Kriterien einer wissenschaftstheoretisch zulässigen Modifikation der Rational Choice-Theorie


Seminararbeit, 2003
21 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Die Rational Choice-Theorie
2.1. Die handlungstheoretischen Grundlagen der RC-Theorie
2.2. Handlungswahl und ihre Prämissen in der RC-Theorie
2.3. Die Wert-Erwartungstheorie

3. Anomalien in der RC-Theorie
3.1. Das Allias-Paradox
3.2. Das Isolation-Effekt-Paradox
3.3. Das Asian-Disease-Problem

4. Die RC-Anomalien aus wissenschaftstheoretischer Sicht – Die Möglichkeit einer RC-Modifikation nach Lakatos

5. Das Bounded Ratonality-Konzept – eine wissenschaftstheoretisch zulässige Modifikation der traditionellen RC-Theorie?

6. Schluss

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Rational Choice-Theorie (RC-Theorie) ist eine Sammelbezeichnung für eine ganze Reihe von unterscheidbaren Ansätzen[1], die von den gleichen grundsätzlichen Annahmen ausgehen. Individuen sind demnach rationale, egoistische Nutzenmaximierer. Durch individuelles Handeln (gemäß dieser Prämissen) erzeugen sie die auf der Makro-Ebene beobachtbaren kollektiven Phänomene (methodologischer Individualismus).

Die rationaler Handlungstheorie stammt ursprünglich aus den Wirtschaftswissenschaften und hat von den USA ausgehend seit den 1950ern zunehmendes Interesse in der Politikwissenschaft gefunden (vgl. Braun 1999: 17). Mittlerweile gilt die RC-Theorie als die „präferierte Mikrotheorie der im Rahmen des methodologischen Individualismus operierenden Sozialwissenschaften“ (Kunz 1997: 7). Mehr noch sie soll „gegenwärtig der umfassendste und vielversprechendste Ansatz in der Modernen Poltischen Theorie“ (Druwe 1996: 332) sein und „zumindest die Option [bieten] die Sozialwissenschaften wieder zusammenzuführen, als erklärende Disziplin zu etablieren und auch im die Verbindung zur Psychologie zu aktualisieren“ (Kunz 1997: 9).

Es ist angesichts dieser positiven Einschätzungen kein Wunder, dass sich das Label RC großer Beliebtheit erfreut. Problematisch ist jedoch, dass sich bei der Flut der unter dem Namen RC laufenden Ansätze die Grenzen der Theorie zusehends verwischen. (Zimmerling 1994: 23). Es stellt sich die Frage, was eigentlich die grundlegenden Annahmen der RC-Theorie sind und inwieweit neue Ansätze, diesen entsprechen müssen.

Da die Theorie rationaler Wahl aus der neoklassischen Ökonomie stammt, erscheint es mir folgerichtig hier den Bezugspunkt für die Bewertung modernerer RC-Konzepte zu setzen. Dass die traditionelle RC-Theorie „nicht generelles Programm für die Erklärung der Überlegens- und Entscheidungsprozesse der Menschen unter natürlichen Bedingungen in Alltagssituationen sein [kann]“ (Kunz 1997: 7), zeigen zahlreich auftretende Anomalien[2] innerhalb des Paradigmas. Angesichts der empirischen Unzulänglichkeit erscheint eine Modifikation notwendig (vgl. Mensch 1997: 56). Doch eine solche kann nicht ad hoc erfolgen. Es ist wissenschaftstheoretisch nicht zulässig eine Theorie in Reaktion auf etwaige Anomalien nach Belieben abzuändern.

Mit anderen Worten ein neuer RC-Ansatz muss einerseits die Anomalien innerhalb der traditionellen RC-Theorie beseitigen und andererseits eine wissenschaftstheoretisch adäquate Modifikation derselben darstellen. Die zentrale Fragestellung dieser Arbeit lautet daher:

Wie sieht – im Hinblick auf die zahlreichen Anomalien – eine wissenschaftstheoretisch zulässige Modifikation des traditionellen RC-Ansatzes aus?

Als Maßstab für eine zulässige Modifikation werde ich Imre Laktos (1982) „Methodologie der Forschungsprogramme“ heranziehen. Nach Laktos muss die Modifikation einer gegebenen Theorie vereinfacht gesagt zwei Kriterien erfüllen. Sie muss erstens besser in der Lage sein Phänomene zu erklären und zu prognostizieren und zweitens darf sie nicht den harten Kern, die grundlegenden Annahmen, der Ursprungstheorie berühren.

Ich werde bei der Bearbeitung der Fragestellung wie folgt vorgehen: Zunächst stelle ich die RC-Ansatz dar. D.h. nach einer kurzen metatheoretischen Darstellung rationaler Handlungstheorien, setze ich mich intensiv mit den axiomatisch formulierten Grundannahmen (dem harten Kern) der traditionellen RC-Variante auseinander. Dies schließt zwingend eine Darstellung der sogenannten Wert-Erwartungstheorie bzw. der Subjectice-Expected-Utilitiy-Theorie mit ein. Es geht also insgesamt um eine grundsätzliche Standortbestimmung von RC, wie sie Ruth Zimmerling (vgl. 1996: 14-25) fordert.

Dann werde ich drei beispielhafte Anomalien aufzeigen, die auftreten, wenn die klassische RC-Theorie empirisch gefordert wird. Um anschließend zu klären, welche Konsequenzen diese „Widersprüche zwischen Empirie und Paradigma“ (Druwe 1995: 374) aus wissenschaftstheoretischer Sicht haben. Als Grundlage dieser Beurteilung bieten sich einerseits Karl Poppers Falsifikationismus und andrerseits Imre Laktos „Methodologie der Forschungsprogramme“ an. Es wird sich zeigen, dass der RC-Ansatz nach Poppers strengem Wissenschaftsverständnis zu verwerfen ist während Laktos die Möglichkeit der Modifikation sieht und Bedingungen für eine solche nennt.

Abschließend werde ich mich der Frage zuwenden, ob das Bounded-Rationality-Konzept[3] (BR-Konzept), welches „die Einschränkungen betont, denen menschliches Handeln in der Realität unterliegt“ (Holzinger 2002: 86) eine Modifikation des RC-Ansatzes im Sinne Lakatos darstellt. Es soll exemplarisch gezeigt werden, wie hoch die wissenschaftstheoretische Messlatte für eine modifizierte Theorie ist.

2. Die Rational Choice-Theorie

Bevor irgendwelche Anomalien innerhalb der RC-Theorie festgestellt werden können, muss zunächst geklärt werden, was Theorien rationalen Handelns eigentlich annehmen.

Eine Standortbestimmung von RC ist indes nicht ganz einfach. Selbst seinen anerkannten wissenschaftlichen Anhängern ist es bisher nicht gelungen ihre Position nach außen hin präzise zu klären und zu begründen. Es ist also oft nicht deutlich, wo das RC-Programm beginnen und wo es enden soll ( vgl. Zimmerling 1996: 23). Ich werde mich deshalb beim Versuch einer Darstellung der Theorie im Zweifel auf den harten Kern der traditionellen RC-Theorie beschränken, um so eine sichere Grundlage bei der Anomalie-Diskussion zu haben.

Zunächst wende ich mich aber den theoretischen Grundlagen des Ansatzes zu. Es soll gezeigt werden, welchen methodischen Annahmen die RC-Theorie folgt, wenn es um die Erklärung sozialer Makrophänomene geht.

2.1. Die handlungstheoretischen Grundlagen des RC-Theorie

Wie eingangs schon erwähnt, bedienen sich die Theorien Rationalen Handelns des methodologischen Individualismus, wenn es um die Erklärung kollektiver Phänomene[4] geht.

Gemäß dem methodologischen Individualismus sind alle komplexen sozialen Phänomene auf das Handeln individueller Akteure zurückzuführen, zu reduzieren. Hierbei ist also der Einzelne und sein Handeln „unabhängige, d.h. erklärende Variable [...], mit der ein anderes Phänomen, die abhängige Variable, erklärt werden soll“ (Druwe 1995: 276).

Im Zentrum gesellschaftswissenschaftlicher Erklärungen, die auf dem methodologischen Individualismus beruhen, steht also der Akteur. Er bestimmt letztendlich durch sein Verhalten die auf der Makroebene auftretenden Phänomene. Dabei sind der Akteur und sein Handeln jedoch, um das noch einmal deutlich zu machen, niemals das Ziel der Erklärung. „Ausgangspunkt und Ziel sind [...] stets die Strukturen“ (Esser 1999b: 27).

Der RC-Ansatz ist in diesem Sinne eine Handlungstheorie, die gesetzesmäßige Aussagen darüber macht, welche Handlungsalternative ein Akteur unter gegebenen Bedingungen wählen wird. Mit anderen Worten, es geht um die „Logik der Selektion“ (Esser 1999a: 94)[5]. Diese wird durch „die externen objektiven Bedingungen der Situation einerseits und die dem Akteur internen subjektiven Erwartungen und Bewertungen andererseits“ (Esser 1999a: 96) beeinflusst. Die Logik der Selektion ist also immer in Verbindung zur Logik der Situation zu sehen. Die Situation stellt die objektiven Handlungsmöglichkeiten, die Logik der Selektion macht Aussagen darüber, wie der Akteur die einzelnen Handlungsalternativen bewertet und welche Erwartungen er an ihre Durchführung knüpft. Diese Überlegungen sind die Ursache, die Folge daraus ist die bestimmte Handlungswahl. Gemäß handlungstheoretischer Erklärungen entscheidet das Individuum nicht determiniert. Es hat stets die Wahl zwischen mehreren Handlungsalternativen.

Die Handlungstheorie, die also dem Erklärungsprinzip des methodologischen Individualismus folgt, wendet sich gegen sämtliche Erklärungen, die dem Prinzip des methodologischen Kollektivismus folgen[6]. Hier geht man davon aus, es gäbe „irgendwelche ‚Gesetze’ der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung ‚oberhalb’ des Agierens menschlicher Akteure“ (Esser 1999b: 26). Dabei wird aber vergessen, dass soziale Gebilde (Kollektive) an sich keine Veränderungen bewirken. Es ist genau genommen immer der Akteur, der aufgrund seiner subjektiven Situationswahrnehmung und aufgrund seiner Absichten handelnd gesellschaftliche Prozesse in Gang bringt und kollektive Phänomene erzeugt. Kollektivistische Ansätze müssen daher oberflächlich bleiben, sie können soziale Dynamik im Grunde nicht erklären, weil sie ihre Ursache (den Akteur) vernachlässigen. Anders formuliert: „[E]s [gibt] keine Gesetze auf der kollektiven Ebene“ (Esser 1999b: 27).

Weiterhin grenzt sich der methodologische Individualismus vom Psychologismus ab. Dieser vertritt den Standpunkt, dass letztlich die individuellen psychischen Dispositionen das Handeln der Akteure bestimmen. Damit wird die soziale Situation oder die Logik der Situation außer Acht gelassen. Es ist aber eine Kernannahme individualistischer Erklärungen, dass die soziale Situation die Handlungsmöglichkeiten des Individuums vorgibt. Die Situationsgebundenheit des Akteurs ist daher nicht zu vernachlässigen.

Insgesamt ist der methodologische Individualismus, der die Grundlage aller RC-Erklärungen bietet, sowohl Kollektivismus als auch Psychologismus überlegen. Er ist ein Ansatz der „das Tun der Akteure und die Wirksamkeit der Strukturen gleichermaßen ernst nimmt“ (Esser 1999b: 28).

[...]


[1] Z.B.: Spieltheorie, Public Choice (Neue Politische Ökonomie), Social Choice, Entscheidungstheorie etc. (vgl. Braun 1999: 17 sowie Holzinger 2002: 769)

[2] Von Anomalien ist immer dann die Rede, wenn empirische Erwartungen, die aus einem Modell gefolgert werden und empirische Beobachtungen nicht übereinstimmen (vgl. Druwe/Kunz 1998: 8). Der Anomaliebegriff wurde von Thomas Kuhn geprägt.

[3] Das Konzept der Bounded-Rationality (begrenzten Rationalität) wurde von dem Nobelpreisträger der Ökonomie Herbert A. Simon entwickelt. Ich werde mich bei der Darstellung des Ansatzes vor allem an Simons Buch „Homo rationalis“ (1993) orientieren.

[4] Kollektive soziale Phänomene sind das zentrale Arbeitsgebiet der Sozialwissenschaften (der Politikwissenschaft).

[5] Auf eine ausführliche Darstellung des Mehrebenenkonzepts wird in dieser Arbeit verzichtet. Siehe dazu Esser 1999a: 85-102.

[6] Z.B. Parsons oder Eastons Systemtheorie

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Kriterien einer wissenschaftstheoretisch zulässigen Modifikation der Rational Choice-Theorie
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Institut für Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Seminar: Politische Theorie
Note
1,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
21
Katalognummer
V15687
ISBN (eBook)
9783638207362
ISBN (Buch)
9783638758352
Dateigröße
545 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Gutes Beispiel für eine gelungene Hausarbeit. Sowohl in formaler als auch in inhaltlicher Hinsicht. Behandelte Punkte: Rational Choice-Theorie, Bounded Rationality-Konzept, Wissenschaftstheorie, Paradoxien im Rational Choice-Paradigma (Asian-Disease-Paradox usw., Modifikation von Theorien, Wert-Erwartungstheorie, Imre Lakatos, Herbert A. Simon
Schlagworte
Kriterien, Modifikation, Rational, Choice-Theorie, Seminar, Politische, Theorie
Arbeit zitieren
Sven Soltau (Autor), 2003, Kriterien einer wissenschaftstheoretisch zulässigen Modifikation der Rational Choice-Theorie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/15687

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