Die zentralasiatischen Sowjetrepubliken und die sowjetische Außenpolitik in der Dritten Welt während der Entstalinisierung

Vom "eigenen" zum "ausländischen" Orient


Magisterarbeit, 2009

95 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Nation und Vielvölkerreich in der Sowjetunion

3. Der Dekolonisationsprozess und die sowjetische Außenpolitik

4. Zwischen “sowjetischem” und “ausländischem” Orient: Die zentralasiatischen Sowjetrepubliken als Vorbild für die Dritte Welt

5. Schluss

6. Bibliographie

1.Einleitung

Im Jahr 1957 kamen ungefähr 35000 Jugendliche aus aller Welt nach Moskau, um die Weltjugendfestspiele zu feiern. Nach Jahren extremer Isolation versuchte die Sowjetunion sich als ein offenes, gastfreundliches und multinationales Land zu präsentieren. Michel Ayih aus Ghana, der wenig später in Moskau studieren, sich aber sehr kritisch über seine Erfahrungen äußern würde, erinnert sich mit großer Begeisterung an die Weltjugendfestspiele:

“Mich überwältigte vor allem die Art, wie man uns Afrikaner behandelte. Überall nahm das schwarze Afrika einen Ehrenplatz ein...Das Wort Afrika auf unseren grellroten Transparenten steigerte unser Selbstbewußtsein. Hier war nichts von Rassendiskriminierung zu spüren. Im Gegenteil: unsere Volkstrachten, die wir voller Stolz trugen, machten uns zu besonders respektierten und offenbar geschätzten Gästen dieses Landes...Manchmal kam es vor, daß wir eine der vielen Veranstaltungen nur verspätet erreichten, aber jedesmal, wie von einer unsichtbaren Macht befohlen, erhoben sich alle Anwesenden spontan von ihren Sitzen. Sie unterbrachen ihre Feier, um uns – den Söhnen des schwarzen Afrika – minutenlang Beifall zu spenden.”[1]

Das ganze Festival war national organisiert: jedes Volk führte seine nationalen Tänze auf, sang Nationallieder in verschiedenen Nationalsprachen, spazierte in nationalen Trachten durch Moskau – und zusammen feierte man die Völkerfreundschaft und sang den großen Hit des Festivals “podmoskovnye večera”. Was für die ausländischen Gäste galt, traf auch auf die Sowjetunion zu: die 2400 sowjetischen Künstler waren aus allen Republiken der Sowjetunion angereist und präsentierten ihre Nationalkulturen.[2] Bei einem “Freundschaftswalzer” tanzten fünfzehn Paare in den jeweiligen Kostümen ihrer Republiken; es folgten Auftritte der Vertreter jeder einzelnen Republik und die Pravda ließ es sich nicht nehmen, die Völker der Sowjetunion, gekennzeichnet durch einige Elemente ihres „Nationalcharakters“, den Lesern vor Augen zu stellen: da gab es die “temperamentvollen Georgier”, die Moldawier, “deren Tänze das Blut zum Kochen bringen”, die “vor der Revolution so rückständigen” Tadžiken mit ihrem “nationalen Tanz”, der “Sjuzan”, nicht zu vergessen die Turkmenen mit ihrem unvergesslichen “Tanz der Teppichknüpfer”.[3]

Die Botschaft dieses Auftrittes war klar: Die uzbekischen, georgischen oder azerbajdžanischen Teilnehmer sollten ihre neuen Freunde aus Indonesien oder Ägypten davon überzeugen, wie gut es der Sowjetunion gelungen war, die geknechteten Völker des russländischen Imperium in moderne Nationalstaaten zu verwandeln. Die rhetorischen Formeln von der “Brüderlichkeit” und “Freundschaft” zwischen den Nationen wurden mehr oder weniger unterschiedslos sowohl innerhalb der Sowjetunion als auch für ihre neuen Verbündeten im Ausland verwendet. Der “sozialistische Internationalismus”, der die Völker der Sowjetunion zusammenhielt, so die Botschaft des Festivals, sollte der Kern einer neuen, postkolonialen Weltordnung sein.

Diese Botschaft war eng mit dem sowjetischen Selbstverständnis verknüpft. Die Oktoberrevolution und die Gründung der Sowjetunion hatten schließlich aus sowjetischer Sicht nicht nur die Völker des früheren Imperiums befreit, sondern sie waren eine weltgeschichtliche Epochenwende gewesen, denn mit ihnen hatte der globale “Zerfall des Kolonialsystems” (razpad kolonial'noj sistemy) begonnen, wie sowjetische Autoren immer wieder hervorhoben. Mit der Sowjetunion sei die erste nicht-imperiale Gesellschaft entstanden, also die erste Gesellschaftsordnung, welche die Beziehungen zwischen den Völkern auf der Basis von Gleichberechtigung organisiere. Im Gegensatz zu den europäischen Imperien, die ihre Subjekte gewaltsam unterdrückten, sie in ökonomischer Abhängigkeit hielten und ihre Kulturen zu zerstören versuchten, sei die Sowjetunion ein multinationaler Staat, der die ökonomische und kulturelle Entwicklung aller seiner Völker gleichermaßen fördere.[4] Die Beschwörungen der “Völkerfreundschaft“, des “unzerbrechlichen Zusammenschlusses” der Sowjetrepubliken und des “sozialistischen Internationalismus” begleiteten die Sowjetunion deswegen bis in ihre letzten Tage.

Während des Kalten Krieges war die Tatsache, dass die Sowjetunion ein Vielvölkerreich[5] war, eher ein Randthema der Forschung gewesen; aber unter dem Eindruck des Zerfalls der Sowjet­union in eigenständige Nationalstaaten wurden die Nationalitätenbeziehungen zu einem wichtigten Bereich der historischen Forschung zur Sowjetunion.[6] Die politische Dynamik zwischen Zentrum und Peripherie und ihr Einfluss auf die Staatsstruktur der Sowjetunion wurde besser verständlich. Das Material aus den neu geöffneten Archiven ermöglichte zum Beispiel umfangreiche Forschungen zum Stalinismus in den nicht-russischen Republiken.[7] Vom Mythos der friedlichen sowjetischen Völkerfamilie blieb erwartungsgemäß nicht sehr viel übrig, wie das Aufbrechen von ethnischen Konflikten vor allem im Kaukasus in den 1990er Jahren auch unmittelbar verdeutlichte.

Überraschender war jedoch die Einsicht, dass die Bolschewiki keineswegs nur auf die Schaffung einer supranationalen sozialistischen Kultur aus waren und alle nationalen Unterschiede unterdrücken wollten, wie noch zu Zeiten des Kalten Krieges von vielen behauptet[8], sondern dass sie die Parolen vom “Aufbau von nationalen Republiken” durchaus ernst meinten. So hat zum Beispiel Yuri Slezkine in einem bekannten Aufsatz hervorgehoben, wie sehr sich die Bolschewiki um die Förderung unterschiedlicher Nationalsprachen bemühten – sogar um den Preis, dass sich die “Diktatur des Proletariats” in einen “Turm von Babel” verwandelte.[9] Andere Arbeiten heben ebenfalls hervor, mit welcher Energie die Bolschewiki in den 1920er und 1930er Jahren an der Peripherie des früheren russländischen Imperiums den Aufbau von Nationalstaaten mit einer eigenen national-sowjetischen Kultur betrieben.[10] “National” und “sowjetisch” waren über weite Etappen der sowjetischen Geschichte mitnichten Gegensätze, auch wenn ihr genaues Verhältnis immer ein umstrittenes Thema war. Die Zugehörigkeit zu einer der sowjetischen Nationalitäten (“nacional'nost'”), und nicht die Klassenzugehörigkeit, wurde zum wichtigsten sozialen Identifikationsmerkmal und stand in jedem sowjetischen Pass. Ironischerweise hat selbst der heute in vielen ehemaligen Sowjetrepubliken dominierende, in seinem Geschichtsbild normalerweise anti-sowjetische Nationalismus seine Wurzeln oft in der sowjetischen Politik.[11]

In der Schilderung der Weltjugendfestspiele ist schon deutlich geworden, dass der “sozialistische Internationalismus” in der Sowjetunion immer zwei Seiten hatte: einerseits war er die Grundlage für die Staatsstruktur der Sowjetunion und die Beziehungen zwischen den verschiedenen sowjetischen Republiken. Andererseits war von “sozialistischem Internationalismus” die Rede, wenn es um die außenpolitischen Beziehungen der Sowjetunion zu anderen sozialistischen Staaten oder Bewegungen ging, darunter auch in den europäischen Kolonien und in der Dritten Welt. Innerhalb und außerhalb der Sowjetunion sollte der Internationalismus, wie es in einer offiziellen Definition hieß, “die Einheit der im Inhalt klassenförmigen, in der Form nationalen gesellschaftlichen Entwicklung sicherstellen”.[12] Die klassische Stalin'sche Trennung von „nationaler Form“ und „sozialistischem Inhalt“ sollte die Einheit des revolutionären Programms der Arbeiterklasse trotz ihrer realen Aufsplitterung in verschiedene Nationen garantieren.

Innen- und außenpolitische Aspekte dieses „Internationalismus” waren durch die ganze sowjetische Geschichte eng miteinander verbunden. So waren es nicht-russische Nationalisten, etwa die muslimischen Nationalkommunisten wie Nariman Narimanov oder Sultan Galiev, die in den frühen 20er Jahren das Selbstbild der Sowjetunion als antikolonialer Macht mit Leben füllten. Sie trugen nicht nur maßgeblich dazu bei, die Revolution im ganzen Territorium des russländischen Imperiums durchzusetzen, sondern sie sahen sich gleichzeitig als Avantgarde der Revolution in den europäischen Kolonien.[13] Ohne diese Nationalkommunisten aus den asiatischen Teilen der Sowjetunion wäre die “Revolution in Asien” in der sowjetischen Politik vermutlich nie ein Thema geworden.[14]

Während diese Zusammenhänge für die Geschichte der frühen Sowjetunion schon relativ bekannt sind, hat die bisherige Forschung für die Zeit des Kalten Krieges, als das globale politische Engagement der Sowjetunion seinen Höhepunkt erreichte, wenig deutlich gemacht, wie beide Seiten des sowjetischen Antiimperialismus zusammenhingen. So hat zwar der Kalte Krieg eine ganze Flut von Veröffentlichungen über die Beziehungen der Sowjetunion zur Dritten Welt hinterlassen. Jedoch beschränken diese sich zu erheblichen Teilen darauf, die Außenpolitik der Sowjetunion aus diplomatie- oder ideologiegeschichtlicher Perspektive zu untersuchen, wobei in vielen Arbeiten das Verhältnis von Ideologie und praktischer Politik im Mittelpunkt steht.[15] Nach 1991 sind die sowjetischen Beziehungen zur Dritten Welt insgesamt nur wenig erforscht worden – ein deutliches Zeichen dafür, wie sehr das Interesse an dem Thema mit dem Kalten Krieg verbunden war.[16]

Das wesentliche Ziel dieser Arbeit ist es, die Geschichte der sowjetischen Beziehungen zur Dritten Welt stärker in eine allgemeine Geschichte der Sowjetunion nach 1953 einzubinden. Es soll besser verständlich werden, wie sich die Sowjetunion gegenüber den Staaten der Dritten Welt präsentiert hat, und wie dies mit dem sowjetischen Selbstverständnis zusammenhing. Im Speziellen geht es um die Frage, wie der sowjetische Anspruch, das russländische Imperium in einen gleichberechtigten Verbund nationaler Republiken verwandelt zu haben, die sowjetische Außenpolitik in der Dritten Welt beeinflusst hat.

Damit will ich einem in der Geschichte des Kalten Krieges erstaunlich selten angesprochenen Widerspruch auf die Spur kommen: Warum unterstützte ausgerechnet die Sowjetunion, die selbst kein Nationalstaat, sondern ein Vielvölkerreich war, mehr als jeder andere Staat im 20. Jahrhundert die Idee der “nationalen Befreiung” in den europäischen Kolonien und inspirierte Politiker in vielen Ländern der Dritten Welt? Warum lieferte die Sowjetunion mehr als jeder andere Staat, wie Steven Marks es anschaulich formuliert hat, “das Vokabular und die Grammatik” politischer Herrschaft in der Dritten Welt[17], obwohl sie sich, in deutlichem Gegensatz zu den meisten neuen Staaten in der Dritten Welt, gar nicht als Nationalstaat verstand? Meine These ist, dass sich diese Frage nur aus der komplexen Beziehung zwischen Nation und Vielvölkerreich innerhalb der Sowjet­union selbst verstehen lässt. Ich werde deswegen in der Arbeit versuchen, diese “Innenseite” sowjetischer Außenpolitik (oder die “Außenseite” sowjetischer Innenpolitik) näher zu untersuchen.

Ich werde die Fragestellung auf einen relativ kurzen historischer Zeitraum konzentrieren, nämlich auf die Chruščëv-Zeit, und besonders auf die zweite Hälfte der 1950er Jahre. In diesem Zeitraum fallen einige der hier wesentlichen Veränderungen zusammen: Stalins Tod, Chruščëvs Verzicht auf weitere Terrorkampagnen und die Entstalinisierung führten zu Veränderungen im Verhältnis zwischen den Republiken und dem Gesamtstaat. In der relativen Offenheit und Ungewissheit der politischen Situation nach Stalins Tod forderten zunächst viele Vertreter der Republiken, die im Spätstalinismus unter Kampagnen gegen “Nationalismus” zu leiden hatten, eine Rückkehr zur Indigenisierungspolitik der 20er Jahre. Chruščëv selbst trieb auf dem 20. Parteitag eine Politik der “Erweiterung der Rechte der Republiken” voran.

Zur gleichen Zeit war das Verhältnis zwischen Sozialismus und Nation aber auch in der sowjetischen Außenpolitik ein großes Thema. “Nationale Befreiung” in den europäischen Kolonien war das Schlagwort. Die Suez-Krise, der Algerien-Krieg und die beginnende Dekolonisation in Afrika bildeten wesentliche Meilensteine in der Geschichte des Zerfalls der europäischen Kolonialimperien und mit der Konferenz von Bandung 1955 formierte sich der Vorläufer der Blockfreien-Bewegung, in der viele der neuen Nationalstaaten der “Dritten Welt” organisiert waren. Gerade in den Jahren von 1955 bis 1960 öffnete sich die Sowjetunion für die zahlreichen neuen Regierungen in der Dritten Welt, unterstützte deren Politik und wurde zu einem Förderer vieler neuer Nationalstaaten. In diesen Jahren entstanden zahlreiche wichtige Institutionen der sowjetischen Dritte-Welt-Politik, so etwa im Jahr 1960 die “Universität für Völkerfreundschaft” in Moskau. Die “Lösung der nationalen Frage”, die aus sowjetischer Sicht in der Sowjetunion selbst gelungen war, schien auch in globaler Hinsicht in greifbare Nähe zu rücken. Zu meinen Thesen gehört, dass die Entstalinisierung insofern sowohl in der Nationalitäten- als auch in der Außenpolitik eine neue Verbindung von Nation und Sozialismus ermöglichte, auf die letztlich sowohl die relative Stabilität der Sowjetunion in den Jahrzehnten nach 1960 als auch ihr zunehmender Einfluss in der Dritten Welt zurückgeht.

In geographischer Hinsicht geht es um die zentralasiatischen Republiken der Sowjetunion, zu denen ich auch Kasachstan rechne. Diese spielten deswegen in den sowjetischen Beziehungen zur Dritten Welt eine besondere Rolle, weil hier der sowjetische Anspruch, die Kolonien des russländischen Imperiums in eigenständige Nationen verwandelt zu haben, am deutlichsten sichtbar war. Unter den Republiken wird am meisten von Uzbekistan die Rede sei, da die Republik eine Art Vorbildfunktion hatte.

Im Titel der Arbeit ist von der “islamischen Welt” die Rede, was auf eine frühere Version der Fragestellung zurückgeht; ich werde im Folgenden wesentlich häufiger von der “Dritten Welt” sprechen, wobei die Staaten im Vordergrund stehen, zu denen die Sowjetunion in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre die intensivsten Beziehungen unterhielt. So war der ganz Nahe Osten, vor allem aber Ägypten unter Nasser, in den 1950er Jahren ein Zentrum sowjetischer Politik, was zum Beispiel an der Höhe der für Wirtschaftshilfe verwendeten Mittel zu erkennen ist. Außerhalb des Nahen Ostens gehörten Indonesien, Indien und Afghanistan zu den ersten neuen Verbündeten der Sowjetunion; gleichzeitig spielten sie alle, mit Ausnahme Afghanistans, eine maßgebliche Rolle in der afro-asiatischen Solidaritätsbewegung. Auch wenn der Begriff der “Dritten Welt” zahlreiche Unterschiede zwischen den postkolonialen Nationalstaaten verdeckt, so war er doch Teil der zeitgenössischen Wahrnehmung, was hier seine Verwendung rechtfertigt.

Die Arbeit besteht aus drei größeren Kapiteln. Das erste Kapitel behandelt die Entwicklung der Nationalitätenpolitik in der Sowjetunion. In einem ersten Teil werde ich relativ knapp auf die Grundlagen der Nationalitätenpolitik eingehen, wie sie sich von der Oktoberrevolution bis in die 30er Jahre herausbildeten; es soll vor allem klar werden, auf welche Weise in der Sowjetunion der Aufbau von Nationalstaaten an der Peripherie des russländischen Imperiums mit einer internationalen Revolutionsbewegung verbunden war. Im zweiten und dritten Teil steht die Frage im Zentrum, wie sich Nationalisierung und gesamtstaatliche Homogenisierung im sowjetischen „empire of nations“[18] in der kritischen Periode des Tauwetters entwickelten.

Das zweite Kapitel beschäftigt sich dann vor allem mit der Entwicklung der sowjetischen Beziehungen zur Dritten Welt in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre. Zunächst gehe ich kurz auf die Ursachen des in den 1950er und 1960er Jahren ablaufenden Dekolonisationsprozesses ein, der den Hintergrund des sowjetischen Engagements in der Dritten Welt bildete. Dann werde ich darstellen, wie die sowjetische Außenpolitik in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre versuchte, Verbündete unter den neuen Nationalstaaten der Dritten Welt zu gewinnen, welche gemeinsamen Interessen es gab und welche Konflikte und Missverständnisse auftraten.

Im dritten Kapitel schließlich soll es um die Frage gehen, welchen Einfluss nationalitätenpolitische Konzeptionen, Erfahrungen und Akteure auf die sowjetischen Außenbeziehungen zur Dritten Welt gehabt hat. So behandelt der erste Teil des Kapitels vor allem die Konzeption des „Orients“, die in der sowjetischen Wahrnehmung die zentralasiatischen Republiken mit den neuen Nationalstaaten der Dritten Welt verband. Die restlichen Teile des Kapitels gehen dann konkreter auf Begegnungen und den Austausch zwischen Vertretern der zentralasiatischen Sowjetrepubliken und der Dritten Welt ein. Eine genauere Inhaltsangabe findet sich am Beginn jedes Kapitels.

Die Arbeit versucht die bestehende Forschungsliteratur auf neue Weise zu verknüpfen und beruht außerdem auf verschiedenen Quellenbeständen, darunter Dokumenten aus zwei Archiven. Im RGANI (Rossijskij gosudarstvennyj archiv novejšej istorii), dem Parteiarchiv für die Zeit nach 1953, waren die Bestände von zwei Abteilungen des ZK-Apparates besonders aufschlussreich, nämlich der Abteilung für die einzelnen Sowjetrepubliken (Otdel' po sojuznym respublikam) und die Abteilung für Agitation und Propaganda in den einzelnen Sowjetrepubliken (Otdel' propagandy i agitacii po sojuznym respublikam). Daneben habe ich einige andere Bestände, etwa der Ideologiekommission des ZK, angeschaut. Leider nicht zugänglich waren Quellen aus dem Bestand des Politbüros/Präsidiums oder der internationalen Abteilung des ZK; eine Edition, in der Stenogramme von Politbürositzungen veröffentlicht sind, bot allerdings zumindest an einigen Stellen Ersatz.[19] Im Staatsarchiv GARF (Gosudarstvenyj archiv Rossijskoj Federacii) standen die Akten des Rates für Religionsangelegenheiten (Sovet po delam religii) im Mittelpunkt, wo es zahlreiche Dokumente zu den außenpolitischen Aktivitäten der offiziellen Vertretung der sowjetischen Muslime gibt. Daneben fand sich in den Beständen einiger Kommissionen des Obersten Sowjets brauchbares Material, etwa aus der unter Chruščëv gegründeten Kommission für Wirtschaftsfragen (Ekonomičeskaja komissija soveta nacional'nostej).

Zu erheblichen Teilen beruht die Arbeit aber auf veröffentlichten Materialien. Dazu zählen die Autobiographien beteiligter Politiker, darunter von Chruščëv, und, für diese Arbeit besonders wichtig, seines uzbekischen Vertrauten Nuritdin Muchitdinov. Ein weiterer Bestandteil war die orientwissenschaftliche Literatur der 1950er und frühen 1960er Jahre, unter die sowohl sowjetische Studien zur Geschichte Zentralasiens fallen als auch Forschungen zu Ländern der Dritten Welt. Aufgrund des enormen Umfangs dieses Materials ging es hier vor allem um einzelne Stichproben, zumal es in der Sekundärliteratur einige Aufsätze gibt, die die wesentlichen Entwicklungen der Forschung zusammenfassen. Daneben spielte die Pravda-Ausgabe für Zentralasien (Pravda vostoka) eine Rolle.

Schließlich eine kurze Anmerkung zur Transliteration: diese folgt für Eigennamen, Zitate, und die meisten russischsprachigen Bezeichnungen der wissenschaftlichen Standard-Transliteration; Ausnahmen habe ich nur bei sehr geläufigen Begriffen gemacht (deswegen „Bolschewiki“ und nicht „Bol'ševiki“). Bei Namen und Bezeichnungen aus dem Bereich der zentralasiatischen und anderer Sprachen (z. B. aus dem Arabischen) habe ich mich bemüht, die übliche Transliteration zu verwenden, sofern sich Begriffe überhaupt außerhalb der russischsprachigen Texte identifizieren ließen.

2. Nation und Vielvölkerreich in der Sowjetunion

Thema dieses Kapitels ist die besondere sowjetische Verbindung von Nationalstaatsbildung und Vielvölkerreich und ihre Entwicklung von den 1920er Jahren über den Stalinismus zu Chruščëvs „Tauwetter“. Zunächst werde ich relativ knapp die wichtigsten Entwicklungen der sowjetischen Nationalitätenpolitik von der Oktoberrevolution bis zu den späten 1930er Jahren behandeln. Es wird deutlich werden, inwiefern die Sowjetunion von Anfang an ein “gegen den Verdacht des Imperialismus”[20] gegründeter Staat war, der sich als Alternativmodell zum russländischen Imperium und zu den westeuropäischen Kolonialimperien verstand (1). Der zweite Teil geht ausführlicher auf die Entwicklung nach Stalins Tod ein, als eine Verlagerung politischer Macht an die Republiken mit einer bewussten Dezentralisierung des Staatsapparates zusammenfiel (2). Schließlich komme ich auf die Rezentralisierung und die neuen Integrationsmechanismen zu sprechen, mit denen Chruščëv zur Stabilität des sowjetischen Vielvölkerreiches bis zur Mitte der 1980er Jahre beitrug (3).

2.1.Ein “Imperium der Nationen”?

Im internationalen Vergleich war die Gründung der Sowjetunion nur einer von mehreren Versuchen, die in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg unternommen wurden, die politische Ordnung von Vielvölkerreichen grundlegend zu ändern.[22] Einerseits traten Nationalstaaten an die Stelle von Vielvölkerreichen: so etwa im Fall des Habsburgerreiches in Ostmitteleuropa oder der neuen türkischen Republik, die aus Teilen des Osmanischen Reiches entstand. Andererseits gab es in den europäischen Kolonialimperien Versuche, imperiale Ordnungen auf einer neuen Grundlage fortzuführen, am deutlichsten vielleicht im Mandatssystem, durch das die osmanischen Gebiete im Nahen Osten auf ihre spätere staatliche Unabhängigkeit vorbereitet werden sollten. Die Besonderheit des sowjetischen “Imperiums der Nationen” bestand darin, dass es beide Tendenzen vereinigte und Elemente einer nationalstaatlichen Ordnung mit den Herrschaftsstrukturen eines Vielvölkerreichs verband.[21]

Dass die Bolschewiki sich die Forderung nach “nationaler Selbstbestimmung” für die nicht-russischen Völker des russländischen Imperiums zu eigen machten, war keineswegs eine Selbstverständlichkeit. In den Jahren vor der Oktoberrevolution hatte es unter den Bolschewiki eine intensive Debatte über das Verhältnis zwischen Sozialismus und Nationalstaat gegeben. Auf der einen Seite standen internationalistische Positionen, die jede Form von Nationalismus als Produkt kapitalistischer Produktionsverhältnisse ablehnten und eine sozialistische Gesellschaft als Gesellschaft ohne Nationalstaaten entwarfen. Dagegen wandten sich unter anderem Lenin und viele der nicht-russischen Bolschewiki, wie etwa Stalin, die die Ansicht vertraten, dass man den nicht-russischen Nationalisten Zugeständnisse machen müsse, schon um mit der Kontinuität zaristischer Politik zu brechen.[23]

Die “Nationalitätenpolitik” – ein Begriff der rückblickend wesentlich mehr politische Kohärenz suggeriert als wirklich vorhanden war – lässt sich als Kompromiss zwischen beiden Positionen verstehen. Aus dem russländischen Imperium sollte eine Union von formell selbständigen, gleichberechtigten, sozialistischen Republiken werden, wobei die Bezeichnung “Sowjetunion” die Abkehr von der russländischen imperialen Tradition zum Ausdruck bringen sollte. Ein fein abgestuftes System von territorial organisierten Autonomierechten sollte der oft komplexen Minderheitensituation gerecht werden. Gleichzeitig sollten aber zentralisierte Institutionen, allen voran die kommunistische Partei und Teile des Staatsapparates, vor allem eine zentralisierte Planwirtschaft, den Staat zusammenhalten. Diese sollten ein revolutionäres Programm verwirklichen, das seine Ursprünge in den europäischen Traditionen der Aufklärung und des Marxismus hatte. Die Gründung nationaler Republiken auf dem Gebiet des früheren Zarenreiches war also nicht das Ziel, sondern lediglich eine Strategie, um das weitergehende politische Programm der Bolschewiki zu verwirklichen.[24]

In ihrer Implementierung war die Aufteilung des russländischen Imperiums in verschiedene nationale Republiken jedoch mehr als nur eine Frage formaler politischer Organisation oder möglichst effektiver Machtausübung. Lenin und viele andere Bolschewiki kamen aus der Ideenwelt des späten 19. Jahrhunderts, und bei aller Neigung zu internationalistischen Ideen hielten sie den Nationalstaat für ein notwendiges Stadium der gesellschaftlichen Entwicklung.[25] Sie glaubten an die Existenz verschiedener Völker, die sie als territorial, kulturell und sprachlich unterschiedene Ethnien verstanden. Bei der Grenzziehung der Republiken orientierten sie sich an Konzepten von Ethnographen im russländischen Imperium und in Westeuropa; daneben war die wirtschaftliche Integration des Gesamtstaates ein wichtiger Gesichtspunkt.[26] Lenin, Stalin und ihre Mitstreiter setzten alles daran, die Institutionen und die Kultur des Nationalstaats selbst dort einzuführen, wo es sie bisher nur in Ansätzen gegeben hatte. In einem nationalstaatlichen Rahmen sollten die nicht-russischen Völker des russländischen Imperiums, die nach Auffassung der Bolschewiki aufgrund ihrer Ausbeutung durch die Russen in ihrer gesellschaftlichen Entwicklung “rückständig” waren, im neuen sowjetischen Staat durch ein gezieltes Programm der ökonomischen und kulturellen Modernisierung auf den Stand der Russen gebracht werden.[27]

Das Ziel, irgendwann eine kommunistische Gesellschaft ohne nationale Grenzen zu schaffen, verloren die Bolschewiki zwar nie völlig aus den Augen und “Nationalismus” war in der Sowjet­union immer ein Schimpfwort. Aber die neuen Machthaber glaubten an ein Stadienmodell der Geschichte, dem zufolge die nicht-russischen Völker des Zarenreiches zunächst das “nationale Stadium” ihrer Geschichte durchlaufen müssten, um dann irgendwann in einer einheitlichen, klassenlosen Gesellschaft aufzugehen.[28] Die Nation sollte also, anders als im russländischen Imperium oder den europäischen Kolonialreichen der Zwischenkriegszeit kein Problem mehr sein, sondern Teil der Lösung;[29] nationale Unabhängigkeitsbewegungen sollten nicht mehr den Zusammenhalt des Gesamtstaates gefährden, sondern sie sollten das Medium sein, durch das die Bolschewiki ihre revolutionären Vorstellungen verwirklichen wollten.

In Zentralasien stellte die Gründung “nationaler Republiken” und die Förderung der nicht-russischen Nationalbewegungen einen besonders deutlicher Bruch mit der Herrschaftspraxis des russländischen Imperiums dar. Denn mehr als jeder andere Teil des Imperiums ähnelte die russische Provinz Turkestan einer Kolonie nach europäischem Vorbild. Die beiden Chanate in Buchara und Chiva, die zwar nicht unmittelbare Teile des Imperiums waren, aber durch Verträge an dieses gebunden waren, glichen den britischen Prinzenstaaten in Indien.[30] Die Regierung in Petersburg hatte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Idee einer russischen “Zivilisierungsmission” im “Orient” von den europäischen Kolonialmächten übernommen und präsentierte sich in Zentralasien als europäische Macht.[31]

Durch die Oktoberrevolution wurde diese Situation zwar in Frage gestellt, aber gleichzeitig wirkten imperiale Traditionen fort. In Zentralasien führte die Revolution zunächst zu einer anarchischen Situation, in der sich die unterschiedlichsten Gruppen gegenseitig bekämpften: zu der politischen Trennung in Gegner und Befürworter der Revolution kamen ethnische Konflikte zwischen den russischen Siedlern und der indigenen Bevölkerung sowie Auseinandersetzungen um Lebensmittel; durch den Zusammenbruch der Versorgungswege nach Zentralrussland während des Bürgerkrieges gab es große Hungersnöte.[32] Die russischen Arbeiter, die die lokalen Sowjets kontrollierten, sahen nicht ein, wieso sie die Macht mit der muslimischen Bevölkerung teilen sollten. Sie nutzten die Ressourcen des untergegangenen Imperiums, um die Bemühungen der muslimischen Nationalbewegung um nationale Selbstbestimmung gewaltsam zu unterdrücken.[33] Es waren gerade solche ethnischen Auseinandersetzungen, die weite Teile des früheren Zarenreiche durchzogen, auf die die bolschewistische Nationalitätenpolitik eine Antwort sein sollte.[34]

Obwohl die vom Zentrum in Moskau propagierten nationalitätenpolitischen Grundsätze in der Realität nur unter erheblichen Schwierigkeiten durchzusetzen waren, konnten sie schließlich zumindest in einer Aufteilung Zentralasiens in fünf verschiedene Republiken realisiert werden, die im Wesentlichen 1924 stattfand, wobei der Status der einzelnen Gebiete und die Grenzen später noch häufiger geändert wurden.[35] Die verschiedenen neuen Republiken in Zentralasien waren zwar nicht völlig künstliche Gebilde, wie häufig während des Kalten Krieges behauptet, sondern beruhten teilweise auf Diskussionen, die es schon seit dem frühen 20. Jahrhundert gegeben hatte. Außerdem waren lokale Parteimitglieder in hohem Maße an der Ziehung der Grenzen und späteren Korrekturen beteiligt.[36] Trotzdem war der Aufbau der nationalen Republiken eine historische Neuerung in der Region, in der sich zuvor sprachliche, kulturelle und religiöse Unterschiede auf äußerst komplizierte Weise überlagert hatten.

Zum Programm des Aufbaus von Nationalstaaten gehörte deswegen viel mehr als das bloße Ziehen von Grenzen, etwa die Einführung eines neuen Alphabets mit einer darauf aufbauenden schriftlich fixierten “Nationalsprache” für jede der neuen Republiken.[37] Noch wichtiger war der Versuch, die neuen staatlichen Institutionen so stark wie möglich mit in­digenen Fachleuten zu besetzen, die für diesen Zweck erst ausgebildet werden mussten.[38] Die neuen Republiken sollten nicht nur eine Sache des Herrschaftsapparates von Staat und Partei sein, sondern das Leben jedes einzelnen Zentralasiaten erfassen.

Diese Absicht spiegelte sich im Programm der “Kulturrevolution” wider, das sich in Zentral­asien und in Azerbajdžan gegen die Dominanz einer durch islamische Traditionen geprägten Lebensweise richtete und eine wesentlich größere Rolle spielte als in anderen Republiken. Nur durch die gezielte Zerstörung dieser Traditionen, so die Überzeugung der Bolschewiki, ließe sich die besonders große ökonomische und kulturelle “Rückständigkeit” Zentralasiens gegenüber Russland überwinden. Ein wichtiger Bestandteil der kulturrevolutionären Kampagnen war der Kampf gegen die Verschleierung der Frauen und die starke Differenzierung der Geschlechterrollen, die für die meisten Gesellschaften Zentral­asiens während des russländischen Imperiums typisch gewesen waren. Teilweise übernahmen die Frauen geradezu die Rolle eines zu befreienden “Ersatzproletariates”, das an die Stelle der in Zentral­asien fehlenden Arbeiterklasse treten sollte.[39] Daneben sollten Alphabetisierungskampagnen und eine massive Ausweitung des Bildungssystems dazu beitragen, den sowjetischen “neuen Menschen” zu schaffen.

Das Gesamtziel der kulturrevolutionären Politik, nämlich die zentralasiatischen Muslime in “moderne Europäer” zu verwandeln, stand insofern in einer imperialen Tradition, als es den mo­dernen Menschen immer mit dem Europäer gleichsetzte.[40] Eine nicht-europäische Moderne existierte in den Augen der Bolschewiki nicht. Gleichzeitig sollte die Kulturrevolution jedoch unter starker Beteiligung einer kleinen, radikalen Minderheit der indigenen Gesellschaft verwirklicht werden. Durch eine gezielte Indigenisierungspolitik (“korenizacija”) wurden während der 20er Jahre Kader aus den Reihen der Titularnationalitäten gefördert. Dadurch bekamen zum Beispiel die Ideen der Jaddidisten, einer islamischen Reformbewegung, die ursprünglich vor allem eine Erneuerung des Bildungssystems gefordert hatte und stark unter dem Einfluss osmanischer und tatarischer Intellektueller stand, großen Einfluss auf die bolschewistische Politik.[41]

Jedoch hatten die Bolschewiki selbst durch die Vermittlung dieser indigenen Eliten insbesondere auf dem Land, unter der großen Mehrheit der Bevölkerung, nur wenig sozialen Rückhalt. Vom Staat war während der Wirren der Revolution und des Bürgerkrieges kaum etwas übriggeblieben. Die Bevölkerung verstand die Vorstellungen der neuen Machthaber größtenteils entweder überhaupt nicht oder sah nicht ein, wozu sie ihre Lebensweise nach den Maßstäben der Kulturrevolution ändern sollte.[42] Die indigenen Vertreter der Sowjetmacht verfügten weder weder über ausreichende Legitimität noch über die Machtmittel, um ihre Vorstellungen durchzusetzen. Aufgrund der besonderen Bedeutung der Kulturrevolution in den islamischen Gebieten der Sowjetunion wurde besonders die Veränderung der Alltagskultur und der alltäglichen Lebensweise, etwa in der Kleidung oder bei Ritualen wie Hochzeiten und Beerdigungen, zu einem Marker für die Loyalität zur Sowjetmacht. Die einfache Fortführung der traditionellen Lebensweise durch große Teile der Bevölkerung erschien deswegen auf einmal als verbrecherische politische Opposition;[43] gleichzeitig machte gerade die Verfolgung bestimmter Alltagspraktiken, insbesondere der Verschleierung der Frauen, diese überhaupt erst von selbstverständlichen Gewohnheiten zu politischen Symbolen des Widerstandes gegen eine Ordnung, die von den meisten als anmaßender Eingriff empfunden wurde.[44] In diesem Sinne schuf der kulturrevolutionäre Angriff erst die in sowjetischen Berichten über Zentralasien dauernd auftauchenden “Überreste des Feudalismus” und deren Vertreter, die von den Bolschewiki als Feinde wahrgenommen wurden. Die Revolution führte in einen sich radikalisierenden Kulturkonflikt, in dem die Bolschewiki die Unfähigkeit, ihre Vorstellungen großen Teilen der Bevölkerung zu vermitteln, am Ende nur durch massive Gewalt und Terror kompensieren konnten.

Diese Gewalt richtete sich nicht nur gegen die Bevölkerung, sondern im Verlauf der 30er Jahre immer stärker gegen die “nationalen” Kader selbst, die gerade aufgrund ihrer Vermittlerrolle permanent im Verdacht standen, sowjetische Politik insgeheim zu hintertreiben.[45] Die in der kommunistischen Partei allgegenwärtigen Clanstrukturen und unter Folter erpresste Denunziationen führten dazu, dass nicht nur einzelne angebliche “Feinde” umgebracht wurden, sondern mit ihnen gleich ihre ganzen Gefolgschaften und Familienverbände. Ausgerechnet unter denjenigen, die maßgeblich dazu beigetragen hatten, sowjetische Herrschaft in Zentralasien zu etablieren, überlebten deswegen nur wenige das Jahr 1937.[46]

Mit der Sowjetunion war also ein Staat entstanden, der die Bildung von quasi-nationalstaatlichen Republiken mit einer internationalen Revolutionsbewegung in einem Vielvölkerreich verband. Die Sowjetunion nimmt damit eine eigenartige Zwischenposition zwischen Kolonialimperium und Nationalstaat ein, die gerade in den letzten Jahren immer wieder Gegenstand historiographischer Debatten war.[47] Die Gründung der verschiedenen nationalen Republiken sollte die nicht-russischen Nationalbewegungen in den Dienst bolschewistischer Politik stellen. Es zeigte sich jedoch nicht nur in Zentralasien schnell, dass nationales Medium und sozialistischer Inhalt nicht zusammenpassten[48]: die neuen Machthaber in den Republiken waren oft weder willens noch in der Lage, die politischen Vorgaben des Zentrums zum “Aufbau des Sozialismus” und der “Kulturrevolution” umzusetzen. In manchen Fällen drohten die Republiken aus Sicht der Bolschewiki der Bewahrung ausgerechnet der Traditionen zu dienen, für deren Beseitigung sie eigentlich stehen sollte. So verwickelten sich die zentralasiatischen Kader insbesondere in den Republiken in Zentralasien und im Kaukasus in einen erbitterten Kulturkonflikt, der in den 30er Jahren mit den Methoden des Terrors und der “Säuberungen” ausgetragen wurde, die viele Bolschewiki während des Bürgerkrieges gelernt hatten. Unter den Bedingungen des Stalinismus kostete der „Aufbau von Nationalstaaten“ oft gerade diejenigen das Leben, die ihn überhaupt erst möglich gemacht hatten.

2.2.Nationalitätenpolitik im “Tauwetter”

Gehörten die Nationalitätenbeziehungen in den 1920er Jahren noch zu den existentiellen Fragen sowjetischer Politik, so schienen sie in den 1950er Jahren Geschichte zu sein. Sowjetische Politiker sprachen zu dieser Zeit gerne davon, die “nationale Frage” in der Sowjetunion sei “gelöst” worden. In der Tat hatte selbst die extreme Belastung des Zweiten Weltkrieges den Zusammenhalt der verschiedenen sowjetischen Republiken nicht zerbrechen können.[49] In der Westukraine und im Baltikum, wo es nach 1945 noch jahrelang erbitterten Widerstand gegen die sowjetische Herrschaft gegeben hatte, war diese Mitte der 1950er Jahre fest etabliert.[50] Unter dieser im Vergleich mit den ethnischen Konflikten der Revolutionszeit relativ ruhigen Oberfläche gab es jedoch vor allem in den Jahren nach Stalins Tod heftige Auseinandersetzungen über das Verhältnis der verschiedenen sowjetischen Nationen zum Gesamtstaat. Chruščëvs Entstalinisierungspolitik warf die Frage auf, mit welchen Mitteln das Zentrum in Moskau die Integration der einzelnen Republiken in den Gesamtstaat würde sicherstellen können: Wenn schon unter Stalin die Republiken ihre Rolle als Medium bolschewistischer Politik nur unzureichend erfüllt hatten, wie würde dies unter Chruščëv möglich sein, der auf die stalinistischen Methoden des Terrors verzichten wollte? Auf die hiermit zusammenhängenden Fragen möchte ich im Folgenden näher eingehen.[51]

Schon weil alle Konkurrenten um Stalins Nachfolge in ihrem Machtkampf auf Unterstützung aus den nicht-russischen Republiken angewiesen waren, tauchten nationalitätenpolitische Fragen sofort nach dem Tod des Diktator auf, etwa in den Reformvorschlägen des Geheimdienstchefs Lavrentii Berija.[52] Mit Stalins Tod endeten außerdem die gegen den angeblichen “Nationalismus” einzelner Vertreter der politischen und kulturellen Eliten in den Republiken gerichteten Kampagnen, in denen in den Jahren zuvor zahlreiche Politiker aus der Partei ausgeschlossen und in die Lager geschickt worden waren. Es regte sich schnell Kritik an dem im Spätstalinismus immer deutlicheren kulturellen Russozentrismus der Sowjetunion, wie er etwa in Stalins berühmtem Toast vom Mai 1945 zum Ausdruck gekommen war, in dem er die Russen in einer Hierarchie der sowjetischen Nationen an die erste Stelle gesetzt hatte.[53]

Das Machtvakuum nach Stalins Tod führte dazu, dass schon ab dem Sommer 1953 viele Russen in den Staats- und Parteiorganisationen der nicht-russischen Republiken durch einheimische Kader ersetzt wurden.[54] Das geänderte nationalitätenpolitische Klima schlug sich zum Beispiel in Kasachstan nieder, wo mit Leonid Brežnev sogar noch ein Russe Parteivorsitzender war. Im Januar 1956 beschwerten sich mehrere Parteimitglieder in Kasachstan, wo die Kasachen zwar Titularnationalität waren, aber es große nicht-kasachische Minderheiten gab, in einigen anonymen Briefen an das ZK in Moskau über die große Zahl russischer Kader in Staats- und Parteiämtern.[55] Sie denunzierten den Parteivorsitzenden Brežnev und den stellvertretenden Vorsitzenden des Ministerrates Nikolaev mit dem Vorwurf, diese hätten ihre gesamten russischen und moldawischen Cliquen (“chvost”) mitgebracht, um Führungspositionen zu besetzen und Brežnev habe sich herablassend gegenüber kasachischen Kadern verhalten.[56] Es gäbe, so die Autoren, zahlreiche Beispiele von “großrussischem Chauvinismus”, aber man spräche ja immer nur vom angeblichen “kasachischen Nationalismus”.[57]

Auch wenn die kasachischen Parteimitglieder ihr Ziel zunächst nicht erreichten[58] und in Kasachstan erst 1960 ein Kasache, Dinmuhammed Kunaev, die Parteiführung übernehmen würde, bestätigte der zwanzigste Parteitag Anfang 1956 den Wandel in der Nationalitätenpolitik auf ideologischer Ebene. So betonte Chruščëv, der sich in den Jahren nach 1953 immer stärker als Stalins Nachfolger etabliert hatte, auf seinem Bericht an die Delegierten des Parteitages:

“Der Sozialismus zerstört nicht nur die nationalen Unterschiede und Besonderheiten nicht, sondern er garantiert umgekehrt sogar die vollständige Entwicklung und das Aufblühen der Wirtschaft und der Kultur aller Nationen und Völkerschaften.”[59]

Die Formulierung vom “Aufblühen” der sowjetischen Nationen wurde in den nicht-russischen Republiken schnell aufgenommen. So gab es zum Beispiel in der Kulturpolitik und Geschichtsschreibung der Republiken während des Tauwetters eine deutliche offenere Betonung des Nationalen als noch in der Zeit des späten Stalinismus. In vielen Republiken und ASSRs erschienen während der Entstalinisierung die ersten Nationalgeschichten.[60] Gleichzeitig tauchte mit Chruščëvs Schulreform von 1958 das erste Mal die Geschichte der einzelnen Sowjetrepubliken im Curriculum des Geschichtsunterrichts auf. Noch die heute an vielen uzbekischen Schulen gelehrte Version der uzbekischen Geschichte geht in ihren Grundzügen auf diese während der Tauwetter-Periode entstandene Erzählung der uzbekischen Nationalgeschichte zurück.[61]

Gemäß der ideologischen Leitlinie des 20. Parteitages stellte Chruščëv seine Wende in der Nationalitätenpolitik als eine Rückkehr zur leninistischen Praxis der 20er Jahre dar und versuchte so, die Kritik am Stalinismus in für das sowjetische System tragbare Bahnen zu kanalisieren. Chruščëv sah also nicht mehr, wie noch Stalin, den angeblichen “Nationalismus” der Kader in den Republiken oder das Überleben von “Überresten” vorsowjetischer Traditionen als das drängendste Problem an, sondern die selbstzerstörerische Dynamik des stalinistischen Terrorapparates, die er aus eigener Anschauung kannte. Dies verband ihn mit den Vertretern der Sowjetmacht in den Republiken, von denen viele in den Jahren des späten Stalinismus unter dem Vorwurf des Nationalismus umgebracht oder in Straflager geschickt worden waren.

Chruščëv beließ es jedoch nicht bei programmatischen Änderungen, sondern die von ihm begonnene “Erweiterung der Rechte der Republiken” veränderte in den folgenden Jahren in vielen Bereichen die Struktur des sowjetischen Staates. Besonders drastisch war der Bruch mit der stalinistischen Tradition der zentralisierten Planwirtschaft: so gehörte zu Chruščëvs Politik eine Dezentralisierung der Industrieverwaltung, die schon 1954 angefangen hatte, aber 1957 noch weiter vorangetrieben wurde.[62] Die gesamtsowjetischen Ministerien, die bisher die meisten Industriezweige zentral verwaltet hatten, wurden zu erheblichen Teilen aufgelöst, die Betriebe kamen unter die Aufsicht von so genannten “Volkswirtschaftsräten” (“sovety narodnogo chozjajstva”), die im Wesentlichen von den Ministerräten der Republiken kontrolliert wurden. Tausende Mitarbeiter der Ministerien, die vorher Betriebe in der ganzen Sowjetunion von Moskau aus verwaltet hatten, wurden auf Posten in den Republiken versetzt.[63] Auf dem Höhepunkt der Dezentralisierungswelle unterstanden schließlich 90% der Betriebe der Verwaltung der Republiken. Die Budgets der Republiken wurden ebenfalls erheblich größer: während der Umfang des Unionsbudgets zwischen 1951 und 1957 um 5,2% abnahm, wuchs der Umfang der Republikbudgets im selben Zeitraum um 46%.[64] Alleine zwischen 1956 und 1958 sollte der Anteil der Republikbudgets am Gesamtbudget von 25,5 auf 50,3% zunehmen.[65]

Wie deutlich diese Politik mit der stalinistischen Praxis brach, macht die Kritik deutlich, die zahlreiche Altstalinisten an der Dezentralisierung äußerten. So warfen die Beteiligten der gescheiterten Verschwörung vom Juni 1957, die Chruščëv entmachten wollten, ihm vor, seine Dezentralisierungspolitik setze die ökonomische Integration der Sowjetunion aufs Spiel.[66] Der langjährige Stalin-Vertraute Lazar Kaganovič stellt die Dezentralisierung in seiner Autobiographie vor allem als machtstrategisch motivierten Versuch dar, wichtige Posten in den Republiken mit Kadern aus Chruščëvs Gefolgschaft zu besetzen.[67]

Die Reform verlagerte viele Entscheidungsbefugnisse auf die unteren Ebenen, was teilweise zu erheblichen Problemen im sowjetischen Wirtschaftssystem führte. Viele Kader in den Republiken sahen nicht mehr ein, warum sie sich gesamtsowjetischen ökonomischen Interessen unterordnen sollten.[68] Außerdem erfuhren durch die Dezentralisierung der Wirtschaftsverwaltung die Republikeliten einen ganz erheblichen Machtzuwachs – und in dem von Clans und Cliquen durchzogenen Staat ganz neue Möglichkeiten, sich und ihre Gefolgschaft zu bereichern. In einigen Betrieben des Volkswirtschaftsrates im kasachischen Karaganda wurden zum Beispiel illegalerweise 400000 Rubel an Prämien an insgesamt 500 Mitarbeiter vergeben, angeblich zum Gedenken an den Jahrestag der Oktoberrevolution.[69]

[...]


[1] Ayih, Michel: Ein Afrikaner in Moskau, Köln 1961, S. 18. Diese Form positiver Diskriminierung, die Ayih an vielen weiteren Beispielen schildert, taucht schon in vielen Reiseberichten von Afroamerikanern in der Sowjetunion aus den 20er und 30er Jahren auf. Vgl. Matusevich, Maxim: An Exotic Subversive. Africa, Africans and the Soviet Everyday, in: Race&Class 49.4 (2008), S. 57-81.

[2] Art. “Sovetskoe iskusstvo na festivale”, in: Pravda 26.7.1957.

[3] Lepešinskaja, Ol'ga: Art. “Vesennee cvetenie”, in: Pravda, 29.7.1957.

[4] Diese Gedanken tauchen wie in einer Endlosschleife – oft allerdings in Variationen mit subtilem politischem Hintersinn – in unzähligen sowjetischen Veröffentlichungen auf. Ein schönes Beispiel ist die Broschüre der bekannten sowjetischen Historikerin Anna Pankratova: Družba narodov SSSR – osnova osnovov mnogonacional'nogo socialističeskogo gosudarstva, Moskau 1953.

[5] Die Bezeichnung ist von Andreas Kappeler ursprünglich auf das russländische Imperium angewandt worden. Ich übernehme sie hier, da der Begriff in seiner Bedeutung offener ist als zum Beispiel “Imperium”/”empire”.

[6] Vgl. zum Beispiel: Smith, Jeremy: The Bolsheviks and the National Question 1917-1923, Houndmills 1999. Martin, Terry: The Affirmative Action Empire. Nations and Nationalism in the Soviet Union, 1923-1939, Ithaka 2001. Hirsch, Francince: Empire of Nations. Ethnographic Knowledge and the Making of the Soviet Union, Ithaka 2005.

[7] Vgl. zum Beispiel Edgar, Adrienne Lynn: Tribal Nation. The Making of Soviet Turkmenistan, Princeton 2004, Baberowski, Jörg: Der Feind ist überall. Stalinismus im Kaukasus, München 2003.

[8] So wurde nach der Dekolonisation in der Dritten Welt die Sowjetunion immer wieder als “empire” nach dem Modell der früheren westlichen Kolonialimperien verstanden. Robert Conquest sagte zum Beispiel schon 1962 einen Zerfall der Sowjetunion voraus, und verglich die Sowjetunion dabei explizit mit den europäischen Kolonialimperien: “In the long run, established empires must give way to the rights of subject nations, not merely in Africa and Southern Asia, but throughout the world.” Conquest, Robert: The Last Empire, London 1962, S. 126. In einigen Fällen haben solche (umstrittenen) Deutungen nach 1991 noch weitere Anhänger gefunden. Vgl. etwa Muriel Chamberlains Geschichte des Zerfalls der europäischen Kolonialreiche, in der der Zusammenbruch der Sowjetunion nicht nur als letztes Kapitel erscheint, sondern statt der stilbildenden afrikanischen oder asiatischen Unabhängigkeitskämpfer sogar Demonstranten der estnischen Unabhängigkeitsbewegung auf dem Titel zu sehen sind. Chamberlain, Muriel E.: Decolonization. The Fall of the European Empires, Oxford 21999.

[9] Slezkine, Yuri: The USSR as a Communal Apartment, or How a Socialist State Promoted Ethnic Particularism, in: Slavic Review 53.2 (1994), S. 414-452 (439).

[10] Für Zentralasien vgl. zum Beispiel: Edgar, Adrienne Lynn: Tribal Nation. The Making of Soviet Turkmenistan, Princeton 2004.

[11] Für Zentralasien hat darauf als einer der ersten Bert Fragner hingewiesen: Fragner, Bert: 'Soviet Nationalism': An Ideological Legacy to the Independent Republics of Central Asia, in: Van Schendel, Willem / Zürcher, Erik J. (Hrsg.): Identity Politics in Central Asia and the Muslim World. Nationalism, Ethnicity and Labour in the Twentieth Century, London/New York 2001, S. 13-35.

[12] Vgl. Kalmachčjan, S. T.: Art. “Internacionalizm”, in: Bol'šaja Sovetskaja Enciklopedija Bd 10, S. 330-331 (330).

[13] Dies betont unter anderem Post, Ken: Revolution's Other World. Communism and the Periphery 1917-1939, Houndsmills 1997, S. 25. Zu den Nationalkommunisten vgl. Benningsen, Alexandre / Wimbush, Enders S.: Muslim National Communism in the Soviet Union. A Revolutionary Strategy for the Third World, Chicago 1979. Für die Verbindung von Nationalitätenpolitik und revolutionärer Außenpolitik stand zum Beispiel der “Kongress der Völker des Orients” in Baku 1920. Für eine Dokumentation des Kongresses vgl. Riddel, John (Hrsg.): To See the Dawn. Baku 1920 - First Congress of the Peoples of the East, New York 1993.

[14] Das ursprüngliche Desinteresse russischer Kommunisten an der Revolution in Asien betont zum Beispiel Benningsen / Wimbush, Muslim National Communism, a.a.O., S. 8ff.

[15] Vgl. zum Beispiel Golan, Galia: The Soviet Union and National Liberation Movements in the Third World, Boston 1989 sowie Stephen MacFarlane: Superpower Rivalry and Third World Radicalism. The Idea of National Liberation, London 1985. Breslauer, George: Ideology and Learning in Soviet Third World Policy, in: World Politics 39.3. (1987), 429-448 enthält eine Besprechung einiger Arbeiten aus den 1980er Jahren.

[16] Die beiden wichtigsten neueren Arbeiten sind die von Matusevich und Boden, die beide versuchen, neuere theoretische Ansätze aus der internationalen Geschichte zu verarbeiten. Matusevich, Maxim: No Easy Row for a Soviet Hoe. Ideology and Pragmatism in Nigerian-Soviet Relations, 1960-1991, Trenton 2003. Boden, Ragna: Die Grenzen der Weltmacht. Sowjetische Indonesienpolitik von Stalin bis Breznev, Stuttgart 2006. Daneben gibt es einige Aufsätze, die zumeist versuchen, die zumeist kulturgeschichtlichte Aspekte der Beziehungen behandeln. Vgl. Matusevich, Exotic Subversive, a.a.O. oder Hessler, Julie: Death of an African Student in Moscow. Race, Politics, and the Cold War, in: Cahiers du Monde Russe 47.1-2 (2006), S. 33-63.

[17] Marks, Steven G.: How Russia Shaped the Modern World, Princeton 2003, S. 320.

[18] Der Begriff “empire of nations” geht zurück auf: Hirsch, Empire of Nations, a.a.O.

[19] Fursenko, A.A.: Prezidium CK KPSS, 1954-1964, Moskau 2003.

[20] Martin, Terry: The Soviet Union as Empire: Salvaging a Dubious Analytical Category, in: Ab Imperio 2 (2002), S. 91-105 (103).

[21] Der Begriff “Imperium der Nationen” geht zurück auf: Hirsch, Empire of Nations, a.a.O.

[22] Die internationalen Diskussionen im Umfeld der Pariser Friedenskonferenz sind sehr gut geschildert bei: Manela, Erez: The Wilsonian Moment. Self-Determination and the Origins of Anticolonial Nationalism, Oxford 2007.

[23] Ein wichtiger Ausgangspunkt der bolschewistischen Diskussion über das Verhältnis von Sozialismus und Nation waren die Debatten in der österreichischen Sozialdemokratie am Anfang des Jahrhunderts gewesen. Für eine Darstellung der genauen Entwicklung der bolschewistischen Position in der “Nationalitätenfrage” vgl. Smith, National Question, a.a.O. (für die theoretischen Debatten insbesondere S. 1-29) sowie Martin, Affirmative Action Empire, a.a.O., S. 2-27.

[24] Martin, Affirmative Action Empire, a.a.O., S. 20.

[25] Baberowski, Feind a.a.O., S. 200.

[26] Auf diese Quellen der bolschewistischen Politik und ihr Verhältnis bei der Grenzziehung zwischen den Sowjetrepubliken geht Hirsch, Empire of Nations, a.a.O, S. 63ff ein.

[27] Hierauf geht Terry Martins These von der Sowjetunion als “affirmative action empire” zurück. Vgl. Martin, Terry: The Affirmative Action Empire, a.a.O. Der russische Nationalismus war damit, im Unterschied zum “progressiven Nationalismus” der Nicht-Russen von vorne herein, als “Nationalismus der Ausbeuter”, diskriminiert. Vgl. ebd., S. 17. Dies führte dazu, “dass sich die russische Kulturnation negativ als Verbund von Unterdrückern konstituierte”, Baberowski, Feind, a.a.O., S. 207.

[28] Martin, Affirmative Action Empire, a.a.O., S. 5.

[29] Smith, National Question, a.a.O., S. 28.

[30] Khalid, Politics of Muslim Cultural Reform, a.a.O., S. 15.

[31] Sahadeo, Jeff: Russian Colonial Society in Tashkent, 1865-1923, Bloomington 2007, S. 69. Khalid, Adeeb: The Politics of Muslim Cultural Reform. Jadidism in Central Asia, Berkeley 1998, S. 50f.

[32] Vgl. Khalid, Tashkent, a.a.O.

[33] So etwa bei der Unterdrückung der Autonomie von Kokand durch den Sowjet in Taškent.

[34] Vgl. ebd., S. 295 sowie Sahadeo, Russian Colonial Society, a.a.O., S. 208-228.

[35] Als Überblick zur Geschichte der Aufteilung Zentralasiens vgl. Haugen, Arne: The Establishment of National Republics in Soviet Central Asia, Basingstoke 2003. Der Autor betont im Unterschied zu früheren Darstellungen besonders die Beteiligung lokaler Kräfte an der Grenzziehung.

[36] Dies betont zum Beispiel für Turkmenistan: Edgar, Tribal Nation, a.a.O., S. 47: “In creating national republics in Central Asia [...] Moscow did not divide a unified region, but merely institutionalized and deepened divisions that already exist.”

[37] Über die Schaffung einer turkmenischen Nationalsprache vgl. ebd., S. 129-153.

[38] Vgl. zur Expansion des Hochschulsystems in den asiatischen Republiken der Sowjetunion Martin, Affirmative Action Empire, a.a.O., S. 159-170.

[39] Diese Idee hat als erster Gregory Massell vertreten. Massell, Gregory: The Surrogate Proletariat. Muslim Women and Revolutionary Strategies in Central Asia, 1919-1929, Princeton 1974. Mittlerweile sind einige weitere Forschungen hinzugekommen, die das Bild ergänzt haben. Vgl. vor allem Northrop, Douglas: Veiled Empire. Gender and Power in Stalinist Central Asia, Ithaka 2004 und Edgar, Adrienne; Kamp, Marianne: The New Woman in Uzbekistan. Islam, Modernity, and Unveiling under Communism, Seattle 2006.

[40] Baberowski, Jörg: Stalinismus als imperiales Phänomen. Die islamischen Regionen der Sowjetunion 1920-1941, in: Plaggenborg, Stefan (Hrsg.): Stalinismus. Neue Forschungen und Konzepte, Berlin 1998, S. 113-150 (121).

[41] Zu den Jaddidisten vgl. Khalid, Adeeb: The Politics of Muslim Cultural Reform, a.a.O. Zum Einfluss auf die Kulturrevolution in Azerbajdžan vgl. Baberowski, Feind, a.a.O., S. 640. Über die Frage, was die Entschleierungskampagnen mit kolonialen Praktiken zu tun hat, gehen die Meinungen auseinander: Vgl. Kamp, The New Woman, a.a. O., S. 5ff, die gegen die These vom “sowjetischen Imperium” argumentiert, und Northrop, Veiled Empire, a.a.O., S. 22, der diese vertritt.

[42] Northrop, Veiled Empire, a.a.O., S. 196-208 beschreibt etwa verschiedene Wahrnehmungen und Strategien des Widerstands gegen die Entschleierungskampagnen. Edgar, Tribal Nation, a.a.O., S. 255f schildert die vergeblichen Bemühungen, der turkmenischen Bevölkerung die Gesetze gegen die Benachteiligung von Frauen zu erklären, und die neuen Normen selbst unter Parteimitgliedern durchzusetzen.

[43] Daraus erklärt sich der sowjetische Begriff der “Verbrechen in der Lebensweise”, mit dem in den 1930er Jahren Verstöße gegen die Gebote der neuen sowjetischen Alltagskultur bezeichnet wurden. Vgl. Northrop, Veiled Empire, a.a.O., S. 242-264.

[44] So wurden aus Alltagsobjekten “reflexive Traditionen”, die als bewusste Signale politische Identität eingesetzt wurden. Baberowski, Feind, a.a.O., S. 589.

[45] Zu der fatalen Situation uzbekischer Kommunisten vgl. zum Beispiel Northrop, Veiled Empire, a.a.O., S. 211: “Paradoxically, then, when Soviet authorities needed every supportive body they could find, Uzbek communists functioned less as a progressive vanguard than as the most carefully monitored, disciplined and in some ways non-Soviet group in the region.”

[46] Vgl. die Biographien führender Nationalkommunisten in Benningsen / Wimbush, Muslim National Communism, a.a.O.

[47] Vgl. zum Beispiel Martin, Soviet Union as Empire, a.a.O. und Beissinger, Mark R.: Soviet Empire as "Family Resemblance'', in: Slavic Review, Vol. 65, No. 2 (Summer, 2006), S. 294-303. Vgl. auch die weiteren Artikel in der gleichen Ausgabe der Slavic Review, die sich besonders auf Zentralasien konzentrieren.

[48] So kommt zum Beispiel Edgar, Tribal Nation, a.a.O., S. 262 zu dem Ergebnis: ”Soviet policy was never able to resolve the contradiction between nationhood and socialist modernity, which only sharpened with the passage of time.”

[49] In vieler Hinsicht wurde der Krieg sogar eine der wesentlichen Integrationserfahrungen des sowjetischen Regimes, und zwar selbst in der Ukraine, wo es nach dem Krieg in großem Umfang antisowjetischen Widerstand gab. Vgl. hierzu Weiner, Amir: Making Sense of War. The Second World War and the Fate of the Bolshevik Revolution, Princeton 2001, der zum Beispiel davon spricht, wie die Kriegserfahrung sei für die ukrainischen Bauern, die noch in den frühen 1930er Jahren Opfer der Kollektivierungskampagnen waren, ein „major vehicle of their own sovietization“ gewesen (S. 365).

[50] Eine gute Illustration hierzu liefert ein KGB-Bericht über “nationalistische Vorfälle” aus dem Jahr 1963, der einen Überblick über Vorfälle in den Republiken gibt, die vom Regime als Zeichen von “Nationalismus” identifiziert wurden. Als Zusammenfassung könnte ein Ausspruch des angeblichen ukrainischen Nationalisten Chalimanov dienen, den dieser nach seiner Haftentlassung geäußert haben soll: “Wir gehen in Richtung Kommunismus, aber insgeheim kämpfen wir für unsere Nation.” (“My idëm k kommunizmu, no potichonku borëmsja za svoju naciju.”). Ein anderer Ukrainer wird mit der Äußerung zitiert, der Kampf mit Pistolen sei vorbei, jetzt beginne der Kampf um die Jugend. RGANI f. 2, op. 1, d. 626, l. 84 (KGB an ZK KPSS, zur Vorbereitung des ZK-Plenums am 16.4.1963)

[51] Es gibt bisher kaum neuere Arbeiten, die auf Archivmaterialien beruhen und sich explizit mit der Nationalitätenpolitik in einzelnen Republiken nach 1953 beschäftigen. Eine sehr bemerkenswerte Ausnahme ist jedoch die ausgezeichnete Studie von Jürgen Gerber: Georgien. Nationale Opposition und kommunistische Herrschaft seit 1956, Baden-Baden 1997.

[52] Simon, Gerhard: Nationalism and Policy Towards the Nationalities in the Soviet Union, Boulder 1991, S. 228.

[53] Ebd. S. 207.

[54] Ebd. S. 229.

[55] RGANI f. 5, op. 31, d. 58, l. 13. (Brief einer Gruppe von Kommunisten an das ZK, 11.1.1956). Vgl auch einen weiteren Brief vom 25.1.1956 mit ähnlichen Vorwürfen in RGANI f. 5, op. 31, d. 58, l. 32-34 und einen Brief mit Vorwürfen gegen den Sekretär des Oblastkommittees in Kustanai, wo diesem ebenfalls eine Benachteiligung der Kasachen vorgeworfen wird: RGANI f. 5, op. 31, d. 58, l. 38-39.

[56] RGANI f. 5, op. 31, d. 58, l. 16. (Brief einer Gruppe von Kommunisten an das ZK, 11.1.1956)

[57] Ebd., l. 17.

[58] Vgl. die Einschätzung von Gromov, dem Leiter des Otdel's, der darauf verwies, die Russen seien im Rahmen der Neulandkampagne auf Bitten der kasachischen KP gekommen. Die beigelegte Statistik zeigt, dass die Zahl der Kasachen zwar kaum abgenommen hat, aber der größte Teil der neuen Posten an Russen vergeben wurde. Vgl. RGANI f. 5, op. 31, d. 58, l. 45-47 (Bericht über die Besetzung von Führungspositionen in der Kasachischen SSR).

[59] Vgl. Chruščëv, Nikolaj Sergejevič, Otčetnyj doklad ck kpss XX s-ezdu partii, in: XX S-ezd kommunističeskoj partii sovetskogo sojuza. Stenografičeskij otčet, Moskau 1956, S. 9-120 (S. 90) (Übersetzung M.D.).

[60] Den Anfang machte eine dreibändige Geschichte der lettischen SSR, die 1958 herauskam. Vgl. Martiny, Albrecht: Das Verhältnis von Politik und Geschichtsschreibung in der Historiographie der sowjetischen Nationalitäten seit den 1960er Jahren, in: Jahrbücher für Geschichte Osteuropas 27(1979), S. 238-272 (260). Die Veröffentlichungen zu der Geschichte einzelner Völker der Sowjetunion hatten um 1970 eine so enorme Zahl erreicht, dass selbst eine Aufzählung der verschiedenen Bibliographien unmöglich erscheint. Vgl. den Überblick in ebd.

[61] Vgl. Keller, Shoshana: Story, Time, and Dependent Nationhood in the Uzbek History Curriculum, in: Slavic Review 66.2 (2007), S. 257-278.

[62] Simon, Nationalism, a.a.O., S. 238. Vgl. auch Art.: “Zabota partii o rasširenii prav sojuznych respublik”, in: Pravda 24.7.1957.

[63] Simon, Nationalism, a.a.O., S. 239. Vgl. dazu auch GARF, f. 7523, op. 75, d. 80, l. 39ff . (Über den Verbleib der Mitarbeiter der aufgelösten Ministerien)

[64] GARF f. 7523, op. 75, d. 1739, l. 33 (Vortrag von A.G. Zverev, einem Vertreter der Finanzministeriums, vor der Budgetkommission des Sovet Nacional'nostej, 18.1.1957)

[65] GARF f. 7523, op 75, d. 1804, l. 135 (Sitzung der Wirtschaftskommission des Sovet Nacional'nostej, 10.12.1957)

[66] Simon, Nationalism, S. 240.

[67] Kaganovič, Lazar: Pamjatnye zapiski, Moskau 1996, S. 512f.

[68] Vgl. einen skeptischen Bericht des Leiters der Abteilung für Maschinenbau im ZK: RGANI f.5, op. 31, d. 80, l. 74f. (Über die Arbeit der Volkswirtschaftsräte in Uzbekistan, 12.11.1957). Für einen anderen Fall vgl. ebd., l. 73. Vgl. auch Keep, John: Last of the Empires. A History of the Soviet Union 1945-1991, 92f.

[69] RGANI f.5, op. 31, d. 80, l. 81-82 (Bericht aus Karaganda, 24.12.1957)

Ende der Leseprobe aus 95 Seiten

Details

Titel
Die zentralasiatischen Sowjetrepubliken und die sowjetische Außenpolitik in der Dritten Welt während der Entstalinisierung
Untertitel
Vom "eigenen" zum "ausländischen" Orient
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für Geschichtswissenschaften)
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
95
Katalognummer
V156643
ISBN (eBook)
9783640701483
ISBN (Buch)
9783640700370
Dateigröße
1160 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Nationalitätenpolitik, Zentralasien, Sowjetunion, Dritte Welt, Khrushchev, Bandung, Afrika, Asien, Dekolonisation, Kalter Krieg, Außenpolitik, Entstalinisierung, Minderheiten, Usbekistan, Tadschikistan
Arbeit zitieren
Moritz Deutschmann (Autor), 2009, Die zentralasiatischen Sowjetrepubliken und die sowjetische Außenpolitik in der Dritten Welt während der Entstalinisierung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/156643

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