Gieseckes Konfliktorientierung - Theoretische Grundlagen


Hausarbeit, 2010
14 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretische Grundlagen
2.1 Hauptziel des politischen Unterrichts
2.2 Didaktische Begründung
2.3 Teilziele des politischen Unterrichts

3. Die Methode „Konfliktanalyse“

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Hermann Giesecke hat als erster den politischen Konflikt, als zentralen Lerngegenstand im politischen Unterricht, in den Mittelpunkt gerückt. Als er diese Theorie des politischen Unterrichts erstmalig 1965 publizierte, befand sich die politische Bildung in Deutschland in einem weitreichenden Wandel bzw. Veränderungsprozess. Gekennzeichnet war diese Umstrukturierung dadurch, dass man erstmalig eine Beziehung zwischen Fortschritt und Investitionen der Technologie und Wirtschaft und dem Bildungssystem herstellte. Zu dieser Zeit wurde die Formel „Wachstum durch Bildung“ voll und ganz anerkannt.1

„Gieseckes Didaktik ist das Ergebnis seiner dreijährigen Tätigkeit in der freien Jugendarbeit Anfang der 60er Jahre. Er leitete dort als gerade Dreißigjähriger (1928) Lehrgänge/Tagungen zur politischen Bildung im Jugendhof Steinkimmen bei Delmenhorst in Niedersachsen. Es waren 10-14tägige Tagungen für Schüler der gymnasialen Oberstufe, für Schulklassen und für geschlossene Lehrlingsgruppen – Veranstaltungen auf freiwilliger Basis, die trotz Anwesenheit von Lehrern und Ausbildern von den Jugendlichen als Freizeit verstanden wurden; es gab keine Leistungsbenotung. Verständlich ist, dass Leiter und Mitarbeiter in derartigen Veranstaltungen mit einer Didaktik der Lernschule bei den Jugendlichen nicht landen konnten.“2

Die Veranstaltungen waren aus diesem Grund mehr auf die Teilnehmer zentriert. Ziel dieser Veranstaltungen war es, die jungen Menschen zur freiwilligen Teilnahme zu motivieren. Dazu stellte Giesecke die Schaffung und Nutzung erzieherisch- produktiver Konfliktsituationen. Ebenso wollte er erreichen, dass das politische Lernen nicht als Belehrung, sondern vielmehr als Normalfall politischer Meinungsbildung verstanden wird.

Die Konfliktdidaktik wurde beeinflusst durch die Konfliktsoziologie und Zeitdiagnosen des Soziologen Ralf Dahrendorfs, welcher in den 50er Jahren in Hamburg an der Hochschule für Wirtschaft und Politik gelehrt hat. Die Konfliktsoziologie stellt den allgemein- soziologischen Theorieansatz dar, der alles soziale Handeln als Streit sozialer Akteure versteht.

Ziel dieser Arbeit ist nicht die Bewertung dieses Ansatzes, sondern vielmehr die Prinzipien zur Umsetzung der Konfliktdidaktik im politischen Unterricht zu betrachten. Als theoretischen Rahmen zur Anwendung im politischen Unterricht werde ich die theoretischen Grundlagen konfliktorientierten Unterrichts und dessen Methode der Konfliktanalyse erläutern.

2. Theoretische Grundlagen: Konfliktorientierung nach Giesecke

2.1 Hauptziel des politischen Unterrichts

In seiner „Didaktik der politischen Bildung“ formuliert Giesecke die Mitbestimmung als oberstes Lernziel. Die Mitbestimmung beschränkt er dabei nicht nur auf das bloße „Mitmachen in den vorgegebenen Institutionen und Organisationen“, sondern schließt auch „[…] deren planmäßige Veränderung in Richtung auf zunehmende Demokratisierung der Gesamtgesellschaft“3 mit ein.

Er versteht die Mitbestimmung somit als „[…] oberstes Lernziel und Gegenstand der politischen Bearbeitung als auch Ziel und Gegenstand des Unterrichts selbst.“4. Als Grundlage dieser Auffassung dient die „historisch- dynamische Interpretation“5 des Grundgesetzes. Diese Interpretation des Grundgesetzes ist als eine Aufforderung zur fundamentalen Demokratisierung aller Bereiche „[…] in denen Menschen - notwendigerweise oder freiwillig - miteinander kommunizieren.“6 zu sehen. Historisch meint, dass bestehende Strukturen ausgebaut und korrigiert und nicht neu erfunden werden müssen. Als dynamisch ist gemeint, dass die „planmäßige Veränderung“ nicht als einmalige Handlung, sondern vielmehr als ein Produkt einer kontinuierlichen Entwicklung zu sehen ist.7

Giesecke fordert somit eine Gesellschaft, in der jeder Einzelne seine Interessen wirksam vertreten darf. Diese Vertretung der Interessen beschränkt sich dabei nicht nur auf die staatliche Ebene sondern umfasst auch die Vertretung „[…] in der Familie, im Betrieb, oder in Schule und Hochschule.“8. Als Vorraussetzung für ein wirksames Mitwirken an dieser Demokratisierung, erkennt Giesecke, dass jeder Einzelne in der Lage sein muss seine Interessen festzustellen, zu artikulieren und zu vertreten.

Als Folge daraus, definiert Giesecke die Mitbestimmung nicht nur als primäres Lernziel, sondern auch als „Gegenstand des Unterrichts selbst“. Um dies zu erreichen entwickelt er das Konzept der Konfliktorientierung, indem er den Konflikt in den Mittelpunkt des Unterrichts stellt.

2.2 Didaktische Begründung des Konzepts

Giesecke begründet sein Konzept damit, dass der Konflikt nicht nur als bloßer zentraler Punkt zur Inhaltsauswahl dient, sondern dass er auch das Politische als obersten Lerngegenstand definiert. Jeder Konflikt hat eine Entscheidung zur Folge, welche vom Handeln der Beteiligten abhängig ist. Da der politische Unterricht die Fähigkeit vermitteln soll Entscheidungen durch eigene Interessen beeinflussen zu können, muss dieser zur erfolgreichen Bewältigung von Konflikten beitragen.

Um die Motivation der Jugendlichen für Politik zu heben, muss im politischen Unterricht beim alltäglichen begonnen werden. An tagesaktuellen Fällen werden Kategorien erarbeitet, welche als Erkenntnisinstrumente verwendet werden können. Walter Gagel begründet den Konflikt als Lerngegenstand dadurch, dass „die Schüler dadurch eine realitätsnahe Vorstellung von politischer Wirklichkeit erhalten.“.9 Den Schülern wird so der Weg zur politischen Beteiligung eröffnet.

Aus psychologischer Sicht dienen zur Behandlung von Konflikten im politischen Unterricht drei Voraussetzungen. Walter Gagel hat diese Voraussetzungen folgendermaßen formuliert:

1. Konfliktfähigkeit: Das Modell des konfliktorientierten Unterrichts macht den Schülern bewusst, „[…] dass die Auseinandersetzung, der Widerstreit der Interessen in einer offenen Gesellschaft die Normalform des politischen Lebens ist, […].“10. Dadurch werden psychologische Hemmnisse, wie das Harmoniebedürfnis, abgebaut und die Schüler lernen dadurch, „[…] Pluralität und Widersprüchlichkeit auszuhalten; […].“11, d.h. Motivation zum Austragen von Konflikten zu entwickeln. Der Abbau des Harmoniebedürfnisses ist in der Hinsicht notwendig, da ohne diesen Abbau eine abfällige Bewertung und ein Ausweichen gegenüber der Politik bewirkt werden kann.
2. Abbau von ideologischem Denken: Giesecke stellte in den 60er Jahren fest, dass die Schüler abstrakte Wertungen gebrauchen, an starren Denkmodellen festhalten und an der Geschlossenheit ihrer Weltbilder festhalten. Der konfliktorientierte Unterricht soll zum Aufbrechen dieser starren ideologischen Weltbilder beitragen. In diesem Zusammenhang soll den Schülern kein „richtiges“ oder „falsches“ Gesellschaftsbild aufgezeigt werden, sondern vielmehr, die verschiedenen politischen Denkrichtungen mit ihren komplexen Inhalten. Denn nur mit dieser Einsicht wird es den Schülern ermöglicht in Differenzierungen und Alternativen zu denken. Zugleich wird der Unterricht realistischer und erhöht somit die Möglichkeit von Mitbestimmung.
3. Entzauberung des Staates: Lehrt man den Schülern die Politik nur anhand der reinen Funktion der einzelnen Institutionen, so kann sich der Eindruck von Autorität und Macht festsetzen. Es besteht somit die Gefahr der Gewöhnung an Autorität und kann zu Einschüchterung und zu Ohnmachtsanfällen führen. Die Konfliktorientierung baut diese Hemmnisse ab und führt dazu, dass die Schüler ihr Recht auf Mitbestimmung wahrnehmen und nicht aufgrund dieser Hemmnisse verzichten. Hierdurch wird sichtbar, dass auch die „[…]staatlichen Autoritäten Niederlagen erleiden[…]“ und „[…]in Kompromissen zurückstecken [müssen].“12 Der Staat ist demnach keine zentral gesteuerte Autorität, sondern ein Instrument der Gesellschaft mit der Funktion, gesellschaftliche Konflikte, unter Einbeziehung aller, auszutragen und Regelungen verbindlich zu machen. Die staatlichen Institutionen erscheinen als Akteure unter vielen.

[...]


1 Kuhn, Hans-Werner: Einführung – Der Konflikt als Grundbegriff politischer Bildung. in: Kuhn, Hans-Werner/ Massing, Peter/ Skuhr, Werner (Hg.): Politische Bildung in Deutschland: Entwicklung, Stand, Perspektiven. Opladen 1990, S.219-228.

2 Gagel, Walter: Drei didaktische Konzeptionen: Giesecke, Hilligen, Schmiederer, Schwalbach/Ts. 1994,S. 7.

3 Giesecke, Hermann: Didaktik der politischen Bildung, München 1972, S. 139.

4 ebd., S.140.

5 ebd., S.158.

6 ebd., S.139.

7 Vgl. ebd., S.141.

8 ebd., S.139.

9 Gagel, Walter: Drei didaktische Konzeptionen: Giesecke, Hilligen, Schmiederer, Schwalbach/Ts. 1994,S. 11.

10 ebd., S.11.

11 ebd., S.11.

12 Gagel, Walter: Drei didaktische Konzeptionen: Giesecke, Hilligen, Schmiederer, Schwalbach/Ts. 1994,S. 12.

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Details

Titel
Gieseckes Konfliktorientierung - Theoretische Grundlagen
Hochschule
Philipps-Universität Marburg
Note
2,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
14
Katalognummer
V155729
ISBN (eBook)
9783640690039
ISBN (Buch)
9783640690282
Dateigröße
450 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Giesecke, Konfliktorientierung
Arbeit zitieren
Marcel Verkouter (Autor), 2010, Gieseckes Konfliktorientierung - Theoretische Grundlagen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/155729

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