Während um 1970 die Print-Medien als Hauptnachrichtenquelle dienen, sind es mittlerweile überwiegend Kanäle der sozialen Medien, wie Facebook oder Twitter, die über die Geschehnisse in der Welt berichten. Betrachtet man die Öffentlichkeit als einen Raum der Kommunikation sind sowohl die Print-Medien der 70er Jahre als auch die Nachrichten auf social-media-Plattformen der gegenwärtigen Zeit ein Teil der Öffentlichkeit. Parallel zu dieser tauchen im Laufe der Zeit verschiedene Formen von Gegenströmungen auf, die Hintergründe thematisieren, die innerhalb der „Mainstream-Medien“ der gegebenen Zeit keinen, oder nur einen verfälschten Rahmen bekommen. Teil dieser Gegenströmungen der 70er Jahre sind die sogenannten Verständigungstexte, während #MeToo seit dem Jahr 2017 ein zuvor oftmals verschwiegenes gesellschaftliches Phänomen thematisiert.
Die vorliegende Bearbeitung widmet sich der Frage einer Vergleichbarkeit zwischen den Verständigungstexten, als die Gegenströmung der 70er Jahre und dem #MeToo, einer Bewegung der heutigen, digitalisierten Öffentlichkeit. Dazu soll zunächst ein Überblick darüber gegeben werden, was unter dem Begriff der Öffentlichkeit – und in Bezug darauf, unter dem Begriff einer Gegenöffentlichkeit verstanden werden kann. Im Anschluss daran wird sich die Arbeit mit Verständigungstexten, einem Literaturgenre der Gegenöffentlichkeit der 70er Jahre beschäftigen, um dieses im darauffolgenden Kapitel in einen Vergleich mit #MeToo, als einem Beispiel des Hashtag-Aktivismus der Gegenwart, zu stellen.
Schließlich soll beantwortet werden, ob #MeToo vor dem Hintergrund der Veränderung der Öffentlichkeit in eine „digitale Öffentlichkeit“ als Verständigungstext der Gegenwart gelten kann.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Der Begiff der „Öffentlichkeit“
3 Verständigungstexte – Die Gegenöffentlichkeit der 70er Jahre
4 Die digitale Öffentlichkeit
4.1 Das Hashtag
4.1.1 Der Hashtag-Aktivismus
4.1.2 Der Hashtag-Aktivismus am Beispiel von #MeToo
4.2 #MeToo als Verständigungstext der Gegenwart?
5 Fazit und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, ob die #MeToo-Bewegung als ein moderner „Verständigungstext“ verstanden werden kann, indem sie Parallelen zur gleichnamigen literarischen Gegenbewegung der 70er Jahre im Kontext heutiger digitaler Öffentlichkeiten analysiert.
- Strukturwandel der Öffentlichkeit im digitalen Zeitalter
- Charakteristika und Funktionen von Verständigungstexten
- Entwicklung und Dynamiken des Hashtag-Aktivismus
- #MeToo als Instrument der Gegenöffentlichkeit
- Identitätsbildung und Gruppenprozesse in digitalen Räumen
Auszug aus dem Buch
Verständigungstexte – Die Gegenöffentlichkeit der 70er Jahre
Betrachtet man die 70er Jahre, findet man eine Zeit voller Umbrüche und Revolutionen. Wie auch die Frauenbewegung entwickeln sich diese zumeist aus dem Wunsch heraus, gesellschaftliche und soziale Missstände zu verändern. Neben der Öffentlichkeit, besteht damit eine „zweite“ Öffentlichkeit, die zu den Institutionen, Normen oder Werten dieser dominierenden Öffentlichkeit in bewusste Opposition tritt. Diese lässt sich als Gegenöffentlichkeit bezeichnen und tritt als eine alternative Öffentlichkeit beispielsweise als Gegenthematisierung oder „als Reaktion auf empfundene politische Unterdrückung“ auf. Indem sie versucht die dominierende Öffentlichkeit durch aufmerksamkeitserregende Aktionen, wie Proteste, zu ändern, ist sie unter anderem Inhalt der Bewegungsforschung.
Ebenso wie in der politischen und sozialen Welt, zeichnen sich auch in der Literatur zwei einander entgegengesetzte Strömungen ab. Neben der Literatur von und für die bürgerlich repräsentative Öffentlichkeit, entsteht um 1970 eine literarische Gegenöffentlichkeit. Kennzeichnend für diese ist die Simplifizierung von Erzähldimension, Sprache und Syntax. Entgegen der modernen Kanonliteratur besteht in der Literatur der Gegenströmung keine Relevanz, „ob […] [der Autor] die Literatur-Latte wirft“ und eine hohe Textqualität liefert. Stattdessen geht es darum, von den Lesern verstanden zu werden.
Die nach ihrer Funktion benannten „Verständigungstexte“ sind aufgrund ihres thematischen Bezugs auf ein klar einzugrenzendes Lesepublikum abgestimmt und können in diesem „enorme […] Wirkungen“ erzielen. Diese erwachsen aus den in der Zielgruppe bestehenden, oftmals defizitären sozialen Bedingungen, von denen auch der Autor des Verständigungstextes betroffen ist und über welche er schreibt. Aufgrund der geteilten Erfahrungen erwächst beim Leser das Gefühl einer Gruppenidentität. „[E]ine zumindest partielle Kontinuität“ zwischen der Lebenswelt des Autors und der der Leserschaft erweist sich damit als Grundlage der Verständigungstexte.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung beleuchtet den gesellschaftlichen Wandel durch die Digitalisierung und stellt die Forschungsfrage zur Vergleichbarkeit von Verständigungstexten der 70er Jahre mit der #MeToo-Bewegung.
2 Der Begiff der „Öffentlichkeit“: Dieses Kapitel erarbeitet die begriffliche Herleitung und den Bedeutungswandel von Öffentlichkeit von der Antike bis zu zeitgenössischen Theorieansätzen.
3 Verständigungstexte – Die Gegenöffentlichkeit der 70er Jahre: Das Kapitel definiert den Begriff der Verständigungstexte als literarische Gegenöffentlichkeit, deren Ziel es ist, soziale Missstände durch Identifikation und Simplifizierung diskussionsfähig zu machen.
4 Die digitale Öffentlichkeit: Hier wird der Einfluss digitaler Medien auf Öffentlichkeitsstrukturen analysiert, insbesondere die Entstehung neuer Kommunikationssysteme und die Rolle des Hashtag-Aktivismus.
4.1 Das Hashtag: Untersuchung des Hashtags als Instrument, das ursprünglich zur Sortierung diente, sich aber zum Werkzeug politischer Gegenöffentlichkeit entwickelte.
4.1.1 Der Hashtag-Aktivismus: Erläuterung, wie Hashtags zur Mobilisierung und zur Thematisierung gesellschaftlicher Probleme in sozialen Netzwerken eingesetzt werden.
4.1.2 Der Hashtag-Aktivismus am Beispiel von #MeToo: Konkrete Analyse der #MeToo-Bewegung als globales Phänomen der digitalen Vernetzung von Betroffenen sexueller Gewalt.
4.2 #MeToo als Verständigungstext der Gegenwart?: Zusammenführung der theoretischen Erkenntnisse zur Anwendung der Verständigungstext-Kriterien auf die heutige #MeToo-Bewegung.
5 Fazit und Ausblick: Das Fazit resümiert die Parallelen beider Bewegungen hinsichtlich ihrer Funktion als Gegenöffentlichkeit und Identifikationsstifter und weist auf notwendige weiterführende Forschungen hin.
Schlüsselwörter
Öffentlichkeit, Gegenöffentlichkeit, Verständigungstexte, #MeToo, Digitalisierung, soziale Medien, Hashtag-Aktivismus, gesellschaftlicher Wandel, Gruppenidentität, literarische Öffentlichkeitsarbeit, Habermas, Diskurs, Machtkritik, Empowerment, Kommunikation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, inwiefern die digitale #MeToo-Bewegung mit den literarischen „Verständigungstexten“ der 1970er Jahre vergleichbar ist, um sie als eine Form moderner Gegenöffentlichkeit zu kontextualisieren.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind der Strukturwandel der Öffentlichkeit, die Rolle von Literatur als gesellschaftliche Gegenströmung und die Wirkmacht digitaler Kommunikationsinstrumente wie Hashtags.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, durch einen Vergleich der gestalterischen und funktionalen Merkmale zu begründen, ob #MeToo die Kriterien erfüllt, um als Verständigungstext der Gegenwart bezeichnet zu werden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine theoretisch-analytische Methode, die medienwissenschaftliche und soziologische Theorien (insb. Habermas) mit der Untersuchung literarischer Gattungsmerkmale verknüpft.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Begriffsbestimmung von Öffentlichkeit, die Analyse der historischen Verständigungstexte und die detaillierte Betrachtung der digitalen #MeToo-Bewegung als Phänomen des Hashtag-Aktivismus.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Gegenöffentlichkeit, #MeToo, digitale Öffentlichkeit, Gruppenidentität und gesellschaftlicher Wandel charakterisiert.
Wie unterscheidet sich der Wirkungskreis von #MeToo zu den Verständigungstexten der 70er Jahre?
Während Verständigungstexte aufgrund analoger Verbreitungswege einen begrenzten Wirkungskreis hatten, ermöglicht die Digitalisierung bei #MeToo eine weltweite Vernetzung und eine signifikant höhere Reichweite bei der Adressatengruppe.
Inwiefern spielt der Akteur „Ich“ in beiden Textformen eine Rolle?
In beiden Formen verschmelzen Autor, Erzähler und Protagonist zu einem „Ich“, das eigene Erfahrungen nutzt, um stellvertretend für eine betroffene Gruppe zu sprechen und so Identifikation zu ermöglichen.
- Arbeit zitieren
- L. Preuß (Autor:in), 2022, Verständigungstexte im Zeitalter der digitalen Öffentlichkeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1558729