Dialektale Gliederung Frankreichs im Mittelalter und Koineisierung


Seminararbeit, 2010

19 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Sprachliche Situation
2.1 Geschichtliche Hintergründe
2.2 Dialekte
2.2.1 langue d‘oïl
2.2.2 langue d’oc und Frankoprovenzalisch

3 Skriptae
3.1 Entstehung der Schriftsprache
3.2 Herkunft der verschiedenen Skriptae

4 Koiné
4.1 Koineisierung
4.2 Kontaktsituationen
4.3 Koineisierung im Paris des Mittelalters

5 Gründe für die Vorrangstellung des Franzischen

6 Franzisierung der Schriftsprachen
6.1 Verlauf im nordfranzösischen Sprachgebiet
6.2 Verlauf im okzitanischen Sprachgebiet

7 Fazit:

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Anhang
Anhang 1: Graphiken

1 Einleitung

Das sogenannte français commun bezeichnet die am meisten verwendete und als „normal“ (Prüßmann-Zemper 1990:830) empfundene Varietät des Französischen. Diese orientiert sich am Französischen des Gebietes der Ile-de-France und weist ein gewisses Prestige gegenüber anderen Varietäten auf, was seinen Ursprung im Mittelalter hat. (Prüßmann-Zemper 1990:830-831)

Aufgrund dessen fragt man sich, inwiefern sich ein solches Muster auf die Vergangenheit übertragen lässt, wie und warum sich das Französische als Dachsprache etablierte und weshalb es ausgerechnet dieses Gebiet betrifft. Da in einigen Bereichen Quellen, die eine gesicherte Aussage zulassen fehlen, muss man sich hierbei mit Hypothesen zufrieden geben.

Folglich soll zuerst ein Überblick über die Dialekte – ihre geschichtlichen Hintergründe mit eingeschlossen – gegeben werden, wobei aus jener Zeit erhaltene Schriftstücke ausgewertet werden. Anschließend wird der Prozess der Etablierung der Hochsprache, sowie seine Gründe und sein Verlauf, bei dem auch das okzitanische Sprachgebiet nicht außen vor bleibt, erläutert.

2 Sprachliche Situation

2.1 Geschichtliche Hintergründe

Die unterschiedlichen Züge und Besonderheiten des Französischen gehen auf Sprachen, die mit dem Lateinischen in direktem Kontakt standen zurück[1]. Hierbei handelt es sich zum einen um das Gallische, das ursprünglich in ganz Frankreich existierte und im Norden zusätzlich um das Germanische als Sprache der Franken und Burgunder, die im 5. Jahrhundert dort einfielen und sich niederließen. Bei diesen beiden Völkern kam es zu einem Sprachwechsel von ihrer ursprünglichen zur lateinischen Sprache (Vulgärlatein), wobei der Akzent, Lexeme, Morpheme ihrer Muttersprache sowie Wörter zur Benennung von Dingen, die im Lateinischen keinem Lexem zugeordnet waren, beibehalten wurden. Somit blieb das Gallische als Substrat und das Germanische als Superstrat in der französischen Sprache erhalten, ohne welche sich die französische Sprache mit Sicherheit anders entwickelt hätte. (Allières 1982:5-6; Gsell 1995:285; Kesselring 1973:170)

Diese trugen gemeinsam mit der natürlichen, d.h. der geographisch unterschiedlichen Sprachentwicklung dazu bei, dass das Vulgärlateinische, das die Basis des Romanischen darstellt, sich je nach Region unterschiedlich entwickelte, wodurch unterschiedliche Dialekte entstanden.

Für die Hauptphase dieser Entwicklung, die das 9. bis 12. Jahrhundert umfasst, fehlen fundierte Belege, jedoch liegt die Vermutung nahe, dass diese auf die feudale Zersplitterung zurückzuführen ist. (Gsell 1995:283;Allières 1982:116)

2.2 Dialekte

Frankreich war im Mittelalter sprachlich gesehen zweigeteilt, was u.a. an der Topographie liegt: Das Zentralmassiv fungierte somit zusammen mit den Sumpfgebieten der Vendée und des Rhônetals als Barriere, weshalb der Süden „zerklüfteter, archaischer, dialektfreundlicher und individualistischer“ (Kesselring 1973:170) war. Die damalige Grenze lag zunächst an der Loire-Vogesenlinie, verschob sich jedoch nach dem 12. Jahrhundert nach Süden, sodass sie anschließend bei der Gironde-Mündung zum nördlichen Zentralmassiv lag. Darüber hinaus wurde dieser „(proto-) französische(r) Raum“ (Gsell, 1995:283) auch in Ost und West gegliedert, wobei die Städte Amiens und Lyon der Orientierung gelten.

Die Dialekte aus Lothringen, England, dem Artois und dem Poitou zu Beginn des 13. Jahrhunderts waren ähnlich genug um den gemeinsamen Namen ‚Französisch‘ zu tragen, gleichzeitig wiesen sie aber auch genügend Unterschiede auf, die die Existenz regionaler Varietäten nahelegen. (Berschin/Felixberger/Goebl 2008:203;Kesselring 1973:170; Gsell 1995:283)

2.2.1 langue d‘oïl

Der Norden Frankreichs, der sprachliche Großraum der langue d’oïl lässt sich folgendermaßen einteilen: der Norden umfasst das Pikardische, Wallonische, (Anglo-)Normannische, der Osten das Champagnische, Lothringische und Burgundische, das (südliche) Zentrum das Orleanesische und das erst spät belegte Franzische, und der Westen die Dialekte aus Anjou, Maine, Touraine, aus dem gallischen[2] Teil der Bretagne und aus der Basse-Normandie. (Allières 1982:118; Gsell 1995:284)

Die folgende Grafik zeigt die dialektale Gliederung Nordfrankreichs im Mittelalter, wobei die langue d’oïl in vier dialektale Zonen eingeteilt ist:

Abbildung 1 Die Dialekte der langue d'oïl

(Gsell 1995:283)

Im „wirtschaftlich und kulturell aktive[n]“ (Gsell 1995:283) Norden Galliens (Flandern, Wallonie, Picardie) liefen sprachliche Prozesse im Vergleich zu den anderen Gebieten selbständiger und schneller ab. In absteigender Reihenfolge sind Lothringen, der Südosten (Burgund, Franche-Compté) und der Westen (Normandie, Bretagne, Maine, Touraine, Anjou) zu nennen. (Gsell 1995:283-284)

Es gab wenige bzw. kaum spezielle Charakteristika für die zentralen Dialekte, die innerhalb dieses Gebietes liegen. Auch das als Dialekt der Ile-de-France[3] bekannte ‚Franzische‘ erweckt eher den Eindruck einer „passive[n] Übergangszone“ (Gsell 1995:284), die sprachliche Züge zum größten Teil vom Westen übernimmt, bezüglich des Vokalismus aber charakteristisch für den Norden und Osten ist. (Gsell 1995:284)

Bezüglich der Sprache kann man folgende Phänomene feststellen: im Pikardischen wird ke,i zu tš; k, ga wird zu tš, dž (außer im Pikardischen; im Normandischen nur teilweise); im Norden, Nordosten und Osten wird das germanische w beibehalten; es entwickelten sich die Gleitkonsonanten b und d in den Konsonantengruppen m’l, n’r oder l’r (simulare > sembler, ponere > pondre, pulvere > poudre) (abgesehen von der Pikardie, Wallonien und Teilen Ostfrankreichs); die Endung – abam des lateinischen Imperfekts wurde zu – eve; zu den vokalische Entwicklungen zählen: o > ou > eu; ū > ü; iei > i; a > *ae; ei > oi. (Pfister 1973:233-234, 242)

2.2.2 langue d’oc und Frankoprovenzalisch

Ein weiterer sprachlicher Großraum ist das Gebiet der langue d’oc im Süden, wobei das Poitou als Übergangszone gilt.

Das südliche okzitanischsprachige Gebiet lässr sich in drei größere Bereiche unterteilen: das Nordokzitanische mit den Dialekten Limousinisch, Auvergnatisch, Alpinprovenzalisch, das mittlere Okzitanisch mit den Dialekten Languedokisch, Provenzalisch, sowie das Gebiet des Gaskognischen.

[...]


[1] Auf den Einfluss des Keltischen, dessen Substrat im 4. Jh. noch Bestand hatte, wird hier nicht eingegangen. (Gsell 1995:284)

[2] Neben dem gallischen Teil gab es einen keltischen Teil (Allières 1982:116)

[3] Vor dem Hundertjährigen Krieg war France die gängige Bezeichnung dieses Gebiets (Winkelmann 1990:337).

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Details

Titel
Dialektale Gliederung Frankreichs im Mittelalter und Koineisierung
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Institut für Romanistik)
Veranstaltung
Vom Latein zum Französischen
Note
1,7
Autor
Jahr
2010
Seiten
19
Katalognummer
V155893
ISBN (eBook)
9783640685820
ISBN (Buch)
9783640685776
Dateigröße
1505 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Frankreich, Französisch, Mittelalter, Koineisierung, Franzisch, Franzisierung, Skriptae, Dialekte
Arbeit zitieren
Julia Fedorkova (Autor), 2010, Dialektale Gliederung Frankreichs im Mittelalter und Koineisierung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/155893

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