Zwölf Jahre Nazidiktatur haben in Deutschland Spuren hinterlassen. Als die ersten alliierten Soldaten deutschen Boden betraten, mussten sie feststellen, dass dies unter anderem auch auf die deutsche Sprache zu trifft. Ein Ziel des alliierten Reeducation-Programmes musste daher die Entnazifizierung der Sprache sein. Wie die Westalliierten zu diesem Zwecke vorgingen und welche Auswirkungen ihre Vorgehensweise auf die heutige deutsche Sprache hat, soll in der vorliegenden Hausarbeit am Beispiel des Rundfunks erörtert werden. Die Beeinflussung anderer Medien, wie Zeitungen oder Fernsehen, kann nicht erörtert werden. Auch die Methoden der Sowjetischen Besatzungszone, soweit sie nicht mit der Vorgehensweise der Westalliierten übereinstimmt, muss außen vor gelassen werden. Im Folgenden wird überwiegend von der Amerikanischen Besatzungszone die Rede sein. Dies liegt darin begründet, dass die sprachregelnden Direktiven der Amerikaner, die von der britischen und der französischen Militärregierung weitestgehend übernommen wurden, den größten Einfluss auf Deutschland ausübten.
Nach einem kurzen Überblick über den Forschungsstand wird zunächst eine genaue Definition des Begriffes Reeducation vorgenommen. In einem weiteren Kapitel wird der Begriff der Besatzungszeit, der dieser Arbeit zu Grunde liegt, bestimmt. Als nächstes wird auf die Zensur in den Besatzungszonen eingegangen. Dabei werden die linguistischen Vorkenntnisse der Besatzungsoffiziere, die Sprachregelungen zu einem großen Teil selbst treffen konnten, eine große Rolle spielen. Im sechsten Kapitel werden konkrete Sprachregelungen für den Rundfunk thematisiert. Versuche auch die Sprache der breiten Masse der deutschen Bevölkerung zu beeinflussen werden im Kapitel „Sprachkritische Sendungen im Rundfunk“ aufgezeigt. Im achten Kapitel werden zwei Reportagen aus den Jahren 1947 und 1957 auf linguistische Unterschiede untersucht. In einem abschließenden Fazit werden die Ergebnisse der Hausarbeit zusammengefasst.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Forschungsstand
3. Begriffsdefinition Reeducation
4. Begriffsdefinition Besatzungszeit
5. Zensur und Laienlinguistik
6. Sprachregelung beim Rundfunk
7. Sprachkritische Sendungen
8. Linguistische Untersuchung zweier historischer Aufnahmen
8.1. Eckdaten
8.2. Wortwahl
8.3. Syntax
8.4. Sprechtempo und Artikulation
8.5. Auswertung der Ergebnisse
9. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, inwiefern die alliierten Besatzungsmächte durch gezielte Zensurmaßnahmen und sprachkritische Rundfunksendungen die deutsche Sprache in der Nachkriegszeit aktiv beeinflusst und „entnazifiziert“ haben.
- Die Rolle der Reeducation als Instrument alliierter Sprachpolitik.
- Die Auswirkung von Zensur und Sprachregelungen auf die journalistische Arbeit im Rundfunk.
- Die Funktion sprachkritischer Rundfunksendungen als erzieherisches Mittel.
- Linguistischer Vergleich zweier Radio-Reportagen aus den Jahren 1947 und 1957.
Auszug aus dem Buch
6. Sprachregelungen beim Rundfunk
In einer Erklärung der amerikanischen Militärregierung von 1946 über Rundfunkfreiheit in Deutschland werden die Aufgaben eines Rundfunksenders wie folgt genannt: „die ganze Berichterstattung auf ein hohes Niveau wahrheitsgetreuer Objektivität an Inhalt, Stil und Wiedergabe einzustellen und bei Nachrichtensendungen jede offenbare und versteckte Kommentierung zu unterlassen.“
Wie Deissler anhand zahlreicher Dokumente aus den Archiven von Radio Stuttgart und Radio München belegt, wurden Beiträge von Rundfunkjournalisten, aber auch Hörerbeiträge, häufig von den Besatzern zensiert. Die angeführten Beispiele für die Zensur beim Rundfunk wirken oft übertrieben. Die Genauigkeit der Kontrolloffiziere ging teilweise sogar so weit, dass Tippfehler korrigiert wurden.
In erster Linie diente die Zensur jedoch der Bekämpfung von nationalsozialistisch geprägten Wörtern, wie Volksgenossen oder Reich. Der Gruß Heil Hitler! und ähnliche Phrasen der Nationalsozialisten wurden, mit der Übernahme eines Senders durch die Alliierten, verboten. Aber auch sprachliche Stilmittel, die nur im entferntesten an die Sprache der Nationalsozialisten erinnerten, wurden zensiert. So existieren im Archiv von Radio Stuttgart Dokumente, nach welchen „der Zensor auch Aufzählungszeichen wie Numerierungen“, gestrichen hat, da Aufzählungen ein beliebtes rhetorisches Mittel Hitlers gewesen sein sollen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung skizziert das Ziel der Arbeit, die Entnazifizierung der deutschen Sprache im Rundfunk der Besatzungszeit zu erörtern und die methodische Vorgehensweise vorzustellen.
2. Der Forschungsstand: Dieses Kapitel gibt einen Überblick über den aktuellen Stand der Forschung und nennt Dirk Deisslers Dissertation als zentrale wissenschaftliche Grundlage für die Arbeit.
3. Begriffsdefinition Reeducation: Hier wird der Begriff Reeducation im Kontext der bewussten Beeinflussung deutscher Kultur- und Medienpolitik durch die Alliierten definiert.
4. Begriffsdefinition Besatzungszeit: Dieses Kapitel bestimmt den zeitlichen Rahmen der Besatzungszeit (1945–1949) und stellt die drei Phasen nach Hartenian vor.
5. Zensur und Laienlinguistik: Der Text erörtert die Definition von Zensur sowie den Begriff der Laienlinguistik, mit der die praxisorientierte Vorgehensweise der Besatzungsoffiziere beschrieben wird.
6. Sprachregelung beim Rundfunk: Hier werden die restriktiven Vorgaben der Militärregierung an den Rundfunk und die daraus resultierende Selbstkontrolle der Journalisten thematisiert.
7. Sprachkritische Sendungen: Dieses Kapitel stellt Sendungen wie „Nazideutsch“, „Braundeutsch“ und „1000 Worte Deutsch“ als sprachkritische und erzieherische Instrumente vor.
8. Linguistische Untersuchung zweier historischer Aufnahmen: Die Analyse vergleicht zwei Reportagen von 1947 und 1957 anhand von Wortwahl, Syntax und Sprechmerkmalen.
9. Fazit: Das Fazit bestätigt, dass eine Entnazifizierung der Sprache stattgefunden hat, und weist auf die Notwendigkeit weiterer Forschung in diesem Bereich hin.
Schlüsselwörter
Entnazifizierung, Reeducation, Rundfunk, Besatzungszeit, Zensur, Sprachregelung, Laienlinguistik, Linguistik, Nachkriegszeit, Sprachkritik, Radio, Alliierten, Sprachgeschichte, Medienpolitik, Selbstkontrolle
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den Einfluss der alliierten Besatzungsmächte auf die deutsche Sprache in den Medien, speziell im Rundfunk, nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs.
Welche zentralen Themenfelder behandelt das Dokument?
Zu den Schwerpunkten zählen die Ziele der Reeducation, die Methoden der Rundfunkzensur, die Einführung von Sprachregelungen und die Analyse sprachhistorischer Hördokumente.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, nachzuweisen, dass durch gezielte alliierte Maßnahmen eine bewusste Entnazifizierung der deutschen Sprache im Rundfunk stattfand und wie sich diese auf die Journalisten auswirkte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Neben einer Literaturanalyse der Sprachgeschichtsforschung nutzt die Autorin eine linguistische Vergleichsanalyse zweier historischer Rundfunkreportagen von 1947 und 1957.
Was steht im Hauptteil der Arbeit im Vordergrund?
Im Hauptteil wird zunächst der theoretische Rahmen (Zensur, Reeducation) abgesteckt, gefolgt von einer detaillierten Analyse der Sprachpolitik im Rundfunk und einem empirischen Vergleich zweier Radiobeiträge.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Reeducation, Entnazifizierung, Laienlinguistik und Sprachgeschichte charakterisiert.
Warum wurde gerade der Rundfunk als Beispiel gewählt?
Der Rundfunk diente als zentrales Massenmedium der Nachkriegszeit, an dem sich die sprachregelnden Direktiven und die Zensurbemühungen der Alliierten besonders deutlich nachvollziehen ließen.
Welche Unterschiede zeigen sich zwischen den Radio-Reportagen von 1947 und 1957?
Während die frühe Aufnahme von 1947 noch feierlich-pathetische Züge und dialektale Phänomene aufweist, wirkt die Aufnahme von 1957 neutraler, sprachlich professioneller und stärker durch eine strukturierte Syntax geprägt.
- Citar trabajo
- Tamara Bauer (Autor), 2006, Entnazifizierung der deutschen Sprache im Rundfunk der Besatzungszeit, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/155783