Die Eroberung der Neuen Welt

Ein Kulturtransfer und seine Folgen


Seminararbeit, 2009
18 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Kulturtransfer und Kulturelle Identitat

3. Die Conquista
3.1 Die Wahrnehmung der Neuen Welt zwischen Mythos und Realitat
3.2 Die Eroberung der Neuen Welt als Kulturtransfer

4. Identitat und Tradition Lateinamerikas
4.1 Das Problem lateinamerikanischer Identitatsstiftung
4.2 Von der Neuen zur Alten Welt: Reprasentation und Erbe

5. Fazit

1. Einleitung

Gibt es eine lateinamerikanische Identitat? Wie sehr wurde sie von eigenen Elementen gepragt und wie sehr fremdbestimmt?

Die Eroberung Amerikas ist eine spezifische Form des Kulturtransfers. Inwiefern hat dieser Kulturtransfer die Bildung der lateinamerikanischen Identitat gepragt oder diese gar vereitelt? Was ist noch ubrig von der indigenen Kultur und wie wird sie seit der Kolonisierung bis heute reprasentiert? Diese Arbeit definiert zunachst einmal wichtige Fachbegriffe, welche fur den zu untersuchenden Diskurs eine Rolle spielen. In Kapitel 3 wird die Eroberung Amerikas als Kulturtransfer in seinen einzelnen Prozessen untersucht. Eine groRe Rolle innerhalb dieses Diskurses wird die Wahrnehmung der indigenen Bevolkerung und ihrer Kultur spielen, da diese wichtig zur Nachvollziehung der Beweggrunde eines Kulturtransfers ist. Kapitel 4 geht auf die Problematik einer kollektiven lateinamerikanischen Identitat und auf die Reprasentation und Uberbleibsel indigener Kultur ein. Aufgrund groRer Diversitat innerhalb des Kulturraumes Lateinamerika, damals wie heute, lassen sich Verallgemeinerungen in den Bezeichnungen leider nur sehr schwer verhindern. Ziel dieser Arbeit ist es, anhand spezifischer Beispiele aus unterschiedlichen Bereichen einen Uberblick uber den Diskurs zu verschaffen, letztendlich jedoch moglichst allgemein herauszuarbeiten, inwiefern der europaische Kulturtransfer Einfluss auf die lateinamerikanische Identitatsbildung nahm und welche Folgen dieser Transfer bis in die heutige Zeit hinein, sowohl fur Europa, als auch fur Lateinamerika hatte.

2. Kulturtransfer und Kulturelle Identitat

Folgend sollen die Begriffe Kulturtransfer und Kulturelle Identitat, sowie wichtige damit zusammenhangende Begriffe, die fur das Thema der Hausarbeit eine Rolle spielen, erortert werden. Grundlage sind hierbei Erlauterungen von Hans-Jurgen Lusebrink in seinem Buch „Interkulturelle Kommunikation", sowie von Aleida Assmann in ihrer „Einfuhrung in die Kulturwissenschaft".

Allgemein bezeichnet Kulturtransfer die Vermittlung kultureller Objekte (Texte, Rituale, Symbole, Praktiken etc.) einer oder mehrerer Ausgangskulturen, in eine oder mehrere Zielkulturen. Es handelt sich hierbei um einen dynamischen Prozess, der sowohl materielle, als auch geistige Aspekte abdeckt1 Dabei lassen sich verschiedene Formen untersuchen, in denen dieser Prozess ablauft. Menschen einer Kulturgemeinschaft erlernen im Zuge ihrer Sozialisation bestimmte kulturelle Werte, Rituale und Symbole, welche unter dem Begriff Identitatselemente (Lusebrink 2005, S.130) zusammengefasst werden sollen. Der Prozess der Aneignung dieser Identitatselemente ist die Akkulturation (Lusebrink 2005, S.130).

Die Integration (Lusebrink 2005, S.130) beschreibt den Prozess der Anpassung einer Zielkultur an eine dominantere Ausgangskultur, jedoch so, dass bestimmte Identitatselemente der Zielkultur zunachst einmal weitestgehend erhalten bleiben.2

Die Assimilation (Lusebrink 2005, S.130) dagegen ist ein Prozess, bei dem nach der Dekulturation (Lusebrink 2005, S.130) der Zielkultur, das heitet der Verdrangung ihrer Identitatselemente, anschlieteend die Akkulturation vonstatten geht.

Weiterhin lassen sich noch drei Prozesse innerhalb eines Kulturtransfers feststellen. Er beginnt mit Selektionsprozessen. Nach technischen, praktischen und ideologischen Interessen wird in Hinblick auf „Quantitat und Qualitat" (Lusebrink 2005, S.132) ausgesucht, was transferiert werden soll und wie. Darauf folgen Vermittlungsprozesse, bei denen der Transfer durch Personen, Institutionen oder Medien kommuniziert wird.3 Zuletzt finden Rezeptionsprozesse statt. Sie bezeichnen die Form, in der die Zielkultur die kulturellen Objekte der Ausgangskultur aufnimmt.4 Es konnen „Phanomene kultureller und mentaler Resistenz" (Lusebrink 2005, S.140) auftreten, das heitet fremde Kulturaspekte werden nur widerwillig oder mit grower Verzogerung aufgenommen. Bei der Aufnahme spielen geographische oder zeitliche Asymmetrien eine Rolle, die auf Unterschiede des Transfers innerhalb einer Kultur oder auf die Dauer und zeitliche Verschiebungen eines Transfers verweisen. Ein „Kulturgefalle" (Lusebrink 2005, S.131) ist der unterschiedliche Transfer innerhalb eines Kulturraumes. Weiterhin gibt es den Begriff des „negativen Kulturtransfers" (Lusebrink 2005, S.137). Elemente werden zwar angeeignet, jedoch wird ihre Bedeutung verandert, wenn nicht sogar ins Gegenteil verkehrt.5 Wichtig bei einem Kulturtransfer sind die Motive, die diesen initiieren, welche beispielsweise okonomischer, religioser oder politischer Natur sein konnen.

Eine kulturelle Identitat stellt sich durch das Aneignen gewisser Werte und Symbole, welche bereits als Identitatsmerkmale zusammengefasst wurden, her. Sie ist daher mehr Konstrukt, als etwas von der Natur gegebenes. Erinnerungen, Uberlieferungen und kulturelle Artefakte wie Literatur, Kunst und Bildung spielen eine grotee Rolle bei der Bildung jener Teile der Identitat des Menschen, die das Soziale, das Kollektive betreffen6.Hierbei kommt vor allem bei der Kanonisierung dieser Kulturguter der Prozess der Selektion zum Tragen.

Das folgende Kapitel untersucht und beschreibt den Kulturtransfer im Zuge der Conquista.

3.1 Die Wahrnehmung der Neuen Welt zwischen Mythos und Realitat

Angesichts der Entdeckung der „Neuen Welt" etablierten sich auf europaischer Seite unterschiedliche Wahrnehmungen und Verhaltensweisen. Anhand dreier Personen, welche den Kontinent Amerika im 16.Jahrhundert bereisten und deren Schriften ihren Teil zur damaligen europaischen Wahrnehmung beigetragen haben, lassen sich diese unterschiedliche Herangehensweisen an den neu entdeckten Kontinent und die eingeborene Bevolkerung nachvollziehen.7

Fernandez de Oviedo (1478-1557), welcher sechs Reisen nach Amerika unternahm und 1532 als Berichterstatter in die Dienste des spanischen Konigs Karl V. trat, beschrieb sich selbst als objektiven Historiker, der sich zum Credo machte nur „das zu erzahlen, was sich in Wirklichkeit zugetragen hat" (Oviedo 1959/11, S.233). In seinen Beschreibungen ubt er jedoch ausschlieRlich scharfe Kritik an der Kultur der Indianerstamme. Es ist anzunehmen, dass seine Berichterstattung der Legitimation der Kolonisierung diente. Damit relativiere sich seine Behauptung, groRtmogliche Objektivitat zu wahren.8 So beschreibt er beispielsweise die aztekische Gesellschaftsordnung im vierten Band seiner „Historia General" folgendermaRen:

Kein Mitleid noch Barmherzigkeit ist in diesen indianischen Herrschern, und sie tun auch nichts aus Tugend, sondern nur aus Furcht. [...] Jene Indianer sind Faulpelze und MuRigganger und betrinken sich. Sie schicken ihre Frauen, den Boden zu bearbeiten, zu saen und zu ernten und andere Arbeiten zu verrichten. (Oviedo 1959/IV, S.250)

In diesem Zitat Oviedos zeigen sich bereits die Unterschiede der indianischen zur europaischen Kultur, die er negativ beurteilt. So kritisiert er einerseits die indianischen Herrscher und betitelt sie mit nahezu despotischen Eigenschaften, womit die Eroberung des Volkes und eine neue Herrschaft quasi legitimiert waren. Gleichzeitig greift er die mannliche Bevolkerung an, indem er sie als Volk, das nicht arbeitet, sondern seine Frauen vorschickt entlarven mochte. Zu jener Zeit war dies in Europa selbstverstandlich undenkbar, zumindest in adligen Kreisen, in denen auch Oviedo sich bewegte. Frauen arbeiteten nicht und Manner, die arbeiteten wurden weit mehr geschatzt wurden als solche, die nichts taten und tranken. Vermutlich spiegelt das Zitat eine ubertriebene Momentaufnahme wieder, wenn diese uberhaupt der Wahrheit entspricht. Nichtsdestotrotz wird dadurch eine negative Fremdwahrnehmung durch Differenz provoziert, welche die Indianer als Barbaren, ihre Kultur als niedere vis-a-vis der eigenen darstellt.

Es liegt nahe, dass die europaische Wahrnehmung der fremden Kultur, welche sich so sehr von der eigenen unterschied, weniger auf objektiven Sichtweisen futete, als vielmehr in den Handen der Conquistadoren, ihrer Berichterstattung und Interpretation lag. Hinzu kommt, dass die Neue Welt tatsachlich nicht zu verallgemeinern war, da sie von unzahligen Indianerstammen besiedelt wurde, welche unter sich naturlich wieder Unterschiede aufwiesen. Durch einen Vergleich der Beobachtungen Fernandez de Oviedos mit denen ei]nes weiteren Berichterstatters, Bartolome de Las Casas (1475-1566) zeigt sich eine ganz gegensatzliche Wahrnehmung der Indianer. Der Bischof Las Casas verteidigte die indianischen Rechte und wunschte eine friedliche Missionierung und Kolonisierung. Jedoch scheiterte er wiederholt am „wutenden Widerstand der Spanier und Indianer" (Erdheim 1988, S.37). Seine Beobachtungen der Indianerkultur unterscheiden sich wesentlich von denen Oviedos, denn Las Casas nimmt eine ausschlietelich positive, fast glorifizierende Haltung gegenuber ihrem Tun ein. Eine Interpretation ihres Arbeitsverhaltens liegt in den Schriften von Las Casas folgendermateen vor:

[,..]Und sie erreichten mit nur wenig Arbeit all die notwendigen Guter in groteem Uberflute. Die viele Zeit, die ihnen ubrigblieb, wenn ihre Bedurfnisse befriedigt waren (da sie ihre Seele nicht dem Teufel verschrieben, um Reichtumer anzuhaufen oder Landereien zu vergroteern), verbrachten sie mit anstandigen Spielen[...] und Tanzen und Gesangen, in welchen sie alle ihre Geschichten[...] rezitierten. (Las Casas 1957/II, S. 525)

Das, was Oviedo als Faulenzen und Muteiggang bezeichnete, wird in diesem Zitat Las Casas als ein Talent bezeichnet, mit wenig Arbeit alles was man braucht, ja sogar mehr als notig zu erreichen. Von ausnutzender Frauenarbeit ist dabei nicht die Rede und auch uber Alkoholismus berichtet er nichts. Er lobt die Art der Indianer ihre Zeit mit kultivierten Beschaftigungen wie Tanz und Gesang zu verbringen und spielt auf ihre Tradition der Sagen und Legenden an. Gleichzeitig zeigt er einen Unterschied der Europaer zu den Indianern auf, den er im Materialismus ansiedelt und den Europaern negativ anrechnet.

[...]


1 Vgl. Lusebrink 2005, S.137

2 Vgl. Assmann 2006, S.223

3 Vgl. Erdheim 1988, S.29 ff. Erdheim unterteilt in entfremdende, idealisierende und verstehende Modelle

4 Vgl. Erdheim 1988, S.35

5 Vgl. Lusebrink 2005,S.137

6 Vgl. Assmann 2006, S.223

7 Vgl. Erdheim 1988, S.29 ff. Erdheim unterteilt in entfremdende, idealisierende und verstehende Modelle

8 Vgl. Erdheim 1988, S.35

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Die Eroberung der Neuen Welt
Untertitel
Ein Kulturtransfer und seine Folgen
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Note
1,7
Autor
Jahr
2009
Seiten
18
Katalognummer
V155639
ISBN (eBook)
9783640684076
ISBN (Buch)
9783640684298
Dateigröße
469 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Eroberung, Neuen, Welt, Kulturtransfer, Folgen
Arbeit zitieren
Laura Croes (Autor), 2009, Die Eroberung der Neuen Welt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/155639

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