Kinder werden in erster Linie im Elternhaus sozialisiert und erhalten hier ihre erste Bildung: Eltern übertragen ihnen ihr kulturell und gesellschaftlich geprägtes Bild der Umwelt. Welche Inhalte wichtig sind und wie Bildung vermittelt wird, darüber diskutiert die Wissenschaft schon seit langem. Neben der Erziehung der Kinder wurden Fragen zur Selbsterziehung der Eltern gestellt und Klassiker der Pädagogik, wie z. B. Comenius, Rousseau oder Pestalozzi beschäftigten sich mit Elternbildung. Inzwischen wird zu diesem Thema sehr umfangreich veröffentlicht und wissenschaftlich untersucht. Eltern werden fast überhäuft mit einer Flut von Ratgebern, Schulungs- oder Vortragsmöglichkeiten, empirischen Daten, thematisch aufbereiteten Beiträgen aus den Medien und wohl gemeinten Erziehungsratschlägen. Dieses Ausmaß an Informationen verstärkt einerseits die Problematik der Entscheidungen in Erziehungsfragen, andererseits benötigen Eltern Informationen und Anweisungen für ihre Elternrolle. Der schnelle gesellschaftliche Wandel unserer Zeit und die Aufweichung von Normen und Werten führen dazu, dass Handlungsmuster der vorherigen Generation nicht unhinterfragt übernommen werden, sondern vielfach erst diskutiert und neu aufgebaut werden müssen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Familie heute
2.1 Was zeichnet Familie heute aus?
2.1.1 Wandel der Familienformen
2.1.2 Pluralität von Familienformen
2.1.3 Veränderte Familienzyklen
2.1.4 Veränderte Familiengrößen
2.2 Wandel der Funktionen von Familie
2.3 Eltern heute
2.3.1 Arbeitsteilung und Rollendifferenzierung
2.3.2 Erwerbstätigkeit von Müttern
2.3.3 Doppelbelastung
2.3.4 Hohe Sinnzuschreibung Familie
2.3.5 Kindzentrierung
2.3.6 Pädagogisierung
2.3.7 Einfluss der Medien
2.4 Leistung und Leistungsdruck in der Familie
2.4.1 Was leisten Familien?
2.4.2 Zunehmende Anforderungen
2.4.2.1 Mobilitäts- und Flexibilitätsansprüche
2.4.2.2 Anstieg des Betreuungsaufwandes pro Kind durch den Rückgang der Geburten
2.4.2.3 Demokratisierung von Familienbeziehungen
2.4.2.4 Pädagogisierung und Informationsarbeit
2.4.2.5 Finanzielle Mehrbelastung
2.4.3 Gefahr der Überforderung
2.4.4 Leistungsdruck und Familienstress
2.4.5 Auswirkungen auf die Kinder
2.5 Zwischenfazit
3 Beratungs- und Schulungsmöglichkeiten für Eltern
3.1 Rechtliche Rahmenbedingungen
3.2 Erziehung als Aufgabe der Eltern
3.3 Was sollen Eltern lernen?
3.4 Zentrale Grundbegriffe
3.5 Elternschulungen
3.5.1 Übersicht und Daten zu aktuellen Elternschulungen
3.5.1.1 Anbieter
3.5.1.2 Themenbereich
3.5.1.3 Konzepte
3.5.1.4 Verwendete Methoden
3.5.1.5 Qualifikation der Kursleiter
3.5.1.6 Ort und Dauer der Maßnahmen
3.5.1.7 Zu den Teilnehmern:
3.5.2 Wirksamkeit der Maßnahme
3.6 Elternberatung
3.6.1 Beratungsanlässe
3.6.2 Elterliche Erwartungen und Zufriedenheit
3.7 Zwischenfazit
4 Zur Notwendigkeit neuer Beratungs- und Schulungskonzepte
4.1 Erfassung von Umfang und Qualität des aktuellen Angebots
4.1.1 Qualität von Elternbildungsmaßnahmen
4.1.2 Was sind Probleme und Defizite des aktuellen Angebots?
4.2 Bedarf an Elternschulung
4.3 Welche Ansatzpunkte ergeben sich daraus für neue Konzepte?
4.4 Zwischenfazit
5 Resümee
6 Ausblick
7 Anhang
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den zunehmenden Leistungsdruck in Familien und die damit verbundenen Anforderungen an Eltern. Ziel ist es, den Stand von Elternschulungs- und Beratungsangeboten in Deutschland zu analysieren und auf Basis identifizierter Defizite Ansatzpunkte für neue, bedarfsgerechtere Konzepte abzuleiten, um Eltern bei ihrer Erziehungsaufgabe wirksam zu unterstützen.
- Wandel der Familienstrukturen und Funktionen
- Leistungsdruck, Familienstress und Auswirkungen auf Kinder
- Bestandsaufnahme aktueller Elternbildungs- und Beratungsangebote
- Bedarfsanalyse und Qualitätskriterien für Elternschulungen
- Entwicklungsperspektiven für zukunftsorientierte Bildungs- und Beratungsprogramme
Auszug aus dem Buch
2.4.3 Gefahr der Überforderung
Die gestiegenen Leistungen der Familien wirken auf den ersten Blick sehr positiv und bedeutet für viele Kinder eine Betreuung, in der sie im Mittelpunkt stehen und bestmöglich gefördert werden. Die problematische Seite liegt in der perfekten Erziehung, die viele Eltern anstreben. Ein anspruchsvolles Erziehungsideal kann zu hohen psychischen Belastungen führen, besonders wenn manche Ressourcen (z.B. Zeit oder Geld) knapp sind. Doch, wie auch Beck-Gernsheim (1990, S. 63) erwähnt, sind Eltern vom Gebot der bestmöglichen Förderung umstellt- vom Fernsehen, Zeitschriften, der Schule und der Werbung. Dies verleitet sie zu einem Hochleistungsprogramm um der Gefahr von Mangel an Förderung und damit einem Leistungsversagen seitens der Eltern zu entgehen. Nave-Herz (2007, S. 36, 76) wählt als Beispiel zur Verdeutlichung dieser Entwicklung den oftmals engen Terminplan der Kinder, den Eltern mit Fahrdiensten und Kontrolle unterstützen oder das hohe Engagement der Eltern bei der Hausaufgabenhilfe. Beide Situationen werden durch erhebliche psychische Belastungen zu einer Gefahr der Überforderung und eine primäre Quelle von Ärger für Eltern und Kinder.
Zur Lösung von Konflikten und belastenden Situationen können heutige Eltern zugleich immer weniger auf erlernte Handlungsschemata zurückgreifen und ihnen fehlen entwicklungspsychologische bzw. pädagogische Kenntnisse aus Erfahrungen im Umgang mit Kleinkindern. Altersstrukturen haben sich dahingehend gewandelt, dass Berührungen zwischen Erwachsenen und Kindern immer mehr abnehmen, da es weniger Kinder und mehr ältere Menschen gibt, wie auch von Tschöpe-Scheffler (2006, S. 29) beschrieben.
Ein weiterer gesellschaftlicher Trend vollzieht sich in der Auflösung von Traditionen, was Eltern wie auch Kindern vielfältige Optionen zur Selbstbestimmung und – verwirklichung ihrer Lebensgestaltung gibt. Fuhrer (2007, S. 23) sieht hier in der Konsequenz mit dem Gewinn an Handlungsspielräumen und –optionen gleichzeitig einen tendenziellen Verlust an Sicherheit und Handlungswissen. Gekoppelt mit der wachsenden Vielfalt an Optionen durch Technologien, Innovationen und wirtschaftlichem Wachstum, erscheint es offensichtlich, dass sich Ansprüche und Zeitaufwand für Information und Entscheidungen steigern. „Wem die Entscheidungsgrundlagen und Orientierungen fehlen, fühlt sich rasch überfordert, aus den vielen und ständig wachsenden Lebensmöglichkeiten immer wieder für sich selbst die jeweils (richtigen) auszuwählen“, schlussfolgert Fuhrer (2007, S. 23).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Rolle der Familie als Bildungsinstanz und definiert die Forschungsfrage, ob der gestiegene Leistungsdruck in Familien zu Überforderungen führt, die eine neue Qualität der Elternbildung erforderlich machen.
2 Familie heute: Dieses Kapitel beschreibt den gesellschaftlichen Wandel und die damit einhergehende Pluralisierung von Familienformen, den Wandel der Familienfunktionen sowie die gestiegenen Anforderungen an Eltern, die häufig zu Familienstress und Leistungsdruck führen.
3 Beratungs- und Schulungsmöglichkeiten für Eltern: Es wird ein Überblick über die bestehende Elternbildungs- und Beratungslandschaft in Deutschland gegeben, inklusive rechtlicher Grundlagen, Konzepte, Methoden und der Wirksamkeit dieser Maßnahmen.
4 Zur Notwendigkeit neuer Beratungs- und Schulungskonzepte: Auf Basis der Problemanalyse werden Defizite im aktuellen Angebot (wie mangelnde Niedrigschwelligkeit und Vernetzung) aufgezeigt und methodische Ansatzpunkte für die Neukonzeption von Elternbildungsangeboten entwickelt.
5 Resümee: Das Resümee fasst die Erkenntnisse zusammen und unterstreicht die Notwendigkeit, Eltern bei ihrer anspruchsvollen Erziehungsaufgabe durch moderne, entlastende und bedarfsgerechte Angebote zu unterstützen.
6 Ausblick: Der Ausblick formuliert die Forderung nach einer gesellschaftlichen Anerkennung der Erziehungsleistung und verweist auf die geplante praktische Vertiefung im Rahmen eines Kolloquiums.
7 Anhang: Der Anhang enthält weiterführende Informationen, darunter das Literaturverzeichnis sowie detaillierte Beschreibungen zu Tätigkeitsfeldern und Ansätzen zur Weiterentwicklung der Familienbildung.
Schlüsselwörter
Familie, Elternbildung, Leistungsdruck, Erziehungskompetenz, Familienbildung, Familienstress, Elternschulung, Elternberatung, Kindzentrierung, Bedarfsanalyse, Konzeptentwicklung, Pädagogisierung, Sozialisation, Jugendhilfe, Erziehungsberatung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Situation heutiger Familien, die sich mit gestiegenen Leistungsanforderungen konfrontiert sehen, und untersucht, wie Unterstützungsangebote wie Elternschulungen und Beratungen diesen Anforderungen gerecht werden können.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Im Fokus stehen der gesellschaftliche Wandel der Familie, die Entstehung von Leistungsdruck und Stress in der Erziehung sowie die Analyse und qualitative Weiterentwicklung von Angeboten der Elternbildung und -beratung.
Welches primäre Ziel verfolgt die Arbeit?
Das primäre Ziel ist es, aufzuzeigen, warum neue Konzepte in der Elternbildung notwendig sind, und konkrete methodische Ansatzpunkte für eine praxisnahe, bedarfsgerechte Unterstützung von Eltern zu formulieren.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Die Autorin stützt sich auf eine fundierte Literaturanalyse sowie die Auswertung empirischer Daten und Studien (u.a. von Lösel, Nave-Herz und dem Bundesministerium für Familie), um den Status quo und Entwicklungsperspektiven darzulegen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Beschreibung der veränderten Lebenssituation von Familien (Kapitel 2), eine Bestandsaufnahme aktueller Beratungs- und Schulungsangebote (Kapitel 3) und eine bedarfs- und qualitätsorientierte Analyse für die zukünftige Konzeption dieser Angebote (Kapitel 4).
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Familienbildung, Leistungsdruck, Erziehungskompetenz, Familienstress, Elternschulung und Qualitätssicherung charakterisieren.
Welche Rolle spielen "Pädagogisierung" und "Kindzentrierung" für den Leistungsdruck?
Diese Faktoren tragen laut der Autorin maßgeblich zum Druck bei: Die ständige Verfügbarkeit wissenschaftlicher Erziehungsratschläge führt zur Angst vor Fehlern, während die extreme Kindzentrierung die Erwartungen an eine "perfekte" Erziehung steigert, was Eltern oft überfordert.
Warum ist eine stärkere Vernetzung der Angebote laut der Autorin so wichtig?
Da das aktuelle Angebot oft unübersichtlich und nicht passgenau für alle Zielgruppen ist, fordert die Autorin eine koordinierte Zusammenarbeit vor Ort, um Doppelstrukturen zu vermeiden und den Eltern den Zugang zu passenden Hilfen zu erleichtern.
Welche Bedeutung hat das "Jugendamt" im Konzept der neuen Familienbildung?
Das Jugendamt wird als zentraler Akteur für die Gesamtkoordination und Planung der lokalen Familienbildung gesehen, der die notwendigen Netzwerkstrukturen etablieren und die Qualität der Angebote sicherstellen muss.
- Citation du texte
- Elke Grath (Auteur), 2010, Elternbildung - Leistungsdruck in der Familie, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/155675