Carl von Rottecks liberale Konzeption des Militärs im konstitutionellen Staat

Ein Beitrag zur Militärgeschichte unter Bezugnahme auf den Entwurf des Wehrgesetzes des Paulskirchenparlaments von 1848 und das preußische Wehrgesetz von 1814


Bachelorarbeit, 2009

29 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1) Historische Ausgangssituation für die Neukonzeption des Militärs - Restau- ration und politische Kultur im Deutschen Bund über den Vormärz bis 1848

2) Carl von Rottecks staatstheoretische Konzeption des Militärs im Zeichen des Liberalismus während des Vormärz
2.1) Carl von Rottecks politische Theorie des Staates
2.2) Liberale Kritik am vorzugsweise preußischen Militärwesen seit 1814 und im Vormärz
2.3) Carl von Rottecks Konzeption des Militärs in Beziehung zum kon- stitutionellen Staat und zur nationalen Gesellschaft

3) Militär im Entwurf des Wehrgesetzes des Paulskirchenparlaments

Konservative Kritik an der liberalen Konzeption des Militärs und Schlussbe- trachtung

Quellen- und Literaturverzeichnis

Einleitung

Einigkeit und Recht und Freiheit für das deutsche Vaterland! Danach lasst uns alle streben brüderlich mit Herz und Hand! Einigkeit und Recht und Freiheit sind des Glückes Unterpfand - blüh´ im Glanze dieses Glückes, blühe deutsches Vaterland!1

Diese pathetischen Zeilen schrieb August Heinrich Hoffmann, besser bekannt als Hoffmann von Fallers- leben, für Deutschland, dessen Volksmitglieder er dazu aufrief, in ihrer Gesamtheit gleichsam Brüdern und Schwestern einen einigen Nationalstaat zu bilden, der auf Recht und Freiheit gründen soll. Denn da- mals, als Hoffmann diese Verse 1841 im englischen Exil der Insel Helgoland dichtete, gab es kein einiges Deutschland, geschweige denn einen deutschen Staat, mithin auch keine deutsche Nationalhymne, was der Zweck dieser Zeilen heute ist. Stattdessen gab es seit dem Wiener Kongress 1815 den Deutschen Bund, einen Staatenbund mit insgesamt 41 Mitgliedsstaaten, vielen Fürstentümern und teilweise kulturell höchst unterschiedlichen Kleinststaaten, aber auch dem Kaiserreich Österreich und dem Königreich Preu- ßen, die innerhalb der ehemaligen Grenzen des 1806 endgültig untergegangenen Heiligen Römischen Rei- ches Deutscher Nation über 30 Millionen Menschen beherbergten. Zusammengehalten wurde dieses Konstrukt im Inneren lose durch das gemeinsame Ziel der „'Erhaltung der äußeren und inneren Sicher- heit Deutschlands und der Unabhängigkeit und Unverletzbarkeit der einzelnen deutschen Staaten'“ und von außen durch das Metternichsche System europäischer Gleichgewichtspolitik. Danach sollte jede ein- seitige Veränderung dieser Machtbalance, vorzugsweise zwischen den Großmächten Russland, Frank- reich, Großbritannien, Österreich und Preußen, durch die anderen Mitgliedsstaaten dieses Systems ausge- glichen werden. Um die deutsche Einheit innerhalb eines gemeinsamen Nationalstaates im geographi- schen Zentrum dieses Systems europäischen Gleichgewichts war es demzufolge schlecht bestellt2.

Nach den Wirren der Französischen Revolution, der Koalitions- und Freiheitskriege gegen die Truppen der Revolution beziehungsweise Napoleon I. sollte in diesem System das vor-revolutionäre Staaten- und Herrschaftssystem in Europa im Interesse der Herrschenden, vorzugsweise der Monarchien und übrigen Fürstenherrschaften, wiederhergestellt oder zumindest konsolidiert werden. Mithin war dieses System ein Instrument der Restauration, wodurch nationale Tendenzen innerhalb der Bevölkerung unterdrückt wer- den sollten, da diese, indem sie laut Prinz Wilhelm von Preußen der „'Irrlehre'“ der Revolution und des Liberalismus folgten, der monarchischen Herrschaft zuwider sein könnten3. Dieser als sogenannte Irrlehre diffamierte Zeitgeist des Liberalismus und der Revolution enthielt Forderungen, die fürstliche Macht durch eine moderne materielle Verfassung zu beschränken, stellte die Legitimität des Gottesgnadentums also infrage und mündete in Frankreich unter Verweis auf die vorgeblich natürlichen Menschenrechte und die Idee der Volkssouveränität in der Konstituierung eines Nationalstaats4.

Inwiefern diese „Irrlehre“ des Liberalismus im vormärzlichen Deutschland diesen von den europäi- schen Monarchen befürchteten konstitutionellen Staat konzipierte, insbesondere wie das Militär darin gedeutet wurde, ist Gegenstand dieser Studienarbeit. Relevant ist die Frage danach insofern, als im abso- lutistischen Staat, der dem konstitutionellen in Europa vorangegangen war, das Militär einen wichtigen Machtfaktor darstellte, von dem auch 1848, inmitten der Revolution in Deutschland, der damalige preu- ßische Direktor des Allgemeinen Kriegsdepartements Karl Griesheim behauptete, dass es „'die einzige in Deutschland noch fest und aufrecht stehende Säule [bildet], die den letzten Rest der Ordnung trägt und die wohl auch in Deutschland (…) der Mittelpunkt werden wird, um welchen sich das neue Gebäude [der neue Staat nach der Revolution] aufbaut'“5.

Zu diesem Zweck wird im ersten Kapitel die historische Ausgangssituation und politische Kultur zwi- schen Liberalismus und Konservatismus nach der Gründung des Deutschen Bundes grob skizziert, wie sie für die Konzeption des Militärs und konstitutionellen Staates im Vormärz bis zur Revolution 1848 grund- legend waren. Im zweiten Kapitel soll daraufhin die liberale Konzeption des konstitutionellen Staates und die des Militärs darin vorgestellt werden. Dazu soll in unterscheidender Perspektive auf das preußische Wehrgesetz von 1814 eingegangen werden, demgegenüber die liberale Konzeption im Vormärz und im dritten Kapitel der Entwurf des Wehrgesetzes des Paulskirchenparlaments von 1848 vorgestellt werden sollen. Zuletzt soll schließlich die konservative Kritik diesbezüglich skizziert werden, ehe schlussendlich ein grober Vergleich zwischen liberalem und konservativem Konzept des Militärs gezogen werden soll.

1) Historische Ausgangssituation für die Neukonzeption des Militärs. Restauration und politische Kultur im Deutschen Bund über den Vormärz bis 1848

Den historischen Hintergrund für die Neukonzeption des Militärs im langen 19. Jahrhundert bildeten we- sentlich die politischen und sozialen Umwälzungsprozesse, die Ende des 18. Jahrhunderts in Europa ihren Anfang genommen hatten, namentlich die Auswirkungen der Französischen Revolution auf den Absolu- tismus und die territoriale Ordnung Europas einer- und andererseits der Zerfall des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation 1806, in deren Folge sich das Reich teilweise wesentlich veränderte6.

Zwar führte die Französische Revolution 1789 nicht unmittelbar zum Umsturz der politischen Ordnung im Deutschen Reich, sie trug aber wesentlich im Gefolge der Aufklärung dazu bei, sowohl monarchie- kritisches Gedankengut als auch die Idee des Nationalstaates verstärkt zu verbreiten - sei es im Zuge der Berichterstattung und akademischen Debatten über die Geschehnisse in Frankreich oder sei es ob der Koalitions- und Freiheitskriege gegen die französischen Revolutionstruppen Ende des 18. und anfangs des 19. Jahrhunderts: Die Französische Revolution und ihr politischer, ideeller sowie rechtlicher Diskurs stell- ten mithin die Legitimität der bisher vermeintlich gott- beziehungsweise naturgegebenen Ordnung infra- ge, wonach vielerorts absolutistische beziehungsweise feudale Monarchien bestanden. Insbesondere nach- dem das Heilige Römische Reich Deutscher Nation aufgelöst, mithin zumindest nominell das deutsche Volk zersplittert war und ob des Systems des europäischen Gleichgewichts i. R. der Restauration die ter- ritoriale und nationale Einigung Deutschlands bis auf Weiteres verschoben schien7, war fraglich, wie auf diese veränderten Ausgangsbedingungen und neuen Fragen geantwortet werden sollte.

Den Diskurs darüber bestimmten in der Folge die zwei für die Neuzeit prägenden politischen Theorien des Liberalismus und Konservatismus: Die Liberalen einerseits forderten auf den Schultern der Französi- schen Revolution, der Aufklärung und des modernen Konstitutionalismus, dass nunmehr die politische Herrschaft durch eine Verfassung begründet, die Staatsgewalt rechtlich umfassend gebunden und dieses jeweilige Grundgesetz auf alle der Herrschaft Unterworfenen bezogen werden müsse. Auf diese Weise könne, indem die Menschen, die unter dem Eindruck der Industrialisierung und der Enttraditionalisie- rung der beginnenden Moderne sozial desintegriert werden, angemessen auf die neuen territorial-politi- schen Bedingungen reagiert werden. Die Konservativen andererseits intendierten, die politische Ordnung weitgehend beizubehalten, da diese sich, nachdem sie historisch über Jahrhundert gewachsen wäre, be- währt hätte. Angesichts der neuen sozial und politisch befremdlichen Situation - nach dem Untergang des Deutschen Reiches zugunsten des Deutschen Bundes 1806 und den leidigen Erfahrungen sowohl mit dem Absolutismus als auch der Französischen Revolution, die im Hinblick auf die terreur offenbar die staatliche, gesellschaftliche und insbesondere sittliche Ordnung nicht aufrecht erhalten konnte - wären graduelle, nicht aber revolutionäre Reformen zugunsten eines nach wie vor hierarchischen Königtums auf religiöser Basis und in Achtung vor den Traditionen ebenso notwendig wie empfehlenswert8.

2) Carl von Rottecks staatstheoretische Konzeption des Militärs im Zeichen des Liberalis- mus während des Vormärz

2.1) Carl von Rottecks politische Theorie des Staates

Warum der badische Staatswissenschaftler Carl von Rotteck für diese Darstellung liberaler Konzeptionen des Staates und des ihm inhärenten Militärs im Vormärz herangezogen werden soll, sei damit beantwor- tet, dass das „Staats-Lexikon. Encyklopädie der sämmtlichen Staatswissenschaften für alle Stände. In Verbindung mit vielen der angesehensten Publicisten Deutschlands“9, welches er gemeinsam mit dem li- beralen Professor Carl Welcker10federführend zwischen 1833 und 1840 herausgegeben hatte, den Ver- such darstellte, die verschiedenen liberalen Strömungen im Vormärz unter einem gemeinsamen Pro- gramm zu vereinen; dadurch, dass das Staats-Lexikon zudem der Zensur entzogen war, konnten die Leh- re und Forderungen des deutschen Frühliberalismus ungefiltert breiten interessierten Bevölkerungsschich- ten näher gebracht werden11. Des Weiteren beeinflusste dieses Staats-Lexikon teilweise bis auf den Wort- laut die Debatten im Parlament der Paulskirche, wo es vielen Abgeordneten als Inspiration zur Verfü- gung gestanden hatte12, weshalb einzelne Artikel dieser Enzyklopädie sowie zeitgenössische Abhandlun- gen darüber folgerichtig die wesentliche Grundlage für dieses Kapitel über die Konzeption des Militärs in dessen Beziehungen zu Staat und Gesellschaft bilden.

In der Tat waren die, die sich im Vormärz Liberale nannten oder als solche bezeichnet worden waren, in ihrer Gesinnung nämlich nicht eins, sondern vielfach sehr verschieden - sei es in Fragen der Politik, der Wirtschaft, der Gesellschaft oder der Religion, oder sei es der bei der dieser Hausarbeit zugrunde lie- genden Thematik des Militärs und dessen Beziehung zu Staat und Gesellschaft. Was diesen verschiede- nen Liberalen jedenfalls gemein war, war einerseits ihre oppositionelle Haltung gegenüber der teilweise absolutistisch motivierten Monarchie, die sie grundsätzlich als unzeitgemäßen beziehungsweise obsoleten ständischen Unrechtsstaat mit zuweilen repressiven und despotischen Zügen deuteten, und andererseits ihr - allerdings unterschiedlich ausgeprägtes - Bestreben nach Freiheit und Gleichheit innerhalb eines der Zukunft und dem Fortschritt zugewandten Staatsideals. Wie dieses Staatsideal konkret ausgestaltet sein sollte, darin waren sich die Liberalen indes uneinig, was darin zum Ausdruck kam, dass sich unter ih- nen unter anderen sowohl Befürworter der repräsentativen parlamentarischen Republik als auch Anhän- ger direkten Herrschaft des Volkes i. S. Rousseaus fanden, und schließlich solche, die die Monarchie durch die Grundlage einer Konstitution beschränken wollten13.

Im Bewusstsein des deutschen Frühliberalismus im Vormärz, dass Wandel zugunsten dieses unbestimm- ten Staatsideals nur gelingen könnte, wenn sich die Gesellschaft geschlossen als gleichwertige politische Kraft gegenüber dem ständischen Staat begreift und deshalb selbst zu einer eigenständigen, in sich eini- gen Öffentlichkeit fortbildet, die den regierenden Staat analog mit Forderungen versorgt, ihn in seinem Regierungshandeln kontrolliert und gegebenenfalls interveniert, war es entsprechend das Anliegen der Autoren des Staats-Lexikons, alle Liberalen zu einem gemeinsamen Standpunkt zu verbinden. Zu diesem Zweck fanden sich in der Autorenschaft des Lexikons politische Denker vieler verschiedener, zuweilen konträr zueinander stehender liberaler Ausprägungen, deren Beiträge die Vielfältigkeit liberalen Den- kens und die der Gesellschaft widerspiegeln sollten. Die inhaltlich-substanzielle Einheit der frühliberalen Bewegung sollte schließlich dadurch gewährleistet werden, dass Rotteck und Welcker vielfach selbst die für am wichtigsten erachteten politischen Themen in ihrem Lexikon erörterten beziehungsweise die Bei- träge fremder Schreiber diesbezüglich gemäß ihrer als mäßigend erachteten liberalen Auffassung revi- dierten und gegebenenfalls ausdrücklich redigierten. Auf diese Weise sollte den Lesern sowie Autoren ein gemeinsamer ideeller und politischer Rahmen im Zeichen des Liberalismus geboten werden, wie Rot- teck und Welcker ihn in dessen politischen Inhalten und allgemeinen Grundsätzen zwecks der Erreichung des dem Fortschritt zugewandten rechtsstaatlichen Ideals für wünschens- und fordernswert hielten14.

Die theoretische Grundlage für diesen Staat lieferte Rotteck selbst unter dem Eindruck der Theorien der Aufklärung, des Liberalismus i. S. John Lockes und der Gesellschaftsvertrags-Theorie i. S. des Natur- und Vernunftrechts. Demnach würde der Staat auf der Grundlage eines Vertrags begründet, zu dem sich mehrere Individuen freiwillig entschließen würden, in dessen Folge die einzelnen Menschen mitein- ander vergesellschaftet werden würden. Bezweckt würde mit der durch dieses Rechtsgeschäft begründe- ten Gesellschaft, die in der Kollektivität der Mitglieder den Staat bilde, die individuellen Rechte der Staatsangehörigen zu schützen, insbesondere jene des Lebens, der Freiheit und des Eigentums, und zu- gleich der kollektiven Sicherheit nach außen wie nach innen sowie der gemeinsamen Wohlfahrt zum Vorteil zu gereichen. Die Gewähr für das Gelingen dieses Vorhabens würden das beständig geschützte Recht und ausreichend materielle Ressourcen darstellen, dem das Vorhandensein eines bestimmten Ter- ritoriums vorauszusetzen sei, innerhalb dessen Grenzen die sesshaften Individuen eine gemeinsame Iden- tität entwickelt haben sollen. Neben der gemeinsamen territorialen Herkunft seien die Menschen Rot- teck zufolge dahingehend einander gleichgestellt, als sie sich i. S. von John Lockes Menschenbild allesamt wesentlich durch ihre bereits im Naturzustand begründeten Rechte auf privaten Besitz und Erwerb aus- zeichnen würden. Entsprechend sei es das hauptsächliche Ziel des Staates, ebendiese Rechte und Güter zu schützen, sodass im Gesellschaftszustand der Besitzende den Staatsangehörigen darstellt und idealiter der besitzende Familienvater den „Prototyp des Staatsbürgers“15. Dass dieses Bewusstsein für die Ge- meinsamkeit und Solidarität unter den Gesellschaftsmitgliedern durch die Wahrung des Rechts in den verschiedenen Formen sozialer Interaktion zwischeneinander gepflegt werden würde, stellt insofern ein notwendiges Ziel dieses Staates i. S. der Staatstheorie Rottecks dar16.

Zum Schutz dieser Rechtsgüter sah Rotteck vor, dass sich der Staat aus diesen die Privatsphäre betref- fenden Angelegenheiten zurückzieht, um den einzelnen Menschen zu ermöglichen, sich frei zu entfalten und somit zugleich sowohl sich selbst als auch der Gemeinschaft zu höherer Produktivität zu verhelfen. Indem sich der Staat um den Schutz der individuellen Rechte und Güter sorgt, soll er sich teilweise legi- timieren; vollends soll ihm dies gelingen können, indem er den Gesamtwillen der Staatsangehörigen voll- zieht. Dieser gemeinschaftliche Wille setze sich Rotteck zufolge einerseits aus den Zielen zusammen, zu deren Zweckerfüllung der Staat begründet wurde - Schutz des individuellen Lebens, der persönlichen Freiheit und des Eigentums sowie Gewähr der kollektiven Sicherheit -, und andererseits aus jenen Inter- essen und Forderungen, die sich ob wandelnder äußerer Bedingungen innerhalb der sozialen, wirtschaft- lichen beziehungsweise politischen Umwelt regelmäßig im Rahmen der freien Willensbildung unter den Staatsangehörigen a posteriori bilden sollen. Diese gemeinschaftliche Willensbildung sei dann bedeutsam, wenn die einzelnen Bürger selbst nicht in der Lage sind, den Erfordernissen der jeweiligen Problemsitua- tion gerecht zu werden, weshalb das gemeinsame Engagement aller in einer konzertierten Aktion not- wendig wird; insbesondere im Bereich der gemeinschaftlichen Wohlfahrt, namentlich der Volkswirt- schaft, Wissenschaft, Bildung, Religion und Kultur und inneren wie äußeren Sicherheit der Gemeinschaft, erachtete Rotteck die Bildung des Gesamtwillens und daraufhin kooperatives Handeln für angebracht17.

Allerdings gestand Rotteck das Recht zur Teilnahme an diesem Verfahren nicht allen Staatsangehöri- gen zu. Weil hierbei nachhaltige Entscheidungen für die Gemeinschaft in essentiellen Angelegenheiten getroffen werden würden, setzte Rotteck voraus, dass die beteiligten Personen ihren Willen frei und un- abhängig von äußeren, materiellen Einflüssen, im Bewusstsein um die Konsequenzen des individuellen Willens für die gemeinschaftliche Bildung des Gesamtwillens, entwickeln können. Alle anderen Gesell- schaftsmitglieder, die kognitive Defizite aufweisen oder persönlich befangen sind, seien auszuschließen. Nach welchen Kriterien aber im Détail entschieden werden soll, wer befähigt und deshalb berechtigt sei, die private Sphäre des Gesellschaftslebens zu durchbrechen, um in der Sphäre politischer Öffentlichkeit gemeinsam mit anderen Staatsangehörigen allgemein verbindliche Entscheidungen für die Gemeinschaft zu treffen, klärte Rotteck nicht; allerdings deutete er an, dass persönlicher Grundbesitz essentiell für die Bürgerschaft ist, sodass davon ausgegangen werden kann, dass nur geistig gesunde Grundbesitzende in- frage kommen18. Der von diesen Personen erzeugte sogenannte Gesamtwille ist folglich nicht identisch mit der Gesamtheit aller Einzelwillen innerhalb dieser durch ein Rechtsgeschäft begründeten Gesell- schaft, sondern folgt Rotteck zufolge vielmehr dem „qualitativen Majoritätsprinzip“, weil er allenfalls jene Willensäußerungen beinhaltet, die die für befähigt erachteten Staatsangehörigen bekundet haben19.

Gemäß dieser Darstellung verfolgte Rotteck eine pluralistische, rechtsstaatliche, direkt-demokratische Herrschaft: Dafür spricht, dass er die vergesellschafteten Individuen, die das Gemeinwesen vertraglich begründet haben, quasi als Staat deutet und ihnen oder zumindest den geistig gesunden Besitzenden un- ter ihnen in sozial relevanten Angelegenheiten das Recht zuweist, ihre Individualwillen zu artikulieren, um anschließend i. S. von Citoyens gemeinschaftlich den Gesamtwillen zu bilden. Auf dieser Grundlage sollen in der Folge die allgemeinverbindlichen Rechtsnormen für alle Staatsangehörigen gesetzt werden; für den staatlichen Vollzug forderte er kollektives Engagement, was darauf hinweist, dass er die Staatsge- walt den Gesellschaftsmitgliedern zuordnete. Des Weiteren interpretierte Rotteck die Menschen, die in einem geographisch bestimmten Gebiet leben und so eine gemeinsame Identität entwickelt haben, als Träger der nationalen Souveränität, da sie den gemeinsamen Staat gründen und indem sich der Staat durch die Achtung der Rechte der individuellen Menschen in der Privatsphäre sowie den Vollzug des kollektiv erzeugten Gesamtwillens stets vor diesen Menschen legitimieren muss20.

Carl von Rotteck erkannte allerdings, dass diese Form der direkten Herrschaft des Volkes nur in klei- nen Gemeinden, Kommunen oder Stadtstaaten praktiziert werden kann, nicht aber in komplexen mo- dernen Gesellschaften beziehungsweise neuzeitlichen Flächenstaaten mit vielen Millionen Menschen. Weil in dermaßen umfangreichen Gesellschaften nicht mehr alle Mitglieder zu einer gemeinschaftlichen Willensbildung versammelt werden könnten, postulierte er für die Erzeugung des Gesamtwillens die Be- stimmung eines Kollegiums, das er als natürliches Organ bezeichnete, indem es die Gesamtbevölkerung repräsentiert, und für seinen Vollzug die Bestellung eines anderen Kollegiums, das dafür genügend kom- petent erachtet wird; Rotteck nannte letzteres das künstliche Organ. Um den Missbrauch dieser Kompe- tenzen beziehungsweise ein Abweichen des Regierungshandelns vom Gesamtwillen des zu repräsentie- renden Volkes zu verhindern, setzte Rotteck voraus, dass das natürliche Organ „ausreichend 'Gewalt und Wirksamkeit' behauptet“, um dem künstlichen Organ wirksam entgegentreten zu können. Dafür soll das natürliche Organ vor der Bestellung des künstlichen Organs dessen „Personifikation, Form und Kompetenzen (…) auf legislativem Wege (…) fixieren“21, wonach eine Konstitution infrage kommt, wel- che die Exekutive in ihren Kompetenzen und Befugnissen sowohl berechtigt als auch beschränkt, indem sie gegenüber dem natürlichen Organ beziehungsweise dem souveränen Volk verpflichtet wird22.

[...]


1 Für das Zitat siehe Hoffmann, August Heinrich: Deutschlandlied, 3. Strophe, Helgoland 1841, hrsg. in: Görtemaker, Man- fred: Deutschland im 19. Jahrhundert. Entwicklungslinien, 3. Aufl. Opladen 1989, S. 99.

2 Görtemaker, Manfred: Deutschland im 19. Jahrhundert. Entwicklungslinien (im Folgenden kurz „Entwicklungslinien), 3. Aufl. Opladen 1989, S. 69-79, 98-100, für das Zitat siehe S. 76.

3 Schulze, Carola: Frühkonstitutionalismus in Deutschland, 1. Aufl. Baden-Baden 2002, S. 27, 52-54; für das Zitat siehe Mes- serschmidt, Manfred: Handbuch zur deutschen Militärgeschichte. Band 2. Abschnitt IV. Militärgeschichte im 19. Jahrhundert 1814-1890 (im Folgenden kurz „Militärgeschichte“), München 1979, S. 114, 115.

4 Schulze, Carola: Frühkonstitutionalismus in Deutschland, S. 16-18, 27, 52-54; für das Zitat siehe Messerschmidt, Manfred: Militärgeschichte, S. 115.

5 Für das Zitat siehe Messerschmidt, Manfred: Militärgeschichte, S. 152.

6 Schulze, Carola: Frühkonstitutionalismus in Deutschland, S. 33-39.

7 Schulze, Carola: Frühkonstitutionalismus in Deutschland, S. 16-18, 26 f., 33-39; Görtemaker, Manfred: Entwicklungslinien, S. 19 f., 46-54, 56-60, 62-79; Huber, Ernst Rudolf: Deutsche Verfassungsgeschichte seit 1789. Bd. 2. Der Kampf um Einheit und Freiheit 1830 bis 1850 (im Folgenden kurz „Einheit“), 3. überarb. Aufl. Stuttgart 1988, S. 309 f.

8 Heidenreich, Bernd: Politische Theorien des 19. Jahrhunderts als Grundlage des demokratischen Diskurses, hrsg. in: ders., Politische Theorien des 19. Jahrhunderts, 2. Aufl. Berlin 2002, S. 9-14; Göhler, Gerhard: Konservatismus im 19. Jahrhun- dert - eine Einführung, hrsg. in: Heidenreich, Bert (Hrsg.), Politische Theorien des 19. Jahrhunderts, 2. Aufl. Berlin 2002, S. 19-31; Göhler, Gerhard: Liberalismus im 19. Jahrhundert - eine Einführung (im Folgenden kurz „Liberalismus), hrsg. in: Heidenreich, Bert (Hrsg.), Politische Theorien des 19. Jahrhunderts, 2. Aufl. Berlin 2002, S. 221-228; Huber, Ernst Rudolf: Einheit, S. 375-379; Görtemaker, Manfred: Entwicklungslinien, S. 100.

9 Rotteck, Carl von/ Welcker, Carl (Hrsg): Das Staats-Lexikon. Encyklopädie der sämmtlichen Staatswissenschaften für alle Stände. In Verbindung mit vielen der angesehensten Publicisten Deutschlands (im Folgenden kurz „Das Staats-Lexikon), 2. Aufl. in 12 Bänden, Altona 1845-1847.

10 Im Folgenden wird Rottecks Vorname ebenso wie im Staats-Lexikon mit „C“ geschrieben, ungeachtet dessen, dass sein Name in neueren Biographien mit „K“ geschrieben wird; gleiches gilt für den Vornamen Welckers.

11 Brandt, Hartwig: Das Rotteck-Welckersche „Staats-Lexikon“. Einleitung zum Neudruck (im Folgenden kurz „Einleitung“), hrsg. in: Rotteck, Carl von/ Welcker, Carl (Hrsg): Das Staats-Lexikon, Bd. 1, 2. Aufl. Frankfurt/ Main 1990, S. 5.

12 Zehntner, Hans: Das Staatslexikon von Rotteck und Welcker. Eine Studie zur Geschichte des deutschen Frühliberalismus (im Folgenden kurz „Staatslexikon“), Jena 1929, S. 61 ff., 94, ; Brandt, Hartwig: Karl von Rotteck (1775-1840), hrsg. in: Heidenreich, Bernd, Politische Theorien des 19. Jahrhunderts, 2. Aufl. Berlin 2002, S. 381.

13 Zehntner, Hans: Das Staatslexikon, S. 61, 96 f.; Brandt, Hartwig: Karl von Rotteck (1775-1840), S. 379 f.; Mommsen, Wolf- gang: 1848. Die ungewollte Revolution (im Folgenden kurz „1848“), Frankfurt/ Main 1998, S. 189 f., 193-199; Göhler, Gerhard: Liberalismus im 19. Jahrhundert, S. 222 f.

14 Brandt, Hartwig: Einleitung, S. 8 ff., 19-22; Zehntner, Hans: Staatslexikon, S. 61, 99.

15 Schöttle, Rainer: Politische Theorien des süddeutschen Liberalismus im Vormärz. Studien zu Rotteck, Welcker, Pfizer und Murhard (im Folgenden kurz „Studien zu Rotteck“), Baden-Baden 1994, S. 19, 30-40, Fußnote 52 f.; Zehntner, Hans: Staatslexikon, S. 62-72.

16 Schöttle, Rainer: Studien zu Rotteck, S. 19, 28-30, 59; Huber, Ernst Rudolf: Einheit, S. 375 ff.; diese Quellenangabe bezie- hen sich auf den gesamten Absatz seit der vorangegangenen Fußnote 14.

17 Schöttle, Rainer: Studien zu Rotteck, S. 30-38.

18 Schöttle, Rainer: Studien zu Rotteck, S. 30-38, 50-22, Fußnote 54, S. 30.

19 Schöttle, Rainer: Studien zu Rotteck, S. 30-34, für das Zitat siehe S. 32.

20 Vgl. Schöttle, Rainer: Studien zu Rotteck, S. 34 f.

21 Für die Zitate siehe jeweils Schöttle, Rainer (1994): Studien zu Rotteck, S. 34.

22 Schöttle, Rainer (1994): Studien zu Rotteck, S. 34-43; Brandt, Hartwig: Karl von Rotteck (1775-1840), S. 369-382; diese Quellenangaben beziehen sich auf den gesamten Textabschnitt seit Fußnote 20.

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Carl von Rottecks liberale Konzeption des Militärs im konstitutionellen Staat
Untertitel
Ein Beitrag zur Militärgeschichte unter Bezugnahme auf den Entwurf des Wehrgesetzes des Paulskirchenparlaments von 1848 und das preußische Wehrgesetz von 1814
Hochschule
Universität Erfurt
Veranstaltung
Militär, Staat und Gesellschaft im langen 19. Jahrhundert (Hauptseminar)
Note
1,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
29
Katalognummer
V155977
ISBN (eBook)
9783640690404
ISBN (Buch)
9783640690824
Dateigröße
522 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Deutsche Geschichte, Vormärz, Liberalismus, Frühliberalismus, Staatstheorie, Rotteck, Militärgeschichte, Militär, Konstitutionalismus
Arbeit zitieren
Heinz Andreas Tönnies (Autor:in), 2009, Carl von Rottecks liberale Konzeption des Militärs im konstitutionellen Staat, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/155977

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