Das sogenannte français commun bezeichnet die am meisten verwendete und als „normal“ (Prüßmann-Zemper 1990:830) empfundene Varietät des Französischen. Diese orientiert sich am Französischen des Gebietes der Ile-de-France und weist ein gewisses Prestige gegenüber anderen Varietäten auf, was seinen Ursprung im Mittelalter hat. (Prüßmann-Zemper 1990:830-831) Aufgrund dessen fragt man sich, inwiefern sich ein solches Muster auf die Vergangenheit übertragen lässt, wie und warum sich das Französische als Dachsprache etablierte und weshalb es ausgerechnet dieses Gebiet betrifft. Da in einigen Bereichen Quellen, die eine gesicherte Aussage zulassen fehlen, muss man sich hierbei mit Hypothesen zufrieden geben. Folglich soll zuerst ein Überblick über die Dialekte – ihre geschichtlichen Hintergründe mit eingeschlossen – gegeben werden, wobei aus jener Zeit erhaltene Schriftstücke ausgewertet werden. Anschließend wird der Prozess der Etablierung der Hochsprache, sowie seine Gründe und sein Verlauf, bei dem auch das okzitanische Sprachgebiet nicht außen vor bleibt, erläutert.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Sprachliche Situation
2.1 Geschichtliche Hintergründe
2.2 Dialekte
2.2.1 langue d‘oïl
2.2.2 langue d’oc und Frankoprovenzalisch
3 Skriptae
3.1 Entstehung der Schriftsprache
3.2 Herkunft der verschiedenen Skriptae
4 Koiné
4.1 Koineisierung
4.2 Kontaktsituationen
4.3 Koineisierung im Paris des Mittelalters
5 Gründe für die Vorrangstellung des Franzischen
6 Franzisierung der Schriftsprachen
6.1 Verlauf im nordfranzösischen Sprachgebiet
6.2 Verlauf im okzitanischen Sprachgebiet
7 Fazit:
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die sprachhistorische Entwicklung des Französischen im Mittelalter mit dem Ziel zu klären, wie und warum sich das Franzische aus dem Gebiet der Ile-de-France als überregionale Dachsprache etablieren konnte. Dabei wird der Prozess der Koineisierung sowie der Einfluss von Dialektmischungen und politischer Macht auf die Entstehung der französischen Hochsprache analysiert.
- Historische Hintergründe der französischen Dialektlandschaft
- Entwicklung von Skriptae und Schriftsprache
- Theorie der Koineisierung und sprachliche Kontaktsituationen
- Bedeutung der Stadt Paris als sprachliches Zentrum
- Prozess der Franzisierung der Schriftsprachen in Nord- und Südfrankreich
Auszug aus dem Buch
4.3 Koineisierung im Paris des Mittelalters
Die phonologischen und morphologischen Aspekte des Parisischen im Mittelalter sind vermutlich auf eine „einfache“ (Selig 2008:79) Dialektmischung oder möglicherweise auf „normale Diffusionsprozesse in einer dialektalen Kontaktzone“ (Selig 2008:79), in der Dialekte des Westens und des Nordostens in direktem Kontakt stehen, zurückzuführen. Hierbei sei auf die „Offenheit und sprachliche(n) Heterogenität des mittelalterlichen Pariser Französischen“ (Selig 2008:79) hingewiesen, was beweist, dass es eine Zeit gab, zu der das „dialektal reine(n)“ (Selig 2008:79) Franzische noch nicht existierte. (Selig 2008:79)
Jedenfalls kann man davon ausgehen, dass die Dialektmischung zunächst einmal zu einer oralen Koiné führte, die die Basis der schriftlichen Norm bildete. Diesbezüglich kann man vermuten, dass mittelalterliche Schriftsteller sich von Anfang an eine „überregional gültige(n) schriftsprachliche(n) Norm“ (Selig 2008:81) hielten, wobei sie entweder Paris bzw. die Ile-de-France als Beispiel nahmen oder möglicherweise auf eine seit dem karolingischen Reich existente „ortlose, dialektal gemischte Sprachform, einer written koiné“ (Selig 2008:81) zurückgriffen. (Selig 2008:81)
Unabhängig davon, wie sich das Franzische genau etablierte, bleibt festzuhalten, dass Paris „in der alltäglichen Interaktion der Dialektsprecher genau die Mischung von zentralen, östlichen und westlichen Dialektmerkmalen“ (Selig 2008:82) aufwies, die charakteristisch für die spätere Hochsprache waren. Hierbei stellt man folgende Phänomene fest: [...] bei der 1. Pers. Pl. Imp. <étions> vs. <étiens>. (Selig 2008:79,81-82)
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung führt in das Thema des français commun ein und formuliert die Forschungsfrage bezüglich der Etablierung des Französischen als Dachsprache.
2 Sprachliche Situation: Dieses Kapitel erläutert die geschichtlichen Substrat- und Superstrateinflüsse sowie die dialektale Aufteilung Frankreichs im Mittelalter.
3 Skriptae: Hier wird die Entstehung der französischen Schriftsprache und die Problematik regional gefärbter Handschriften vor 1200 behandelt.
4 Koiné: Das Kapitel definiert den linguistischen Begriff der Koiné und analysiert Koineisierungsprozesse sowie die Rolle der Stadt Paris.
5 Gründe für die Vorrangstellung des Franzischen: Hier werden die soziopolitischen und historischen Faktoren analysiert, die zum Prestige des Pariser Franzischen führten.
6 Franzisierung der Schriftsprachen: Dieses Kapitel beschreibt den Verlauf der sprachlichen Vereinheitlichung im Norden und den Sprachwechsel im okzitanischen Gebiet.
7 Fazit:: Die Arbeit schließt mit einer Zusammenfassung der Ergebnisse zur Entstehung der französischen Standardsprache durch Dialektmischung und Machtexpansion.
Schlüsselwörter
Französisch, Mittelalter, Sprachgeschichte, Dialekte, Koineisierung, Ile-de-France, Skripta, Sprachkontakt, Schriftsprache, Dachsprache, Paris, Sprachwandel, Franzisierung, Okzitanisch, Diglossie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der historischen Entwicklung des Französischen im Mittelalter und untersucht, wie aus der ursprünglichen dialektalen Vielfalt eine einheitliche Dachsprache hervorging.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die dialektale Gliederung Frankreichs, die Rolle von Schriftsprachen (Skriptae), der theoretische Prozess der Koineisierung und die politische Bedeutung von Paris für die Sprachnormierung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, den Ursprung des français commun zu ergründen und zu verstehen, warum ausgerechnet die Varietät der Ile-de-France zur dominierenden Hochsprache aufstieg.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer linguistischen Literaturanalyse, der Auswertung historischer Sprachbelege sowie der Untersuchung geographischer und soziopolitischer Einflussfaktoren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der dialektalen Situation, die Analyse der Schriftsprachwerdung, die Erläuterung der Koiné-Theorie und die detaillierte Beschreibung der Franzisierungsprozesse.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Koineisierung, Ile-de-France, Skripta, Sprachkontakt, Franzisierung und dialektale Gliederung.
Welche Rolle spielte das Zentralmassiv bei der dialektalen Teilung?
Das Zentralmassiv fungierte zusammen mit Sumpfgebieten als geographische Barriere, die den archaischeren und individualistischeren Süden vom Norden trennte.
Warum war der Begriff "Franzisch" vor 1200 noch nicht als Schriftsprache etabliert?
Es gab bis zum 13. Jahrhundert kaum Texte aus dem Zentrum, die als einheitliche Norm gelten konnten; das Schrifttum florierte vorerst in den Randzonen und war stark regional geprägt.
Inwiefern beeinflusste die Politik den Sprachwandel?
Die territoriale Expansion der französischen Könige, insbesondere unter Philippe-Auguste, förderte das Prestige von Paris und trug die dortige Sprachvarietät in die Peripherie.
War der Prozess der Franzisierung überall gleich schnell?
Nein, in Gebieten mit starken eigenständigen Schriftsprachen wie der Pikardie oder dem okzitanischen Raum dauerte die Durchsetzung der französischen Hochsprache deutlich länger.
- Citation du texte
- Julia Fedorkova (Auteur), 2010, Dialektale Gliederung Frankreichs im Mittelalter und Koineisierung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/155893