Linksparteien in Italien

Die Entwicklung der Kommunistischen Partei Italiens im 20. Jahrhundert


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003
18 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Themenkonkretisierung

2. Die Erben der PCI: Italiens Linke in den 1990er Jahren
2.1 Das politische System Italiens
2.1.1 Die Erste Republik
2.1.2 Die Zweite Republik
2.2 Der Zerfall der PCI
2.1.3 Historische Entwicklung der PCI
2.1.4 Das Ende der PCI
2.1.5 Die neuen Parteien
2.1.5.1 PDS
2.1.5.2 Von der PDS zur DS
2.2.3.3 Rifondazione Comunista
2.1.6 Die Wahlen von 1992/93
2.3 Die Phase der Bündnissuche
2.1.7 Reform des Wahlsystems
2.1.8 Die ,Alleanza Progressiva’
2.1.9 Das ,Ulivo’ – Bündnis
2.4 Die Phase der Regierung
2.1.10 Die Ergebnisse der Parlamentswahlen von 1994
2.1.11 Die Regierung Romano Prodis
2.1.12 Das Scheitern der Regierung Prodis und die Spaltung der RC
2.1.13 Die Kabinette D`Alema und Amato
2.1.14 Das Ende der linken Regierung: Die Parlamentswahlen 2001

3. Die aktuelle Lage

4. Literaturverzeichnis

1. Themenkonkretisierung

Von den einen verteufelt und zum Inbegriff des Bösen stilisiert, von den anderen wie eine Religion verehrt - an der Kommunistischen Partei Italiens (PCI) schieden sich die Geister der italienischen Bevölkerung. Über 40 Jahre war die PCI die zweitstärkste Partei im Parlament und wurde trotzdem nicht an der Regierung beteiligt. In Anbetracht der sonst so oft belächelten politischen Instabilität auf der Halbinsel mag diese Kontinuität verwundern. Anfang der 1990er Jahre war es auch damit zu Ende: Ein ,Erdbeben’ erschütterte Italiens Parteiensystem, die PCI blieb nicht davon verschont.

Was ist aus der ehemals größten kommunistischen Partei Westeuropas[1] geworden? Dieser Frage soll im Folgenden nachgegangen werden. Ausgehend von einem kurzen Überblick über das politische System, der sich vor allem auf die Rolle der Parteien in Italien konzentriert, und einem Rückblick auf die Geschichte der PCI, wird ihr Zerfall und der Werdegang ihrer Nachfolgeparteien dargestellt werden. Der erste Teil der Untersuchungen beschäftigt sich dabei schwerpunktmäßig mit den innerparteilichen Entwicklungen (siehe: ,2.2 Der Zerfall der PCI’). Der zweite Teil befaßt sich mit den Konsequenzen der Veränderungen, d.h. mit den Erfolgen und Mißerfolgen der Nachfolgeparteien auf der politischen Bühne (siehe: ,2.3 Die Phase der Bündnissuche’ und ,2.4 Die Phase der Regierung’).

Wie schon die Kapitelüberschriften andeuten, beschränken sich diese Untersuchungen auf die staatliche Ebene. Dabei werden erneut Besonderheiten des politischen Systems Italiens, wie z.B. das Wahlverfahren (siehe: ,2.3.1 Reform des Wahlsystems’) Beachtung finden. Was den behandelten Zeitraum betrifft, liegt der Schwerpunkt auf den Jahren unmittelbar nach dem Zerfall der PCI. Es sollte deutlich werden, inwiefern es die Erben der kommunistischen Partei geschafft haben, sich weiterzuentwickeln und politische Erfolge zu erzielen. Die jüngsten Ereignisse, wie die Parlamentswahlen im Jahre 2001 und der Moretti - Skandal, werden in den beiden letzten Kapiteln kurz dargestellt, um den aktuellen Stand der politischen Linken in Italien aufzuzeigen.

2. Die Erben der PCI: Italiens Linke in den 1990er Jahren

2.1 Das politische System Italiens

2.1.1 Die Erste Republik

Die Geburt der sogenannten ,Ersten Republik’ Italiens begann am 2./3. Juni 1946 mit einem von den amerikanischen Besatzungsmächten initiierten Referendum über die zukünftige Staatsform[2]. Dabei sprach sich eine knappe Mehrheit von 54,3% gegen die Monarchie und für die Republik aus. Die ,Assemblea Costituente’, eine verfassungsgebende Versammlung bestehend aus Vertretern verschiedenster politischer Strömungen (Christdemokraten, Sozialisten, Kommunisten und Liberale), erarbeitete schließlich ein Grundgesetz, die ,Costituzione’, welche am 1. Januar 1948 in Kraft trat.

Die italienische Verfassung sieht ein Zweikammernsystem vor, das sich aus dem ,Senato’ und der ,Camera dei Deputati’ zusammensetzt. Die beiden Kammern sind gleichberechtigt. Das Staatsoberhaupt (,Presidente della Repubblica’) übernimmt dabei die Rolle des Vermittlers. Ihm stehen größere Kompetenzen als dem deutschen Bundespräsident zu, er hat aber erheblich weniger Macht als etwa der französische Präsident[3]. Zu den Besonderheiten des italienischen Regierungssystem zählt die Möglichkeit zu einem ,kurzen Weg der Gesetzgebung’ über die sogenannten ,leggine’ und die Verwirklichung der direkten Demokratie im Bereich der Referenda, durch die bestehende Gesetze vom Volk geändert werden können.

Auf der Ebene des Parteiensystems[4] entwickelte sich ab 1947 der sogenannte ,bipartitismo imperfetto’: Die christlich-demokratische Partei DC und die kommunistische Partei stellten die beiden stärksten Kräfte im Parlament, doch wurde die PCI seit 1947 nicht mehr an der Regierung beteiligt, da sie sich laut DC und katholischer Kirche wie die faschistischen Parteien außerhalb des Verfassungsbogens, des ,arco costituzionale’, befände. So konnte die DC in fast 50 Jahren uneingeschränkter Herrschaft das System der ,lottizzazione’, d.h. der Ämterpatronage und des Klientelismus, durchführen. Die zahlreichen Staatsbetriebe, die seit Mussolini Italiens Wirtschaft regulieren, boten ideale Möglichkeiten für die Regierungsparteien, einflußreiche Posten als Wahlgeschenke zu verteilen. Wegen der Parteienherrschaft sprach man in Italien anstatt von ,democrazia’ von ,partitocrazia’.

Nur ein Mal wäre es beinahe zur Zusammenarbeit von DC und PCI gekommen: 1973 bot der damalige Parteisekretär der Kommunistischen Partei, Enrico Berlinguer, den Christdemokraten einen ,historischen Kompromiss’ (,compromesso storico’) an[5]. Da jedoch der einzige dafür offene DC – Politiker, Aldo Moro, von Terroristen entführt und getötet wurde, konnte eine Kooperation der beiden Großparteien nicht zustande kommen.

2.1.2 Die Zweite Republik

Anfang der 1990er Jahre erfuhr das politische System Italiens deratig viele Umbrüche, daß man von der Geburt der Zweiten Republik sprach.

Die bedeutendsten Veränderungen ereigneten sich in der Parteienlandschaft[6]: Auf der einen Seite zerfielen die traditionellen Parteien in kleine Splittergruppen, auf der anderen Seite tauchten neue politische Bewegungen auf und gewannen an Einfluß.

Während 1991 das Ende der PCI bekanntgegeben wurde und zwei neue Parteien ihr Erbe antraten, begannen einige Mailänder Staatsanwälte, gegen ,tangentopoli’ vorzugehen und läuteten Gerichtsverfahren gegen die Parteifunktionäre der DC und der Sozialistischen Partei PSI ein. Die Parteien erholten sich nicht von dem Skandal und brachen schließlich ebenfalls auseinander. Die lange Herrschaft der DC war beendet. Neue politische Bewegungen, wie die 1991 unter Umberto Bossi gegründete Lega Nord oder der 1994 von Silvio Berlusconi ins Leben gerufene Verein ,Forza Italia’, verdrängten die traditionellen Parteien.

Hinzu kamen die einschneidenden Veränderungen des politischen Systems (vorwiegend im Bereich des Wahlsystems), die durch eine Welle von Referenda unter der Initiative von Mario Segni angeregt wurden. Diese machten es für die Parteien notwendig, Wahlbündnisse einzugehen.

Die im Folgenden dargestellte Entwicklung der ehemaligen Massenpartei PCI zu kleineren, sich immer wieder neu konstituierenden Formationen, die sich zu verschiedenen Wahlbündnissen zusammenschließen, ist beispielhaft für die Entwicklung des italienischen Parteiensystems der 1990er Jahre.

2.2 Der Zerfall der PCI

2.2.1 Historische Entwicklung der PCI

Die Geschichte der PCI begann in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts, als unter den Arbeitern aus dem industrialisierten Norden Italiens sozialistisches Gedankengut Verbreitung fand. Am 21. Januar 1921 formierten sie sich unter der Führung von Antonio Gramsci zu einer eigenständigen Partei, der Partito Comunista d`Italia. Unter der faschistischen Herrschaft wurde die Partei verboten, arbeitete aber im Untergrund weiter und war maßgeblich an der Widerstandsbewegung gegen die Faschisten, der ,resistenza’, beteiligt.[7]

1944 ereignete sich die sogenannte ,Svolta di Salerno’: Palmiro Togliatti, der Nachfolger Gramscis, benannte die Partei in ,Partito Comunista Italiano’ um und verkündete die Transformation zur Massenintegrationspartei. Man wollte sich einer breiteren Bevölkerungsschicht öffnen und verabschiedete sich von dem Ziel, die Gesellschaft durch eine Revolution zu verändern.

Von 1944 bis 1947 war die PCI an der Regierung beteiligt und spielte eine tragende Rolle bei der Ausarbeitung der neuen Verfassung. Auf Raten der USA und des Papstes schloß der damalige Ministerpräsident De Gasperi jedoch die PCI bei seiner zweiten Regierungsbildung aus. Es begann die lange Phase der Isolation für die Kommunistische Partei. Selbst ihre ideologische Veränderung weg vom ,Stalinkult’ und dem Sozialismus der Sowjetunion hin zu einem sogenannten Eurokommunismus überzeugte die DC nicht, den oben erwähnten ,compromesso storico’ einzugehen.

Als Achille Occhetto 1988 zum neuen Führer der Partei gewählt wurde, kündigte er eine radikale Reform der PCI an, die sich seit dem Tod ihres ehemaligen Parteisekretärs Enrico Berlinguers in einer Krise befand[8]. Der Fall der Berliner Mauer im darauffolgendem Jahr katalysierten die von ihm geplanten Veränderungen, sich von der kommunistischen Ideologie zu verabschieden und die Ideen der Französischen Revolution zu den künftigen Leitlinien der Partei zu machen. Da ein beträchtlicher Teil der Parteimitglieder nicht mit den Plänen Occhettos einverstanden war, kam es 1991 zum Zerfall der PCI.

[...]


[1] Die Partei galt mit knapp 2 Millionen Mitglieder als die bedeutendste kommunistische Partei Westeuropas. Vgl. Helmut Drüke: Italien. Wirtschaft – Gesellschaft – Politik, Opladen 1986, S. 149.

[2] Die Erläuterungen zum politischen System Italiens orientieren sich an Drüke: Italien, Kapitel ,Politik’, S.123 – 169.

[3] Zur aktuellen Diskussion um die Erweiterung der Machtkompetenz siehe z. B. Claudio Rinaldi: Dio ci scampi dalla Grande Riforma, in: Espresso, 2/2003, S.11.

[4] Die Erläuterungen zum Parteiensystem der Ersten und Zweiten Republik beziehen sich auf Hubert Iral (Hg.): Handbuch der politischen Parteien in Europa, München 2001, Abteilung ,Italien’, S. 5f.

[5] Vgl. Paolo Carusi: I partiti politici italiani dall` unità ad oggi, Roma 2001, S. 155f.

[6] Vgl. James Newell/ Martin Bull: Party Organizations and Aliances in Italy in the 1990s: A Revolution of Sorts, in: West European Politics, 1/1997, S. 81-109, S. 83-95.

[7] Die folgende Darstellung der historischen Entwicklung orientiert sich an: Iral (Hg.): Handbuch der politischen Parteien, Abteilung ,Italien/ Democratici di Sinistra’, S. 2-4.

[8] Vgl. Giuseppe Chiarante: Da Togliatti a D`Alema. La tradizione dei comunisti italiani e le origini del Pds, Roma 1996, S. 187.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Linksparteien in Italien
Untertitel
Die Entwicklung der Kommunistischen Partei Italiens im 20. Jahrhundert
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Note
1,3
Autor
Jahr
2003
Seiten
18
Katalognummer
V157205
ISBN (eBook)
9783640701872
ISBN (Buch)
9783640702312
Dateigröße
476 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Likspartei, Italien, Linke, PCI, kommunistische Partei, Ulivo, Prodi, D'Alema, Rifondazione Comunista, Amato, Regierung, Partei, DS
Arbeit zitieren
Franziska Knogl (Autor), 2003, Linksparteien in Italien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/157205

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Linksparteien in Italien


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden