Untersuchung ausgewählter Theorien zu den Beziehungen zwischen Staat und Nonprofit-Organisationen

Überprüfung ihrer Aussagekraft hinsichtlich der Beziehungen zwischen deutschen Nonprofit-Organisationen in den Bereichen Gesundheit und Soziale Dienste und dem Staat


Hausarbeit, 2006
21 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Ausgewählte Theorien zu den Beziehungen zwischen Staat und Nonprofit-Organisationen
Weisbrods Heterogenitätsthese
Hauptaussagen der Theorie von Weisbrod
Empirische Überprüfung der Theorie durch Salamon/Anheier
Salamons Theorie des „Third-Party-Government“
Hauptaussagen der Theorie von Salamon
Empirische Überprüfung der Theorie durch Salamon/Anheier
Die Institutionelle Theorie auf der Grundlage von Esping-Andersens Wohlfahrtsstaatmodellen
Hauptaussagen der Institutionellen Theorie
Empirische Überprüfung der Theorie durch Salamon/Anheier

Die Beziehungen zwischen deutschen Nonprofit-Organisationen in den Bereichen Gesundheit und Soziale Dienste und dem Staat

Die Entwicklung des dualen Systems der Wohlfahrtspflege in Deutschland
Beurteilung der Theorien in Bezug auf das duale System der Wohlfahrtspflege in Deutschland
Beurteilung der Heterogenitätsthese
Beurteilung der Theorie des „Third-Party-Government“
Beurteilung der Institutionellen Theorie

Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Entwicklungsmodelle des Nonprofit-Sektors nach Salamon/Anheier

Abb. 2: Empirische Überprüfung der Entwicklungsmodelle des Dritten Sektors

Einleitung

In der vorliegenden Hausarbeit sollen die Beziehungen zwischen Staat und Nonprofit- Organisationen, die in den Bereichen Gesundheit und Soziale Dienste tätig sind, untersucht werden. Eine Einschränkung des Themas auf diesen Bereich der Wohlfahrtspflege wird vor- genommen, da die verschiedenen Bereiche des Nonprofit-Sektors für eine einheitliche Be- trachtung zu unterschiedlich sind und es generell schwer fällt, von dem „einen“ Nonprofit- Sektor zu sprechen. Finanzierung, Struktur, Personal und andere Merkmale unterscheiden sich in den einzelnen Bereichen wie Gesundheit, Sport und Kultur zu stark, um von einem einheit- lichen Sektor sprechen zu können.

Im ersten Teil der Hausarbeit werden drei ausgewählte Theorien untersucht, die die historische Entwicklung der Theorien selbst - von einem Konkurrenzmodell zwischen Staat und Nonprofit-Organisationen über ein Interdependenzmodell der beiden Akteure bis hin zu einer national und historisch differenzierenden Institutionellen Theorie - und ihres Verständ- nisses der Beziehungen zwischen Staat und Nonprofit-Organisationen veranschaulichen. Die- se Theorien beziehen sich nicht spezifisch auf den Bereich der Wohlfahrtspflege, sondern sprechen vom gesamten Nonprofit-Sektor, haben teilweise aber dennoch starken Fokus auf den genannten Bereich. Zu jeder Theorie werden außerdem die Ergebnisse einer empirischen Untersuchung von Salamon/Anheier herangezogen (Salamon/Anheier 1997).

Im zweiten Teil sollen diese Theorien auf ihre Aussagekraft bezüglich des Verhältnis- ses zwischen den deutschen Nonprofit-Organisationen, welche in den Bereichen Gesundheit und Soziale Dienste tätig sind, und dem deutschen Staat betrachtet werden. Eine Einschrän- kung auf die Bereiche Gesundheit und Soziale Dienste wird erneut vorgenommen, da es sich hier im Gegensatz zu Bereichen wie Sport und Kultur in Deutschland um sehr staatsnahe und hoch subventionierte Bereiche des Nonprofit-Sektors handelt (Salamon/Anheier 1996). Zum Verständnis dieser Beziehungen soll ein historischer Überblick gegeben werden, wie sich das heutige „duale“ System (Sachße 1995, 135) in Deutschland in den Bereichen Gesundheit und Soziale Dienste ausbilden konnte.

Ausgewählte Theorien zu den Beziehungen zwischen Staat und Nonprofit-Organisationen

Weisbrods Heterogenitätsthese

Hauptaussagen der Theorie von Weisbrod

Der Ökonom Weisbrod geht bei seiner Erklärung der Beziehungen zwischen Staat und Nonprofit-Organisationen von einem kombinierten Markt- und Staatsversagen bei der Bereit- stellung von Kollektivgütern aus (weshalb die Theorie an anderen Stellen auch als „Markt- versagens-/Staatsversagenstheorie“ bezeichnet wird; Salamon/Anheier 1997b, 217):

Kollektivgüter zeichnen sich dadurch aus, dass sie erstens von unzähligen Konsumen- ten genutzt werden können, ohne sich zu erschöpfen, und zweitens auch von Konsumenten genutzt werden können, die nicht für dieses Gut bezahlt haben (In den Wirtschaftswissen- schaften wird für diese Art von Gütern zumeist der Begriff „Öffentliche Güter“ verwandt. Hier wird jedoch der Begriffswahl der hier verwendeten Autoren gefolgt). Daraus folgt das Problem des „Trittbrett-Fahrens“, der Nutzung eines Kollektivgutes, wie zum Beispiel der nationalen Sicherheit, ohne dafür bezahlen zu müssen (Weisbrod 1977, 1).

Die Herstellung der Kollektivgüter ist daher für private Produzenten, die nach Gewin- nen streben, ohne Anreiz und wird daher meist vom Staat übernommen. Die Kosten können über Steuern auf die Steuerzahler verteilt werden und dadurch werden im modernen Wohl- fahrtsstaat auch Nicht-Kollektivgüter wie öffentliche Schulen, Kindergärten, Museen, Kran- kenhäuser und Schwimmbäder finanziert.

Weisbrod verweist hier bereits kritisch auf die bestehende Sichtweise eines Zwei- Sektoren-Modells, welches den Staat zur einzigen Alternative zum Markt bei der Bereitstel- lung von Kollektivgütern erklärt und macht darauf aufmerksam, dass auch der dritte Sektor „a third sector, the nongovernmental, not-for-profit sector“ (Weisbrod 1977, 1) bedeutende Bei- träge zur Bereitstellung von Kollektivgütern leistet .

Unter Bezugnahme auf die „Ökonomische Theorie der Demokratie“ von Anthony Downs, zeigt Weisbrod, dass Art und Umfang der Bereitstellung von Kollektivgütern von politischen Wahlen und des dabei zum Ausdruck gebrachten Wähler-Willens, des - Weisbrod geht stark vom US-amerikanischen System aus - „Median-Wählers“ abhängen (Weisbrod 1977, 53). Die Folge ist, eine Vernachlässigung der Bedürfnisse von Randgruppen. So kommt es zusätzlich zum Marktversagen auch noch zu einem teilweisen Staatsversagen bei der Ver- sorgung der Bevölkerung mit speziellen Kollektivgütern. Nonprofit-Organisationen stellen in diesem Falle die Lösung des Problems dar, sie können die unbefriedigten Bedürfnisse der Bevölkerung erfüllen. Einerseits können sie sich auf spezielle Güter spezialisieren, da sie un- abhängig vom politischen Prozess der Wahlen sind, andererseits können sie die Güter durch ihre Ressourcen wie Spenden und ehrenamtliche Arbeit meist billiger produzieren als der Markt. So erklärt Weisbrod die Entstehung und Existenz der Nonprofit-Organisationen.

Weisbrod erklärt den unterschiedlich ausgeprägten Umfang des Nonprofit-Sektors in verschiedenen Ländern schließlich folgendermaßen: In Ländern mit einer eher heterogenen Gesellschaft - bezogen auf Religion, Ethnie, Wohlstand, Bildung u. ä. - ist auch die Präfe- renzstruktur der Bevölkerung sehr heterogen beschaffen. Durch die Orientierung der Versor- gung der Bevölkerung mit Kollektivgütern am Median-Wähler wird dadurch ein sehr großer Teil der Bedürfnisse der Menschen außer Acht gelassen oder es wird sogar nur auf eine Grup- pe eingegangen (Weisbrod 1977, 56). Die Versorgung mit Kollektivgütern wird deshalb von Nonprofit-Organisationen übernommen; die Größe des Nonprofit-Sektors ist also von der Heterogenität der Präferenzstruktur einer Gesellschaft abhängig (Weisbrod 1977, 61).

In Ländern mit eher homogener Bevölkerungsstruktur ist danach auch die Präferenz- struktur eher homogen beschaffen. Durch Bezugnahme auf die Bedürfnisse des Median- Wählers wird dadurch ein größerer Teil an Bedürfnissen abgedeckt als in heterogenen Gesell- schaften und der Bedarf an Unterstützung durch Nonprofit-Organisationen ist gering. Der Zusammenhang zwischen Bevölkerungsstruktur und Präferenzstruktur wird von Weisbrod u. a. durch Ausprägungen des Steuersystems eingeschränkt. In dieser Arbeit wird jedoch nur auf den grundlegenden Gedanken Weisbrods Bezug genommen.

Nach Ansicht von Weisbrod ergänzen Nonprofit-Organisationen somit nur die staatli- che Funktion der Kollektivgüterherstellung und bügeln das gemeinsame Versagen von Markt und Staat wieder aus; er spricht ihnen nur die Qualität einer „ ‚second best‘ solution“ zu (Weisbrod 1977, 60). Oder wie Zimmer bemerkt: Weisbrod weise Nonprofit-Organisationen die Funktion eines „Lückenbüßers“ zu (Zimmer 1996, 175). Dies bedeutet, dass der Nonpro- fit-Sektor nur bei einem schwach ausgeprägten Wohlfahrtsstaat von hoher Bedeutung ist. Un- ter einem Ausbau des Wohlfahrtsstaates jedoch würde der Nonprofit-Sektor in dieser Betrach- tung wieder an Bedeutung verlieren.

Empirische Überprüfung der Theorie durch Salamon/Anheier

Im Rahmen der Ergebnisse des Johns Hopkins Comparative Nonprofit Sector-Projekts, wel- ches 1990 die erste internationale empirische Untersuchung des Nonprofit-Sektors, seines Umfanges und seiner Beschaffenheit in verschiedenen ausgewählten Ländern darstellte, un- tersuchten Salamon/Anheier folgende Hypothesen, die aus der Heterogenitätsthese abgeleitet wurden (Salamon/Anheier 1997b, 217ff):

1. Je größer die Heterogenität der Bevölkerung, desto größer ist der Nonprofit-Sektor.
2. Je höher die staatlichen Sozialausgaben, desto kleiner ist der Nonprofit-Sektor.
3. Je größer die Heterogenität der Bevölkerung, desto größer ist der Anteil privater Spenden an den Gesamteinkünften des Nonprofit-Sektors.

Ihre Ergebnisse waren:

Zu 1.: „Allgemein kann gesagt werden, daß mit zunehmender ethnischer und sprachlicher Heterogenität eines Landes der Umfang des Nonprofit-Sektors, ausgedrückt in Vollzeitbe- schäftigung als Teil der Gesamtbeschäftigung, zunimmt.“ (Salamon/Anheier 1997b, 232) Bei einer zusätzlichen Heranziehung der ehrenamtlichen Arbeit verstärke sich dieses Bild. Die grundlegende Hypothese Weisbrods konnte also bestätigt werden.

Zu 2.: Die zweite Hypothese konnte laut Salamon/Anheier zwar in den Grundzügen bestä- tigt werden (Salamon/Anheier 1997b, 233), jedoch nur unter der Berücksichtigungen einiger Anomalien: Frankreich und Deutschland haben jeweils trotz relativ hoher staatlicher Sozial- ausgaben dennoch auch einen relativ großen Nonprofit-Sektor vorzuweisen, obwohl zu erwar- ten gewesen wäre, dass dieser nur schwach ausgeprägt ist. Denn bei hohen Sozialausgaben sollte der Nonprofit-Sektor seine Lückenbüßer-Funktion verloren haben. Bei Japan hingegen sind der Nonprofit-Sektor und die staatlichen Sozialausgaben gleichermaßen nur schwach ausgeprägt. Ob bei diesen Beobachtungen noch von einer Bestätigung der Hypothese gespro- chen werden kann, ist meiner Meinung nach fraglich.

Zu 3.: Auch die dritte Hypothese kann nach Salamon/Anheier bestätigt werden, „obwohl eine Reihe von Ländern - Italien, Deutschland, Frankreich sowie Großbritannien, Schweden und die USA - diesem Modell nicht in allen Aspekten entspricht“ (Salamon/Anheier 1997b, 233). Bei einer Untersuchungseinheit von lediglich acht Ländern scheinen mir diese gehäuf- ten Anomalien gegen eine Bestätigung der Hypothese zu sprechen.

[...]

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Details

Titel
Untersuchung ausgewählter Theorien zu den Beziehungen zwischen Staat und Nonprofit-Organisationen
Untertitel
Überprüfung ihrer Aussagekraft hinsichtlich der Beziehungen zwischen deutschen Nonprofit-Organisationen in den Bereichen Gesundheit und Soziale Dienste und dem Staat
Hochschule
Universität Konstanz
Veranstaltung
Profilkurs Organisationssoziologie: Nonprofit-Organisationen
Note
1,7
Autor
Jahr
2006
Seiten
21
Katalognummer
V157560
ISBN (eBook)
9783640706808
ISBN (Buch)
9783640707034
Dateigröße
468 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Organisationssoziologie, Nonprofit-Organisationen, Gesundheitswesen, Dritter Sektor
Arbeit zitieren
Isabel Meyer (Autor), 2006, Untersuchung ausgewählter Theorien zu den Beziehungen zwischen Staat und Nonprofit-Organisationen , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/157560

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