„This is what we all suffer for being women“ sagten äthiopische Frauen um die Ethnologin zu
trösten. Sie war gerade von ihrem Informanten vergewaltigt worden. „As long as we are
women we are at the mercy of men. There was no need for me to feel ashamed or unhappy.
What had happened to me was horrible and dreadful, but, unfortunately, normal“ (Moreno
1995: 243).
Muß es so sein? Müssen Frauen wirklich immer auf diese Weise leiden? Hat die Natur es so
gewollt? Eva Moreno gibt Ansätze um ihre Vergewaltigung zu erklären. Ihr Informant hatte ihr
immer wieder gezeigt, wie abhängig sie von ihm war. Für sie geht es dabei um
Geschlechterrollen und um Macht: „Rape in any form is about power and male domination“
(Moreno 1995: 236).
Während es weltweit Programme gibt, um die Benachteiligung von Frauen zu verringern und
auch speziell die Gewalt gegenüber Frauen zu eliminieren, stellt sich die Frage nach deren
Erfolgsmöglichkeiten. Kann gegen die Vergewaltigung, als eine Form der Gewalt gegen
Frauen, etwas unternommen werden? Den soziobiologischen Theorien zufolge, liegt
Vergewaltigung als eine Reproduktionsstrategie, in der männlichen Natur. In ihrer Logik
könnten nur repressive Gesetze etwas ändern.1 Geht man jedoch von soziokulturellen Theorien
aus, sind gesellschaftliche Strukturen und gesellschaftliches Handeln für Vergewaltigung
verantwortlich und nicht unser Schicksal. Um Veränderungen zu ermöglichen, müßten die
Ursachen und Strukturen erkannt werden. Der erste Schritt zu diesen Fragen ist festzustellen,
ob Vergewaltigung eine Universalie ist. Es gibt einige Ethnographien, die vermuten lassen, daß
Vergewaltigung nicht universell ist. Wenn das so ist, was zeichnet diese Gesellschaften aus?
Welche Strukturen kann man bei ihnen erkennen, die dazu beitragen, daß es keine
Vergewaltigung gibt? Bevor die Eigenschaften, die mit Vergewaltigung korrelieren, weiter untersucht werden
können, wäre an dieser Stelle eine Definition von Vergewaltigung angebracht. Vergewaltigung
hier zu definieren, halte ich für eine heikle Aufgabe. Nicht etwa aus Prüderie. Nein. Aber wer
kann Vergewaltigung definieren? Mit welcher Autorität? [...]
1 So auch die Meinung von William und Lea Shields: „We predict, on the basis of these evolutionary
models, that punishing rape surely and severely might be the most effective in minimizing the frequency of
rape.“ (Shields und Shields 1983: 132). Durch die Bestrafung würden die Kosten steigen und der Nutzen
vermindert werden (siehe Seite 8).
Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG
2 FRAGESTELLUNG
3 BISHERIGE THEORIEN
3.1 VERGEWALTIGUNG ALS REPRODUKTIONSSTRATEGIE: DIE SOZIOBIOLOGISCHE SICHT
3.2 DIE MÄNNLICHE HERRSCHAFT UND DIE WIRTSCHAFT: SOZIOKULTURELLE ANSÄTZE
3.2.1 SANDAYS ANSATZ
3.2.2 SCHWENDINGER UND SCHWENDINGERS ANSATZ
3.3 FAZIT
4 ENTWURF EINER THESE
4.1 „DIE IDEOLOGIE DER MÄNNLICHEN HERRSCHAFT“
4.1.1 MACHTVERHÄLTNISSE
4.1.2 GESCHLECHTERKONSTRUKTIONEN UND WERTESYSTEME
4.2 GEWALT
4.2.1 GEWALT: NATUR ODER KULTUR?
4.2.1.1 WISSENSCHAFTLICHE DISKURSE ÜBER DIE GEWALT
4.2.1.2 GEWALTLOSE GESELLSCHAFTEN
4.2.1.3 ALTERNATIVEN
4.2.2 GEWALT GEGEN FRAUEN
4.3 SEXUALITÄT: VON DER KONSTRUKTION DES BEGEHRENS
4.4 WEITERFÜHRENDE ÜBERLEGUNGEN ZUM THEMA VERGEWALTIGUNG
5 ETHNOGRAPHISCHE FALLBEISPIELE
5.1 EINE VERGEWALTIGUNGSFREIE GESELLSCHAFT: DIE CHEWONG
5.1.1 EINE ISOLIERTE GESELLSCHAFT
5.1.2 DER MENSCH IN SEINER UMWELT
5.1.3 MENSCHLICHE BEZIEHUNGEN
5.2 IATMUL
5.2.1 ALLGEMEINE INFORMATIONEN
5.2.2 DIE ORGANISATION DER MACHT
5.2.3 ORGANISATION DER HAUSHALTE
5.2.4 LIEBE, SEXUALITÄT UND EHE
5.2.5 KONFLIKTREGELUNG
5.2.6 VERGEWALTIGUNG
6 AUSWERTUNG
7 SCHLUßWORT
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Frage nach der Universalität von Vergewaltigung und hinterfragt dabei gängige soziobiologische Annahmen, indem sie die Bedeutung soziokultureller Konstruktionen sowie individueller Wertesysteme in den Mittelpunkt stellt.
- Kritische Auseinandersetzung mit soziobiologischen Theorien zur Vergewaltigung als Reproduktionsstrategie.
- Analyse der Zusammenhänge zwischen männlicher Herrschaft, zwischenmenschlicher Gewalt und der Konstruktion von Geschlechtern.
- Ethnographischer Vergleich zwischen einer vergewaltigungsfreien Gesellschaft (Chewong) und einer Gesellschaft, in der Vergewaltigung vorkommt (Iatmul).
- Untersuchung der sozialen Konstruktion von Person und Identität in Bezug auf Macht und Gewalt.
- Erörterung der Komplexität von Definitionen von Gewalt, Sexualität und Macht in interkulturellen Studien.
Auszug aus dem Buch
3.1 VERGEWALTIGUNG ALS REPRODUKTIONSSTRATEGIE: DIE SOZIOBIOLOGISCHE SICHT
„Human rape can be considered as an evolved facultative behavior that is condition dependent in that it is employed by men who are unable to compete for ressources and status necessary to attract and reproduce successfully with desirable mates“ (Thornhill und Thornhill 1983: 137-138). So läßt sich die These über Vergewaltigung aus soziobiologischer beziehungsweise evolutionsgeschichtlicher Sicht zusammenfassen. Männer müssen sich reproduzieren, und wenn sie nicht erfolgreich sind, werden sie nicht von Frauen gewählt. Ihre einzige Möglichkeit bleibt dann, die Frauen zu vergewaltigen. Mit Vergewaltigung meinen Randy und Nancy Thornhill: „Rape is forced copulation of a female by a man. By forced copulation we mean copulation without the female's explicit or implicit consent; it need not involve physical force“ (Thornhill und Thornhill 1983: 140).
Dieser Theorie zugrundeliegend ist die Annahme, daß die meisten Gesellschaften polygyn und die wenigen restlichen monogam sind. Das heißt (eben aus evolutiongeschichtlicher Sicht), daß nicht alle Männer eine Frau bekommen. Denn zwischen den Männern besteht Konkurrenz um Status und Ressourcen, und wer dies besitzt, ist für Frauen attraktiver. Die Übrigen müssen andere Alternativen entwickeln, um sich reproduzieren zu können. Vergewaltigung ist eine Alternative, die in Frage kommt, wenn der Nutzen (Nachkommenschaft) die Kosten (Aufwand, den ein Mann betreiben muß) übersteigt. Die Grundpfeiler dieser Theorie sind also die Reproduktion und der Konkurrenzkampf zwischen den Männern.
Zusammenfassung der Kapitel
1 EINLEITUNG: Einführung in die Thematik der Universalität von Vergewaltigung und Vorstellung der zentralen Forschungsfragen.
2 FRAGESTELLUNG: Darlegung der Ausgangsthesen und der Definition von Vergewaltigung für die Untersuchung.
3 BISHERIGE THEORIEN: Kritische Diskussion soziobiologischer und soziokultureller Erklärungsansätze für Vergewaltigung.
4 ENTWURF EINER THESE: Theoretische Vertiefung der Konzepte Machtverhältnisse, Gewalt, Sexualität und Wertesysteme als kulturelle Konstruktionen.
5 ETHNOGRAPHISCHE FALLBEISPIELE: Untersuchung der Chewong und Iatmul als konkrete Fallbeispiele zur Überprüfung der theoretischen Ansätze.
6 AUSWERTUNG: Kritische Zusammenführung der Erkenntnisse aus der Theorie und den ethnographischen Beispielen.
7 SCHLUßWORT: Fazit zur Frage der Universalität und Plädoyer für einen Blick auf die Bedeutung der Konstruktion von Identität und Person.
Schlüsselwörter
Vergewaltigung, soziobiologische Theorien, soziokulturelle Ansätze, Geschlechterkonstruktionen, Männliche Herrschaft, Interpersonale Gewalt, Machtfelder, Ethnographie, Chewong, Iatmul, Sexualität, Person-Konzept, Identität, Wertesysteme.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, ob Vergewaltigung eine universelle Eigenschaft des Menschen ist oder ob sie von soziokulturellen Gegebenheiten einer Gesellschaft abhängt.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der Soziobiologie, der Konstruktion von Geschlecht und Männlichkeit, der Rolle von zwischenmenschlicher Gewalt sowie der Bedeutung von ethnographischen Studien für dieses sensible Thema.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die soziobiologische Sichtweise zu hinterfragen und zu zeigen, dass Vergewaltigung nicht „natürlich“ gegeben, sondern eng mit kulturellen Wertesystemen, Machtkonzepten und der Identitätskonstruktion verknüpft ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine interkulturelle, ethnographische Arbeit, die auf der Auswertung vorhandener ethnographischer Literatur basiert und diese theoretisch neu interpretiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Auseinandersetzung mit bisherigen Modellen und eine vertiefte Analyse zweier Fallbeispiele (Chewong und Iatmul), um die Komplexität der Thematik zu veranschaulichen.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Geschlechterkonstruktion, Machtfelder, Gewalt, soziokulturelle Konstellationen und die Kritik an einer westlich geprägten „etischen“ Definition von Vergewaltigung.
Warum wurden die Chewong und die Iatmul als Beispiele gewählt?
Die Chewong dienen als Gegenbeispiel zu der Annahme, Vergewaltigung sei universell, da bei ihnen dieses Konzept fehlt, während die Iatmul zeigen, wie spezifische soziale Strukturen und Initiationsrituale Gewalt und Vergewaltigung hervorbringen können.
Warum ist die „Konstruktion von Person“ für die Autorin so wichtig?
Die Autorin argumentiert, dass man nur durch das Verständnis davon, wie eine Gesellschaft den Menschen „als Person“ definiert, verstehen kann, warum Handlungen wie Vergewaltigung dort existieren oder warum sie als undenkbar gelten.
- Quote paper
- Joëlle Blache (Author), 1999, This is what we all suffer for being women - Eine Untersuchung über die Frage der Universalität von Vergewaltigung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/15628