Sprachgeographie Argentiniens


Seminararbeit, 2010

23 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Sprache und Raum
2.1 Indianersprachen
2.1.1 Quechua
2.1.2 Guaraní
2.1.3 Mapuche
2.2 Sprachkontakte aufgrund von Immigration

3 Phonetik und Phonologie
3.1 Vokalismus
3.2 Konsonantismus
3.2.1 seseo/ceceo
3.2.2 yeísmo/žeísmo/lleísmo
3.2.3 Der Sibilant /s/
3.2.4 Vibranten
3.2.5 Die Okklusive /b/, /d/, /g/
3.2.6 Frikative

4 Morphosyntax
4.1 voseo und Anrede
4.2 Pronomen
4.3 Zeiten
4.4 Weitere morphosyntaktische Phänomene

5 Lexik
5.1 Lexik im Vergleich zum Kastilischen
5.2 Indigenismen
5.3 Italienismen
5.4 Gallizismen
5.5 Anglizismen

6 Fazit

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Anhang

Anhang 1: Graphiken

1 Einleitung

Einheit [ unidad ] und Vielfalt/Verschiedenartigkeit [ variedad ] sind die beiden Axiome, die man dem Spanischen Argentiniens zuspricht. Jedoch können diese auf zwei verschiedene Arten verstanden werden. Besteht die Einheit innerhalb Argentiniens oder bezieht sie sich auf die gemeinsame Sprache, die es mit zahlreichen Ländern teilt? Dasselbe Problem stellt sich bei der Vielfalt: Vielfalt/Verschiedenartigkeit durch verschiedene Varianten innerhalb Argentiniens oder als Abgrenzung zum Kastilischen? (Guïda 1993:4)

Jedoch kann man sich relativ sicher sein, dass sich das argentinische Spanisch, das durch die Siedler nach Argentinien gebracht wurde, durch seine Geschichte auf eigene Weise (weiter-)entwickelt hat. Vor allem muss man bedenken, dass wir uns auf einem Kontinent befinden, der noch vor seiner Entdeckung bevölkert war, was möglicherweise auch eine Rolle spielt. Aufgrund dessen gilt es zu untersuchen, wie viele Unterschiede in den Bereichen Phonologie, Morphosyntax und Lexik zu verzeichnen sind und inwiefern die starke europäische Immigration zu Beginn des letzten Jahrhunderts durch Interferenzen ihren Teil beigetragen hat.

2 Sprache und Raum

Der Ausdruck argentinisches Spanisch bezeichnet „die Varietäten des Spanischen, die auf dem heutigen politischen Territorium Argentiniens gesprochen und verschriftet werden“ (Guïda 1993:3), wobei dieses das größte der 17 spanischsprachigen Länder Lateinamerikas darstellt und als Varietät des amerikanischen Spanisch erachtet werden kann. Die Nationalsprache, über die in der Verfassung von 1960 nichts angegeben wurde, ist Spanisch, wenngleich man wegen der ehemaligen Abhängigkeit in den Bereichen Wirtschaft und Politik die eigene Sprache ungern als español[1] bezeichnet. (Guïda 1993:1,4, 24; Metzeltin/Winkelmann 1992:27)

Innerhalb des spanischsprachigen Raumes erachtet man das Spanisch Argentiniens als „die am weitesten vom Kastilischen entfernte Variante“ (Kubarth 1987:171). Der Grund hierfür ist die Konzentration und Durchsetzung „populäre[r], rustikale[r] oder vulgäre[r]“ (Kubarth 1987:171) Ausdrücke bzw. „latenter Tendenzen“ (Kubarth 1987:171) anderer lateinamerikanischer Länder wohl als Folge der späten Besiedelung[2], jedoch ist die Sprachstruktur derjenigen Lateinamerikas bzw. Spaniens relativ ähnlich. Im 19. Jahrhundert wurde dieser Unterschied, der ein Abgrenzungsversuch Spanien gegenüber war und in Anbetracht der starken nichtspanischen Immigration eine identitätsstiftende Funktion hatte, gelobt. Dennoch sorgte das argentinische Spanisch im 20. Jahrhundert bei konservativen Sprachwissenschaftlern insofern für Kritik, als es die gehobene Sprache missachte, sprachliche Konstruktionen falsch angewendet würden und auch die Phonetik nicht der Norm entspräche, was „die [...] Reinheit der [...] spanische[n] Sprache dort gefährde(t)“ (Guïda 1993:5,8; Kubarth 1987:171-173).

Argentinien ist das einzige Land Lateinamerikas, das eine „so enge Verbindung von Sprache und Nationalbewusstsein“ (Kubarth 1987:172-173) aufweist, sodass die Sprache das „absolute(s) Symbol der Unabhängigkeit und der Eigenart Argentiniens“ (Kubarth 1987:173) darstellt. Die größten Differenzen – sowohl Spanien als auch Lateinamerika gegenüber – sind im lexikalischen Bereich zu verzeichnen. (Kubarth 1987:171-173; Guïda 1993:2; Fontanella 1993:182)

2.1 Indianersprachen

Während zum Zeitpunkt der Kolonisierung zahlreiche indianische Sprachen existierten, die von ca. 300 000 Indianern verschiedener kleinerer Stämme gesprochen wurden, hält sich die Indiobevölkerung[3] in Argentinien heutzutage verglichen mit dem Rest Lateinamerikas gering (1999 0,4% = 146 400)[4]. Ihre Existenz ist in Randzonen und einer isolierten Provinz im Landesinneren belegt. (Kubarth 1987:174; Guïda 1993:12; Noll 2001:8)

2.1.1 Quechua

Quechua wurde durch spanische Missionare, die diese Sprache in Peru gelernt hatten, in die Provinz Santiago de Estero, fern des ehemaligen Inkareiches, gebracht. Eine andere Quelle besagt, dass sie bereits vor der Kolonialisierung im Nordwesten existiert hat. In jedem Fall verzeichnet man Anfang des 20. Jahrhunderts die Verteilung des Quechua auf Santiago del Estero, Salta und Jujuy. Durch das große Prestige der Hauptstadt ist die Sprache regelrecht dem Untergang geweiht; geblieben sind Intonationsmuster (Realisierung von /-s/, von /j/ als [j] und von /ʎ/ als [ʒ]) und Lexeme, jedoch wird die Sprache statt in ihrer ursprünglichen Form wenn überhaupt als Mischsprache gebraucht. (Kubarth 1987:174; Guïda 1993:13)

2.1.2 Guaraní

Die nordöstlichen Provinzen Formosa, El Chaco, Misiones und Corrientes stellen nur einen sehr kleinen Teil des tatsächlichen Sprachgebietes des Guaraní, das sich über das Amazonasgebiet erstreckt, dar. Mittlerweile wird es nach und nach vom Spanischen verdrängt oder taucht – wie es in isolierten ländlichen Zonen der Fall ist – als Mischsprache „Yopará“ auf. Das Guaraní beeinflusst das Spanische in seiner Phonetik durch indianische Intonationsmuster: /f/ am Wortanfang wird als [x] artikuliert (fantástico [xanˈtastiko]). (Kubarth 1987:174-175; Guïda 1993:14)

2.1.3 Mapuche

Aus dem Mapuche bzw. Araucano, das noch von einigen wenigen Indianern aus dem Gebirgsland von Neuquén bis zum Süden, gesprochen wird, sind in der spanischen Sprache hauptsächlich Toponyme vorhanden. Die Entlehnungen sind wesentlich geringer als aus den beiden anderen Indianersprachen. (Vidal de Battini 1964:64)

2.2 Sprachkontakte aufgrund von Immigration

Argentinien weist eine beträchtliche Zahl an italienischen Einwanderern auf – vor allem an Bauern oder Handwerkern aus verschiedenen, eher ärmeren Gebieten Italiens – deren Immigration in zwei Phasen stattfand: einer ersten zwischen 1876 und 1925 und einer zweiten zwischen 1926 und 1956. In der ersten Phase zählte man 2 604 000 Immigranten, von denen die Hälfte etwa 44,9% der nachhaltigen Einwanderung zu dieser Zeit ausmachte. Folglich kam es zu einem starken Bevölkerungswachstum: Regionen mit geringer demographischer Dichte - wie das Küstengebiet - wurden besiedelt, die Verstädterung nahm zu und es bildete sich eine Mittelschicht[5]. Darüber hinaus war sehr positiv, dass die Argentinier, die ursprünglich auf andere Ethnien und Sprachen mit Ablehnung reagierten, schnell Toleranz zeigten und sich gemeinsam gegen die Ausbeutung seitens des Staates wehrten. Durch den hohen italienische Bevölkerungsanteil kam es zu Interferenzen zwischen dem Spanischen und dem Italienischen (cocoliche und lunfardo), was sich besonders in der Lexik zeigt. (Golluscio 1990:60-62)

Am stärksten ist der Einfluss des Italienischen im lunfardo (it. lombardo ‚Gauner, Dieb‘) in Buenos Aires sichtbar, der genau genommen als „Spanisch mit lexikalischen Innovationen“ (Kubarth 1987:176) definiert werden kann. Während dieser früher als „Verbrecherjargon(s)“ (Kubarth 1987:176) gekennzeichnet war und der sozialen Abgrenzung diente, ist er heute fester Bestandteil der populären Sprache und wird als „argot urbano“ (Golluscio 1990:64) bezeichnet. Zur Ausbreitung dieser Sprachform trugen Rundfunksendungen sowie die Bekanntheit des Tangos, der viele solcher Worte verwendete, bei. (Kubarth 1987:175-177; Golluscio 1990:68-69)

Aufgrund von Verständigungsproblemen in Kontaktsituationen zwischen dem volkstümlichen Spanisch des Río de la Plata (auf dem Arbeitsmarkt) und den italienischen Dialekten (der Arbeitskräfte) sollten sich die Einwanderer die spanische Sprache aneignen. Folglich entstand eine Mischsprache aus beiden, die cocoliche genannt wurde und nur von Italienern gesprochen wurde, die sich aber nie zu einer Sprache etablierte. Der Grund hierfür war die starke Unterscheidung von Sprecher zu Sprecher und vor allem die Tatsache, dass diese auf dem Weg die neue Sprache zu erlernen Mittel zum Zweck darstellte. (Golluscio 1990:65-66)

3 Phonetik und Phonologie

Bezüglich der Phonetik und Phonologie gibt es eine Zweiteilung zwischen den Hochlandgebieten (tierras altas: Westen, größter Teil Patagoniens) und den Tiefland-/Küstengebieten (tierras bajas: Osten). Während erstere einen stabilen Konsonantismus und einen schwachen Vokalismus aufweisen, verzeichnet man in den tierras bajas einen stabilen Vokalismus und einen schwachen Konsonantismus. Folglich ergeben sich aufgrund der verschiedenen Lage Unterschiede im phonetischen/phonologischen Bereich, was der Grafik (Abbildung 3, S.20) entnommen werden kann. Diese zeigt eine Einteilung Argentiniens in fünf Gebiete: región litoral: Buenos Aires, Santa Fé, La Pampa, Patagonien (Río Negro, Chubut, Santa Cruz, Neuquén); región guaranítica: Misiones, Corrientes, Formosa, Chaco; región cuyo: Mendoza, San Juan; región central: San Luis, Córdoba; región noroeste: Jujuy, Salta, Tucumán, Catamarca, Santiago del Estero, La Rioja), deren Phonetik im Folgenden erläutert wird. (Noll 2001:24; Fontanella:1993:179-180)

3.1 Vokalismus

Das amerikanische Spanisch weist wie das Kastilische fünf Vokalphoneme auf, wobei im argentinischen Spanisch die Vokale, vor allem /a/, /e/ und /o/, in der Regel länger artikuliert werden als im Kastilischen. Im Gebiet des Río de la Plata und den Guaraníprovinzen werden immer häufiger betonte Vokale nasaliert, selbst wenn diese nicht in der Umgebung eines Nasalkonsonanten auftauchen. Ersteres Gebiet zeigt auch eine gegensätzliche Verwendung der Diphthonge /ai/ und /ei/, weshalb rey statt [rei] [rai] und naipes statt [ˈnaipes] [ˈneipes] ausgesprochen wird. Gleichzeitig trifft man aufgrund von Unsicherheit auf die „hyperkorrekte(n)“ (Kubarth 1987:178) Bildung von Diphthongen wie bei permisio (anstatt permiso).

[...]


[1] Español konnotiert die Eroberung durch die Spanier, während castellano neutraler erscheint. (Guïda 1993:4)

[2] Die Eroberung Argentiniens fand 1516 durch Juan Díaz de Solís statt; zur Besiedelung kam es erst 1537 mit der Gründung von Asunción. Patagonien wurde erst im 19. Jh. erschlossen. (Guïda 1993:14-15)

[3] Man geht davon aus, dass diejenigen, die die Indianersprache noch beherrschen zweisprachig sind. (Vidal de Battini 1964:62)

[4] Andere Schätzungen gehen von 200 000 Indianern aus. (Guïda 1993:28)

[5] Vor dieser Einwanderungswelle existierte nur eine Zwei-Klassen-Gesellschaft mit fehlender Mittelschicht. (Golluscio 1990:61)

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Details

Titel
Sprachgeographie Argentiniens
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Institut für Romanistik)
Veranstaltung
Spanisch in Spanien und Lateinamerika
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
23
Katalognummer
V155891
ISBN (eBook)
9783640688180
ISBN (Buch)
9783640688296
Dateigröße
1540 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Spanisch, Lateinamerika, Argentinien, lunfardo, cocoliche, Sprachgeographie
Arbeit zitieren
Julia Fedorkova (Autor), 2010, Sprachgeographie Argentiniens, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/155891

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