Nicht nur die aktuelle Diskussion um die Institution Schule erweist sich als wichtig und interessant, sondern auch der historische Diskurs. Was Schule heute ist und wie sie zu dem geworden ist, lässt sich aus multiperspektivischer Sichtweise heraus ermitteln. Der historischen Perspektive kommt dabei ein besonderer Stellenwert zu. Sie leistet wertvolle Dienste, um Aufbau, Struktur und Wirkungsweise unseres heutigen Schul- und Bildungssystems zu verstehen.
Die Geschichte von Erziehung und Schule wird nicht um ihrer selbst willen betrieben. Es geht dabei auch nicht um eine Darstellung pädagogischer Ideen oder um die museale Aneinanderreihung zeitlich geordneter Faktoren. Vielmehr wird die Geschichte der Schule heute als Sozialgeschichte behandelt, d.h. es geht um das Verhältnis von Staat und Gesellschaft zu den erzieherischen Institutionen. „Erziehung und Unterricht haben Funktionen in einer jeweiligen politischen, gesellschaftlichen und sozialen Ordnung, sie sind auch Motor des sozialen, politischen und ökonomischen Wandels.“ Nicht zuletzt ist unser heutiges Bildungswesen das Ergebnis vergangener gesellschaftlicher, politischer und wirtschaftlicher Prozesse und wird auch in Zukunft durch diese Bereiche bestimmt. Dies verbirgt sich letztendlich auch hinter dem Eingangszitat, durch das wir dazu angehalten werden, die in der Vergangenheit gesammelten Erfahrungen in unsere Handlungen der Gegenwart mit einzubeziehen. Auf diese Weise lassen sich gegenwärtige Probleme der Schule und des Unterrichts besser verstehen und Lösungsmöglichkeiten finden.
Nun ist es aber nicht das Ziel der vorliegenden Arbeit, die historische Entwicklung unseres heutigen Schulsystems bis zur Gegenwart in seiner Gesamtheit darzustellen und nach Ursachen für die gegenwärtige Situation des Schul- und Bildungssystems in der Vergangenheit zu suchen. Überhaupt soll der Vergleich zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart ausgespart bleiben. Vielmehr soll das 19. Jahrhundert als wesentliche Entwicklungsetappe für unser heutiges Schulsystem untersucht werden. Jedoch ist es dabei nicht möglich, die gesamte Bandbreite der schulischen Bildung zu untersuchen. Im Mittelpunkt steht exemplarisch die Entwicklung der höheren Knabenschulen in Preußen im 19. Jahrhundert anhand einer Fallstudie der Stadt Nordhausen.
Inhaltsverzeichnis
1. THEMATIK, AUFBAU UND GRUNDLAGEN DER UNTERSUCHUNG
1.1 VORÜBERLEGUNGEN
1.2 LITERATUR- UND QUELLENGRUNDLAGE SOWIE FORSCHUNGSERGEBNISSE
1.2.1 Literaturgrundlage und Forschungsstand
1.2.2 Forschungsprobleme und -defizite
1.2.3 Quellengrundlage
1.3 THEMENSTELLUNG UND UNTERSUCHUNGSGEGENSTAND DER ARBEIT
1.3.1 Themenstellung
1.3.2 Untersuchungszeitraum
1.3.3 Untersuchungsgegenstand
1.4 GLIEDERUNG UND METHODIK
1.4.1 Methodisches Vorgehen
1.4.2 Gliederung der Arbeit
2. KONZEPTIONEN UND REALITÄT DES GYMNASIALWESENS IM ZEITALTER DER GROßEN REFORMEN
2.1 DIE BILDUNGSREFORM WILHELM VON HUMBOLDTS – DER BEGINN DES JAHRHUNDERTS DER BILDUNG
2.1.1 Die historischen Rahmenbedingungen zu Beginn des 19. Jahrhunderts
2.1.2 Pläne und Maßnahmen der preußischen Bildungsreform unter der Leitung Wilhelm von Humboldts
2.2 DAS HUMANISTISCHE GYMNASIUM IN NORDHAUSEN AM ANFANG DES 19. JAHRHUNDERTS
2.2.1 Die Entstehung des städtischen Gymnasiums und seine Situation zur Jahrhundertwende um 1800
2.2.2 Der Übergang Nordhausens von der Reichsfreiheit in preußischen Besitz
2.2.3 Nordhausen unter westfälischer Herrschaft
2.2.4 Das Gymnasium unter dem Direktor Johann Gottfried August Sparr und seine Reformmaßnahmen
2.3 ZWISCHENFAZIT
3. DAS PREUßISCHE GYMNASIUM IM ZEITALTER DER RESTAURATION
3.1 DIE AUSWIRKUNGEN DER HUMBOLDTSCHEN REFORMEN ZWISCHEN ANSPRUCH UND REALITÄT
3.1.1 Stellenwert der Humboldtschen Reformen
3.1.2 Umsetzung und Folgen der Humboldtschen Reformen
3.1.3 Kritikpunkte am Aufbau des preußischen Gymnasiums
3.2 DER SÜVERNSCHE UNTERRICHTSGESETZESENTWURF UND SEIN SCHEITERN VON 1819
3.2.1 Grundidee des Süvernschen Unterrichtsgesetzentwurfes
3.3.2 Ergebnisse und Folgen des Gesetzentwurfes
3.3 DER AUSBAU DES GYMNASIUMS ZUR STAATSSCHULE
3.3.1 Das Abiturreglement von 1834
3.3.2 Der gymnasiale Lehrplan von 1837
3.4 DAS NORDHÄUSER GYMNASIUM IM ZEITALTER DES RESTAURATION
3.4.1 Politische und gesellschaftliche Veränderungen in Nordhausen nach dem Übergang an Preußen 1816
3.4.2 Das Gymnasium unter Johann Gottfried Friedrich Straß – und der Aufschwung im städtischen Turnwesen
3.4.3 Das Nordhäuser Gymnasium unter Friedrich Karl Kraft
3.5 ZWISCHENFAZIT
4. DAS PREUßISCHE GYMNASIUM IN DER MITTE DES 19. JAHRHUNDERTS
4.1 DAS ZEITALTER DES VORMÄRZ´
4.1.1 Historische Rahmenbedingungen
4.1.2 Pädagogische Grundtendenzen
4.1.3 Christliche Erziehung als Kern des neuen Lehrplans von 1837
4.2 DAS PREUßISCHE SCHULWESEN ZWISCHEN REVOLUTION UND REICHSGRÜNDUNG
4.2.1 Historische Rahmenbedingungen
4.2.2 Schulpolitische Maßnahmen
4.2.3 Das preußische Gymnasium als staatliche Eliteschule
4.2.4 Schulstreit
4.3 DAS NORDHÄUSER GYMNASIUM UNTER DEM DIREKTORAT VON SCHIRLITZ
4.3.1 Grundlagen der christliche Erziehung
4.3.2 Die Gründung der Nordhäuser Realschule
4.3.3 Die Vorbereitungsklassen
4.3.4 Stadt und Gymnasium in der 48er Revolution
4.3.5 Stadt und Gymnasium in der nachrevolutionären Zeit
4.3.6 Politischer Richtungswechsel
4.4 ZWISCHENFAZIT
5. DAS PREUßISCHE GYMNASIUM IN DER KAISERZEIT
5.1 CHARAKTERISTIK DER EPOCHE
5.1.1 Historische Rahmenbedingungen
5.1.2 Das Bildungssystem im Kaiserreich
5.1.3 Bildungspolitische Kontroversen
5.2 DIE SCHULKONFERENZ VON 1890
5.2.1 Eine „Neuer Kurs“ in der Bildungsdebatte
5.2.2 Bildungspolitische Ziele Kaiser Wilhelms II.
5.2.3 Reaktionen in Nordhausen auf die Rede des Kaisers
5.3 DAS NORDHÄUSER GYMNASIUM ZUR KAISERZEIT
5.3.1 Das Gymnasium nach der Ära Schirlitz
5.3.2 Die Anstalt unter dem Direktor Grosch
5.4 ANALYSE ZUR SOZIALSTRUKTUR DER GYMNASIALEN SCHÜLERSCHAFT
5.4.1 Sozialer Aufstieg durch höhere Schulbildung
5.4.2 Beruflicher Werdegang der Nordhäuser Abiturienten in der Ära Schirlitz
5.4.3 Soziale Herkunft und beruflicher Werdegang der Nordhäuser Abiturienten in der Kaiserzeit
5.5 DIE LETZTEN JAHRE DES STÄDTISCHEN GYMNASIUMS
5.5.1 Die Dienstverhältnisse der Direktoren
5.5.2 Der Übergang des Gymnasiums in staatliche Trägerschaft und der Umzug in das neue Schulgebäude
5.6 ZWISCHENFAZIT
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht exemplarisch die Entwicklung der höheren Knabenschulen in Preußen im 19. Jahrhundert anhand einer Fallstudie der Stadt Nordhausen. Ziel ist es, herauszufinden, ob das Nordhäuser Gymnasium ein typisch preußisches war oder ob es eine Ausnahmestellung einnahm, und welche Wechselbeziehungen zwischen Schulalltag und politischen, sozialen, ökonomischen sowie kulturellen Faktoren bestanden.
- Entwicklung des preußischen Gymnasiums im 19. Jahrhundert
- Strukturen und Reformen des Gymnasialwesens (z.B. Humboldt, Restauration)
- Sozialstruktur der gymnasialen Schülerschaft
- Regionale Besonderheiten der Stadt Nordhausen
- Entstehung und Institutionalisierung der staatlichen Schulverwaltung
Auszug aus dem Buch
2.2.4 Das Gymnasium unter dem Direktor Johann Gottfried August Sparr und seine Reformmaßnahmen
Der politische Neuanfang ging auch diesmal wie 1802 mit der Berufung eines neuen Direktors am Gymnasium einher. Johann Gottfried August Sparr (1772-1811) aus Gotha übernahm im Januar 1808 die Leitung der Schule. Seine Vorbildung erhielt er am Gymnasium in Gotha, das er von 1783 bis 1791 besuchte. Anschließend studierte er in Jena fünf Jahre Theologie und Philologie. Nach seiner Hauslehrertätigkeit in der Schweiz war er einige Jahre in Gotha am Gymnasium tätig, bevor er im Sommer 1807 dem Ruf als Direktor nach Nordhausen folgte.
Unter seiner Leitung erfolgte 1808 die völlige Neuordnung des Gymnasiums wie des städtischen Schulwesens überhaupt. Während seiner ersten Monate im Amt entwarf er bis Ostern ein Programm zur Neugestaltung des Nordhäuser Schulwesens. Die wichtigsten Punkte der neuen Schulverfassung waren die Neuzusammensetzung der Aufsichtsbehörde, die zunehmende Zentralisierung der Schulverwaltung sowie die Neuregelung der Finanzierung der Lehrergehälter.
Mit seinen Reformvorschlägen folgte er den Tendenzen der säkularen Modernisierung, die sich durch die drei miteinander verbundenen Prozesse der Verstaatlichung, Rationalisierung und Verbürgerlichung kennzeichnen. Die Schulaufsicht wurde im Königreich Westfalen fortan den Präfekten zugewiesen. Auf der unteren Ebene wurden keine eigentlichen Schulbehörden geschaffen. Statt dessen gab es kollegial organisierte Inspektionen, die die Distrikte und Ämter, Munizipialitäten und Kommunen mit der Wahrnehmung der Schulaufsicht betrauten, so auch in Nordhausen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. THEMATIK, AUFBAU UND GRUNDLAGEN DER UNTERSUCHUNG: Einführung in die Fragestellung, den Untersuchungsgegenstand und die methodische Herangehensweise der Arbeit.
2. KONZEPTIONEN UND REALITÄT DES GYMNASIALWESENS IM ZEITALTER DER GROßEN REFORMEN: Analyse der Bildungsreformen von Wilhelm von Humboldt und der Situation des Gymnasiums in Nordhausen um 1800 unter dem Einfluss der politischen Veränderungen.
3. DAS PREUßISCHE GYMNASIUM IM ZEITALTER DER RESTAURATION: Untersuchung der Auswirkungen der Reformen sowie der Konsolidierung und Verstaatlichung des Gymnasiums während der Restaurationszeit.
4. DAS PREUßISCHE GYMNASIUM IN DER MITTE DES 19. JAHRHUNDERTS: Beleuchtung der Schulentwicklung im Vormärz, in der Revolution von 1848 und der anschließenden nachrevolutionären Phase.
5. DAS PREUßISCHE GYMNASIUM IN DER KAISERZEIT: Darstellung der Entwicklungen im Kaiserreich bis hin zum Übergang in staatliche Trägerschaft und Analyse der Sozialstruktur der Schülerschaft.
Schlüsselwörter
Schulgeschichte, Nordhausen, Preußisches Gymnasium, 19. Jahrhundert, Bildungsreform, Wilhelm von Humboldt, Restauration, Vormärz, Sozialgeschichte, Bildungswesen, Schulentwicklung, Staatsschule, Schulkonferenz 1890, Reformpädagogik, Sozialstruktur.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Entwicklung des höheren Schulwesens, insbesondere des Nordhäuser Gymnasiums, im 19. Jahrhundert unter dem Einfluss des preußischen Staates.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentral sind die preußische Bildungsgeschichte, die Entwicklung von Gymnasien als staatliche Institutionen, der Einfluss politischer Umbrüche (wie die napoleonische Ära oder die Revolution 1848) und die Analyse der Sozialstruktur der Schülerschaft.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Es soll untersucht werden, ob das Nordhäuser Gymnasium ein „typisch“ preußisches Gymnasium war oder eine Sonderstellung einnahm, und wie sich das Spannungsfeld zwischen staatlichem Anspruch und lokaler Realität gestaltete.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin wählt einen narrativen schulgeschichtlichen Ansatz, kombiniert mit sozialgeschichtlichen Methoden, wie der Auswertung von Statistiken zur Berufswahl und sozialen Herkunft.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in vier Etappen: das Zeitalter der großen Reformen, die Epoche der Restauration, die Phase vom Vormärz bis zur Reichseinigung und das Kaiserreich bis 1890.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselbegriffe sind unter anderem Schulgeschichte, Nordhausen, preußisches Gymnasium, Bildungsreform, Sozialstruktur und das 19. Jahrhundert als Epoche des Wandels.
Was bedeutete der Übergang Nordhausens an Preußen für das Gymnasium?
Der Übergang löste eine Existenzkrise aus, da die Schule zunächst in eine Bürgerschule umgewandelt werden sollte; erst unter westfälischer Herrschaft und durch Reformen von Direktoren wie Sparr konnte die Anstalt gerettet und modernisiert werden.
Wie hat sich die Sozialstruktur der Abiturienten im Laufe des 19. Jahrhunderts verändert?
Während das Gymnasium im frühen 19. Jahrhundert noch eher als Gesamtschule fungierte, wandelte es sich im Laufe der Zeit zur sozialen Eliteschule, die primär das (aufsteigende) Bürgertum bediente und den Weg in akademische und höhere Staatsberufe ebnete.
- Citation du texte
- Toralf Schenk (Auteur), 2002, Das höhere Schulwesen in Nordhausen im 19. Jahrhundert, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/155659