Von Jugendlichen verübte Gewalt ist in unserem Alltag sehr präsent, beinahe täglich erreichen uns durch die Medien neue Meldungen über Amokläufer an Schulen, brutale Schlägereien oder Attacken in der U-Bahn. Die Jugendkriminalität scheint auf den ersten Blick männlich dominiert zu sein, die bekannten gewalttätigen Jugendszenen, wie etwa Skinheads oder Hooligans, bestehen hauptsächlich aus Männern.
Aggressives Verhalten in Form von Gewalt gegen andere durch Mädchen scheint selten, was meist mit dem vermeintlich friedvolleren Wesen des weiblichen Geschlechts begründet wird. Die Reaktion der Gesellschaft auf von der Norm abweichende Mädchen ist meist einheitlich: Ihr Verhalten wird als unangemessen und unweiblich eingestuft. Gewalt passt anscheinend nicht zum weiblichen Geschlecht. Man fragt sich wie es dazu kommen konnte, beispielsweise was in ihrer Sozialisation hätte anders verlaufen müssen. Gewalt durch Jungen wird dagegen nicht derart hinterfragt und scheint nicht in dem Maße außergewöhnlich zu sein. In soziologischen, pädagogischen oder kriminologischen Studien zum Thema jugendliche Gewalt und abweichendem Verhalten wird der Fokus vorwiegend auf die jungen Männer gerichtet, da von ihnen der quantitativ größere Anteil der Gewalttaten ausgeht.
Ich möchte mich in der vorliegenden Hausarbeit mit dem Thema der weiblichen Jugendgewalt auseinandersetzen, ihre Formen beschreiben und ergründen welche Faktoren in Familie, Schule und Medien, auch im Hinblick der zunehmenden Emanzipation, dieses Handeln begünstigen. Auch wenn die Delikte durch Frauen im Vergleich zu denen durch Männern immer noch sehr gering erscheinen, haben sie in den letzten Jahren, wie wir noch sehen werden, zugenommen und verdienen eine genauere Betrachtung. Ich werde im ersten Kapitel nach einer Begriffsdefinition zunächst einen knappen Überblick der bisherigen Forschung zum Gewaltverhalten bei Mädchen liefern. Danach möchte ich verschiedene Sozialisationsinstanzen und ihre Bedingungen für gewalttätiges Handeln charakterisieren, um mich im Anschluss mit den typischen Formen weiblicher Aggression zu beschäftigen und Erklärungsansätze für dieses Verhalten liefern. Im letzten Kapitel sollen zum Abschluss Möglichkeiten der Prävention aufgeführt werden.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Forschung zum weiblichen Gewalthandeln
1.1 Begriffsdefinition Jugendgewalt
1.2 Jugendgewalt – Jungengewalt?
2. Sozialisationsinstanzen und ihre Bedingungsfaktoren für jugendliches Gewalthandeln
2.1 Familie
2.2 Schule
2.3 Mediale Gewalt und reale Gewalt
2.4 Peer-Groups und soziale Netzwerke der Jugendlichen
3. Erklärungsansätze für gewalttätiges Verhalten weiblicher Jugendlicher
3.1 Erscheinungsformen von Gewalt bei Mädchen
3.2 Erklärungsansätze für weibliche Gewaltausübung
4. Möglichkeiten der Gewaltprävention
4.1 Gewaltprävention bei Kindern und Jugendlichen
Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Phänomen weiblicher Jugendgewalt, um zu ergründen, welche Faktoren in Familie, Schule und Medien dieses Handeln begünstigen, und leitet daraus Ansätze für eine effektive Gewaltprävention ab.
- Entwicklung und Definition von Jugendgewalt im Kontext des Geschlechts
- Einfluss von Sozialisationsinstanzen (Familie, Schule, Peer-Groups) auf delinquentes Verhalten
- Analyse der medialen Darstellung von Geschlechterrollen und Gewalt
- Erklärungsmodelle für geschlechtsspezifische Aggressionsformen
- Ableitung von präventiven Strategien für Kinder und Jugendliche
Auszug aus dem Buch
1.2 Jugendgewalt – Jungengewalt?
Forschungsberichte aus früheren Jahren beschäftigen sich beim Thema Jugendgewalt zumeist ausschließlich mit den Tätern männlichen Geschlechts, Mädchen wurden dagegen häufig ausgeblendet. Die Minderheit der weiblichen Gewalttaten wurde entweder damit begründet, dass Mädchen von Natur aus friedfertiger seien (biologische Bedingungen) oder sie aufgrund ihrer geschlechtsspezifischen Sozialisation ein anderes Konflikt- und Aggressionsverhalten erlernten (gesellschaftliche Bedingungen). Zu letzterem schreibt Inga Diop:
„Da die durch die Sozialisationsinstanzen an Mädchen herangetragenen geschlechtsspezifischen Erwartungen meist einen Verzicht auf offene körperliche Gewaltausübung beinhalteten, lernten sie eher das Aushalten von Konflikten und Supprimieren von eigenen Gewaltempfindungen“ (Diop 2007, S. 5).
Weibliche Gewalt wurde in der Öffentlichkeit also lange tabuisiert, erst gegen Ende der Neunziger Jahre begann sich die Forschung mit diesem Thema ernsthaft auseinander zu setzen. Ulrike Popp realisierte beispielsweise 1998 ein Projekt auf Basis einer repräsentativen Querschnittsuntersuchung und qualitativen Interviews mit Schülerinnen und Schülern zum Thema Geschlechtersozialisation und Gewalt an Schulen. Sie konnte dabei feststellen, dass Mädchen in größerem Maße als bisher angenommen Gewalt ausübten. Popp betont außerdem, dass die Rate der offiziell registrierten Delikte laut der polizeilichen Kriminalitätsstatistik zwischen 1987 und 1996 bei Jungen zwar weitaus größer ausfällt, die Steigungsrate jedoch bei Mädchen ausgeprägter ist. Sie beträgt 64% bei den unter 21 jährigen weiblichen, hingegen nur 50% bei männlichen Jugendlichen (vgl. Popp 2002, S. 19). Da sich heute die traditionellen Geschlechterverhältnisse gelockert haben und sich dies auch in der Erziehung bemerkbar macht, ist anzunehmen, dass sich die Sozialisationsprozesse von Jungen und Mädchen nun vermehrt angleichen und sich somit auch das weibliche Gewalthandeln dem des anderen Geschlechts annährt. Gewalt könnte demnach zunehmend zu einer möglichen Ausdrucksform für beide Geschlechter werden und kann nicht mehr nur als Domäne des männlichen Geschlechts gesehen werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Forschung zum weiblichen Gewalthandeln: Definiert den Jugendbegriff sowie Gewaltformen und hinterfragt die einseitige Fokussierung der Forschung auf männliche Täter.
2. Sozialisationsinstanzen und ihre Bedingungsfaktoren für jugendliches Gewalthandeln: Analysiert, wie Familie, Schule, Medien und Peer-Groups Bedingungen schaffen, die gewalttätiges Verhalten fördern oder hemmen.
3. Erklärungsansätze für gewalttätiges Verhalten weiblicher Jugendlicher: Untersucht spezifische Ausdrucksformen weiblicher Aggression und diskutiert Ansätze zur Erklärung der Zunahme weiblicher Delinquenz.
4. Möglichkeiten der Gewaltprävention: Zeigt Wege auf, wie durch gezielte Förderung sozialer Kompetenzen in verschiedenen Instanzen präventiv gegen Gewalt vorgegangen werden kann.
Schlüsselwörter
Jugendgewalt, weibliche Delinquenz, Geschlechtersozialisation, Gewaltprävention, Sozialisationsinstanzen, Aggressionsverhalten, Rollenkonflikt, Kriminalitätsstatistik, Geschlechterrollen, Medienkonsum, Peer-Groups, Erziehungsstil.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der kritischen Auseinandersetzung von Jugendgewalt unter dem besonderen Aspekt der weiblichen Täter und der Frage, warum dieses Phänomen lange tabuisiert wurde.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder umfassen die Definition von Gewalt, die Rolle verschiedener Sozialisationsinstanzen wie Familie und Schule sowie die Auswirkungen sich wandelnder Geschlechterrollen.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, die Ursachen für das Ansteigen weiblicher Gewalttaten zu ergründen und aufzuzeigen, wie sich das Verständnis von weiblicher Gewalt durch veränderte soziale Rahmenbedingungen wandelt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine Literaturanalyse bestehender soziologischer, pädagogischer und kriminologischer Studien sowie die Auswertung polizeilicher Kriminalstatistiken.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden die Einflüsse von Familie, Schule und Medien sowie die spezifischen Erklärungsansätze für das abweichende Verhalten bei Mädchen detailliert untersucht.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe sind Jugendgewalt, weibliche Delinquenz, Geschlechtersozialisation und Gewaltprävention.
Welche Rolle spielt die Familie bei der Entstehung von Gewalt?
Die Familie gilt als primäre Sozialisationsinstanz, wobei sowohl autoritäre Erziehungsstile als auch Vernachlässigung als begünstigende Risikofaktoren für delinquentes Verhalten identifiziert werden.
Warum wird in der Arbeit von einem „Mythos der friedfertigen Frau“ gesprochen?
Der Begriff thematisiert die gesellschaftliche Erwartung an Mädchen, von Natur aus friedfertig zu sein, welche durch neuere Forschungen und die Zunahme physischer Gewalt durch Mädchen zunehmend revidiert werden muss.
- Citar trabajo
- Katharina Bär (Autor), 2010, Jugendgewalt - ausschließlich männlich? Forschung und Erklärungsansätze zum delinquenten Handeln von weiblichen Jugendlichen, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/155839