Elternbildung - Leistungsdruck in der Familie

Zunehmende Anforderungen an Eltern und die Notwendigkeit neuer Beratungs- und Schulungskonzepte


Bachelorarbeit, 2010
76 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Familie heute
2.1 Was zeichnet Familie heute aus?
2.1.1 Wandel der Familienformen
2.1.2 Pluralität von Familienformen
2.1.3 Veränderte Familienzyklen
2.1.4 Veränderte Familiengrößen
2.2 Wandel der Funktionen von Familie
2.3 Eltern heute
2.3.1 Arbeitsteilung und Rollendifferenzierung
2.3.2 Erwerbstätigkeit von Müttern
2.3.3 Doppelbelastung
2.3.4 Hohe Sinnzuschreibung Familie
2.3.5 Kindzentrierung
2.3.6 Pädagogisierung
2.3.7 Einfluss der Medien
2.4 Leistung und Leistungsdruck in der Familie
2.4.1 Was leisten Familien?
2.4.2 Zunehmende Anforderungen
2.4.2.1 Mobilitäts- und Flexibilitätsansprüche
2.4.2.2 Anstieg des Betreuungsaufwandes pro Kind durch den Rückgang der Geburten
2.4.2.3 Demokratisierung von Familienbeziehungen
2.4.2.4 Pädagogisierung und Informationsarbeit
2.4.2.5 Finanzielle Mehrbelastung
2.4.3 Gefahr der Überforderung
2.4.4 Leistungsdruck und Familienstress
2.4.5 Auswirkungen auf die Kinder
2.5 Zwischenfazit

3 Beratungs- und Schulungsmöglichkeiten für Eltern
3.1 Rechtliche Rahmenbedingungen
3.2 Erziehung als Aufgabe der Eltern
3.3 Was sollen Eltern lernen?
3.4 Zentrale Grundbegriffe
3.5 Elternschulungen
3.5.1 Übersicht und Daten zu aktuellen Elternschulungen
3.5.1.1 Anbieter
3.5.1.2 Themenbereich
3.5.1.3 Konzepte
3.5.1.4 Verwendete Methoden
3.5.1.5 Qualifikation der Kursleiter
3.5.1.6 Ort und Dauer der Maßnahmen
3.5.1.7 Zu den Teilnehmern:
3.5.2 Wirksamkeit der Maßnahme
3.6 Elternberatung
3.6.1 Beratungsanlässe
3.6.2 Elterliche Erwartungen und Zufriedenheit
3.7 Zwischenfazit

4 Zur Notwendigkeit neuer Beratungs- und Schulungskonzepte
4.1 Erfassung von Umfang und Qualität des aktuellen Angebots
4.1.1 Qualität von Elternbildungsmaßnahmen
4.1.2 Was sind Probleme und Defizite des aktuellen Angebots?
4.2 Bedarf an Elternschulung
4.3 Welche Ansatzpunkte ergeben sich daraus für neue Konzepte?
4.4 Zwischenfazit

5 Resümee

6 Ausblick

7 Anhang

1 Einleitung

Kinder werden in erster Linie im Elternhaus sozialisiert und erhalten hier ihre erste Bildung: Eltern übertragen ihnen ihr kulturell und gesellschaftlich geprägtes Bild der Umwelt. Welche Inhalte wichtig sind und wie Bildung vermittelt wird, darüber diskutiert die Wissenschaft schon seit langem. Neben der Erziehung der Kinder wurden Fragen zur Selbsterziehung der Eltern gestellt und Klassiker der Pädagogik, wie z. B. Comenius, Rousseau oder Pestalozzi beschäftigten sich mit Elternbildung. Inzwischen wird zu diesem Thema sehr umfangreich veröffentlicht und wissenschaftlich untersucht. Eltern werden fast überhäuft mit einer Flut von Ratgebern, Schulungs- oder Vortragsmöglichkeiten, empirischen Daten, thematisch aufbereiteten Beiträgen aus den Medien und wohl gemeinten Erziehungsratschlägen. Dieses Ausmaß an Informationen verstärkt einerseits die Problematik der Entscheidungen in Erziehungsfragen, andererseits benötigen Eltern Informationen und Anweisungen für ihre Elternrolle. Der schnelle gesellschaftliche Wandel unserer Zeit und die Aufweichung von Normen und Werten führen dazu, dass Handlungsmuster der vorherigen Generation nicht unhinterfragt übernommen werden, sondern vielfach erst diskutiert und neu aufgebaut werden müssen.

Anlass für meine erste These „Leistungsdruck in der Familie – zunehmende Anforderungen an Eltern“ war eine Frage, die Nave-Herz im Ausblick ihres Buches „Familie heute“ (2007,S. 129) gestellt hat. Dabei überlegt sie, ob die Leistungsanforderungen, die Eltern durch Veränderungen in der Familie und der sie umgebenden Gesellschaft heute erfahren, nicht derart gestiegen sind, dass die Gefahr der Überforderung und damit bedingenden negativen Auswirkungen auf den Sozialisationsprozess der Kinder, besteht.

Im ersten Teil dieser Arbeit wird deshalb die Lage der Familie heute beschrieben, welche Eigenschaften und Funktionen sich geändert haben und wie momentan Familie definiert wird. Speziell beleuchtet werden danach Charakteristika von Eltern und Einflussfaktoren auf ihre Rollen. Eine Darstellung von Leistung, die in Familien erbracht wird, folgt vor der Auflistung der Anforderungen, die aus der eingangs beschriebenen Familiensituation resultieren. Aus verschiedenen Literaturquellen konnte abgeleitet werden, dass diese Anforderungen zunehmen und zu einer Überforderung führen können. Ein dadurch entstehender Leistungsdruck wird innerhalb der Familie als Stress empfunden und wirkt sich auf die Kinder aus.

Kapitel drei soll einen Überblick über Voraussetzungen, Grundlagen und Stand von Beratung und Schulung in Deutschland schaffen. Erziehung als Aufgabe der Eltern ist gesetzlich festgelegt, ebenso wie die Grundlagen zur Unterstützung in Form von Elternschulungen und Elternberatung. Nach einer Darstellung dieser Rahmenbedingungen, wird die, in der Bildungsgeschichte umfangreich diskutierte Frage kurz aufgegriffen, was Eltern lernen sollen. Dabei interessierte eine aktuelle, mehrheitliche Meinung der Experten dazu. Zentrale Grundbegriffe werden geklärt, bevor die Elternbildungs- und beratungslandschaft in Deutschland grob abgebildet werden.

Mit dem Hintergrund dieser Erkenntnisse werde ich im vierten Kapitel den zweiten Teil meines Themas ausarbeiten: Notwendigkeit neuer Beratungs- bzw. Schulungskonzepte. Eine Bearbeitung aus bildungswissenschaftlicher Sicht erfolgt mit den Schritten der Erfassung des aktuellen Angebots und der Frage nach dessen Qualität, Defiziten und Problemen. Ergebnisse aus Untersuchungen zum Bedarf an Elternbildung ermöglichen die Ableitung von Ansatzpunkten für die Weiterentwicklung oder Neukonzeption von Elternbildungsmaßnahmen.

Eine Notwendigkeit zur Umsetzung dieser Ansatzpunkte wird im Resümee als Ergebnis der Erkenntnisse über Leistungsdruck in den heutigen Familien und einen festgestellten Bedarf an Schulung und Beratung begründet. Mit dem Wandel der Gesellschaft geht eine notwendige Angleichung der Bildungslandschaft einher, wie dies zusammenfassend für die Elternbildung herausgestellt werden soll.

Der Fokus dieser Arbeit soll der Tatsache Rechnung tragen, dass das elterliche Erziehungsverhalten und das Familienklima wichtige Risiko- oder Schutzfaktoren für die kindliche Entwicklung sind und deshalb gefördert und bestmöglich unterstützt werden sollten.

2 Familie heute

In den letzten Jahren wird über die Familie stark diskutiert und sie scheint mehr Gewichtung und Popularität zu erfahren. Themen wie z.B. der Vaterschaftsurlaub, Kindertagesstätten und Ganztagesbetreuungen, Kindergelderhöhung, Geburtenrückgang, Alleinerziehende oder Armut in Familien tauchen in der Öffentlichkeit auf und beschäftigen Politiker.

In den Medien finden Familienthemen in allen Sparten großen Zuspruch: Zeitschriften, Bücher, Internetseiten und Fernsehproduktionen greifen das Thema Familie von verschiedenen Seiten auf. Dabei reicht die Bandbreite von wissenschaftlichen Veröffentlichungen über Trivialliteratur zu Ratgebern und „Realityshows“ in vielfältigen Variationen.

„Nach dem Mikrozensus des Jahres 2007 lebten in Deutschland 12,3 Millionen Familien, wobei zu den Familien alle Lebensformen von Erwachsenen mit Kindern in einem Haushalt gezählt wurden. In 8,6 Millionen Familien war das jüngste Kind unter 18 Jahre und in 3,7 Millionen Familien mindestens 18 Jahre alt. Betrachtet man nur die Familien mit mindestens einem minderjährigen Kind, setzen diese sich aus 6,3 Millionen Ehepaaren, 675 Tausend Lebensgemeinschaften und 1,6 Millionen Alleinerziehenden zusammen“, wie das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (2009) ermittelte.

Definitionsversuche aus der Literatur machen deutlich, wie kompliziert es wird, sich auf einen einheitlichen Begriff von Familie zu verständigen. Klaus A. Schneewind (1994) diskutiert verschiedene Abgrenzungen zum Begriff „Familie“ und kommt dann zu einer Definition, die sich gerade für Bereiche der psychologischen Erziehungsforschung anbietet und „Familien als Varianten intimer Beziehungssysteme begreift, wobei diese sowohl intra- wie auch intergenerationale Personenkonstellationen umfassen können“ (S. 439). Grundmann und Hoffmeister (2009) erwähnen außerdem die „Tatsache, dass Familie einem laufendem Transformationsprozess ausgesetzt ist, ihre Struktur also permanent verändert und immer häufiger sogar eine Veränderung der Veränderung erfährt; [diese] erschwert ihre wissenschaftliche Analyse als kohärentes soziales System und stabiles Interaktions- und Beziehungsgeflecht“ (S. 195). In dieser Aussage wird auf den historischen und kulturellen Wandel hingewiesen, der eine Vielfalt von Familienformen hervorgebracht hat und weitere Entwicklungen bedingen wird.

Typisch für die heutige Gesellschaft sind Konzepte, die sowohl Tschöpe- Scheffler (2005) wie auch Fuhrer (2007) benennen und im Zusammenhang mit gestiegenen Herausforderungen für Familien bringen:

- Rascher gesellschaftlicher Wandel:
Strukturveränderungen, rasche Wissensveralterung und Schnelllebigkeit fordern umfangreiche und schnelle Anpassung.
- Individualisierung:
Entscheidungen selbst treffen zu können bedeutet auch entscheiden zu müssen – und dies in allen Alltags- und Lebenssituationen.
- Pluralisierung:
Die Vielfalt an Werten, Lebensstilen, Formen des Zusammenlebens und der Handlungsmöglichkeiten formt eine komplexe Umwelt, die schwer einzuschätzen und zu bewältigen ist.
- Enttraditionalisierung:

Durch die Aufhebung traditioneller Vorgaben entstehen neue Freiheiten, die, allerdings noch ohne Vorbilder und übernommene Rollenvorgaben, eigenständig aufgebaut werden können und müssen.

Fuhrer (2007) fasst das so zusammen, dass mit dem Gewinn an Handlungsspielräumen und –optionen gleichzeitig ein tendenzieller Verlust an Sicherheit und Handlungswissen durch garantierte soziale Regeln und Normen einhergeht (S. 21 - 23).

Um ein weiteres Merkmal der Familie in der heutigen Gesellschaft hervorzuheben, soll eine Beschreibung von Thomas Meyer hinzugezogen werden, die im Vergleich zu früheren historischen Phasen eine charakteristische Bedeutungszunahme von Emotionalität, Liebe und affektiver Solidarität in der modernen Kleinfamilie aufzeigt. Versachlichung und Durchrationalisierung würden dieser Familie in anderen Funktionsbereichen gegenüberstehen, was ihre Aufgabe bedingt, das Bedürfnis nach Sicherheit, Intimität und Geborgenheit zu befriedigen (Meyer 2006, S. 331).

Für diese Arbeit, die sich im Weiteren mit der Erziehung innerhalb der Familie beschäftigt, wird der Begriff „Familie“ für eine Gemeinschaft von Eltern (oder einem erziehungsberechtigten Elternteil) mit ihren Kindern verwendet.

2.1 Was zeichnet Familie heute aus?

Nachfolgend werden einige Charakteristika für die Familie von heute benannt, die sich aus den oben erwähnten Konzepten für unsere Gesellschaft ergeben und Erziehungsarbeit beeinflussen und, wie später noch diskutiert wird, Anforderungen an die Eltern erhöht.

2.1.1 Wandel der Familienformen

Ausgehend von einem Familienmodell, das das „ganze Haus“ umfasste, in dem Arbeit- und Wohnstätte verbunden waren, so bildete sich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts mit gesellschaftlichen Umschichtungen und der Industrialisierung der Typus der bürgerlichen Kleinfamilie heraus, die aus einem Ehepaar mit oder ohne Kindern besteht. Dieser breitete sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts über alle gesellschaftliche Schichten aus. Mit der Verbesserung des Einkommens, dem Besitz langlebiger Konsumgüter und dem Ausbau der sozialen Sicherungssysteme kam es zur Etablierung des kollektiv einheitlichen, bürgerlich eingefärbten Familientyps im Verlauf des 20. Jahrhunderts, wie Meyer (2006, S. 332) ausführt.

2.1.2 Pluralität von Familienformen

Wenn auch der Familientyp der „normalen Kleinfamilie“ heute noch vorherrscht (siehe
Abb. 1), so lassen sich innerhalb dieser Form verschiedene Entwicklungen beobachten:

Anstieg von selbstständigen Haushaltstypen, die zuvor in andere Lebensformen eingebettet waren (Alleinerziehende, unverheiratet zusammenlebende Paare, Verwitwete)

Verschiebung der quantitativen Gewichte der verschiedenen Lebensformen

Anstieg von weiblichen Haushaltsvorständen (Mutter- Kindfamilien, alleinwohnende Frauen)

Häufiger Wechsel zwischen verschiedenen Haushaltstypen im Verlauf der Gesamtbiographie

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Statistisches Bundesamt 2006)

Zusammenfassend ist weiterhin die Elternfamilie die statistisch dominante Familienform, wobei sie in Bezug auf alle Haushalte in der Bundesrepublik abgenommen hat. Einen Grund dafür sieht Nave- Herz (2007, S. 25) vor allem in den zeitlichen Veränderungen der Zyklen im Lebenslauf des Einzelnen.

2.1.3 Veränderte Familienzyklen

In der zeitlichen Strukturierung des individuellen Lebensverlaufs können in den westlichen Industriestaaten übergreifende Grundtendenzen beobachtet werden. Laufend neu untersucht werden die Lebenserwartungen, wobei die Verlängerung des Lebensalters eine Ausdehnung der nachelterlichen Phase mit sich bringt. Somit wird die große Anzahl an Ehepaaren, die die goldene Hochzeit feiern oder die vielen Urgroßeltern, die ihre Urenkel erleben zu historisch neuen Phänomenen.

Ebenso hat die vorelterliche Phase eine Ausdehnung erfahren, da das Alter der Mütter bei der Geburt des ersten Kindes gestiegen ist. Des weiterer ist ein Rückgang der Kinderanzahl pro Familie festzustellen, die nach Meyer (2006, S. 334) seit mehreren Jahren in Deutschland stabil bei ca. 1,4 Kindern pro Familie liegt.

Abb.2: Lebensphasen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Nave-Herz 2007, S. 26)

Werden diese Phasen verknüpft, so erkennt man eine Entwicklung, bei der sich die eigentliche Familienphase, d.h. die Zeit der Pflege und Versorgung der Kinder, noch auf ca. ein Viertel der gesamten Lebenszeit ausdehnt und somit zu einer vorübergehenden Lebensphase wird. Dies bringt vor allem eine Veränderung in das Leben der Frauen, die neben ihrer Mutter- Rolle nun für längere Lebensphasen ohne die Festzuschreibung auf diese Rolle verbringen.

2.1.4 Veränderte Familiengrößen

Zwei Entwicklungen lassen die Familiengröße in Deutschland schrumpfen: Dies ist zum einen der oben beschriebene Anstieg von selbstständigen Haushalten, die früher in die Großfamilie integriert waren (Großeltern, Alleinstehende, Witwen). Daneben wächst die Mehrzahl der Kinder heutzutage in Deutschland in Ein- oder Zwei-Kinder-Familien auf, die Zahl der Drei- und Mehr-Kinder-Familien ist sehr stark gesunken.

Abb.3: Haushalte nach Haushaltsgröße

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung 2009)

Nave- Herz (2007) weist auf darauf hin, dass diese quantitativen Veränderungen ebenfalls qualitative Auswirkungen auf die innerfamilialen Interaktionsbeziehungen haben, da gruppendynamische Prozesse auch durch die Gruppengröße bestimmt werden (S. 29). Auf spezifische Interaktionsstile und –formen zwischen Eltern und Kindern und einer Zunahme von bestimmten Erwartungshaltungen und Leistungsanforderungen der Eltern an sich selbst soll später noch eingegangen werden.

2.2 Wandel der Funktionen von Familie

Im Zuge der zunehmenden Trennung von Produktion und Reproduktion, von Arbeitsstätte und Wohnstätte, wurde die Familie allmählich zum Ort der Privatheit und Intimität. Davor war Familie eine Wirtschaftsgemeinschaft mit ökonomischen Erfordernissen und eine Verbindung wurde vor allem als Zweckehe eingegangen. Mit der Individualisierung besteht die Möglichkeit eine Verbindung gekoppelt mit Gefühlen und Liebe einzugehen, womit der Familie auch die Aufgabe zugeschrieben wird, emotionale Bedürfnisse zu befriedigen.

Meyer sieht diese Aufgabe der Bedürfnisbefriedigung der modernen Familie ebenso und ordnet ihr zusätzlich soziale, biologische und Reproduktionsfunktionen zu.

„Sie hat für die Regeneration und Stabilisierung ihrer Mitglieder und für die Zeugung und Pflege des Nachwuchses zu sorgen und diese in Sprache, Rollen, Normen und Werte der Gesellschaft einzuführen (Sozialisationsfunktion). Schließlich spielt die Familie eine entscheidende Rolle für den Prozess, durch den eine Person an bestimmte gesellschaftliche Positionen vermittelt wird (Platzierungsfunktion), “ wie Meyer weiter ausführt (2006, S. 331).

Im Zuge der umfangreichen Forschungen zu Kindheit, Jugend und vorgeburtlichen Einflüssen, wurden Eltern vermehrt auf ihre Verantwortung für ihre Kinder hingewiesen. Schneewind (1999) legt hier nahe, dem individuellen Entwicklungsprozess im Kontext der Familie besondere Beachtung zu schenken. Durch früh einsetzende, lang andauernde, vielfältige und intensive Einflüsse, denen die nachwachsende Generation zuerst und in aller Regel innerhalb der Familie ausgesetzt sind, werden wichtige Lernerfahrungen in Gang gesetzt, die das Fundament für spätere Entwicklungen darstellen (S. 120).

Das Wissen über jene Möglichkeiten wie Kinder bestmöglich gefördert werden können, stellt umfangreiche Hilfestellungen zur Verfügung, übergibt aber den Eltern die große Verantwortung und der Familie die Funktion, Kinder mit Kulturtechniken, den notwendigen psychosozialen Profilen und den Kompetenzen auszustatten, die es ihnen ermöglichen, in unserer Welt bestmöglich zu (über-)leben.

2.3 Eltern heute

Eltern sammeln heute bestimmt immer noch einige ähnliche Erfahrungen wie Generationen von Eltern vor ihnen, wenn sie sich mit dem Übergang in die Elternschaft auf den Lebensrhythmus der Kinder einstellen müssen. Allerdings verlangt unsere schnelllebige, komplexe Welt angepasste Interaktionsmuster. Aus einem Erziehungsverhältnis wird weitgehend ein Beziehungsverhältnis, das bestimmt wird vom Verhandeln, Aushandeln und Abstimmen von Regeln innerhalb der Familie.

Im Folgenden werden einige Merkmale von Elternschaft in unserer Gesellschaft belichtet, die im Zusammenhang mit dem Thema dieser Arbeit relevant erscheinen.

2.3.1 Arbeitsteilung und Rollendifferenzierung

Nave-Herz (2007) erklärt, dass durch die sozialen Rollen „Mutter“ und „Vater“, einem zunächst biologischen Tatbestand, die Gesellschaft eine soziale Differenzierung erfährt, die normativ abgesichert sei (S. 38). „Die biologischen Unterschiede werden zum Anlass der Rechtfertigung dieser sozialen Differenzierung durch die Zuschreibung von Eigenschaften und Fähigkeiten ja nach Geschlecht und damit zur Legitimation der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung,“ wie sie weiter ausführt (ebs. S. 38). Diese Arbeitsteilung weist traditionell den Frauen Hausarbeit und Kindererziehung zu, was die in den letzten Jahren entstandenen Untersuchungen weiterhin belegen. Exemplarisch zeigt ein Ergebnis von Meyer (2006), dass es einen Kern von typisch weiblichen Aufgaben (Waschen, Bügeln, Kochen, Putzen) gibt, die weiterhin in 75 – 90 % der Familien von den Frauen erledigt werden (S. 318). Meyer und Nave-Herz berichten allerdings auch von einer Entwicklung der neuen Vaterrolle, in der sich eine zunehmende Orientierung und Mithilfe der Väter an der Betreuung der Kinder zeigt. Unterstützt wird diese Tendenz von der Politik, z. B. durch die neue Regelung des Elterngeldes. Im 3. Quartal 2009 lag der Anteil der Väter, die das Elterngeld nutzten bei 20,7 Prozent. Normativ bleibt jedoch die Zuordnung der Funktionen zu Vater- oder Mutterrolle weiterhin stark abgesichert.

2.3.2 Erwerbstätigkeit von Müttern

Die meisten Mütter wollen heute erwerbstätig sein und zum Familieneinkommen beitragen. Dieser Wunsch entsteht sicher nicht nur um „sich selbst zu verwirklichen“, sondern viele benötigen dieses zusätzliche, bzw. bei Alleinerziehenden das einzige, Einkommen. Sie haben meist in gute Ausbildungen investiert und möchten dies auch während der Familienzeit nutzen.

Der Anteil der erwerbstätigen Mütter ist in den letzten Jahren stetig gestiegen. Eine aktuelle Beteiligung von 2008 zeigt untenstehende Grafik:

Abb.4: Anteil erwerbstätiger Mütter 2008

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Statistisches Bundesamt Deutschland. STATmagazin. Arbeitsmarkt. 04.03.2010)

Diese Daten zeigen, dass inzwischen gut 2/3 aller Mütter mit Kindern zwischen 10 und 14 Jahren erwerbstätig sind. Daten über Frauen die in Privathaushalten Schwarzarbeit leisten und Arbeitsuchende sind dabei nicht erfasst. Nach Schuster (1990) sind Mütter von bestimmten Berufs-und Karrierewegen ausgeschlossen und arbeiten oft unterhalb oder außerhalb von Normalarbeitsverhältnissen (S. 51). Nach einer Bilanz der Bundesregierung verdienen Frauen im Durchschnitt heute je Arbeitsstunde 22 % weniger als Männer (Bundesregierung, 2008).

Diese Doppelorientierung zwischen Familie und Beruf als Bestandteil des Lebensentwurfes der Frauen führt zu einer besonderen Problematik: beides zu vereinigen ist zu viel, die Reduktion auf einen Bereich zu wenig.

2.3.3 Doppelbelastung

Durch den Eintritt in die Erwerbstätigkeit zahlen viele Frauen den Preis einer Mehrfachbelastung in sozialer, psychischer und oftmals physischer Art durch Beruf, Erziehung und Haushalt. Männer zögern immer noch, Aufgabenbereiche im Haushalt oder entstandene Lücken in der Familienarbeit aufzufüllen (vgl. Hurrelmann& Bründel, 2003, S. 99). Auch wenn die Politik versucht, Betriebe für eine familienfreundliche Personalpolitik zu gewinnen, so können die Frauen in der Praxis noch kaum auf ausreichende Unterstützung in der Kinderbetreuung oder familienfreundliche Arbeitszeiten hoffen, die die Koordination von Familie und Beruf erleichtern.

Positiv beschreibt Nave-Herz (2007) zahlreiche, neuere Forschungsergebnisse, die von der eindimensionalen Betrachtungsweise abkommen, die eine Erwerbstätigkeit der Mutter ablehnt um das Zustandekommen der Bindung in der frühen Kindheit nicht zu gefährden. Relevant erscheinen inzwischen viele Einflussfaktoren im komplexen Sozialisationsprozess der Kinder: Grund der Erwerbstätigkeit der Mutter, Einstellung des Vaters dazu, Qualität der Ersatzbetreuung, mütterliche Zufriedenheit und ökonomische Situation (S. 45).

Berufstätigkeit für Mütter bedeutet jedoch weiterhin eine große Belastung, die sich in ihrer mehr oder weniger positiven Bearbeitung auf die Familie und den Entwicklungsprozess der Kinder auswirkt.

2.3.4 Hohe Sinnzuschreibung Familie

Trotz gestiegener Ehescheidungszahlen weist die Forschung darauf hin, dass Partnerschaft und Elternschaft nach wie vor in der heutigen Generation sehr hohe Wertschätzung erfahren. „Familie als Lebensziel scheint an Bedeutung nicht zu verlieren“, wie Vaskovics feststellt (1997, S. 26) und aus den nachstehenden Daten aus dem Jahr 2004 abzulesen ist.

Abb.5: Wichtigkeit von glücklicher Ehe, Partnerschaft und Kindern

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Statistisches Bundesamt 2006)

Für über 90 % der Befragten ist eine glückliche Ehe oder Partnerschaft sehr wichtig oder wichtig, Kinder zu haben finden 78 % sehr wichtig oder wichtig. Werden nun die Gründe hinterfragt für diese Einstufung, so wird mit Familie und Kindern die Erwartung verbunden, dass dies glücklich machen soll. Nave-Herz (2007, S. 31) berichtet von einem Funktionswandel der Kinder in unserem Kulturbereich: waren sie früher Träger materieller Güter (Mithilfe im Haushalt, Alters- und Krankenversorgung, Betreuung von Geschwistern, Weiterführung von Familienvermögen, u.s.w.), so werden mit ihnen heute fast ausschließlich immaterielle Werte verbunden. Kinder sollen emotionale Bedürfnisse befriedigen, wie z.B. die von Kleinkindern ausgehende expressive Stimulation, die Freude, sie aufwachsen zu sehen, Zärtlichkeit und Nähe, Stolz auf erbrachte Leistungen u.a.m. Diese Erwartungen möchten Eltern durch die Erziehung der Kinder erreichen- was sich im Bemühen um eine partnerschaftliche Beziehung zu den Kindern widerspiegelt. Hohe Erwartungen an die Qualität der Beziehung zum Kind und in der Partnerschaft fordern großes Einfühlungsvermögen, viel Zeit und Verständnis.

2.3.5 Kindzentrierung

„Für die wenigen Kinder pro Familie heute werden wesentlich mehr Leistungen der Mütter mobilisiert wie früher, sowohl was Intensität der Beziehungen, als auch die ökonomischen Aufwendungen und den zeitlichen Umfang für die Betreuung der Kinder anbetrifft“, wie Nave-Herz berichtet (2007, S. 34). Gründe dafür mögen in der geringeren Kinderanzahl pro Familie liegen, die, laut statistischem Bundesamt 2007, bei einer Geburtenziffer von 1,37 Kindern, bei ein bis zwei Kindern pro Familie in Deutschland liegt. Auf diese Kinder konzentriert sich die Betreuung der Eltern. Auch die, geschichtlich gesehen, verbesserten wirtschaftlichen Grundlagen der Familien bieten den Eltern mehr Möglichkeiten für ihre Kinder. Immer weniger Kindern wird mehr Aufmerksamkeit zuteil, sie werden zu einem kostbaren Gut im Verwandtenverband und sollen bestmöglich gefördert werden.

Die Kindzentrierung der Eltern (vornehmlich der Mutter) lenkt häufig die gesamte Liebe, Aufmerksamkeit, Hilfe und Unterstützung auf das Kind- gleichzeitig mit den Erwartungen, Wünschen und Bestrebungen der Eltern. Die partnerschaftliche Beziehung rückt dabei mehr in den Hintergrund, was zunehmend zu Konflikten der Paare führen kann.

Wenn auch Vieles an Förderung den Kindern positiv zuteilwird, kann heute der reichhaltige, in der Öffentlichkeit propagierte Umfang an Betreuung Eltern, wie auch Kinder in Stress versetzten. Es ist nur wenigen Eltern möglich, dieses hohe Leistungspotenzial zu erbringen, was ihren Druck, bestmöglich ihre Kinder zu versorgen, erhöht. Das hohe Ausmaß an Zuwendung kann den Kindern ein Gefühl der Konkurrenzlosigkeit vermitteln, gerade bei Einzelkindern. Sie wachsen in einer Erwachsenenwelt auf und haben doch ein hohes Kontaktbedürfnis zu anderen Kindern, wie Hurrelmann und Bründel (2003, S. 107) beschreiben.

2.3.6 Pädagogisierung

Die Erwartungen an eine angemessene Form der Betreuung sind gestiegen, was inzwischen vermehrt der Pädagogisierung der Kindheit zugeschrieben wird. Viele Fachgebiete der Wissenschaft liefern neue Erkenntnisse z.B. aus der Kindheits-, Erziehungs-, Hirn- und Gesundheitsforschung. Diese liefern Anleitungen für Eltern und andere Betreuer, wie Kinder bestmöglich zu fördern sind und in ihrer Entwicklung unterstützt werden können. Es gibt Möglichkeiten innerhalb der Familie, aber auch Angebote von Experten aus den vielfältigen Fachgebieten, die Eltern nutzen können. Das Angebot ist unüberschaubar: Babyschwimmen, Babymassage, Frühförderung, Sport- und Musikangebote, Ergo-, Logotherapie, Entspannungspraktiken, Fremdsprachenförderung, alle Arten von Nachhilfe und medizinischer Unterstützung, u.v.m.

Der Standard für eine angemessene Betreuung ist mit den Erkenntnissen und den dazu gehörigen Angeboten gestiegen und dieser kulturell vorgeschriebenen Norm können sich die meisten Eltern nicht entziehen. Teichert (1990, S. 64) meint hierzu allerdings:“Die pädagogischen Theorien erzeugen Angst, zu wenig Arbeit zu leisten, und diese Angst verpflichtet von neuem auf die Orientierung an pädagogischen Ratschlägen“. Für diese Förderungsarbeit am Kind ist inzwischen vieles machbar und kann bei manchen Eltern zu Schuldgefühlen führen, wenn sie meinen, nicht genügend für ihr Kind tun zu können.

2.3.7 Einfluss der Medien

Dies ist ein Merkmal, das heutige Familien stark von Familien in der Vergangenheit unterscheidet: Die Nutzung von elektronische Medien und der Einzug von den entsprechenden Geräten dazu in nicht nur alle Haushalte, sondern in die einzelnen privaten Räume der Haushalte, ist immens gestiegen und steigt weiterhin. Mit dieser starken Präsenz durch verschiedene Medien und eine lange, tägliche Nutzungsdauer ist den Medien ein Einfluss auf die Familien nicht abzusprechen. Handy, Fernseher, Video, PC und Internetnutzung sind attraktive Angebote, denen Kinder und auch Eltern gern ihre Aufmerksamkeit schenken. Hofmann (2001) beschreibt, wie Familien Teile ihres Alltags gemeinsam gestalten und Fernsehen gehört als selbstverständlicher Teil des Alltags der Menschen mit dazu. Sicherlich sei das Fernsehen nicht das „neuzeitliche Lagerfeuer“, vor dem sich die Familie versammelt, aber versammelte Familien nutzen es. Unter dieser Perspektive wäre ein gutes und vermutlich auch erfolgreiches Familienprogramm ein Angebot, das diese Gemeinsamkeit von Familie vor dem Fernseher nicht stören würde. Zeitlich ausgedehnter Konsum birgt das Risiko, andere Fördermöglichkeiten zu verpassen. Elterliche Erziehungskompetenz und speziell Medienkompetenz sind wichtig, um diese Nutzung sinnvoll einzugrenzen und nicht ungefiltert Informationen und Handlungsmuster zu übernehmen. Durch Elternratgebern, Elternbildungsangebote und Familienthemen in den Medien werden viele Eltern in ihrer Funktion der Betreuung der Kinder angesprochen und erhalten Informationen und Anleitungen. Kritisch diskutiert werden diese Angebote in der Wissenschaft (vgl. z.B. Wahl& Hess, 2006).

Elterliche Medienkompetenz setzt voraus, sich über Fernsehsendungen und andere Angebote kundig machen und es erfordert einen hohen zeitlichen Aufwand um Eingrenzungen für die Kinder zu überprüfen und einzufordern.

2.4 Leistung und Leistungsdruck in der Familie

In diesem Kapitel soll die Leistung der Familien in unserer Gesellschaft betrachtet werden, wobei unter Leistung die Handlungen der Mitglieder der Familie verstanden werden, die Aufgaben und Tätigkeiten für die Gesellschaft in befriedigendem Maß erfüllen.

Interessant erscheint für diese Arbeit, was heute in der Familienarbeit geleistet wird, welche Tätigkeiten in welchem Umfang dazugehören und welchen Aufgabenbereich unsere Gesellschaft für die Familie definiert. Aufgrund der Pluralität der Familienformen ist es offensichtlich, dass Umfang und manche Aufgabenbereiche der Familienarbeit sehr variieren.

Ein Anstieg der Anforderungen wird im Weiteren aus dem oben beschriebenen Wandel abgeleitet und es wird beschrieben, wie dieser zum Leistungsdruck in der Familie führt, wenn das geforderte Maß nicht zur Zufriedenheit der Beteiligten erfüllt werden kann. Danach werden mögliche Auswirkungen auf die Entwicklung der Kinder aufgezeigt.

2.4.1 Was leisten Familien?

Familie ist Produzent gesellschaftlich relevanter Leistungen („common goods“), z.B. von Fürsorge, Bildung, Kompetenzen und Gesundheit für Kinder und Erwachsene. Hier soll Regeneration stattfinden, um im Arbeitsleben produktiv zu sein. Versorgung von Kranken und Alten und vor allem die Reproduktion der nachwachsenden Generation übernehmen zum Großteil die Familien. Als eine der wichtigsten Leistungen nennt das Deutsche Jugendinstitut (2010) – auch hinsichtlich der Dimensionen sozialer Ungleichheit –derzeit die familiale Produktion kulturellen und sozialen Kapitals. Bildung und Kompetenzen seien sowohl Voraussetzung eines gelingenden Familienlebens als auch Folge des Alltagslebens in Familie im Sinn von Lebensführungskompetenzen und Humanvermögen.

Im Bereich der Betreuung der Kinder weist das Familienhandbuch des Staatsinstituts für Frühpädagogik auf eine Entwicklung hin, die eine Leistungssteigerung der Familien in diesem Bereich aufzeigt:

„Seit Beginn der neunziger Jahre haben die Kinderbetreuungszeiten von Eltern mit Kindern unter 6 Jahren insgesamt deutlich zugenommen, in neuen Bundesländern um fast 11/4 Stunden am Tag auf gut sechs Stunden. Auch in den alten Bundesländern hat die Kinderbetreuungszeit von Eltern mit Kindern unter 6 Jahren um eine gute Dreiviertelstunde zugenommen, auf insgesamt 63/4 Stunden täglich. Die gemeinsam mit Kindern verbrachte Zeit umfasst Phasen der Kinderbetreuung als Hauptaktivität ebenso wie Kinderbetreuung als gleichzeitige Aktivität, zum Beispiel beim Einkaufen, und sonstige mit Kindern verbrachte Zeit, zum Beispiel beim gemeinsamen Abendessen.“

(Familienhandbuch des Staatsinstituts für Frühpädagogik 2004)

Nave-Herz(2007, S. 33) verweist auf eine historische Analyse von Eichler, durch die er schon 1982 zu dem Ergebnis kam, dass die Technisierung des Haushalts zwar Zeitersparnis gebracht hätte, allerdings die Erziehungsaufgabe zeitintensiver geworden sei. Begründet wird dies mit den höheren Erwartungen an die Elternrolle und das Angewiesen sein der Kinder auf die Eltern wegen mangelnder Geschwister. Hinzufügen könnte man als weitere Gründe für den Anstieg der Betreuungszeiten die Entwicklung zur Kindzentrierung, fehlende Betreuungsmöglichkeiten durch andere Personen und eine Umwelt, die durch ihre Kinderfeindlichkeit einen Mehraufwand an Betreuung bedingt, wie auch Teichert dies ausführt (1990,S. 70, 71).

Interessant aus einer anderen Perspektive ist ein Blick auf Berechnungen aus den Jahren 1992 und 2001 vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Die Politik berücksichtigt damit den wirtschaftlichen Faktor der Familien und zeigt mit einer Berechnung der Haushaltsproduktion eine wichtige finanzielle Leistung auf.

Abb. 6: Wert der Haushaltsproduktion und ihrer Komponenten

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 2003)

Bemerkenswert ist der große Anteil der unbezahlten Arbeit, der innerhalb Haushalten mit der Anzahl der Mitglieder steigt. Von den unbezahlten Arbeiten nimmt die „Haus- und Gartenarbeit“ die weitaus meiste Zeit in Anspruch. Bei Frauen (63 %) allerdings deutlich mehr als bei Männern (46 %). Darunter sind wiederum das Kochen und Spülen (bei Frauen 24 %; bei Männern 14 %) und die Reinigung von Haus bzw. Wohnung (bei Frauen 18 %; bei Männern 15 % der Zeiten für unbezahlte Arbeit) die zeitaufwändigsten Tätigkeiten. Weiterhin gehören die Wäsche sowie die Tier- und Pflanzenpflege zur Haus- und Gartenarbeit. Auch das Einkaufen und die Haushaltsorganisation nehmen viel Zeit in Anspruch: Bei den Männern 26 %, bei den Frauen 20 %. Haus- und Gartenarbeit, Einkaufen und die Haushaltsorganisation bedeuten damit bei den Frauen 83 % und bei den Männern 71 % der unbezahlten Arbeit. Von der Zeit, die Männer insgesamt für unbezahlte Arbeit aufwenden, benötigen sie 7 % für die Betreuung und Pflege von Kindern oder erwachsenen Haushaltsmitgliedern, bei Frauen ist dies ein Anteil von 10 %, wie das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2003) feststellt. Um einen Überblick zu bekommen, welche Tätigkeiten darüber hinaus anfallen können und in der Familie geleistet werden, findet sich im Anhang ein Auszug aus Wikipedia mit der Auflistung vom Aufgabenbereich in der Familien- und Hausarbeit.

2.4.2 Zunehmende Anforderungen

Ausgehend vom gesellschaftlichen Wandel kann die Zunahme der Anforderungen an Familienarbeit, d. h. hauptsächlich an die Eltern, durch die Entwicklung zur Schnelllebigkeit, dem Traditionsabbruch und dem Wertepluralismus begründet werden.

Erwachsene und Kinder müssen gleichermaßen aufwendig Lebenskompetenzen erlangen um sich in einer schnell veränderten Umwelt zurechtzufinden. Dies entspricht der Forderung nach lebenslangem Lernen. Der Informationsvorsprung der Eltern kann schnell veraltetes Wissen enthalten. Ebenso bieten alte Orientierungsmuster oder Traditionen wenig Unterstützung, da durch die Individualisierungstendenz eigene Werte, Lebensstile und Strukturen festgelegt werden müssen.

2.4.2.1 Mobilitäts- und Flexibilitätsansprüche

Die Arbeitswelt fordert und empfiehlt eine Mobilität, der Familien nur mit hohem organisatorischem Aufwand nachkommen können. Ein Umzug bedeutet die Eingewöhnung in neue Strukturen und eine räumliche Trennung von Verwandten, Großeltern und Freunden kann den Verlust von Betreuungshilfen bedingen. Viele entscheiden sich, um einen Umzug zu vermeiden, für lange Arbeitswege oder eine längere Abwesenheit eines Elternteiles.

Wahl und Hees (2006, S. 131) beschreiben die Konkurrenz zwischen den Zeitrhythmen der Arbeitswelt und der Betreuung von Kindern, die ohne zusätzliche Anstrengungen kaum synchronisierbar ist.

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Details

Titel
Elternbildung - Leistungsdruck in der Familie
Untertitel
Zunehmende Anforderungen an Eltern und die Notwendigkeit neuer Beratungs- und Schulungskonzepte
Hochschule
FernUniversität Hagen
Veranstaltung
Ba Abschlussarbeit
Note
1,7
Autor
Jahr
2010
Seiten
76
Katalognummer
V155675
ISBN (eBook)
9783640687145
ISBN (Buch)
9783640687305
Dateigröße
1690 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die vorliegende Arbeit widmet sich in umfassender Weise den wachsenden Anforderungen an Eltern und der damit verbundenen Notwendigkeit, entsprechende Beratungs- und Schulungskonzepte für diese Zielgruppe weiter zu entwickeln und anzubieten.In der Arbeit werden sehr viele Phänomene zusammengetragen, die ein aktuelles Bild über die Situation von Familie bzw. über die gestiegenen Leistungsanforderungen an Eltern zeichnen.Der Autorin ist es aufgrund dieser Analyse gelungen, Ansatzpunkte für neue Beratungs- und Schulungskonzepte für diese Zielgruppe zu formieren.
Schlagworte
Elternbildung, Leistungsdruck, Familie, Zunehmende, Anforderungen, Eltern, Notwendigkeit, Beratungs-und, Schulungskonzepte
Arbeit zitieren
Elke Grath (Autor), 2010, Elternbildung - Leistungsdruck in der Familie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/155675

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Titel: Elternbildung - Leistungsdruck in der Familie


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