„Wer eine Sprache erlernt, der will sie sprechen.“ Obwohl die Gesprächskompetenz das zentrale Ziel im Fremdsprachenunterricht ist, sieht die Praxis in der Regel anders aus: Der Lehrer spricht doppelt so viel wie alle Schüler und Schülerinnen zusammen, so dass jeder Lernende sich etwa 30 Sekunden pro Unterrichtsstunde mit einem Wort- oder Satzbeitrag beteiligen kann. Die Konzentration auf die Schriftlichkeit hat eine Geringschätzung der Mündlichkeit zur Folge, die anspruchsvollste Fertigkeit zur Beherrschung einer Fremdsprache. Der neue Kernlehrplan und der damit in Zusammenhang stehende Gemeinsame europäische Referenzrahmen (GeR) lassen hingegen einen Umbruch hin zur Aufwertung der Mündlichkeit erkennen, die eine neue Aufgabenkultur für den Fremdsprachenunterricht und folglich auch eine darauf abgestimmte neue Form der Leistungserhebung und –bewertung erfordert. Wie lässt sich der Kernlehrplan unter Berücksichtigung der individuellen Bedürfnisse der Schülerinnen und Schüler realisieren? Obwohl in Nordrhein-Westfalen bereits die Möglichkeit besteht, eine schriftliche Klassenarbeit durch eine mündliche zu ersetzen, wird diese Form der Leistungsüberprüfung aufgrund von Unsicherheiten bezüglich der Gestaltung und Bewertung nur selten durchgeführt.
Ich hatte im letzten Schuljahr die Gelegenheit bei einer mündlichen Prüfung zu hospitieren, die erstmalig an unserem Gymnasium in einer 7. Klasse im Französisch-unterricht durchgeführt wurde. Die dabei gesammelten, positiven Erfahrungen haben mich dazu motiviert, selbst eine schriftliche durch eine mündliche Klassenarbeit zu ersetzen. Die folgende schriftliche Ausarbeitung beschreibt die Umsetzung dieses innovativen Ansatzes, wobei ich ihn in meinem Französischkurs der Klasse 7 erprobe und ein Konzept zur Förderung und Evaluation der kommunikativen Handlungs-kompetenz bei der Vorbereitung und Durchführung der mündlichen Prüfung als Ersatz für eine schriftliche Klassenarbeit entwickle. Inhaltlich liegt dem Konzept die Lektion 4 «La classe fait du cinéma» des Lehrwerks Découvertes 2 zugrunde, so dass es auf andere 7. Klassen, die im zweiten Jahr Französisch lernen, übertragbar ist.
Im Rahmen der Unterrichtssequenz kommen neben der sprachlichen Förderung der Schülerinnen und Schüler verschiedene Lehrerfunktionen zur Anwendung, von denen die Funktionen Förderung und Evaluation im Vordergrund stehen, da die kommunikative Handlungskompetenz sowie ...
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Planung
2.1. Kompetenzerhebung
2.2. Legitimierung der mündlichen Prüfung
2.3. Konzept zur Vorbereitung und Durchführung der mündlichen Prüfung
2.3.1. Theoretische Grundlagen für Bilder als Sprechanlass
2.3.2. Theoretische Grundlagen für Interviews mittels Questionnaires personnels
2.3.3. Theoretische Grundlagen für Rollenspiele
2.4. Lernziele
3. Durchführung
3.1. Vorbereitung der Lerngruppe auf die mündliche Prüfung durch handlungsorientierte Verfahren
3.1.1. Bilder als Sprechanlass
3.1.2. Interviews mittels Questionnaires personnels
3.1.3. Rollenspiele
3.2. Durchführung der mündlichen Prüfung
3.2.1. Aufbau der mündlichen Prüfung
3.2.2. Organisation der mündlichen Prüfung
3.3. Bewertung der mündlichen Leistungen
3.3.1. Bewertungskonzept
3.3.2. Ergebnisse der Klasse
4. Evaluation des Konzepts
4.1. Evaluation der mündlichen Prüfung durch die Schüler
4.1.1. Evaluation der Vorbereitungsphase
4.1.2. Evaluation des Prüfungstages
4.2. Fazit
5. Bibliografie
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit zielt darauf ab, ein Konzept zur Förderung und Evaluation der kommunikativen Handlungskompetenz im Französischunterricht der Klasse 7 zu entwickeln, bei dem eine schriftliche Klassenarbeit durch eine mündliche Prüfung ersetzt wird, um so die Mündlichkeit als zentrale Fremdsprachenkompetenz stärker in den Fokus zu rücken.
- Aufwertung der mündlichen Sprachkompetenz im Fremdsprachenunterricht
- Einsatz handlungsorientierter Verfahren (Bilder, Interviews, Rollenspiele)
- Konzeption und Organisation einer mündlichen Gruppenprüfung
- Entwicklung kriterienorientierter Bewertungsmatrizen
- Reflexion und Selbstevaluation durch die Lernenden
Auszug aus dem Buch
2.3.1. Theoretische Grundlagen für Bilder als Sprechanlass
In der Regel nehmen Bilder im Schülerbuch eine semantisierende Funktion ein, bei der die Wortschatzarbeit im Vordergrund steht. Bilder können jedoch auch als Sprechanlass dienen, womit Dirscherl und Polleti „eine unterrichtliche Situation (…), bei der eine Bild(text)vorlage zum Ausgangspunkt (vorwiegend) mündlicher Sprachproduktion“ bezeichnen. Dies geschieht nach Bartels im Sinne des ganzheitlichen Lernens, bei dem die Wahrnehmung geschult wird.
Bilder regen den Betrachter sowohl kognitiv als auch emotional an, indem dieser, geprägt durch seine individuelle Lebenswelt, die Darstellung wahrnimmt und „weitersehen“, d.h. Hypothesen über Zusammenhänge aufstellen, kann, so dass er das Gezeigte miterlebt und weiterführt. Dafür eignen sich insbesondere "offene" Darstellungen, die die Phantasie des Rezipienten anregen. Es ist zu differenzieren zwischen räumlicher, zeitlicher, sozialer und kommunikativer Offenheit. Eine räumlich offene Abbildung lässt einen für das Geschehen elementaren Bildausschnitt weg. Eine zeitliche Offenheit ergibt sich daraus, dass das Bild keine Information über das vorherige und spätere Geschehen liefert. Eine Darstellung ist als sozial offen zu bezeichnen, wenn sie keine konkreten Hinweise auf die abgebildeten Menschen und ihre Attribute gibt. Eine kommunikative Offenheit liegt vor, wenn die zu sehenden Interaktionen mehrdeutig sind und einer Interpretation bedürfen. Um Sprechreaktionen von der Lerngruppe einzufordern, können bildliche Impulse z.B. zum Beschreiben und Erfinden verwendet werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit begründet die Notwendigkeit, die Mündlichkeit im Fremdsprachenunterricht durch eine mündliche Klassenarbeit zu fördern, um den Anforderungen moderner Kernlehrpläne gerecht zu werden.
2. Planung: Dieses Kapitel erläutert die theoretischen Grundlagen zur Kompetenzerhebung sowie die methodischen Ansätze für Bilder, Interviews und Rollenspiele zur Vorbereitung auf die Prüfung.
3. Durchführung: Hier wird die praktische Umsetzung der Unterrichtsreihe, der Ablauf der mündlichen Prüfung und das kriterienorientierte Bewertungskonzept detailliert beschrieben.
4. Evaluation des Konzepts: Im abschließenden Teil wird die mündliche Prüfung aus Sicht der Schüler und der Lehrkraft reflektiert und ein Fazit über den Erfolg sowie die Grenzen des Konzepts gezogen.
5. Bibliografie: Auflistung der verwendeten fachwissenschaftlichen Literatur und Quellen.
Schlüsselwörter
Mündliche Prüfung, Französischunterricht, kommunikative Handlungskompetenz, Bildbeschreibung, Rollenspiel, Interview, Selbstevaluation, Fremdsprachenerwerb, Bewertungskonzept, Sprachperformanz, handlungsorientierter Unterricht, Leistungsmessung, mündliche Interaktion, Sekundarstufe I.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit thematisiert die Implementierung einer mündlichen Prüfung als Ersatz für eine schriftliche Klassenarbeit im Fach Französisch in einer 7. Klasse.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Felder sind die Förderung mündlicher Kompetenzen, der Einsatz handlungsorientierter Methoden und die kriterienorientierte Bewertung von Sprachperformanz.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die Erprobung eines Konzepts, das Schüler dazu befähigt, in realitätsnahen Situationen auf Französisch zu agieren und ihre mündliche Sprachkompetenz bewusst weiterzuentwickeln.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Es wurde ein handlungs- und produktorientierter Ansatz gewählt, der durch begleitende Evaluationen, Beobachtungsbögen und Reflexionsphasen der Schüler gestützt wurde.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die methodische Vorbereitung durch Bilder, Interviews und Rollenspiele, die organisatorische Durchführung der Prüfung und die detaillierte Bewertung der Schülerleistungen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich vor allem durch die Begriffe Mündlichkeit, kommunikative Kompetenz, Evaluation und Französischunterricht charakterisieren.
Warum wurde die Prüfung als Gruppenprüfung organisiert?
Die Gruppenprüfung wurde gewählt, da sie zeitökonomisch ist und ermöglicht, die Interaktionsfähigkeit der Prüflinge in einem gemeinsamen, realitätsnahen Kontext zu bewerten.
Wie wurde mit Fehlern während der Prüfung umgegangen?
Es galt der Grundsatz "message and fluency before accuracy", wobei der Fokus stärker auf dem Gelingen der Kommunikation lag als auf der fehlerfreien grammatikalischen Reproduktion.
Welche Rolle spielt die Selbstevaluation?
Die Selbstevaluation dient dazu, Schüler zu autonomen Lernern zu erziehen, indem sie ihren eigenen Lernstand reflektieren und konstruktives Feedback zu ihren Leistungen und denen ihrer Mitschüler formulieren.
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- Christine Schaffrath (Autor), 2009, Mündliche Prüfung als Ersatz für eine schriftliche Klassenarbeit, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/156263