Das Empowerment-Konzept und seine Bedeutung für Selbsthilfegruppen am Beispiel der „People-First-Bewegung“


Hausarbeit, 2009
22 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Empowerment- Konzept
2.1 Bedeutung des Empowerment- Begriffs
2.2 Empowerment auf verschiedenen Ebenen
2.3 Empowerment- Prozesse
2.4 Entstehungsgeschichte von Empowerment

3 Empowerment und geistige Behinderung

4 Selbstbestimmung

5 Selbsthilfegruppen
5.1 Entstehung
5.2 People- First- Bewegung
5.2.1 Ziele der People- First- Gruppen

6 Fazit

7 Literatur

1 Einleitung

Immer wieder wird darauf hingewiesen, dass Selbstbestimmung im Leben von Menschen mit geistiger Behinderung keine Selbstverständlichkeit ist. Dabei können sie nicht nur an individuelle, durch ihre Behinderung verursachte Grenzen stoßen, sondern auch auf sozialer Ebene durch andere Mitmenschen 'anecken'. Diese Erfahrungen, die Menschen mit geistiger Behinderung täglich 'ertragen' müssen, haben Auswirkungen auf die Entwicklung ihrer Persönlichkeit.

Das Empowerment- Konzept hat die Aufgabe an dieser Stelle einzugreifen und den Menschen mit geistiger Behinderung zu mehr Selbstbestimmung zu verhelfen. Ihnen soll die Möglichkeit gegeben werden, Selbstbestimmung ohne den Verzicht auf notwendige Hilfe zu erleben.

Mit der eingangs geschriebenen Aussage des ersten amerikanischen Präsidenten ist ein bedeutendes Element des Empowerment-Konzepts getroffen worden:

Das Vertrauen in die Ressourcen und Fähigkeiten der Menschen!

Anhand einer genauen Betrachtungsweise des Empowerment- Konzepts, ihrer Bedeutung und den dazugehörigen Empowerment- Prozessen soll eine Basis für Empowerment bei Menschen mit geistiger Behinderung geliefert werden.

Die weiterführenden Kapitel beschäftigen sich vor allem mit dem Themen der Selbsthilfe­Bewegung, der daraus resultierenden „People-First" Bewegung und der unverzichtbaren Bedeutung von Selbsthilfegruppen.

Die abschließende Stellungnahme soll sich der Frage annähern, ob Selbsthilfegruppen von Menschen mit geistiger Behinderung für den Erfolg von Empowerment- Programmen verantwortlich sind.

2 Empowerment- Konzept

2.1 Bedeutung des Empowerment- Begriffs

Um dem Thema „Empowerment" einen Rahmen zu geben, wird an dieser Stelle zunächst der Begriff des Empowerments dargestellt. Generell wird Empowerment aus dem Englischen heraus übersetzt und bedeutet „die Bevollmächtigung, die Ermächtigung, die Übertragung von Verantwortung an Untergebene“(o.V..2009, WWW). Klaus Fischer beschreibt Empowerment in einer Dokumentation der Bundesvereinigung Lebenshilfe als „Fachkonzept zur Stärkung der Persönlichkeit und der Rechte von Menschen mit und ohne Behinderung“(vgl. Fischer 2005, S.6). Empowerment wird hier als ein (selbst)-Bildungsprogramm für Alle angesehen. Auf ähnliche Weise wird Empowerment auch in anderer Literatur beschrieben, so ist meist von einem „Konzept" die Rede, welches Menschen zur Selbstbestimmung verhilft und Ihnen die Verwirklichung Ihrer Ziele und Vorstellungen für ein autonomes Leben ermöglicht(vgl. Theunissen 2009,S.9/ Theunissen, Plaute 1995, S.8). Das Konzept des Empowerments wird auch als Handlungskonzept angesehen, das nach dem Soziologie- Professor Dr. Norbert Herriger von der Fachhochschule Düsseldorf zum „Fixstern am Himmel der psychosozialen Arbeit „avanciert“ ist‘ (Herriger 2009, WWW)1 Empowerment spielt in der sozialen Arbeit sowie in der Heilpädagogik eine bedeutende Rolle, da es vor allem auch in diesen Bereichen Menschen gibt, die auf Grund ihrer Beeinträchtigung von alltäglichen gesellschaftlichen Prozessen ausgeschlossen werden. So wird ein psychisch erkrankter Mensch, ein armer oder ein geistig behinderter Mensch von „unerfahrenen" Mitmenschen meist auf seine möglichen Fähigkeiten reduziert, obwohl viel mehr Potential in jedem Einzelnen steckt. An dieser Stelle setzt das Empowerment- Konzept ein.

Als Ausgangspunkt dient die Orientierung an einem positiven und optimistischen Menschenbild.

Es soll Menschen aus einer Art Ohnmacht herausziehen und Ihnen dabei helfen sich aus genau diesem Stillstand ihres Lebens herauszuentwickeln.

2.2 Empowerment auf verschiedenen Ebenen

Nach Georg Theunissen lässt sich Empowerment in vier zentralen Begriffen unterscheiden.

An erster Stelle deutet der Begriff des Empowerment auf „Selbstverfügungskräfte“ hin (THEUNISSEN 2009, S.27). Stärken oder spezifische Ressourcen sind gemeint, die es dem Menschen ermöglichen, bestimmte Krisen und Konflikte wie auch Belastungen des Alltags aus den eigenen Stärken und Ressourcen zu bewältigen. Als „empowered person“ bezeichnet Theunissen demnach eine Person, die sich trotz Einschränkungen und Schwächen im gesellschaftlichen Alltag zurecht findet. Desweiteren differenziert Theunissen Bedeutungen von Empowerment. Beispielsweise als politisch ausgerichtete Macht und Durchsetzungskraft (THEUNISSEN 2009, S. 28). Hierbei versuchen Menschen in marginalen Positionen mit Hilfe von politischem Einfluss unabhängig zu werden. Mit der Bezeichnung „Menschen in marginaler Position“ sind weitestgehend diejenigen gemeint, die zum Beispiel einer ethnischen Minderheit angehören, alleinerziehend sind, psychisch erkrankt sind oder eine Behinderung haben.

Wie bereits erwähnt, soll in der vorliegenden Arbeit der Fokus auf Menschen mit geistiger Behinderung gelegt werden. Was Empowerment für genau diese bedeutet und in wie fern daraus anhand der Selbstbestimmung der Gedanke für Selbsthilfeorganisationen entstanden ist, wird versucht im weiteren Verlauf der Arbeit zu erörtern.. Für Theunissen bedeutet dies:

„Empowerment steht hier für politische Bewusstwerdungsprozesse, politische Aktionen und Erfahrungen von unterdrückten Gruppen, die bislang psychologisch und faktisch durch den Mangel am Zugang zu sozio- kulturellen Ressourcen, gesellschaftlichen Institutionen (z.B. Bildungseinrichtungen) und politischer Entscheidungs- oder auch institutioneller Macht benachteiligt waren''(THEUNISSEN u.a. 2009, S. 28). Kampagnen und Initiativen behinderter Menschen gegen Diskriminierung werden, unter anderem auch, als Beispiele des Empowerment mit einer politisch ausgerichteten Macht genannt. Als dritten Punkt bezeichnet Theunissen Empowerment als einen reflexiven Prozess, in dem die sogenannten Randgruppen der Gesellschaft ihre Angelegenheiten selbst in die Hand nehmen, sich dabei ihrer Persönlichkeit bewusst werden, sich selbst ein Wissen aneignen, um dann schließlich eigene Kräfte zu entwickeln und soziale Ressourcen zu nutzen. Norbert Herriger beschreibt wiederum den Leitgedanken der selbstbestimmten, eigenständig- verantwortlichen Bewältigung des eigenen Lebens durch die „Selbstaneignung von Lebenskräften“(Herriger zit.nach Theunissen 2009, S.28). Schließlich greift Theunissen den Begriff des Empowerment auch als einen im transitiven Sinne gemeinten Begriff auf. „Transitiv“ bedeutet übersetzt „zielend“ oder „verändern“ (o.V. 2009a, WWW). Damit ist aber nicht die Veränderung eines Menschen zu einer „empowered person“ gemeint, sondern lediglich ein Anregen des „Professionellen“ zu neuem Tatendrang. Der Mensch soll nicht von Grund auf in eine bestimmte Richtung gedrängt werden, sondern es sollen Auswahlmöglichkeiten bereit gestellt werden, die jenem dazu verhelfen sich seinen eigenen Ressourcen zu bedienen. Daher geht es bei dieser Begriffsdifferenzierung einzig um das „Anstiften zu individuellen und kollektiven Empowerment- Prozessen so zum Beispiel durch die Bereitstellung von Informationen sowie durch das Arrangement von Situationen“(THEUNISSEN 2009, S.29), um den Menschen Spielraum in der eigenständigen Lebensgestaltung zu ermöglichen. Theunissen spricht an diesem Punkt von einer „professionellen Praxis", die den Empowerment-Prozess auf eine Ebene des Ausbalancierens stellt, wodurch es den Menschen gelingt in eigener Weise die angesetzten Ziele zu erreichen.

2.3 Empowerment- Prozesse

Ein Zitat von Julian Rappaport aus seinem Buch Studies of Empowerment2 macht nochmals deutlich was Empowerment letztendlich ist:

„Empowerment is viewed as a process: the mechanism by which people, organizations, and communities gain mastery over their lives... . For some people the mechanism of empowerment may lead to a sense of control; for others it may lead to actual control, the practical power to effect their own l/ves''(Rappaport zit.nach Schaurhofer 2005, S.1).2

Da nun fortwährend von Empowerment- Konzepten die Rede war, wird an dieser Stelle dem eigentlichen Empowermentprozess die nötige Aufmerksamkeit gewidmet.

Wie auch schon Prof. Dr. Norbert Herriger formulierte, wird Empowerment als ein „ Prozess der Selbst- Aneignung und der Selbst- Bemächtigung von Lebenskräften“ beschrieben(Herriger 2009,WWW).

Als Empowerment-Prozess wird genau jener angesehen, der dem Menschen dazu verhilft die eigenen Stärken zu erkennen, persönliche Kompetenzen weiter zu entwickeln und vorhandene Ressourcen zu fördern (vgl. Herriger 2009,WWW). Ziel dabei ist es, persönlich kognitive , soziale und sozialpolitische Veränderungen zu bewirken. Eigene Ressourcen frei zu setzen und die Fähigkeiten der Menschen zu stärken, damit diese ihren Lebensweg und ihren Lebensraum selbstbestimmt gestalten können(vgl. Herriger 2009, WWW). Empowerment- Prozesse sollen Menschen in gesellschaftlich „marginaler Position" dazu verhelfen als Betroffene ihre Angelegenheiten selbst in die Hand zu nehmen, sich ihrer eigenen Fähigkeiten bewusst zu werden und daraus Kräfte zu entwickeln. Die selbstbestimmte Bewältigung und Gestaltung des eigenen Lebens bezeichnen Theunissen und Plaute als eigentliche Leitidee des Empowerment- Prozesses bzw. des Empowerments- Konzepts (vgl. Theunissen/Plaute 1995, S.11)

Wenn man in der ursprünglichen angloamerikanischen Empowermentforschung nach der Bedeutung eines Empowermentprozesses sucht, wird Empowerment als ein Prozess beschrieben, der von einer Phase des emotionalen Umbruchs mit der Alltagsroutine hin zur entwickelten Politikfähigkeit führt( Kieffer 1984, Rappaport 1981, Rappaport, Swift und Hess 1984, Stark 1996 und Zimmermann 1990,1995 zit.nach Schaurhofer 2005, S. 1)

Nach Wolfgang Stark, der sich wiederum an Untersuchungen von Kieffer lehnt, gibt es bestimmte Phasen in Empowermentprozessen.

In den meisten Fällen ist von 4 Phasen die Rede, welche sich wie folgt benennen lassen(Stark 1996 zit.nach Meade 2002,S,6):

Phase I Mobilisierung

- Zu Beginn des Empowerment-Prozesses erfahren Menschen Unsicherheiten und „ Integritätsverluste“. Sie brechen aus ihrem gewöhnlichen Alltag heraus und beginnen aktiv teil zu nehmen. Sie finden sich nicht einfach mit ihrem Schicksal ab, sondern partizipieren an weiteren gesellschaftlichen Prozessen und schließen sich mit Anderen zusammen. Wie z.Bsp in Form von Selbsthilfegruppen.

Phase II Engagement und Förderung

- Nach anfänglichen neuen Herausforderungen, geht die Energie aus Begeisterung und Wut in konstanteres Engagement über. An dieser Stelle kommen Professionelle zum Einsatz, die die Menschen bestärken und ermutigen, ebenso wie Gleichgesinnte, die den nötigen Austausch bieten. Stark spricht hierbei auch von einer Entwicklung zu politischem und sozialem Bewusstsein (Stark 1996, S. 121).

Phase III Integration und Routine

- Die Menschen stabilisieren ihre erworbenen Fähigkeiten und präsentieren dies auch in Gruppen. Diese Gruppen stehen im Austausch mit der Gesellschaft und bestärken sich einander. Alltägliche gesellschaftliche Prozesse, die den Umgang mit Medien und die Einmischung in der Öffentlichkeit betreffen, werden zur Routine. Ebenso gilt die Toleranz und der richtige Umgang mit der eigenen persönlichen Veränderung.

Phase V Überzeugung und „brennende Schuld“

- Die letzte Phase ist kein endgültiger Abschluss, sondern bedeutet vielmehr den Übergang und die Übernahme der Organisations- und Konfliktfähigkeit in Bezug auf andere Lebensbereiche.

Die einzige Voraussetzung für das Gelingen des Empowerment- Prozesses ist die Überzeugung, dass es machbar und schaffbar ist, am gesellschaftlichen Leben Teil zu nehmen und gemeinsam mit Anderen Ziele zu erreichen wie auch Veränderungen herbei zu führen( Stark 1996 zit.nach Meade 2002, S. 6)

Stark weist darauf hin, dass der Verlauf dieser Phasen ein Idealfall des Empowerment-Prozesses ist, der sicherlich in der Praxis individuell abläuft und ebenfalls von Rückschlägen begleitet werden kann(Stark 1996, S.125).

[...]


1 Die Ideen des Empowerment werden auch in anderen Teilbereichen genutzt. Wie z.B. in der psychologischen Beratung, in der Organisationsentwicklung und im Personalmanagement (Herriger 2009,WWW).

2 Rappaport,Julian; Hess,Robert(1984): Studies in Empowerment. Steps toward understanding and action, Haworth Press, New York.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Das Empowerment-Konzept und seine Bedeutung für Selbsthilfegruppen am Beispiel der „People-First-Bewegung“
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Pädagogisches Institut)
Veranstaltung
Theorien der Sonderpädagogik
Note
2,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
22
Katalognummer
V156479
ISBN (eBook)
9783640716814
ISBN (Buch)
9783640716876
Dateigröße
578 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Empowerment-, Konzept, Bedeutung, Selbsthilfegruppen, Beispiel, First-, Bewegung“
Arbeit zitieren
Diplom Sara Pirs (Autor), 2009, Das Empowerment-Konzept und seine Bedeutung für Selbsthilfegruppen am Beispiel der „People-First-Bewegung“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/156479

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Das Empowerment-Konzept und seine Bedeutung für Selbsthilfegruppen am Beispiel der „People-First-Bewegung“


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden