"Die Tochter ist nix. Wenigstens red sie nicht, das ist schon etwas". Dies ist nur eines von vielen Beispielen, in denen die Mutter Courage ihre Tochter Kattrin negativ darstellt. Bei genauer Betrachtung der Figuren ergibt sich eine komplexe Struktur innerhalb der Beziehung beider Figuren. Zum einen stellt die Mutter Courage in ihrer erwarteten Rolle als fürsorgliche Mutter und ihrer gelebten Rolle als habgierige Marketenderin einen unlösbaren Konflikt dar. Zum anderen ist ihre Tochter Kattrin durch ihre Stummheit und das Verhalten ihrer Mutter gefangen in einer Abhängigkeit zu ihr. Da Kattrin diese Abhängigkeit im Laufe des Stückes immer wieder durchbricht und sich immer weiter zu einem selbstständigen Subjekt erhebt, stellt sich die Frage, inwiefern das Verhalten der Mutter Courage das Leben ihrer Tochter Kattrin beeinflusst. Diese Frage soll im Folgenden analysiert werden.
Methodisch wird die Methode des close reading angewendet. Mithilfe dieser soll eine möglichst objektive und werkgerechte Analyse einzelner Sequenzen erarbeitet werden.
Thematisch werden zunächst beide Figuren separat vor dem Handlungsrahmen untersucht und charakterisiert. Anschließend werden vier ausgewählte Szenen hinsichtlich der Konsequenzen des Verhaltens der Mutter in Bezug auf ihre Tochter untersucht. Vor der Analyse der einzelnen Szenen werden diese Inhaltlich zusammengefasst und in den Kontext eingegliedert, damit vor der konkreten Analyse ein möglichst umfassendes Bild der Szenen selbst konstruiert werden kann. Abschließend folgt eine zusammenfassende Schlussüberlegung.
In der Analyse erfolgt eine thematische Eingrenzung auf die beiden genannten Figuren, da die Beziehung beider Figuren für diese Arbeit zentral ist und eine thematische Ausweitung im Rahmen dieser Arbeit nicht geleistet werden kann. Dabei darf nicht außer Acht gelassen werden, dass insoweit nur eine begrenzte Analyse vorgenommen werden kann, da mögliche andere Nebenfaktoren, welche das Verhalten der Figuren ebenfalls prägen, nur bedingt einbezogen werden.
Inhaltsverzeichnis
- 1. Einleitung
- 2. Charaktereigenschaften der Figuren
- 2.1 Mutter Courage
- 2.2 Kattrin
- 3. Zwischen mütterlicher Fürsorge und Habgier: Kattrins Weg aus der Abhängigkeit zur Selbstfindung
- 3.1 Szene 1: Die stumme, halbe Deutsche
- 3.2 Szene 5: Die selbstlose Kinderrettung
- 3.3 Szene 6: Entstellung durch Wunde im Gesicht
- 3.4 Szene 11: Der Märtyrertod
- 4. Schlussüberlegungen
- 5. Literaturverzeichnis
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht, inwiefern das Verhalten der Mutter Courage das Leben ihrer Tochter Kattrin beeinflusst. Dabei wird analysiert, wie Kattrin im Laufe des Stückes immer wieder ihre Abhängigkeit durchbricht und sich zu einem selbstständigen Subjekt entwickelt.
- Die widersprüchliche Doppelrolle der Mutter Courage als fürsorgliche Mutter und habgierige Marketenderin.
- Kattrins Stummheit und ihre durch das Verhalten der Mutter geprägte Abhängigkeit.
- Kattrins schrittweiser Weg zur Selbstfindung und die Überwindung ihrer vermeintlichen Schwächen.
- Die Auswirkungen des Dreißigjährigen Krieges auf die Lebensumstände und Entscheidungen der Figuren.
- Die detaillierte Analyse ausgewählter Szenen, um die Dynamik der Mutter-Tochter-Beziehung zu beleuchten.
Auszug aus dem Buch
2.2 KATTRIN
Die Mutter Courage wird als Figur erst durch ihre stumme Tochter Kattrin komplettiert, welche gleichzeitig die Gegenfigur zur Mutter darstellt. Kattrin stellt zwar im ersten Moment aufgrund ihrer Stummheit eine ungewöhnliche Figur dar, bei genauerer Analyse stellt sich aber heraus, dass sie – anders als ihre Mutter - die Charakteristika einer tradi- tionellen Mutter verkörpert. Auffällig an dieser Figur ist zweifelsohne, dass sie auf- grund ihrer Stummheit lediglich durch andere Figuren in ihren Handlungen und Verhal- tensweisen charakterisiert wird.
Kattrin ist ein Opfer des Krieges durch den sie ihre Stimme, ihre Brüder und die Hoffnung auf einen Mann und Kinder verloren hat. Durch ihre Stummheit wird sie von ihren Mitmenschen vermeintlich ihrer Menschlichkeit beraubt. Immer wieder wird sie von anderen durch die Zuschreibung tierischer Attribute abgewertet. So bezeichnet ihr Bruder sie als „armes Tier“, weil er nicht versteht, was sie ihm mitteilen möchte. Ebenso zeigt sich immer wieder in entscheidenden Situationen, dass Kattrin es aufgrund ihrer Stummheit nicht schafft, genügend Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Ihre sprachli- che Kommunikationsbarriere wird allerdings nicht durch ihre fehlende Artikulationsfä- higkeit konstruiert, sondern vielmehr durch ihr soziales Umfeld, welches unterschiedli- che Interessen und Erwartungen an Kattrin hat, die sie in dessen Augen nicht erfüllt. Es scheint, ihren Mitmenschen vor dem Handlungsrahmen des grausamen Krieges nicht möglich zu sein, die menschlichen Beweggründe von Kattrin zwischen all der eigenen Habgier und dem Eigennutz zu begreifen
Trotz dieser Einschränkung, schafft Kattrin es immer wieder durch ihren tief ver- wurzelten Drang nach Mutterschaft und Nächstenliebe diese zu durchbrechen. Ihr Mit- gefühl übersteigt das ihres familiäres Umfelds. Sie begibt sich sogar für die Rettung eines fremden Säuglings in Lebensgefahr. Zuletzt opfert sie sich für die Bewohner der Stadt Halle. Kattrin durchlebt trotz ihrer Stummheit eine positive Entwicklung. Desto mehr sie an den Kriegseinwirkungen zu leiden hat, desto stärker überkommen sie ihre fürsorgli- chen Eigenschaften, die ihr zuletzt jedoch den Tod bringen.
Obwohl Kattrin missverstanden und immer weiter vom Krieg gezeichnet wird, ist eine gegensätzliche Entwicklung zu ihrer Mutter zu erkennen. Während Mutter Courage aus dem Zwiespalt zwischen Fürsorge und Habgier nicht ausbrechen kann und am Ende des Stücks nichts dazugelernt hat, ist dies bei Kattrin anders. Obwohl ihre Mutter kein gutes Wort über Kattrin verliert und sie immer weiter in ihre Abhängigkeit drängt, schafft es Kattrin, sich als Figur immer weiter zu entwickeln. Sie beginnt, sich langsam den strikten Regularien der Mutter zu entziehen, als sie zum Beispiel die Schuhe und die Be- kleidung der Lagerhure Yvette anprobiert. Dies offenbart, dass sie sich das vermeintlich leichte Leben der Yvette selbst wünscht, was der Mutter wiederum missfällt. Sie be- ginnt sich ab der fünften Szene deutlich gegen die Mutter aufzulehnen, als sie diese mit einer Holzplanke bedroht, da die Mutter erneut von ihrer Habgier und ihrem Eigennutz ergriffen wird und für Verletzte keine Leinen zur Versorgung von Wunden herausrücken will. Kattrin widersetzt sich auch später erneut ihrer Mutter und rettet unter Einsatz ihres Lebens einen Säugling aus einem brennenden Haus. Als der Koch der Mutter die ge- meinsame Flucht ohne Kattrin anbietet, versucht sie zu fliehen. Ob sie dies tut, um der Mutter deren Entscheidung zu erleichtern ohne sie aufzubrechen, weil sie Angst vor ei- nem Verrat hat oder ob Kattrin mit der eigenen Flucht Hoffnung auf ein anderes Leben hat, bleibt unklar.
Deutlich zu erkennen ist, dass die Mutter Courage mit ihrer Doppelrolle aus fehlender mütterlicher Fürsorge und geschäftlicher Habgier das Leben der Kattrin maßgeblich prägt. Kattrin ist nicht nur ihre Tochter, sondern auch Geschäftspartnerin, die sich auf- grund ihrer Stummheit den durch die Mutter aufgetragenen Aufgaben nicht entziehen kann und dadurch von ihr abhängig ist. Immer wieder zeigt Kattrin jedoch auch selbst- ständige, unabhängige Verhaltensweisen, die speziell hervortreten, wenn es um mütterli- ches Verhalten geht. Wie sich das Verhalten der Mutter Courage zwischen fehlender Für- sorge und Habgier auf das Leben der Kattrin auswirkt, wird im Folgenden analysiert.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel führt in die Thematik ein, beleuchtet Kattrins Abhängigkeit von Mutter Courage und stellt die zentrale Forschungsfrage nach dem Einfluss des mütterlichen Verhaltens auf Kattrins Selbstfindung.
2.1 Mutter Courage: Hier wird die Figur der Mutter Courage analysiert, insbesondere ihr unlösbarer Konflikt zwischen ihrer Rolle als fürsorgliche Mutter und ihrer gelebten Rolle als habgierige Marketenderin, die ihren Geschäftssinn stets über das Wohlergehen ihrer Kinder stellt.
2.2 Kattrin: Dieses Kapitel stellt Kattrin als Gegenfigur zur Mutter Courage dar, die trotz ihrer Stummheit und Missverständnissen durch ihr soziales Umfeld eine Entwicklung von der Abhängigkeit zur Selbstständigkeit zeigt, motiviert durch ihren Drang nach Mutterschaft und Nächstenliebe.
3.1 Szene 1: Die stumme, halbe Deutsche: In dieser Szene wird dargelegt, wie Mutter Courage Kattrins Handlungen unterbindet und ihre Stummheit als Vorwand nutzt, um eigene geschäftliche Interessen zu verfolgen, was zur Konsequenz des Verlusts eines Sohnes führt.
3.2 Szene 5: Die selbstlose Kinderrettung: Diese Szene hebt Kattrins aktive Selbstlosigkeit hervor, als sie ein Kind aus einem brennenden Haus rettet, während Mutter Courage aus Habgier die Hilfe verweigert und dadurch ihre moralischen Grundsätze aufgibt.
3.3 Szene 6: Entstellung durch Wunde im Gesicht: Das Kapitel behandelt Kattrins Versuch, sich den mütterlichen Restriktionen zu entziehen, ihre Verletzung im Gesicht und wie Mutter Courage ihre Habgier über die Sorge um ihre Tochter stellt und ihr somit keinen echten Trost spenden kann.
3.4 Szene 11: Der Märtyrertod: Hier wird Kattrins tragisches Ende beschrieben, bei dem sie sich selbstlos opfert, indem sie trommelt, um eine Stadt zu warnen, und dadurch metaphorisch ihre Stimme findet und ihre wahre Identität als fürsorgliches Subjekt manifestiert.
4. Schlussüberlegungen: Dieses abschließende Kapitel fasst zusammen, wie Mutter Courages ungelöste Doppelrolle Kattrins Leben prägt und wie Kattrin, im Gegensatz zu ihrer Mutter, durch Selbstaufopferung und Überwindung ihrer Abhängigkeit zu einer eigenständigen Persönlichkeit heranreift.
Schlüsselwörter
Bertolt Brecht, Mutter Courage, Kattrin, Drama, Dreißigjähriger Krieg, Charakterentwicklung, Abhängigkeit, Selbstfindung, Fürsorge, Habgier, Mutterrolle, Opferbereitschaft, Stummheit, Literaturwissenschaft, Episches Theater
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Charakterentwicklung von Kattrin im Drama „Mutter Courage und ihre Kinder“ von Bertolt Brecht, insbesondere unter dem Einfluss des Verhaltens ihrer Mutter.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themenfelder sind die Mutter-Tochter-Beziehung, der Konflikt zwischen mütterlicher Fürsorge und geschäftlicher Habgier, Kattrins Weg zur Selbstfindung sowie die Auswirkungen des Krieges.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage lautet, inwiefern das Verhalten der Mutter Courage das Leben ihrer Tochter Kattrin beeinflusst und wie Kattrin im Laufe des Stückes ihre Abhängigkeit durchbricht und sich zu einem selbstständigen Subjekt entwickelt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit verwendet die Methode des „close reading“, um einzelne Szenen objektiv und werkgerecht zu analysieren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst die Charaktereigenschaften von Mutter Courage und Kattrin separat untersucht und anschließend vier ausgewählte Szenen analysiert, die die Konsequenzen des mütterlichen Verhaltens auf Kattrin beleuchten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Schlüsselwörter wie Bertolt Brecht, Mutter Courage, Kattrin, Drama, Charakterentwicklung, Abhängigkeit, Selbstfindung, Fürsorge, Habgier und Mutterrolle charakterisiert.
Wie überwindet Kattrin ihre Stummheit metaphorisch?
Kattrin überwindet ihre Stummheit metaphorisch durch ihre selbstlosen Taten, insbesondere durch das Trommeln in Szene 11, womit sie sich Gehör verschafft und ihre eigene Sprache findet.
Was ist der Kernkonflikt in der Figur der Mutter Courage?
Der Kernkonflikt der Mutter Courage liegt in ihrer Doppelrolle als fürsorgliche Mutter und habgierige Marketenderin, wobei ihr Geschäftssinn und Profitstreben ihre mütterlichen Instinkte und moralischen Grundsätze immer wieder überlagern.
Welche Bedeutung hat Kattrins Märtyrertod für ihre Entwicklung?
Kattrins Märtyrertod im Dienst der Nächstenliebe stellt den Höhepunkt ihrer Entwicklung dar. Er symbolisiert ihre vollständige Selbstfindung und Autonomie, da sie bewusst und eigenmächtig handelt und ihre ihr zugeschriebenen Schwächen überwindet.
Inwiefern unterscheidet sich Kattrins Entwicklung von der ihrer Mutter?
Im Gegensatz zu ihrer Mutter, die aus ihren Verlusten und Handlungen nichts lernt und bis zum Schluss von Habgier geleitet wird, durchläuft Kattrin eine positive Entwicklung, befreit sich von der Abhängigkeit und findet in der Selbstaufopferung ihre wahre Identität.
- Citation du texte
- Anonym (Auteur), 2020, Die Entwicklung Kattrins unter dem Einfluss der Mutter Courage, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1565086