Die Universität Leipzig am Ausgang des 17. Jahrhunderts

Orthodoxie und Pietismus im Widerstreit


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009
18 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Lutherisch-orthodoxe Tradition an der Universität

3 Der Pietismus – Eine kurze Begriffsbestimmung

4 August Hermann Francke im Konflikt zwischen Tradition und Innovation
4.1 Die Gründung der Gemeinschaft „Collegium philobiblicum“
4.2 Franckes Wirken an der Philosophischen Fakultät ab

5 Auswirkungen

6 Zusammenfassung

7 Literatur

1 Einleitung

Leipzig und seine hohe Schule, in der Mitte Mitteldeutschlands, Deutschlands und Europas, befanden sich im Spannungsfeld von Herkommen und Neuerung. Verharrende und veränderungswillige Kräfte bekämpften sich. Verbessernde Reform stand gegen Stagnation.“[1]

Dieses Zitat Günter Mühlpfordts beschreibt anschaulich die Umbruchsphase an der Leipziger Universität in der Wiederaufbauperiode nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges. Wie auch das ganze Land, geprägt durch die Folgen des bis 1648 andauernden Krieges, einen Neuanfang versuchte, wurde die Tradition der lutherischen Orthodoxie an der Universität durch neue Strömungen, wie sie das Zitat verdeutlicht, einem Reformwillen ausgesetzt.

Die Orthodoxie hatte bis zu diesem Zeitpunkt etwa hundert Jahre Zeit gehabt um sich an den Fakultäten, hierbei vor allem der Theologischen, zu festigen. Mit dem Regierungsantritt Herzog Heinrichs wurde im Jahr 1539 eine neue Ära für die Universität Leipzig eingeleitet. Etwa fünf Jahre dauerte die Umgestaltung nach Wittenberger Vorbild, deren Ergebnis die Einführung der lutherischen Reformation an der Universität bedeutete.[2] 1576 wandte sich Sachsen dem orthodoxen Luthertum zu, dessen Prinzipien 1580 in eine neue Universitätsordnung manifestiert wurden.[3] Nach der Einführung dieser Universitätsordnung verankerte sich, bis auf eine kurze Ausnahme unter Christian I., das orthodoxe Luthertum an den Universitäten, so auch an der Alma mater lipsiensis.[4]

Nach dem 30-jährigen Krieg, in dessen Verlauf der Universitätsbetrieb trotz sinkender Immatrikulationszahlen nicht eingestellt werden musste, begann schließlich eine Wiederaufbauperiode, in welcher das vom Krieg zerstörte Land neu hergestellt wurde und Veränderungen angestrebt wurden. Grund für diesen aufkommenden Reformwillen war die beginnende Wissenschaftsrevolution in Natur- und Kulturwissenschaft, durch die Auswirkungen der Entdeckung Amerikas, Erfindungen, und weiteren Neuerungen. Die Nachkriegssituation förderte diesen Reformwillen, wodurch geistige Strömungen ihren Platz fanden.

Eine dieser Strömungen war der Pietismus, der sich aus dem Wunsch nach einer erneuerten subjektiven Frömmigkeit und einer praktischeren Religiosität ergab. Der Vorreiter dieser Bewegung an der Universität Leipzig im 17. Jahrhundert war August Herrmann Francke, der sich mit seinem Wirken an der Philosophischen Fakultät Antagonisten unter den Theologen zuzog. In welcher Form dies geschah und welche Auswirkungen dies sowohl auf Francke selbst aber vor allem auf die Universität hatte, soll den Gegenstand der vorliegenden Arbeit darstellen. Um die Frage nach dem Widerspruch, der sich aus Franckes Arbeit auf der einen Seite und der lutherisch orthodoxen Tradition auf der anderen Seite ergibt, beantworten zu können, soll im weiteren Verlauf zunächst die traditionelle Orthodoxie an der Universität, sowie der Charakter des Pietismus dargestellt werden, um sie im nachfolgenden im Kontext mit Franckes Wirken vergleichen und entgegenstellen zu können.

Auch wenn der Begriff Pietismus vor allem in Bezug zu Halle gesehen wird und diese Stadt auch als eine der Zentren der Bewegung gilt, soll die vorliegende Arbeit zudem herausstellen, inwiefern die Arbeit in Leipzig als wichtiger Grundstein für das spätere Wirken Franckes in Halle angesehen werden kann und ob der Leipziger Universität somit eine tragende Rolle in der Geschichte des Pietismus zu kommt.

2 Die Lutherisch-orthodoxe Tradition an der Universität

Nach dem Tod Luthers erfolgte bald eine Wende von dessen „relativ offenen reformatorischen Theologie (hin) zur Orthodoxie“.[5] An den lutherischen Universitäten, so auch in Leipzig, deren Werdegang hin zur reformierten Universität bereits in Kürze skizziert wurde, gab es immer wieder Spannungen zwischen Gnesiolutheranern auf der einen und Philippisten auf der anderen Seite, auch wenn sich die philippistisch geprägte Alma mater den Konflikten, die vor allem zwischen Wittenberg und Jena ausgetragen wurden, weitestgehend entzog.[6]

Kurfürst August, der 1553 die Nachfolge seines Bruders antrat, verfolgte eine lutherische Ausrichtung, was die Sympathie für die Wittenberger Theologen unter Melanchthon, die er als rechte lutherische Kräfte ansah, mit sich brachte. Eine politische Umorientierung des Kurfürsten August 1573 brachte die vollständige Hinwendung zum orthodoxen Luthertum mit sich, in deren Folge eine Vertreibung der Philippisten als Kryptocalvinisten, sowie die Einigung der innerprotestantischen Konflikte auf das Konkordienbuch und zuvor auf die Konkordienformel statt fand[7].

Diese, unter Mitwirken vom Württemberger Jakob Andreae erlassene Werk sollte die Sicherung der reinen Lehre darstellen, in dem alle Geistlichen ihre Unterschrift zu leisten hatten, was zu einer Einbindung der Universität in die Territorialstruktur nach sich zog, die streng lutherisch geprägt war[8]. Die 1580 erlassene Universitätsordnung brachte nicht nur die Universitätsreformierung zum endgültigen Abschluss, sondern festigte die oben genannte Einbindung, wodurch die Universität zur theologischen Erziehungsanstalt und zur Sicherung der landesfürstlichen Macht diente. Auch wenn sich für die bisherige Ordnung der Theologischen Fakultät nur wenig änderte, und die Betonung weiterhin auf der „reinen Lehre“[9] lag, beendete das Konkordienbuch als Lehrgundlage die konfessionellen Konflikte und „verstärkte die Herausbildung der konfessionellen Orthodoxie.“[10]

Die kurze Phase der Neuorientierung nach dem Tod des Kurfürsten durch seinen Sohn Christian brachte unter anderem kurzzeitig eine Lockerung der Verpflichtung auf die Konkordienformel mit sich, wurde nach dessen Tod nach nur fünf Jahren Regierungstätigkeit jedoch rasch aufgehoben und wieder in die Struktur von 1580 gebracht.[11] Damit lässt sich die folgende Zeit bis zum Ausbruch des 30-jährigen Krieges mit den Worten Günther Wartenberg zusammenfassen:

In den theologischen Auseinandersetzungen trat vorübergehend Ruhe ein. Die feste Lehrnorm in Gestalt der Konkordienformel war vom Landesherren durchgesetzt worden. […] Damit vollzug sich entgültig der Übergang zur altprotestantischen Orthodoxie. In der Lehre – nicht nur in der Theologie – behauptete sich weiter die scholastische Methode […]“.[12]

Nach dem 30-jährigen Krieg, als das Land durch Hungersnöte, Pesteinfälle und Verwüstungen geschwächt war, hatte sich an der Universität Leipzig wenig geändert, wenngleich sich in der Gesellschaft ein anderes Bild abzeichnete, welches bereits in der Einleitung beschrieben und begründet wurde. Besonders die Theologen waren bemüht, in Zusammenarbeit mit der Universität Wittenberg, die Lehre der Konkordienformel auszubauen, zu festigen und gegen äußerliche Bedrohungen zu schützen. Einer dieser Theologen war Benedikt Carpzov der als strenger Anhänger der lutherischen Orthodoxie zu Einfluss an der Universität und außerhalb gelangte.[13]

[...]


[1] Mühlpfordt, Günter: Zwischen Tradition und Innovation. Rektoren der Universität Leipzig im Zeitalter der Aufklärung. In: Hanspeter Marti, Detlef Döring (Hrsg.): Die Universität Leipzig und ihr gelehrtes Umfeld. 1680-1780. (=Arbeitsstelle für kulturwissenschaftliche Forschungen, Bd. 6) Basel 1004, S.111.

[2] Siehe dazu ausführlich: Rudersdorf, Manfred: Die Einführung der Reformation. In: Detlef Döring, Cecilie Hollberg: Erleuchtung der Welt. Sachsen und der Beginn der modernen Wissenschaften. Leipzig 2009, S. 54-63.

[3] Ebda. 2009: S. 66f.

[4] Ebda 2009: S. 67ff.

[5] Weber, Wolfgang E.J.: Geschichte der europäischen Universität. Stuttgart 2002, S. 137.

[6] Ludwig, Ulrike: Das mitteldeutsche Bildungswesen vom Schmalkaldischen Krieg bis zum Ende des Dreißgjährigen Krieges, ein Überblick. In: Deltef Döring, Cecilie Hollberg u.a. (Hrsg.): Erleuchtung der Welt. Sachsen und der Beginn der modernen Wissenschaften. Leipzig 2009, S. 66.

[7] Wartenberg, Günther: Die Kursächsische Landesuniversität bis zur Frühaufklärung. Vom Phillipismus zum Kryptocalvinismus – Die Universtätsordnung von 1580. In: Rathmann, Lothar: Alma mater lipsiensis. Geschichte der Karl-Marx-Universität Leipzig. Leipzig 1984, S. 60.

[8] Ebda. S. 66.

[9] Ebda. S. 68.

[10] Ebda. S. 69.

[11] Ludwig, Ulrike 2009: S. 69.

[12] Wartenberg, Günther 1984: S. 60.

[13] Ebda. S. 73.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Die Universität Leipzig am Ausgang des 17. Jahrhunderts
Untertitel
Orthodoxie und Pietismus im Widerstreit
Hochschule
Universität Leipzig
Note
2,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
18
Katalognummer
V155816
ISBN (eBook)
9783640684953
ISBN (Buch)
9783640684816
Dateigröße
374 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Universität, Leipzig, Ausgang, Jahrhunderts, Orthodoxie, Pietismus, Widerstreit
Arbeit zitieren
Viktoria Dießner (Autor), 2009, Die Universität Leipzig am Ausgang des 17. Jahrhunderts , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/155816

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