Niklas Luhmann (1927 – 1998) galt schon zu seinen Lebzeiten als einer der größten Soziologen des 20.Jahrhunderts, da seine Erkenntnisse im Bereich der Untersuchung der Gesellschaft als ein vielschichtiges System von Kommunikation viele Generationen von Wissenschaftlern geprägt haben und er sich damit als einer der bedeutendsten Sozialtheorethiker der jüngeren Geschichte etablieren konnte.
Im Rahmen dieses Protokolls wird daher versucht, anhand des Einführungstextes von Wolfgang Schneider eine Einführung in die Systemtheorie Luhmanns zu geben und zugleich den inhaltlichen Diskussionsverlauf in seinen Grundzügen und thematischen Schwerpunkten zu skizzieren.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Reduktion von Komplexität
3. Gebrauch von Sinn als Medium zur Komplexitätsreduktion und zwei Systemarten
4. Doppelte Kontingenz & Erwartungserwartungen
5. Institutionalisierung von Erwartungen
6. Schluss
Zielsetzung & Themen
Das Ziel dieser Arbeit ist es, anhand des Einführungstextes von Wolfgang Schneider eine verständliche Einführung in die Systemtheorie von Niklas Luhmann zu geben und die zentralen Konzepte für ein soziologisches Verständnis der Gesellschaft zu skizzieren.
- Die Notwendigkeit der Komplexitätsreduktion in sozialen Systemen
- Die Rolle von Sinn als Medium der Systembildung
- Das Problem der doppelten Kontingenz in Interaktionen
- Die Funktion von Erwartungserwartungen zur Verhaltensstabilisierung
- Die Institutionalisierung von Erwartungen durch Dritte
Auszug aus dem Buch
4. Die elementare Situation doppelter Kontingenz & Erwartungserwartungen
Ein sehr wichtiger Begriff, der in den Arbeiten von Niklas Luhmann oder auch seinem Lehrer und Mentor Talcott Parsons (1902 – 1979) auftaucht, ist der der doppelten Kontingenz. Dahinter verbirgt sich die Situation, „dass jedes psychisches System eine Auswahl aus unterschiedlichen Verhaltensmöglichkeiten trifft, die auch anders hätte ausfallen können und seine eigene kontingente (zufällige, auch anders mögliche) Auswahl von der kontingenten Auswahl des anderen abhängig macht“ (vgl. Schneider 2005: 257). Das bedeutet anhand eines gewählten Beispiels im Grunde folgendes: Alter und Ego wissen beide nichts voneinander, wenn sich beide in der Situation zweier Fahrradfahrer wiedertreffen, deren Weg sich vielleicht in einem Sonnenblumenfeld kreuzt.
Beide stehen vor einem Meer an Möglichkeiten und Alter muss eine Auswahl aus den zahlreichen verfügbaren Möglichkeiten treffen. Dabei ist ihm aber durchaus bewusst, dass Ego die gleiche Wahlchance besitzt. Das Problem was nun auftritt, ist die Frage, ob beide Wahlen, von Alter und Ego, aufeinander passen oder miteinander harmonieren. Jede Auswahl ist am Ende beliebig und damit kontingent, sie unterliegt keinem externen Einfluss. Da Alter und Ego letztendlich beliebig auswählen, spricht man in dieser Situation von doppelter Kontingenz.
Um aber auf das Beispiel von den Radfahrern zurückzukommen. Beide sitzen auf ihren Rädern und fahren aufeinander zu. Jeder muss davon ausgehen, dass sich der andere (Alter oder Ego) in jeder erdenklichen Art und Weise verhalten kann. Alter kann Ego in das Rad fahren und damit einen Unfall herbeiführen oder Ego zwingt Alter zum Anhalten und raubt ihn aus. Genauso können beide auch nur aneinander vorbeifahren und sich freundlich grüßen. Diese Unsicherheit in der Frage: „Was wird passieren bzw. was wird mein Gegenüber tun?“ spiegelt sich in einer großen Spannung wieder, die sich nur dadurch auflöst, wenn Alter z.B. absteigt und aus seinem Rucksack ein belegtes Brot zum Verzehr nimmt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel führt in das Thema ein, stellt Niklas Luhmann als bedeutenden Sozialtheoretiker vor und erläutert die methodische Herangehensweise des Protokolls basierend auf Wolfgang Schneider.
2. Reduktion von Komplexität: Es wird erklärt, wie das Individuum in einer Welt unendlicher Möglichkeiten durch Selektion Komplexität reduziert, um handlungsfähig zu bleiben.
3. Gebrauch von Sinn als Medium zur Komplexitätsreduktion und zwei Systemarten: Hier wird die Rolle des Sinns als zentrales Medium für soziale und psychische Systeme zur Steuerung von Erlebnissen und Handlungen analysiert.
4. Doppelte Kontingenz & Erwartungserwartungen: Dieses Kapitel behandelt das grundlegende Problem wechselseitiger Unsicherheit in Interaktionen und die Lösung durch Erwartungsstrukturen.
5. Institutionalisierung von Erwartungen: Der Fokus liegt darauf, wie externe Akteure (Dritte) durch ihre Erwartungen die Stabilität in sozialen Systemen beeinflussen.
6. Schluss: Abschließend wird Luhmanns Bedeutung für die Soziologie gewürdigt, bei gleichzeitiger kritischer Einordnung des hohen Abstraktionsniveaus seines Werkes.
Schlüsselwörter
Systemtheorie, Niklas Luhmann, Soziologie, Komplexitätsreduktion, Sinn, soziale Systeme, psychische Systeme, doppelte Kontingenz, Erwartungserwartungen, Institutionalisierung, Kommunikation, Sozialtheorie, Selektion, Handeln, Erleben.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit bietet eine Einführung in die soziologische Systemtheorie nach Niklas Luhmann, basierend auf einer Analyse des Textes von Wolfgang Schneider.
Was sind die zentralen Themenfelder der Systemtheorie nach Luhmann?
Zentrale Themen sind die Reduktion von Komplexität, die Funktion von Sinn, die Struktur sozialer und psychischer Systeme sowie die Lösung des Problems doppelter Kontingenz.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, Luhmanns komplexe theoretische Ansätze verständlich aufzubereiten und den Prozess der Kommunikation als notwendige Bedingung für gesellschaftliche Stabilität darzustellen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literatur- und Textanalyse, die den Einführungstext von Wolfgang Schneider zur Systemtheorie systematisch auswertet und auf eine Seminarsitzung bezieht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden die Begriffe Komplexitätsreduktion, Sinn, doppelte Kontingenz, Erwartungserwartungen und die Institutionalisierung von Erwartungen detailliert erläutert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Systemtheorie, Luhmann, Komplexitätsreduktion, doppelte Kontingenz und Erwartungserwartungen sind die prägenden Begriffe.
Was unterscheidet psychische von sozialen Systemen in der Theorie?
Beide Systeme sind sinnverarbeitend, jedoch operiert das psychische System mit dem Bewusstsein des Individuums, während soziale Systeme durch Kommunikation gebildet werden.
Warum spielt das "Fahrradfahrer-Beispiel" eine zentrale Rolle?
Es dient als anschauliches Modell, um die "doppelte Kontingenz" zu verdeutlichen, bei der zwei Akteure aufgrund ihrer gegenseitigen Erwartungsunsicherheit vor einer Wahlentscheidung stehen.
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- Roman Behrens (Autor), 2009, Niklas Luhmann und die Systemtheorie, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/156582