John Deweys Kritik an Kants Transzendentalphilosophie in „Deutsche Philosophie und deutsche Politik“ von 1942


Hausarbeit, 2009

19 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Hintergründe zu Deweys Intention
1.2 Deutsche Philosophie und deutsche Politik

2 Deweys Kritik an der Kantischen Trennung von Phänomenon und Noumenon
2.1 Die Bedeutung der Begriffe Phänomenon und Noumenon
2.2 Ein möglicher Dialog zwischen einem Anhänger Deweys und einem An- hänger Kants
2.3 Die Differenz von Pragmatismus und dem kantischen Idealismus
2.3.1 Kurzskizzierung von Deweys Kritikpunkten in „Deutsche Philoso- phie und deutsche Politik“ von 1942
2.3.2 Die Differenz von Pragmatismus und Idealismus

3 Schlussbetrachtung (mit einer abschließenden Bemerkung, die nicht verkniffen werden konnte)

1 Einleitung

In „John Deweys Philosophie der Erziehung: Eine theoriegeschichtliche Analyse“1 geht der Autor Jürgen Oelkers der Frage nach, worin die pädagogisch-revolutionäre Leistung der Philosophie Deweys begründet liegt. Dabei untersucht er zunächst die Pädagogik vor John Dewey auf ihre philosophischen Grundsätze hin, beleuchtet im weiteren die Argumente Deweys, die ihn von der vorherigen Pädagogik unterscheiden, und arbeitet abschließend die seines Erachtens bedeutendste Innovation von Deweys Erziehungsphi- losophie heraus: die Demokratisierung der Pädagogik aufgrund einer pragmatischen Er- ziehungsphilosophie.

1.1 Hintergründe zu Deweys Intention

Deweys Abkehr von dem bis dahin vorherrschenden pädagogischen Handlungsprinzip im dualistischen Spannungsfeld von Natur und verdorbener Natur, das seinen Ursprung in der Idee der Erbsünde hat, liegt in der Rolle, die der Erziehung im Pragmatismus zu- kommt, verborgen. Diese Rolle ist ähnlich der Rolle in Rousseaus Erziehungsphilosophie. Das Kind wird in die demokratischen Prinzipien der Gesellschaft eingeführt, geleitet von einem Mitglied der Gesellschaft. Der entscheidende Unterschied liegt darin, dass bei Dewey die Demokratie nicht als gedachter Gesellschaftsvertrag dem pädagogischem Han- deln als Richtschnur dient, sondern Wahrheiten erst durch eine demokratische Erziehung hervorgebracht werden. Wahrheiten sind im Sinne William James’ als individuelle, nebeneinander bestehende Wahrheiten und nicht als die eine Wahrheit zu verstehen. Das einzige Kriterium für Wahrheit ist die Bewährung einer Theorie in der Praxis.

Eine Wahrheit ist nach Charles Sanders Peirce genau dann eine Wahrheit, wenn alle Mitglieder einer unendlichen Forschergemeinschaft einer Überzeugung demokratisch zustimmen. Dewey übernimmt für seine Pädagogik zu großen Teilen den Pragmatismus von Peirce und James und wendet sich gegen einen Idealismus, der Wahrheiten als absolut und allgemein verbindlich anerkennt, insofern sie sich nicht widersprechen.

Im Jahr 1915 veröffentlicht Dewey das Buch „German Philosophy and Politics“, das aus Vorlesungen an der University of North Carolina für die Calvin-McNair-Stiftung entstanden ist. Das amerikanische Interesse an der deutschen Politik ist in den voran- gegangenen Jahren aufgrund des deutschen Nationalismus und Imperialismus entstan- den. Nach Beginn des ersten Weltkrieges und dem Einmarsch der Deutschen Truppen in Belgien wendet sich Dewey mit diesem Buch gegen eine moralische Rechtfertigung des deutschen Verhaltens und führt, aufgrund seiner philosophischen Vorbildung, diese zwei- felhafte moralische Rechtfertigung der deutschen Politik auf den deutschen Idealismus und diesen wiederum auf Immanuel Kant und dessen Trennung der Welt in Noumena und Phänomena zurück.

Nach dem Einfall der deutschen Truppen in Russland 1941 beginnen größere öffentliche Sympathiebekundungen der Amerikaner mit Russland und Stalin. Das Buch des amerika- nischen Botschafters in Moskau von 1936-1938, Joseph E. Davis, „Mission to Moscow“ ver- teidigt die russische Außenpolitik, indem es den Nichtangriffspakt zwischen Russland und Deutschland als einzige Möglichkeit Stalins auslegt, Position zwischen dem kriegerischen Deutschland und den unfreundlich gestimmten Alliierten zu beziehen. Dewey reagiert auf diese pro-russische Stimmung mit entschiedener Zurückweisung politischer Forderungen kommunistischer Sympathisanten. Er unterstützt die Anti-Nazi-Haltung Russlands und somit auch den Kampf gegen die Besetzer, aber toleriert keine totalitären staatsphiloso- phischen Ansichten. Nach Erscheinen des Buches und dessen Verfilmung macht er seine Ansichten in der New York Times deutlich, was ihn in das Visier der pro-sowjetischen Amerikaner rückt. Fortan gilt Dewey als Wortführer des Kapitalismus und Imperialis- mus. Seine pragmatische Logik, nach der wahr ist, was funktioniert, wird als Klassenlogik ausgelegt. Sie diene den kapitalistischen Interessen, indem die Arbeiterbevölkerung in ih- rem natürlichem Streben nach Wahrheit ihren Teil am kapitalistischen System beiträgt, ohne dabei nach Macht zu streben. In dieser Situation veröffentlicht Dewey 1942 eine Neuauflage von „German philosophy and politics“, auf die sich die vorliegende Arbeit bezieht.

1.2 Deutsche Philosophie und deutsche Politik

Der Text von 1915 ist in drei Abschnitte gegliedert, denen ein kurzes Vorwort vorangestellt ist. Die Einleitung „Die einheitliche Welt in Hitlers Nationalsozialismus“ ist der Ausgabe von 1942 zusätzlich beigefügt. Dewey versucht darin, Hitlers geschichtlich einmalig schnellen Erfolg der Machtergreifung durch die Überzeugung des Volkes von seinen Ideen auf die philosophische Tradition Deutschlands zurückzuführen. Hitler habe, so Dewey, die Weltanschauungen, jedoch nicht die Philosophie des deutschen Idealismus für seine Zwecke instrumentalisiert. So stelle Hitler in „Mein Kampf“ militärische, sowie wirtschaftliche Zwecke unter die Ideen und Ideale und treffe damit den Zeitgeist der damaligen Gesellschaft. Hitler berufe sich dabei immer auf die Kraft des Idealismus, der „allein die Taten hervorbrachte, die die Welt bewegt haben“2. In einer Rede vor einer Versammlung von Industriellen 1932 begründet Hitler die Niederlage im ersten Weltkrieg mit der geistigen Spaltung Deutschlands:

Deutschland hatte einst eine gemeinsame Weltanschauung. Indem die Religionsgemeinschaft das einzige Prinzip war, besass es dementsprechend die Voraussetzungen für eine weitgespannte Organisation. Als die Erhebung des Protestantismus diese Grundlage zerbrach, wandte sich die Kraft der Nation von äusseren inneren Konflikten zu, denn gerade die Natur des Menschen zwingt ihn mit innerer Notwendigkeit, nach einer Grundlage in einer gemeinsamen Weltanschauung zu suchen.[...]3

Dieses Zitat der Einleitung dient, zusammen mit vielen weiteren Zitaten von Zeitge- nossen, als Bestätigung seiner Hypothesen der vorangegangenen Kapitel von 1915, in denen er das nationalistische Streben Deutschlands auf den kantischen Idealismus und dessen Trennung der Welt in Phänomenon und Noumenon zurückzuführen versucht.

2 Deweys Kritik an der Kantischen Trennung von Phänomenon und Noumenon

2.1 Die Bedeutung der Begriffe Phänomenon und Noumenon

Kants Unterscheidung der Gegenstände in die Welt der Phänomena und Noumena ist Teil seiner transzendentalen Analytik in der Kritik der reinen Vernunft. Darin findet sich der Abschnitt „Der tranzendent. Doktrin der Urteilskraft (Analytik der Grundsätze), Drittes Hauptstück“, dessen erster Teil „Von dem Grunde der Unterscheidung aller Gegenstände überhaupt in Phänomena und Noumena“ heißt. Darin schreibt Kant zu Anfang:

Wir haben jetzt das Land des reinen Verstandes nicht allein durchreiset, und jeden Teil davon sorgfältig in Augenschein genommen, sondern es auch durchmessen, und jedem Dinge auf demselben seine Stelle bestimmt. Die- ses Land aber ist eine Insel, und durch die Natur selbst in unveränderliche Grenzen eingeschlossen. Es ist das Land der Wahrheit (ein reizender Name), umgeben von einem weiten und stürmischen Ozeane, dem eigentlichen Sitze des Scheins, wo manche Nebelbank, und manches bald wegschmelzende Eis neue Länder lügt, und indem es den auf Entdeckung herumschwärmenden Seefahrer unaufhörlich mit leeren Hoffnungen täuscht, ihn in Abenteuer verflechtet, von denen er niemals ablassen, und sie doch auch niemals zu Ende bringen kann. [...]4

Im Weiteren erläutert Kant mit Hilfe seiner Ausführungen zur transzendentalen Logik und dem bis dahin Dargebotenen der transzendentalen Analytik, was er unter diesem „Bild“ der Insel und des Seefahrers verstehen will.

Erscheinungen, so fern sie als Gegenstände nach der Einheit der Kategorien gedacht werden, heißen Phänomena. Wenn ich aber Dinge annehme, die bloß Gegenstände des Verstandes sind, und gleichwohl, also solche, einer Anschau- ung, obgleich nicht der sinnlichen (als coram intuitu intellectuali) gegeben werden können: so würden dergleichen Dinge Noumena (intelligiblia) heißen. Nun sollte ]man denken, daß der durch die transzendentale Ästhetik einge- schränkte Begriff der Erscheinungen schon von selbst die objektive Realität der Noumenorum an die Hand gebe, und die Einteilung der Gegenstände in Phänomena und Noumena, mithin auch der Welt in eine Sinnen- und eine Verstandeswelt (mundus sensibilis et intelligibilis) berechtige, und zwar so: daß der Unterschied hier nicht bloß die logische Form der undeutlichen oder deutlichen Erkenntnis eines und desselben Dinges, sondern die Verschieden- heit treffe, wie sie in unserer Erkenntnis ursprünglich gegeben werden können, und nachher welcher sie an sich selbst [...] von einander unterschieden sind.5

Diese Einführung in die Begriffe der Phänomena und Noumena der ersten Auflage der Kritik der reinen Vernunft macht deutlich, dass die zwei Welten bereits aus Kants transzendentaler Ästhetik, genauer gesagt, aus der Unterscheidung von der Erscheinung und dem Ding an sich, hervorgehen. Etwas ausführlicher formuliert, sagt Kant

Die Sinnlichkeit, und ihr Feld, nämlich das der Erscheinungen, wird selbst durch den Verstand dahin eingeschränkt: dass sie nicht auf Dinge an sich selbst, sondern nur auf die Art gehe, wie uns, vermöge unserer subjektiven Beschaffenheit, Dinge erscheinen. Dies war das Resultat der ganzen transzen- dentalen Ästhetik, und es folgt auch aus natürlicher Weise aus dem Begriffe einer Erscheinung überhaupt: daß ihr etwas entsprechen müsse, was an sich nicht Erscheinung ist, weil Erscheinung nichts vor sich selbst, und außer un- serer Vorstellungsart sein kann, ...6

2.2 Ein möglicher Dialog zwischen einem Anhänger Deweys und einem Anhänger Kants

Da Kants Theorie in gebotener Kürze nicht im Ganzen wiedergegeben werden kann, möchte ich versuchen, in einem Dialog die wichtigsten Punkte in Deweys Kritik und Kants Standpunkt darzustellen. Dabei möchte ich einen neuzeitlichen Kantianer und einen Anhänger Deweys zu Worte kommen lassen. Ungeachtet, dass zwischen beiden Gesprächspartnern ein größeres Diskurspotential besteht, möchte ich mich ausschließlich auf die Kritikpunkte des vorliegenden Werkes von John Dewey „Deutsche Philosophie und deutsche Politik“ stützen und diese, sowie deren mögliche Gegenargumente aus didaktischen Gründen interpretativ erweitern.

Dewey:

Ich glaube nicht, dass es so etwas wie reine Ideen und reine Vernunft gibt. Kant:

Glaube ist etwas für Bettnässer... Dewey:

Jaja, ich weiß schon...die glauben, sie hätten geschwitzt. Kant:

Ja richtig. Aber was gibt Ihnen denn nun Anlass dazu, reine Ideen und reine Vernunft zu bezweifeln?

Dewey:

Die Lehre von Noumenon und Phänomenon. Demnach ist der Glaube an den Einfluss des Denkens auf das Handeln nicht mehr als eine Illusion. Erkennen ist aber doch bereits Handeln.

Kant:

Nun, ich stimme Ihnen ein Stück weit zu. Doch der Reihe nach. Das Denken ist bereits (Anm.d. V.) die Handlung, nämlich die(Anm.d.V.), die gegebene Anschauung auf einen Gegenstand zu beziehen7

Dewey:

Aber ich meine doch vielmehr, das aktive äußere Handeln dient der Erkenntnis, nicht das passive innere. Und das Erkennen wird dann zum Instrument erfolgreichen Handelns Kants:

Das nenne ich: die Erfahrung. Dewey:

Die Sie wiederum in ein System aus Kategorien zu ordnen versuchen, egal wie chaotisch die Erfahrung auch sein mag.

Kant:

Ja. Ganz recht. Ganz recht. Doch wie mir scheint, beginnen wir besser von vorn: Nehmen wir einen Gegenstand aus der Erfahrung. Nehmen wir einen Münzfernsprecher. Wissen sie noch, was ein Münzfernsprecher ist?

Dewey:

Sicher. Ich zähle nun auch schon einige Jahre. Ein Münszfernsprecher ist ein meist begeh- barer geschlossener Raum, der etwa zwei Kubikmeter misst und in dem der eigentliche Münzfernsprecher angebracht ist. Ein technisches Gerät, mit dem man durch entspre- chende Zahlung an eine Telefongesellschaft, also den Einwurf von Münzen- die neueren Geräte bevorzugen eine magnetische Plastikkarte- telefonieren kann. Das heißt: Mit Je- mandenm, der ein ähnliches Gerät besitzt, das die Schallwellen in elektromagnetische Impulse codiert, über eine Distanz versendet und wieder zurück übersetzt, auf diese Weise kommunizieren. Die neue Technik verwendet Glasfaserkabel. Die haben den Vorteil, dass sie die Informationen in Lichtgeschwindigkeit, vielmehr der Geschwindigkeit des Lichtes im Glas, übermitteln können.

[...]


1 Jürgen Oelkers, John Deweys Philosophie der Erziehung: Eine theoriegeschichtliche Analyse; erschienen in Joas, Hans: Philosophie der Demokratie Beiträge zum Werk von John Dewey, Frankfurt/Main: Suhrkamp, 2000 S.281-315

2 Hitler, zitiert von Dewey ohne Angabe der Literatur in „Deutsche Philosophie und deutsche Politik“ von 1942; Westkulturverlag Anton Hain, Meisenheim/Glan, 1954, S.13

3 von Dewey aus Hitlers Rede vor einer Versammlung von Industriellen 1932 zitiert in "Deutsche Phi- losophie und deutsche Politik" von 1942; Westkulturverlag Anton Hain, Meisenheim/Glan, 1954, S.13

4 KrV B 294, 295

5 KrV A 249

6 KrV A 252

7 KrV A 248

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
John Deweys Kritik an Kants Transzendentalphilosophie in „Deutsche Philosophie und deutsche Politik“ von 1942
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
19
Katalognummer
V156457
ISBN (eBook)
9783640699841
ISBN (Buch)
9783640700158
Dateigröße
507 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Dewey, Kant, Transzendentalphilosophie, Pragmatismus
Arbeit zitieren
Sebastian Finger (Autor), 2009, John Deweys Kritik an Kants Transzendentalphilosophie in „Deutsche Philosophie und deutsche Politik“ von 1942, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/156457

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: John Deweys Kritik an Kants Transzendentalphilosophie in „Deutsche Philosophie und deutsche Politik“ von 1942



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden