Nietzsche - Die Tugend und die Tugenden im 'Zarathustra'


Seminararbeit, 2009

18 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung
1.1 Aufgabenstellung
1.2 Zielsetzung der Arbeit
1.3 Vorgehensweise

2 Begrifflichkeiten von Moral und Tugend, überordnende Bedeutung

3 Die alten Tugenden
3.1 Die Begriffe von gut und böse – Die Hölle, das sind die anderen
3.2 Folgen der alten Moral
3.3 Spezifische Fehlentwicklungen der alten Tugend

4 Nietzsches Moralität
4.1 Relativierung von gut und böse
4.2 Neue Tugenden
4.3 Individualisierung

5 Fazit

Literatur

1 Einleitung

1.1 Aufgabenstellung

„Die Tugend domestiziert die Menschen. Sie macht sie klein, zahm und mittelmäßig.“[1] Mit diesem Satz gibt Nietzsche der Tugend sein Wort. Dem entgegen steht seit den frühesten Kulturen die jahrhundertelange Tradition von Tugend und Moral als wichtige Eckpfeiler gesellschaftlichen Zusammenlebens. Der ‚Philosoph mit dem Hammer‘ wagt es in mehreren Werken an dem Fundament von Moral und Tugend zu rütteln, ebenso in ‚Also sprach Zarathustra‘. Aus dem Titel meiner Hausarbeit „Die Tugend und die Tugenden im Zarathustra – Nietzsches Moralkritik und die eigene Moralität“ wird gleichwohl deutlich, dass Nietzsche sich nicht resignierend von der Moralität in eine unbedingte Amoralität abwendet, vielmehr eine eigene Moral durch neue Tugenden hervorbringt.

1.2 Zielsetzung der Arbeit

Anknüpfend an vorangegangene Seminararbeit, in der ich mich mit der Rolle des Leidens im Zarathustra beschäftigte, wird nun eine Untersuchung der Bedeutung von Moral und Tugend erfolgen. Obgleich diese Gegenstände thematisch eine geringe Schnittmenge haben, so teilen sie sich doch einen Gemeinplatz: Ein falschverstandener Begriff der Tugend kann ebenso wie ein falschverstandener Begriff des Leidens zur Degeneration der Spezies Mensch führen und unentbehrlichen Fortschritt in Gleichheit nivellieren. Die Arbeit wird darlegen wie Zarathustra alte Tafeln zerbricht, eine umfassende Kritik der bestehenden Moral gibt und die Begriffe von ‚gut‘ und ‚böse‘ durch Subjektivierung relativiert, um dadurch eine eigene Moralität aufzubauen, welche den Menschen überwinden will, damit einst des Übermenschen Haus sei.[2]

1.3 Vorgehensweise

Das folgende Kapitel beschäftigt sich zunächst mit den Begrifflichkeiten der Moral und der Tugend, um abzugrenzen welche zwei höchst unterschiedliche Interpretationen sich daraus ergeben können und in welchem Zusammenhang die Moral mit der Idee des Übermenschen steht. Im dritten Kapitel wird die bestehende Tugend des ‚kranken Volkes‘ untersucht.

Hier soll vor allem dargelegt werden, wie Begriffe von gut und böse entstehen konnten, wie sich diese Moral gegenüber anderen Formen der Moral durchsetzte und zu welchen Fehlentwicklungen sie führte. Dem konträr steht die eigene Moralität Nietzsches in Kapitel 4, welche auf eine Relativierung, eine Umkehrung und eine Individualisierung der Begriffe von gut und böse gebaut ist. Über das Werk hinaus wird in einem Fazit eine Bilanz gezogen und kurz auf heutige Moralvorstellungen eingegangen.

2 Begrifflichkeiten von Moral und Tugend, überordnende Bedeutung

Die Bedeutung von Moral und Tugend reichen weit über ethische Grundlagen des Zusammenlebens hinaus. Wie das Problem des Leidens im Zarathustra eine fundamentale Position einnimmt, so sind Moral und Tugend gleichwohl essentielle Bausteine in einem weit größeren Kontext: Der Idee des Übermenschen. „Der Mensch ist etwas, das überwunden werden muss.“[3]

Zarathustra lehrt den Übermenschen als einen erdverbundenen Schaffenden, der in seinem Wirken sowohl gebiert als auch zerstört. Die Menschheit sei erst den halben Weg gegangen, sie sei ein „Seil, geknüpft zwischen Thier und Übermensch, – ein Seil über dem Abgrunde.“[4] Darin zeigt sich die explizite Annahme Nietzsches, dass eine fehlgeleitete oder nicht stattfindende Weiterentwicklung der Gattung Mensch zu deren Ende führe. Zarathustras ‚letzter Mensch‘ hat weder Sehnsucht, noch Schaffenskraft, noch genügend Chaos in sich, um einen tanzenden Stern zu gebären, er stellt für Nietzsche das verächtlichste Gegenkonzept zum Übermenschen dar.

Zarathustras außergewöhnliche Bildungsreise vollzieht sich im Erkennen der Bedingungen und Faktoren, welche den Menschen vom Ziel des schaffenden Übermenschen abhalten. Grundsätzlich lassen sich nivellierende Momente ausmachen, in denen durch selbstloses Verhalten das Individuum kleiner wird, es ist das Abschotten vor dem Leben als solches und es ist der Widerstand, Macht anzunehmen und auszuüben. Diese Probleme, an sich schon ganzheitlich und umfassend, lassen sich nochmals unter ein Meta-Problem zusammenfassen: Moral und Tugend.

Es deutet sich an, dass während der Menschheitsgeschichte eine fehlgeleitete Moral-vorstellung entstanden sein könnte, die sich in ihren einzelnen Tugenden gegen eine Vielzahl der Eigenschaften des schaffenden Übermenschen stellt. Diese ‚alten Moralvorstellungen‘ – ich werde die Bezeichnung ‚alt‘ beibehalten als Gegenpart zu den ‚neuen‘ von Nietzsche – zu überwinden, sei unabdingbar auf dem Wege zum Übermenschen. So zeichnet Zarathustra bereits in der Vorrede die Zeit des Übermenschen ab:

„Die Stunde, wo ihr sagt: Was liegt an meiner Tugend […] Wie müde bin ich meines Guten und meines Bösen! Alles das ist Armuth und Schmutz und ein erbärmliches Behagen!“[5]

Zwei weitere elementare Begrifflichkeiten der Moral sind in vorangegangenem Zitat in der Dichotomie von gut und böse hervorgetreten. Die geforderte Distanzierung von beiden Begriffen lässt sich mit einem weiteren Werk Nietzsches trefflich beschreiben: „Jenseits von Gut und Böse.“

Obgleich Nietzsche ein Arsenal von Gegenreden auf Tugend und Moral in seinen Werken ergehen lässt, zeichnet er den Übermenschen nicht als moral- und tugendfreies Wesen. Es handelt sich vielmehr um eine Weiterentwicklung von Moral und Tugend, obgleich nicht evolutionär, sondern revolutionär. Die Arbeit wird aufzeigen, dass die Begrifflichkeiten von Tugend und Moral weit mehr als verändert, vielmehr auf den Kopf gestellt werden. Die Differenzierung und Unterscheidbarkeit von alter Moral des krankhaften Volkes und neuer des großen schaffenden Menschen, ist aus diesem Grunde fundamental.

3 Die alten Tugenden

3.1 Die Begriffe von gut und böse – Die Hölle, das sind die anderen

Welches Bild Zarathustra von der alten Tugend zeichnet, wird sich an einer Vielzahl von Stellen im Zarathustra belegen lassen. Zunächst muss jedoch untersucht werden, wie die Begrifflichkeiten von gut und böse in die Welt traten. Hierbei ist augenfällig, dass Moral und der Begriff des Guten schlechthin nie einen Absolutheitsanspruch haben kann. Man vergleiche die Vielzahl verschiedener existierender Moralvorstellungen und Tugenden, die sich zwar selbst oftmals als absolut betrachten, jedoch in Relation zu den anderen Moralen gestellt werden müssen.

Eine tragende Rolle der Differenziertheit von Moralvorstellungen scheint dem Kulturkreis zuzukommen. So besteht im Abendland ein großer Konsens, was tugendhaft und gut ist, da eine gemeinsame Geschichte, wie auch Geschichten vorliegen. Als Quelle diesen Ursprungs dienen die vier Kardinaltugenden von Platon: Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mäßigung.[6] Von den christlichen Tugenden adaptiert und angepasst über die zehn ‚Du-sollst-nicht-Gebote‘, wurde vor allem die Monstranz der Nächstenliebe von der katholischen Kirche vorangetragen.

Tugendhaft sein, bedeutet stets das Gute zu tun, das moralisch Gute zu tun. Die Prinzipien von gut und böse erscheinen unter genannten Prämissen von Kulturkreis oder Religion wiederum höchst relativ. Das Gute für sich zu beanspruchen bedeutet den anderen nur noch die Wahl des Bösen zu überlassen. „Die Hölle, das sind die anderen.“[7] So heißt es bei Jean-Paul Sartres Stück ‚Geschlossene Gesellschaft‘. Eine gegenseitige Zuweisung des Bösen, allein durch die eigene Verteidigung des Guten, erkennt auch Nietzsche, in dem er nicht nur von der Existenz einer Moral, sondern von mehreren Moralen ausgeht.[8] Er begründet die Diskrepanz von Moral indes über die Machtposition und den Machtstatus. In seinem Werk ‚Jenseits von Gut und Böse‘ benennt Nietzsche zunächst die Herrenmoral und Sklavenmoral.[9] Die in unserem Kulturkreis heutzutage gängigen Begriffe von gut und böse seien aus der Sklavenmoral entstanden.[10]

[...]


[1] Nietzsche, F., Colli, G. (Hrsg.), Montinari, M. (Hrsg.): Also sprach Zarathustra (KSA 4), München 1999, S. 214

[2] vgl. ebd., S. 17

[3] ebd., S. 44

[4] ebd., S. 16

[5] ebd., S. 19f

[6] vgl. Platon: politeia, übersetzt von Apelt, O.: Platons Staat, Leipzig 1916, 6. Buch

[7] Sartre, Jean-Paul: Geschlossene Gesellschaft, 1986, S. 59

[8] vgl. Nietzsche, F., Colli, G. (Hrsg.), Montinari, M. (Hrsg.): Jenseits von Gut und Böse (KSA 5), München 1999, S. 107

[9] vgl. ebd., S. 208

[10] vgl. ebd., S. 211

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Nietzsche - Die Tugend und die Tugenden im 'Zarathustra'
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
18
Katalognummer
V155749
ISBN (eBook)
9783640687589
ISBN (Buch)
9783640687541
Dateigröße
396 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Nietzsche, Tugend, Zarathustra
Arbeit zitieren
Diplom Betriebswirt (FH) Frank Merkel (Autor), 2009, Nietzsche - Die Tugend und die Tugenden im 'Zarathustra', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/155749

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Nietzsche - Die Tugend und die Tugenden im 'Zarathustra'



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden