Die Liebesdarstellung bei Veldekes Eneasroman und im "Roman d’Eneas" am Beispiel der Didohandlung


Seminararbeit, 2010

16 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Vergleich der Liebesdarstellung in der Didoepisode des Roman d’Eneas und Veldekes Eneasroman
2.1 Der Liebeszauber
2.2 Didos Minnequal
2.3 Der Jagdausflug
2.4 Die Konsequenzen der Liebesvereinigung
2.5 Eneas Abfahrt und Didos Klage und Zorn

3 Zusammenfassung

4 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Der Eneasroman[1] (=ER) von Heinrich von Veldeke entstand um 1170. Als Vorlage diente vermutlich eine Handschrift des Roman d’Eneas[2] (=RdE), dessen Verfasser unbekannt ist, von welchem man jedoch annimmt, dass er ein gebildeter Kleriker war. Der franzosische Roman wurde um 1160 abgefasst und stutzt sich hauptsachlich auf Vergils Aeneis[3] Der RdE stellte seinerzeit durch die Vermittlung von Wissen aus der Antike eine wichtige Informationsquelle dar. Mit seiner Ubersetzung begrundete Veldeke die Tradition des hofischen Romans in Deutschland.[4] Die beiden Eneasromane nehmen eine Sonderstellung zwischen der alten Heldendichtung, die ihren Stoff aus der matiere de Rome bezieht, und dem hofischen Roman, der die matiere de Bretagne als stoffliche Grundlage hat, ein.[5]

Vergil bediente sich bei seinem Roman der damals ublichen Methode der ordo artificialis, er beginnt also mit seiner Erzahlung gleich mitten im Geschen und geht erst spater auf die Vorgeschichte ein. Die beiden mittelalterlichen Dichter orientieren sich am tatsachlichen chronologischen Ablauf der Geschehnisse, halten also eine ordo naturalis ein.[6]

Die mittelalterlichen Eneas-Dichtungen widmen sich besonders stark der Darstellung der Liebesmonologe, der Beratungsszenen und der Kampfhandlungen, wahrend bei Vergil die Darstellung von Liebe noch eine sehr untergeordnete Rolle spielte. Die Liebestragodie um Dido wurde vom franzosischen Dichter beibehalten, wird von diesem jedoch in Anlehnung an Ovids ars amatoria und den Metamorphosen stark erweitert. Die Minnehandlung um Eneas und Lavinia existiert in der Vergilschen Vorlage noch nicht, sondern wird erst im RdE neu eingefuhrt. Die gravierendsten Anderungen und Abweichungen von Vergils Aeneis finden sich also in der Funktion und Darstellung der Liebesthematik[7]. Bezuglich Inhalt, Struktur und Konzeption unterscheidet sich der ER nicht wesentlich von seiner franzosischen Vorlage. Dennoch setzt Veldeke einige neue Akzente beispielsweise dadurch, wie er die Liebesbeziehungen gestaltet und bewertet.[8]

In dieser Arbeit soll die Darstellung der Liebe in den beiden Eneasromanen behandelt werden. Zu diesem Zweck werden die wichtigsten Etappen der Dido- Episode im ER und im RdE herausgegriffen und deren Unterschiede und Gemeinsamkeiten herausgearbeitet. Im Schlusskapitel sollen unter anderem mogliche Grunde Veldekes fur seine Anderungen im Vergleich zur franzosischen Vorlage diskutiert werden.

2 Vergleich der Liebesdarstellung in der Didoepisode des Roman d’Eneas und Veldekes Eneasroman

2.1 Der Liebeszauber

In beiden Romanen entsteht die Liebe der Dido zu Eneas aufgrund von auGerer Einwirkung und resultiert nicht aus dem eigenen Gefuhl heraus. Dieser Eingriff in die Emotionen von Dido wird bei Veldeke allerdings anders dargestellt als beim Franzosen. Bei Veldeke beruhrt Venus, Eneas Mutter, Ascanius Mund „mit ir fure“[9] und verleiht diesem somit eine Zauberkraft, die bewirken soll, dass sich derjenige, der ihm als erstes einen Kuss gibt, heftig verliebt. Nicht der Kuss lost also den Liebeszauber aus, sondern erst der Kontakt „mit der minnen fure“ (ER V. 819). Als Dido Ascanius kusst, wird in ihr, wie von Venus vorherbestimmt, „der minnen fur“ (ER V. 833) fur Eneas enfacht. Dass sie sich nicht in Ascanius, den sie ja kusst, verliebt, erklart sich durch die mittelalterliche Minnelogik, die beinhaltet, dass immer Personen von gleichem Wert, wie beispielsweise Schonheit, Rang, Klugheit, zueinander finden. Dido, die von Veldeke als Frau von groGem „wistum“ (ER V. 809), „richtum“ (ER V. 809) sowie als „mare“ (ER V. Stefanie Reichhart - Die Liebesdarstellung bei Veldeke und im Roman d’Eneas am Beispiel der 731) und „wol geschaffen w!b“ (ER V. 1700) beschrieben wird, fuhlt sich zwangslaufig zu Eneas hingezogen, der mehrfach als „vil schone man" oder „mare“ bezeichnet wird (ER V. 695; ER V. 726, ER V. 835, ER V. 842) und somit in der sie umgebenden Gesellschaft ihr Pendant darstellt. In Verbindung mit Cupidos Fackel, die dieser ihr an ihr durch Venus’ Pfeil verwundetes Herz halt, leidet sie von nun an groGe Qualen, physischer und psychischer Art. Eneas bleibt vom Liebeszauber vollig unberuhrt und merkt, da er selbst emotional vollig unbeteiligt ist, lange nichts davon, dass „im frouwe D!do was so unmazl!chen holt" (ER V. 850). Die Beziehung zwischen Eneas und Dido ist also von Anfang an von Einseitigkeit gepragt.

Anders als im ER sind im RdE sowohl Dido als auch Eneas vom Liebeszauber infiziert, da beide Ascanius kussen und dadurch das „mortel poison" (RdE V. 811) trinken, das die Liebe in ihnen entflammt. Jedoch kusst ihn Dido viel haufiger als Eneas („tant a la reine entendu a lui baiser, que tot nuiz fu“ (RdE V. 823f.) und ist starker vom Liebeszauber betroffen, da sie mehr Gift aufnimmt. Das Gift beginnt sogleich seine Wirkung bei ihr zu entfalten; worauf „le cuer li esprent" (RdE V. 814). Wahrend im ER Dido Ascanius nur einmal zuruckhaltend kusst, beschreibt der Franzose Didos maGlose Kusswut, die andauert „que tot nuiz fu et que termes fu de soper“ (RdE V. 824f.).[10]

In beiden Romanen wird das tragische Ende, das der Liebeszauber nach sich zieht, mehrfach vorausgedeutet. Veldeke weist in V. 749 bereits darauf hin, dass Dido ihr Leben verlieren wird, da ihre Liebe zu groG ist und in keinem Verhaltnis zu der Eneas steht (ER V.750f.; ER V. 802f.) und auch der Franzose spricht von einer „mortel ivrece" (RdE V. 821).

[...]


[1] Heinrich von Veldeke, Eneasroman. Mhd./Nhd., nach dem Text v. Ludwig Ettmuller ins Nhd. Ubersetzt, mit einem Stellenkommentar u. einem Nachwort v. Dieter Kartschoke, Stuttgart 1986 (Universal-Bibliothek 8303). S. 872

[2] Le Roman d’Eneas, ubersetzt und eingeleitet v. Monica Scholer-Beinhauer; Munchen 1972 (Klassische Texte des romanischen Mittelalters 9).

[3] Vgl. Lienert, Elisabeth, Deutsche Antikenromane des Mittelalters, Berlin 2001 (Grundlagen der Germanistik 39). S. 73.

[4] Vgl. Le Roman d’Eneas, ubersetzt und eingeleitet v. Monica Scholer-Beinhauer, S. 8.

[5] Vgl. Kasten Ingrid, Herrschaft und Liebe. Zur Rolle und Darstellung des ,Helden' im Roman d'Eneas und in Veldekes Eneasroman, in: Deutsche Vierteljahresschrift 62 (1998), S. 227-245; S. 227.

[6] Vgl. Heinrich von Veldeke, Eneasroman. Mhd./Nhd., S. 872.

[7] Vgl. Heinrich von Veldeke, Eneasroman. Mhd./Nhd., S. 870.

[8] Vgl. Lienert, Elisabeth, Deutsche Antikenromane des Mittelalters, S. 78.

[9] Heinrich von Veldeke, Eneasroman. Mhd./Nhd., V. 809.

[10] Vgl. Quint, Josef, Der Roman d’Eneas’ und Veldekes ,Eneit’ als fruhhofische Umgestaltung der ,Aeneis’ in der ..Renaissance" des 12. Jahrhunderts. In: ZfdPh. 73 (1954) S. 241-267. S.255

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Details

Titel
Die Liebesdarstellung bei Veldekes Eneasroman und im "Roman d’Eneas" am Beispiel der Didohandlung
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
16
Katalognummer
V157358
ISBN (eBook)
9783640765881
ISBN (Buch)
9783640766260
Dateigröße
459 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Eneasroman, Dido, Roman d'Eneas, Veldeke
Arbeit zitieren
Stefanie Reichhart (Autor), 2010, Die Liebesdarstellung bei Veldekes Eneasroman und im "Roman d’Eneas" am Beispiel der Didohandlung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/157358

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