Ist Grammatikunterricht sinnvoll?

Eine kritische Auseinandersetzung mit den Begründungen für einen umstrittenen Lernbereich im Deutschunterricht


Seminararbeit, 2008

20 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Lernziele und ihre Begründungen
2.1 „Einsicht in den Bau und die Struktur der deutschen Sprache“
2.2 Sprachbewusstheit
2.3 Grammatik als Hilfsfunktion
2.3.1 für das Lernen von Fremdsprachen
2.3.2 für weitere Lernbereiche im Deutschunterricht
2.4 Förderung der Analysefähigkeit und des analytischen Denkens
2.4.1 Allgemeine Fähigkeit
2.4.2 Fähigkeit zur Analyse kommunikativer Handlungen und Texte

3. Gegenpositionen zum Grammatikunterricht
3.1 Fehlender Lebensweltbezug
3.2 Formalismus und Verdinglichung
3.3 Interne Grammatik
3.4 Sprachreflexion als Alternative? Sprachbewusstheit auch ohne Grammatikunterricht?
3.5 Produktion negativer Einstellungen statt Nutzen für die Lernenden

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Grammatikunterricht ist einer der strittigsten und meist diskutierten Lernbereiche im Deutschunterricht. Die Meinungen über ihn gehen weit auseinander.

[Er] […] darf […] (als Teilgebiet der angewandten Sprachwissenschaft) nicht als Spiegel der reinen Sprachwissenschaft gesehen werden, denn er ist beeinflußt von unterschiedlichen, sich wandelnden Bildungszielen des Unterrichts, ganz abgesehen von der Notwendigkeit, wissenschaftliche Theorien pädagogischen Erfordernissen gemäß umzuformen.[1]

Es gibt viele unterschiedliche Begründungen für die Durchführung von Grammatikunterricht.[2] Nach wie vor sehen viele Lehrkräfte den Grammatikunterricht als sehr wichtig für die Ausformung der sprachlichen Bewusstheit, des Sprachverstehens, des Sprachgebrauchs, der Rechtschreibung und Zeichensetzung der Schüler.

Mit seiner Hilfe sollen den Schülern die Strukturen und der Aufbau der deutschen Sprache vermittelt, sowie ihr Bewusstsein für sprachliche Besonderheiten geschärft werden. Um sprachliche Phänomene entdecken und die Sprache reflektieren zu können, sollen die Schüler eine distanzierte, kritische Haltung gegenüber der Sprache einnehmen. Für die Orthographie und andere Bereiche des Deutschunterrichts, sowie das Erlernen anderer Sprachen ist eine gute Kenntnis der Grammatik der Muttersprache hilfreich.

Vielseitig wird der Grammatikunterricht als Bestandteil des Deutschunterrichts kritisiert und die Notwendigkeit der Durchführung angezweifelt. Dieser Lernbereich gilt als sehr trocken und bei Schülern als langweilig. Da nur wenige grammatische Begriffe im aktiven alltäglichen Sprachgebrauch Verwendung finden, wird die Auseinandersetzung mit Grammatik im Unterricht als demotivierend und unnötig empfunden. Zumal auf Grundlage der internen Grammatik Muttersprachler in der Lage sind, Sätze zu bilden, die grammatikalisch korrekt sind, ohne dass sie über die Begrifflichkeiten der einzelnen Bestandteile oder die Bildung dieser Sätze nachdenken müssen. Für Schülerinnen und Schüler lässt die Beschäftigung mit einer externen Grammatik so keinen direkten Gebrauchswert erkennen.

Von vielen wird eine zu starke Orientierung an der lateinischen Grammatik kritisiert, es ist sogar von einem „fremdsprachendidaktische(n) ‚Geburtsfehler’“[3] die Rede.

Ein weiteres Gegenargument, dass der Grammatikunterricht aus rein traditionellen Gründen beibehalten würde, erscheint recht dünn, da eine Legitimation durch Tradition nicht ausreichend ist.

Auf den folgenden Seiten möchte ich die bereits in Auswahl verkürzt genannten Argumente weiter ausführen und gegeneinander abwägen, um schließlich, für mich, ein Fazit ziehen zu können über die Frage: Ist Grammatikunterricht sinnvoll?

2. Lernziele und ihre Begründungen

Die durch den Grammatikunterricht zu erreichenden Lernziele sind meiner Meinung nach die beste Legitimation für diesen Lernbereich.

2.1 „Einsicht in den Bau und die Struktur der deutschen Sprache“

Dieses kulturgüterorientierte Lernziel gehört zu den alten Zielen des Grammatikunterrichts.[5] Die Schulen haben den „Vermittlungsauftrag ‚Weitergeben der Kultur’“[6], der von der Gesellschaft geschätzten Kulturgüter.[7] [4]

Ein generelles Wissen über Grammatik kann man als Teil unserer abendländischen Kultur betrachten und dementsprechend als Lerngegenstand für den Deutschunterricht einfordern, auch wenn dieses Wissen [nach Meinung von Steinig und Huneke] keinen unmittelbaren Nutzen für die Lebenswirklichkeit und Schreibpraxis der Schüler erbringen sollte.[8]

Es sollen nicht Fähigkeiten, sondern Kenntnisse erworben werden, Wissen über die Sprache und ihre Grammatik.[9]

[…] im Bereich unseres Wissens über Sprache […] [signalisiert] eine Nurfunktionalisierung des Grammatikunterrichts auf Transfers in irgendwelche Kompetenzen nicht nur einen verkürzten Sprachbegriff […], sondern auch ein Missverständnis über die kulturellen Verpflichtungen des Deutschunterrichts – die heute wieder unumstritten sind.[10]

Hier geht es darum, dass Schülerinnen und Schüler den Aufbau und das Strukturgeflecht der Sprache kennen und verstehen lernen. Gocht meint hierzu:

Daß Sprache ein System ist, hat Plato genauso gewusst, wie Anselm von Canterbury oder Ludwig Wittgenstein. Überraschend aus pädagogischer Sicht ist vor allem: Seitdem Leonardo da Vinci den menschlichen Körper als anatomisches System dargestellt hat, zweifelt kaum jemand daran, daß die biologische Betrachtung des Menschen legitimer Unterrichtsgegenstand in der Schule ist. Der Grammatikunterricht – als pädagogische Darstellung des Systems Sprache – hat sich bisher kaum mit anthrophogenen Gesichtspunkten legitimiert.[11]

2.2 Sprachbewusstheit

Die Entwicklung und Förderung der Sprachbewusstheit ist ein weiteres Ziel im Grammatikunterricht. Haueis definiert Sprachbewusstheit folgendermaßen: „Sprachbewußtheit ist die Fähigkeit, über seine eigene Sprachkenntnis bewusst zu verfügen und das Sprechen und Schreiben anderer bewusst und differenziert wahrzunehmen.“[12] Dieser Auffassung sind Wolfgang Steinig und Hans-Werner Huneke ebenfalls. Sie sehen Sprachbewusstheit als eine „prozessorientierte Fähigkeit, die es ermöglicht, das Sprechen und Schreiben anderer differenziert und kritisch wahrzunehmen und die Wirkungen und Folgen eigenen Sprachhandelns abschätzen zu können.“[13] Sprachbewusstheit trage zur Aufklärung von Missverständnissen, zum besseren Umgang mit Sprachverwendungsproblemen, zu einem besseren Verstehen von Sprachstrukturen und zur kritischen Einschätzung von sprachlichen Äußerungen bei.[14]

Vordergründig wird hier die Bewusstwerdung von Inhalten sprachlicher Handlungen definiert.

Haueis jedoch sagt weiter, dass sie die Fähigkeit ist, sprachliche Auffälligkeiten zum „Gegenstand der bewußten Reflexion“[15] zu machen, sei es nun beliebig oder systematisch vorgegeben.[16] Damit nimmt er Bezug auf Wygotski, der sagte: „Die Willkürlichkeit in der Tätigkeit ist immer die Kehrseite ihres Bewußtwerdens.“[17]

Andresen und Funke definieren Sprachbewusstheit als „Bereitschaft und Fähigkeit […] sich aus der mit dem Sprachgebrauch in der Regel verbundenen inhaltlichen Sichtweise zu lösen und die Aufmerksamkeit auf sprachliche Erscheinungen als solche zu richten.“[18] Im Gegensatz zu Steinig/Huneke, denen es um den sprachlichen Inhalt geht, wenden sie sich in ihrer Definition zu den sprachlichen Auffälligkeiten.

Wie oben erwähnt betont Eicher die distanzierte Grundhaltung. Über das Wissen über die Eingebundenheit der kommunikativen Zusammenhänge gelangt man zu einem bewussteren Sprachgebrauch und Sprachverstehen.[19]

Auch Ulrich sieht eine Legitimierung des Grammatikunterrichts im Ziel der Schaffung von Sprachbewusstsein. Dieses führe „von einem naiven Sprachgebrauch zu einem bewussten Sprachhandeln“.[20] Er meint: „Sprachbewusstsein befähigt zu einem Sprachhandeln auf höherer Ebene“[21] und „stärkt […] die Fähigkeit, andere zu verstehen.“[22]

Auch auf die Schriftsprache, so Eichler, habe der Grammatikunterricht direkte Auswirkungen, da Schreiben ein bewussteres Sprachverhalten sei.[23] „[…] hier ist sorgfältige, vollständige grammatische Durchkonstruktion, die bewusstere Auswahl der Wörter und Stilmittel möglich und leitend, die Beherrschung der komplexen Syntax notwendig.“[24] Der bewusste Sprachgebrauch würde vor allem durch Nachdenken über Sprache und sprachliche Möglichkeiten gefördert.[25]

[...]


[1] Döhmann 1977, S. 1.

[2] Vgl. Döhmann 1977, S. 1.

[3] Steinig/Huneke 2004, S. 143.

[4] Eichler 1998, S. 236.

[5] Vgl. Eichler 1998, S. 236.

[6] Eichler 1998, S. 236.

[7] Vgl. Eichler 1998, S. 236.

[8] Steinig/Huneke 2004, S. 148.

[9] Vgl. Ader 1976, S. 31.

[10] Eichler 1998, S. 236.

[11] Gocht 1978, S. 199.

[12] Haueis 1989, S. 6.

[13] Steinig/Huneke 2004, S. 159.

[14] Vgl. Steinig/Huneke, S. 159.

[15] Haueis 1989, S. 8.

[16] Haueis 1989, S. 8.

[17] Wygotski 1977, S. 200.

[18] Andresen/Funke 2003, S. 439.

[19] Vgl. Eichler, S. 239.

[20] Ulrich 2001, S. 11.

[21] Ulrich 2001, S. 11.

[22] Ulrich 2001, S. 11.

[23] Vgl. Eichler 1998, S. 241.

[24] Eichler 1998, S. 241.

[25] Vgl. Eichler 1998, S. 241f.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Ist Grammatikunterricht sinnvoll?
Untertitel
Eine kritische Auseinandersetzung mit den Begründungen für einen umstrittenen Lernbereich im Deutschunterricht
Hochschule
Pädagogische Hochschule Heidelberg
Note
1,5
Autor
Jahr
2008
Seiten
20
Katalognummer
V156981
ISBN (eBook)
9783640703425
ISBN (Buch)
9783640703999
Dateigröße
490 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Grammatikunterricht, Eine, Auseinandersetzung, Begründungen, Lernbereich, Deutschunterricht
Arbeit zitieren
Melanie Wieme (Autor:in), 2008, Ist Grammatikunterricht sinnvoll?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/156981

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Titel: Ist Grammatikunterricht sinnvoll?



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