnahmebereich als erfüllt anzusehen ist.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Problemstellung: Einleitung in den Strukturwandel zur Dienstleistungsgesellschaft und die wachsende strategische Bedeutung des Humankapitals als zentraler Wettbewerbsfaktor.
2 Grundlagen der Analyse: Definition und Abgrenzung von Humankapital als immaterieller Wert sowie Erläuterung der Zielsetzung und Primärgrundsätze der IFRS-Rechnungslegung.
3 Bilanzierung von Humankapital nach IFRS: Detaillierte Prüfung der Ansatzfähigkeit von Humankapital unter IAS 38, differenziert nach Zugangsarten und inklusive eines Exkurses zur Bilanzierung von Spielervermögen.
4 Kritische Würdigung der Bilanzierung von Humankapital vor dem Hintergrund der Primärgrundsätze der IFRS: Bewertung der aktuellen Bilanzierungspraxis anhand der Kriterien Relevanz, Verlässlichkeit und Vergleichbarkeit sowie Analyse der Informationsdefizite.
5 Möglichkeiten und Grenzen einer erweiterten bilanziellen und außerbilanziellen Abbildung von Humankapital: Vorstellung und Diskussion von Reformansätzen zur flexibleren bilanzrechtlichen Erfassung sowie zur Verbesserung der außerbilanziellen Berichterstattung.
6 Zusammenfassung und Ausblick: Resümee der Analyseergebnisse und Ausblick auf die zukünftige Entwicklung von Berichterstattungsstandards im Kontext von Humankapital.
Schlüsselwörter
Humankapital, IFRS, Immaterielle Werte, IAS 38, Bilanzierung, Unternehmenserwerb, Verfügungsmacht, Goodwill, Rechnungslegung, Entscheidungsnützlichkeit, Berichterstattung, Humankapitalinvestition, Spielervermögen, Lagebericht, Value Reporting
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Diplomarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Frage, wie Humankapital in der externen Rechnungslegung nach internationalen Standards (IFRS) bilanziell abgebildet wird und ob dies den Anforderungen an entscheidungsnützliche Informationen gerecht wird.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Schwerpunkte liegen auf der Definition von Humankapital als immaterieller Vermögenswert, der Prüfung der IFRS-Ansatzkriterien sowie einer kritischen Analyse der Informationsdefizite in Bilanz, GuV und Anhang.
Welches primäre Ziel verfolgt die Forschungsarbeit?
Ziel ist es, die bestehende Bilanzierungspraxis für Humankapital kritisch zu würdigen und Reformansätze aufzuzeigen, die eine transparentere und informativere Darstellung im Jahresabschluss ermöglichen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zur Anwendung?
Die Arbeit stützt sich auf eine tiefgehende theoretische Analyse der IFRS-Normen (insbesondere IAS 38) sowie der relevanten betriebswirtschaftlichen Fachliteratur, um die bilanzrechtliche Behandlung von Humankapital zu prüfen.
Welche Inhalte werden im Hauptteil schwerpunktmäßig behandelt?
Der Hauptteil analysiert detailliert, warum Humankapital nach IFRS meist nicht isoliert aktiviert werden kann, untersucht die Unterschiede zwischen Einzelerwerb, Selbsterstellung und Unternehmenszusammenschluss und bewertet die Ergebnisse an Primärgrundsätzen wie Relevanz und Verlässlichkeit.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am stärksten?
Kernbegriffe sind Humankapital, IFRS, IAS 38, immaterielle Vermögenswerte, Verfügungsmacht, Entscheidungsnützlichkeit, Goodwill-Bilanzierung und Berichterstattung.
Warum wird Spielervermögen im Profisport als Sonderfall betrachtet?
Im Profisport existieren durch spezifische vertragliche Ausgestaltungen und etablierte Transfermärkte (Verkauf/Tausch) Möglichkeiten, wirtschaftliche Vorteile exklusiv zu kontrollieren, was das Kriterium der Identifizierbarkeit und Separierbarkeit für diese spezielle Form des Humankapitals erfüllt.
Könnte der Konzernlagebericht die bilanziellen Lücken schließen?
Der Lagebericht bietet zwar zusätzliche Möglichkeiten zur Berichterstattung über nicht-finanzielle Indikatoren, leidet jedoch derzeit unter fehlender Standardisierung und oft zu geringer Aussagekraft, weshalb er nicht als Allheilmittel gegen die Informationsdefizite gilt.
- Citation du texte
- Dipl. Kfm. Stephan Schwitte (Auteur), 2009, Eine kritische Analyse der Bilanzierung von Humankapital nach IFRS, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/155547