Das literarische Motiv des Schattenverlustes wird anhand dreier beispielhafter Texte der Romantik erörtert. Im Mittelpunkt stehen der Einsatz des Motivs und seine Bedeutung für die personale Identität der Figur die ihren Schatten verliert. Ein abschließender Vergleich der Werke findet statt.
Was geschieht mit einer Person, die ihrer grundlegenden Fähigkeit des Schattenwurfs, beraubt wird?
Der Ergründung dieses Erkenntnisinteresses folgt diese vorliegende Arbeit. Das Feld der Literaturwissenschaft bietet sich an, diesem Interesse nachzugehen, da in literarischen Werken die Gesetzte der physischen Welt ausgehebelt und die Möglichkeit der Trennung von Schatten und Schatteninhaber geschaffen wird. Zwei wichtige Aspekte, die hier schon genannt wurden, müssen zur Untersuchung eingehend betrachtet werden. Das Motiv der Schattenlosigkeit, speziell in der Ausformung des Schattenverlustes ist einer davon, der andere Aspekt versteht sich in dem Verständnis davon, was überhaupt das Selbst eines Menschen ist. Das Verhältnis zwischen den beiden, also Schattenverlust und personale Identität soll so verstanden werden.
Wenn dieses Verständnis geschaffen worden ist, kann es genutzt werden, um zu erörtern, was einen Schatten ausmacht, was dessen Verlust für den ehemaligen Besitzer bedeutet und wie das Verhältnis einer Person, die ihren Schatten verloren hat, sich zu der Quelle ändert, die ihr einst diesen angeblich notwendigen Begleiter verlieh.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung: Was uns von außen her beleuchtet
2. Das Motiv: Ein Schatten geht verloren
3. Personale Identität: Eine Annäherung
4. Die Schatten der Romantik
4.1 Peter Schlemihls wundersame Geschichte
4.1.1 Der Mann in Grau beschreibt den Schatten
4.1.2 Peter Schlemihls wundersame Identität
4.1.3 Chamisso und der Verlust des Schattens
4.2 Skyggen (oder: Der Schatten)
4.2.1 Aus dem Schatten tretend
4.2.2 In den Schatten stellend
4.3 Anna (nach einer schwedischen Sage)
5. Fazit: Was wir von innen heraus beschatten
Zielsetzung & Forschungsschwerpunkte
Diese Bachelorarbeit untersucht den Zusammenhang zwischen dem literarischen Motiv des Schattenverlusts in der Romantik und der personalen Identität der betroffenen Figuren. Die zentrale Forschungsfrage fokussiert dabei darauf, wie sich die personale Identität eines Individuums verändert, wenn es – symbolisch oder physisch – des Schattens beraubt wird, und welche Rolle das Selbstverständnis in diesem Identitätswandel spielt.
- Analyse der Bedeutung des Schattens als Teil der Identität und des Selbstbildes.
- Untersuchung des psychologischen Aspekts der Schattenlosigkeit in ausgewählten Werken.
- Vergleich der Identitätskonzepte bei Peter Schlemihl und den Akteuren in Andersens „Skyggen“.
- Reflektion über die gesellschaftliche Bedeutung des Schattenwurfs als Ausdruck des Individuums.
Auszug aus dem Buch
4.1.1 Der Mann in Grau beschreibt den Schatten
„‚[…] [E]rlauben Sie, dass ich es Ihnen sage – [ich habe] wirklich mit unaussprechlicher Bewunderung den schönen Schatten betrachten können, den Sie in der Sonne, und gleichsam mit einer gewissen edlen Verachtung, ohne selbst darauf zu merken, von sich werfen, den herrlichen Schatten da zu Ihren Füßen‘“ (Chamisso 2020, 14).
Um zu beschreiben, was die Natur eines Schattens in der wundersamen Welt des Peter Schlemihl ausmacht, möchte ich viererlei Merkmale herausstellen. Das erste davon, das der Wertigkeit, findet sich in dieser Beobachtung, die der Mann in Grau über den Schatten des Erzählers der wundersamen Geschichte tätigt. Zunächst lässt sich hieraus eine sehr gewöhnliche Feststellung ziehen: Schlemihl betrachtet seinen Schatten als etwas Selbstverständliches, das keiner gesonderten Aufmerksamkeit bedarf. Der Mann in Grau legt nahe, dass der Schatten eine Form von Wert besitzt, den zu bewundern es sich lohnt. Dadurch, dass Schlemihl diesen Wert nicht anerkennt, dieser ihm nicht einmal bewusst zu sein scheint, stürzt er sich in sein Verderben, indem er den werthaltenden Schatten weggibt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Was uns von außen her beleuchtet: Einführung in das Erkenntnisinteresse der Arbeit und die Relevanz des Schattens als Spiegel des Selbst.
2. Das Motiv: Ein Schatten geht verloren: Theoretische Einordnung des literarischen Motivs des Schattenverlusts und dessen Wirkungsgeschichte.
3. Personale Identität: Eine Annäherung: Diskurs über verschiedene Ansätze personaler Identität, mit Fokus auf die narrative Identitätstheorie.
4. Die Schatten der Romantik: Analyse von Schattenverlusten anhand primärer literarischer Beispiele wie Chamisso, Andersen und Lenau.
5. Fazit: Was wir von innen heraus beschatten: Zusammenfassende Erkenntnis, dass der Schattenverlust zwar die Identität erschwert, aber nicht zwangsläufig das Selbst auslöscht.
Schlüsselwörter
Schattenverlust, Personale Identität, Romantik, Peter Schlemihl, Literaturwissenschaft, Selbstverständnis, Narrative Identität, Motivgeschichte, Schattenbild, Identitätswandel, Psychologische Kontinuität, Schattenwurf, Spiegelbilder, Doppelgänger, Weltliteratur
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert, wie in ausgewählten Texten der Romantik der Verlust des Schattens mit einer Krise oder Veränderung der Identität der Protagonisten verknüpft ist.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf dem Motiv der Schattenlosigkeit, Theorien der personalen Identität und der psychologischen Dimension dieser literarischen Metaphern.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsfrage?
Es wird untersucht, ob und wie der Verlust eines "äußeren" Zeichens (Schatten) die psychische Struktur und das Selbstbild der handelnden Charaktere dauerhaft verändert.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Die Untersuchung folgt einem literaturwissenschaftlichen Vergleichsmodell, das durch identitätstheoretische Ansätze (Parfit, Schechtman) gestützt wird.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse von Chamissos "Peter Schlemihl", Andersens "Skyggen" und Lenaus "Anna" hinsichtlich ihrer jeweiligen Behandlung des Schattenmotivs.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schattenverlust, Personale Identität, narrative Identität, Romantik, Selbstbild.
Warum spielt der "Mann in Grau" für Schlemihls Identität eine so große Rolle?
Er fungiert als Katalysator, der Schlemihl bewusst macht, dass sein Schatten ein wertvoller Teil seiner sozialen Identität ist, dessen Verlust ihn isoliert.
Inwiefern unterscheidet sich Andersens "Schatten" bei "Skyggen" von Chamissos Schatten?
Bei Andersen entwickelt der Schatten ein eigenständiges Leben und einen eigenen Willen, was zu einem Rollentausch zwischen Schatten und Schattenwerfer führt, während er bei Chamisso eher als verlorener, leibhaftiger Besitz fungiert.
Was bedeutet das Fazit für das Verständnis von Identität?
Identität ist nicht an ein äußeres Attribut wie den Schatten gebunden, sondern ein innerer Prozess der Selbstakzeptanz, auch wenn äußere Einflüsse das Bild des Selbst stark erschüttern können.
- Quote paper
- Justin Janning (Author), 2024, Der persönliche Schatten und die personale Identität, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1565011