Karl Hofer wurde bis ins späte 20. Jahrhundert hinein innerhalb der Kunstgeschichtsschreibung zumeist als Außenseiter betrachtet, der gegen den Strom der Zeit an einer "klassischen", plastisch-figurativen Malerei festgehalten und sich insbesondere nach dem Zweiten Weltkrieg gegen die nun aus Amerika nach Europa zurückschwappende Welle der abstrakten Kunst auch mit dem Wort gewehrt hat. Von einer eigentlichen oder gar intensiven Erforschung seines Werks kann nur in beschränktem Maß gesprochen werden, weil eine "eher volkstümlich geprägte Literatur zu Hofer vorherrschte." (Hartwig Garnerus)
Erst nach dem Jahrhundertwechsel (das lang ersehnte Werkverzeichnis erschien 2008) und mit einem neuen Blick auf die Entwicklung der Kunst und speziell der deutschen Malerei seit 1950 stellt sich bei der genauen Analyse heraus, dass die Malerei Hofers durch ihre feste Verwurzelung in der klassisch-idealistischen, deutsch-römischen Tradition, die durch die Natonalsozialisten missbraucht wurde und so nicht mehr bruchlos fortgeführt werden konnte, in Widerspruch zum allgemeinen Zeitgeist der Nachkriegszeit geriet. Dieser Widerspruch aber war so tief greifend und von allgemein bedeutender Natur, dass er nicht nur als Nachhall auf einige der nachfolgenden jungen deutschen Künstler gewirkt, sondern ihr Werk grundlegend geprägt hat. Damit nimmt Hofers Werk jenseits seiner bisweilen prophetischen Düsternis und enigmatischen Ikonographie eine zentrale Stellung innerhalb der deutschen figurativen Malerei im 20. Jahrhundert ein, die ohne die Frage nach dem schwierigen Umgang mit der "deutschen Kunst" und der "deutschen Tradition" insgesamt nicht zu verstehen wäre.
Inhaltsverzeichnis
Zwischen Tradition und Avantgarde: Figuration und Abstraktion
Zur Stellung Karl Hofers in der deutschen Malerei der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die künstlerische Positionierung Karl Hofers im Spannungsfeld zwischen traditioneller Figuration und den aufkommenden avantgardistischen Strömungen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Dabei wird analysiert, wie Hofer als Bindeglied zwischen den Deutsch-Römern des 19. Jahrhunderts und der modernen Malerei fungierte und welche Auswirkungen sein Festhalten an einer humanistischen Bildsprache auf die kunsthistorische Rezeption der deutschen Nachkriegsmoderne hatte.
- Die Rolle Karl Hofers als Bindeglied zwischen 19. und 20. Jahrhundert
- Die Bedeutung der Tradition der Deutsch-Römer und ihres Kunstverständnisses
- Konfliktlinien zwischen gegenständlicher Malerei und abstrakter Avantgarde
- Die kunstpolitische Instrumentalisierung und spätere internationale Etablierung des Abstraktionsbegriffs
- Der Einfluss nationaler Bildtraditionen auf die Kunst nach 1945 am Beispiel von Hofer, Lüpertz und Kiefer
Auszug aus dem Buch
Zwischen Tradition und Avantgarde: Figuration und Abstraktion
Mit verklärtem Blick hat Karl Hofer die Zeit seines römischen Aufenthalts 1903 bis 1908 in seiner 1948 erschienenen Autobiographie als „paradiesischen Traum“ bezeichnet. Anlässlich eines erinnerten „Symposions“ zur Verabschiedung des in Rom forschenden Kunsthistorikers Heinrich Wölfflin resümierte er: „Ein derartiges Zusammensein in solcher Umgebung, unter derartigen Umständen, in dieser auf ganz natürliche Weise und ohne alle Absicht entstandenen Evokation einer vergangenen Zeit ist heute längst nicht mehr möglich denkbar. Mit dem Jahre des Unheils 1914 [dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs] senkte sich vor diese Welt ein grauer Vorhang, der mit dem zweiten Krieg noch düsterer wurde. Wer nicht das Leben vor dieser Zeit gekannt hat, weiß nicht, wie schön, heiter und unbeschwert das Dasein auch in bescheidenen Verhältnissen sein konnte […]. Ich kann das, was man der Menschheit zufügt, nur als unendlich widerwärtig empfinden.“
Der 1878 in Karlsruhe geborene Hofer begann seine künstlerische Laufbahn an der Karlsruher Akademie bei Leopold von Kalckreuth und Hans Thoma. Schon früh erregte Hofer die Aufmerksamkeit des wortgewaltigen Kunstkritikers und –schriftstellers Julius Meier-Graefe, der bereits 1907 über den 29jährigen und noch in Rom weilenden Künstler einen ersten wichtigen monographischen Artikel mit dem Titel „Neue Deutsche Römer“ veröffentlichte.
Zusammenfassung der Kapitel
Zwischen Tradition und Avantgarde: Figuration und Abstraktion: Einleitende Betrachtung von Karl Hofers künstlerischem Werdegang und dessen Verwurzelung in der Tradition der Deutsch-Römer.
Zur Stellung Karl Hofers in der deutschen Malerei der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts: Analyse von Hofers Position als Bindeglied zwischen den Jahrhunderten und seinem Widerstand gegen die internationale Dominanz der abstrakten Kunst.
Schlüsselwörter
Karl Hofer, Deutsch-Römer, Figuration, Abstraktion, Moderne, Kunstgeschichte, Hans von Marées, Tradition, Avantgarde, Kunstkritik, Bildsprache, Nachkriegskunst, Identität, Menschenbild, Gestaltautonomie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit im Kern?
Die Arbeit beleuchtet die Rolle Karl Hofers als Bewahrer figurativer Malerei und kritischer Zeitgenosse, der sich gegen die zunehmende Abstraktion und Internationalisierung der Kunst nach 1945 wehrte.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind das Spannungsverhältnis zwischen Tradition und Avantgarde, die Bedeutung der deutschen Malereitradition (insbesondere die Deutsch-Römer) und der Wandel des Kunstverständnisses im 20. Jahrhundert.
Welches primäre Ziel verfolgt die Arbeit?
Das Ziel ist es, Hofers Wirken in den kunsthistorischen Kontext einzuordnen und zu zeigen, dass seine Ablehnung der „Internationalität“ der Kunst aus einem bewussten Festhalten an regionalen und humanistischen Bildtraditionen resultierte.
Welche wissenschaftlichen Perspektiven werden eingenommen?
Es handelt sich um eine kunsthistorische Analyse, die Quellen, Künstlerbriefe und zeitgenössische Kritiken kombiniert, um die Diskrepanz zwischen avantgardistischen Paradigmen und figuralen Gegenströmungen aufzuzeigen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil behandelt den Einfluss der Deutsch-Römer (wie Hans von Marées) auf Hofer, die kunstpolitische Instrumentalisierung von „deutscher Kunst“ im Nationalsozialismus und den Streit um den Status der abstrakten Kunst in der Nachkriegszeit.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am stärksten?
Die Begriffe Figuration, Abstraktion, Tradition, Gestaltautonomie, Moderne und Ikonographie stehen im Zentrum der terminologischen Auseinandersetzung.
Wie bewertet der Autor Hofers Ablehnung der modernen Abstraktion?
Der Autor zeigt, dass Hofers Abneigung zwar als „Haßpsychose“ kritisiert wurde, jedoch aus einer tiefergehenden Sorge über den Verlust des Menschenbildes und der regionalen kulturellen Identität in der modernen Kunst erwuchs.
In welcher Beziehung stehen spätere Künstler wie Anselm Kiefer zu diesen Thesen?
Die Arbeit vergleicht Hofers Position mit der späteren Generation von Malern wie Kiefer und Lüpertz, die ebenfalls eine Rückbesinnung auf deutsche Bildtraditionen vollzogen, um sich mit verdrängter Geschichte auseinanderzusetzen.
- Citar trabajo
- Dr. Daniel Kupper (Autor), 2010, Zwischen Tradition und Avantgarde: Figuration und Abstraktion, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/155632