Das Rote Wien - Die Gemeindebauten als ein „Versailles der Arbeiter“


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009

32 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Wohnelend und Wohnungsnot als Grundlage für den sozialen Wohnungsbau des Roten Wiens

3. Das kommunale Wohnungsbauprogramm des Roten Wiens

4. Die Gemeindebauten als ein „Versailles der Arbeiter“
4.1 Der Metzleinstaler-Hof
4.2 Der Jakob-Reumann-Hof
4.3 Der Karl-Marx-Hof

5. Die Werkbundsiedlung – Wirtschaftlichkeit auf engstem Raum
5.1 Der Wohnblock von André Lurcat in der Veitingergasse 87/89/91/
5.2 Das freistehende Wohnhaus von Josef Frank in der Woinovichgasse

6. Schlussbemerkung

7. Literaturverzeichnis

8. Abbildungsverzeichnis

9. Abbildungen

1. Einleitung

Was versteht man unter dem Roten Wien? Als Rotes Wien wird der Zeitraum zwischen 1918 und 1934 bezeichnet, in der die Stadt von der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP) regiert wurde. Das Hauptaugenmerk ihrer Politik lag dabei im Wohnungs- und Sozialbereich. Sie nahmen sich zum Ziel, die zum größten Teil sehr elende Lebenskultur der Mehrheit der Stadtbevölkerung zu verbessern und eine eigenständige „proletarische Kultur“ als Gegenentwurf zu der bürgerlichen Gesellschaft zu entwickeln.[1] Keine Stadtverwaltung hat dabei in den Jahren zwischen den beiden Weltkriegen die Aufmerksamkeit der ganzen Welt so sehr auf sich gezogen wie die von Wien. Das Werk, welches diese Beachtung hervorrief, war buchstäblich ein Aufbauwerk: der drückenden wirtschaftlichen Lage zum Trotz, ließ die Gemeinde in nur 15 Jahren 63.000 neue Wohnungen entstehen. Durch sie kamen erstmals viele Menschen in den Genuss einer Wohnung mit eigenem Bett, ausreichender Belüftung, Belichtung, einem WC und mit einem eigenem Gas- und Wasseranschluss, die sogar noch bezahlbar war.

Auf den folgenden Seiten soll, aufbauend auf das zuvor herrschende Wohnelend in der Stadt, das kommunale Wohnbauprogramm, der daraus resultierende Bau monumentaler Wohnanlagen sowie auch der eher dezentrale Siedlungsbau, der speziell in der Werkbundsiedlung sein Aushängeschild besitzt, eingehend veranschaulicht werden.

2. Wohnelend und Wohnungsnot als Grundlage für den sozialen Wohnungsbau des Roten Wiens

Bereits Ende des 19. Jahrhunderts waren Wohnungsnot und Obdachlosigkeit in Wien, einer Stadt deren Bevölkerungszahl immer mehr zunahm, ein großes Problem.

Zwar hatte der christlich-soziale Bürgermeister Dr. Karl Lueger während seiner Amtszeit bis 1910 Wien in verkehrstechnischer, infrastruktureller und kommunaler Hinsicht zu dem Status einer modernen Großstadt verholfen, doch seine Politik zielte in Richtung kleinbürgerlichen Mittelstand und ging zunehmend auf Kosten der sozial Schwachen. Einerseits sprach man vom so genannten „Gemeindesozialismus“ der Ära Lueger[2], doch andererseits erfolgte die Wohnungsproduktion und Wohnungserhaltung nach rein privatkapitalistischen Kriterien, welche auf einen kurzfristigen und maximalen Profit ausgerichtet waren.

So war eine kleine und schlecht ausgestattete Wohnung, im Vergleich zum Wohnwert und im Verhältnis zu größeren Wohnungen, mit einem deutlich höheren Mietzins belastet.

Oftmals mussten Arbeiter und Angestellte ein Fünftel bis ein Viertel ihres Monatslohns für den jeweiligen Mietzins ausgeben. Die Wohnungen hingegen erfüllten noch nicht einmal die geringsten gesundheitlichen Ansprüche. Für ihre kleinen und schlecht ausgestatteten Wohnungen mussten Arbeiter und Angestellte im Verhältnis zu ihrem Einkommen, weitaus mehr zahlen, als die wohlhabenden Bürger für ihre großen Wohnungen.[3] Wolfgang Speiser schrieb dazu folgendes:

„Vor allem in den Arbeiterbezirken außerhalb des Gürtels herrschten die furchtbarsten Zustände. In Tausenden Kellerwohnungen tropfte das Wasser von den Wänden. In den meisten großen Zinskasernen waren enge Zimmer-Küche-Gang-Wohnungen um einen lichtlosen Gang gruppiert, auf dem es für mehrere Hausparteien eine gemeinsame Toilette und eine Wasserleitung, die sogenannte Bassena gab. Noch 1917 hatten 92% der Wiener Wohnungen kein eigenes Klosett 95% keine eigene Wasserleitung. Die Arbeiterhäuser brachten den Hausherren eine hohe Verzinsung ihres Kapitals und wurden mit kleinsten Wohnflächen (im Durchschnitt 20qm) gebaut. Der Mietzins für diese Wohnhöhlen verschlang ein Viertel des Arbeiterlohns.“[4]

Aus diesem Grund wurden oftmals Untermieter und Bettgeher aufgenommen.[5]
Ca. 58% der Arbeiter hatten kein eigenes Bett, viele Familien nur eine Wohnküche. Gas sowie elektrisches Licht waren sehr selten.

Ein typisches Wohnmodell war bis nach Ende des Ersten Weltkrieges das der Gangküchenhäuser. (siehe Abb. 1) Hier waren die Wohnungen, bestehend aus einem Zimmer und Küche, aneinander an einen Innengang gereiht. Da auch die Fenster zu diesem Gang hinausgingen, fiel weder direktes Licht in den Wohnraum, noch war eine ausreichende Lüftung gewährleistet.

Kellerwohnungen für Bedienstete und Untermieter waren ebenfalls ein gängiges Modell. Durch veraltete Bauordnungen war es möglich, Kleinwohnungen mit indirekt belichteten Küchen und Wohnräumen gegen schmale, nicht lüftbare, sehr kleine Lichthöfe zu bauen. Diese Wohnungen galten als berüchtigt. Zum einen kam in die unteren Stockwerke so gut wie kein Sonnenlicht und zum anderen wurden oftmals Abfälle aus den oberen Stockwerken in die Höfe geworfen, so dass eine große Krankheits- und Seuchengefahr bestand.[6]

Diese verheerende Wohnsituation blieb bestehen bis nach Ende des Ersten Weltkrieges, die Wohnungsnot verschlimmerte sich.

Mit Kriegsende und dem Zusammenbruch der österreichisch-ungarischen Monarchie sank Wien aus der Position der Reichshaupt- und Residenzstadt eines Vielvölkerstaates hinab in die eines geschrumpften Kleinstaates. Das derzeitige Österreich hatte ca. 6,5 Millionen Einwohner von denen fast ein Viertel in Wien lebte. Damals sprach man vom „Wasserkopf“ Wiens.

Da nun Rohstofflieferungen aus den damaligen Kronländern wegfielen und die Nachfolgestaaten inzwischen ihre eigene Industrie aufbauten, kam es zu erheblichen wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Durch das Abschneiden der Lebensmittel-lieferungen aus Böhmen, Mähren, Ungarn und Polen traten nicht nur zu große Versorgungsschwierigkeiten und Inflation auf, sondern auch die Produktion stagnierte, Betriebe machten bankrott und wurden stillgelegt und die Zahl der Arbeitslosen stieg stetig. Weiterhin schoben die Nachfolgestaaten alle deutschsprachigen Staatsbeamten nach Österreich ab, wovon die Meisten nach Wien kamen.[7] Bereits vor Kriegsbeginn war die Zahl der Zuwanderer nicht unerheblich, doch nach dem Krieg bewirkte der Zerfall der Monarchie, dass Tausende von Existenzen entwurzelt oder zur Abwanderung genötigt wurden.

Zu Beginn des Krieges vielen in der Innenstadt viele Wohnungen weg, da etliche Büro- und Diensträume für das Militär eingerichtet wurden. Während des Krieges ist die privatwirtschaftliche Wohnungsproduktion drastisch zurückgegangen. Nach Kriegsende ist die Zahl älterer Menschen deutlich angewachsen, die Zahl der Eheschließungen stieg und die Zahl der Zuwanderer führte zu einem erhöhten Bedarf an Wohnungen.[8]

Die ab 1919 bestehende neue „rote“ Gemeindeverwaltung wusste, dass eine konsequente Lösung des Wohnungsproblems zu einem garantierten politischen Erfolg führen würde. Somit wurde das Wohnungswesen zu einem Angelpunkt der Sozialpolitik im Roten Wien.[9]

3. Das kommunale Wohnungsbauprogramm

des Roten Wiens

Als die sozialdemokratische Arbeiterpartei (SDAP) durch ihre konsequente sozialorientierte Politik am 4. Mai 1919 bei der ersten Wahl zum Wiener Gemeinderat die Mehrheit erhielt, wurde Jakob Reumann der erste sozialdemokratische Bürgermeister Wiens.[10] In einer Rede nach Amtsantritt sagte er:

„Die Hoffnung des Volkes muss in Erfüllung gehen, dass das Leben dieser Stadt der Arbeit sich nach den Bedürfnissen und Interessen der breiten Massen, nicht nach den Geldsackinteressen kleiner Gruppen gestalten werde (…) (Wir) wollen das große Werk beginnen, die Gemeinde zur Herrin von Grund und Boden machen (und) allen Bewohnern ein entsprechendes Heim schaffen.“[11]

Das Recht auf eine menschenwürdige Wohnung könnte man als einen Leitsatz ihrer Politik sehen.[12] (siehe Abb.2) Dennoch waren die Anfänge im Bereich Wohnungsbau bei der Gemeinde zunächst sehr schleppend. Um vorerst auf schnellem Wege Wohnungen zu schaffen, wurden Baracken und frei gewordene Räume der Rossauer- und Kraganer Kaserne umgebaut. Im Herbst 1919 schaffte die Gemeindeverwaltung zum ersten Mal eine größere Wohnanlage am Mareschplatz, die jedoch wegen Baustoffmangel nur mit minderwertigen Ersatzbaustoffen, wie Betonhohlsteinen, errichtet werden konnte.[13]

Bis zur wirklichen Geburtsstunde des Roten Wiens, im Jahre 1923, wurden zunächst nur ca. 3000 Wohnungen geschaffen.[14] Als in diesem Jahr Wien den Status eines eigenen Bundeslandes bekam, entstand die Möglichkeit durch eine neue Landesgesetzgebung Steuergelder zur Finanzierung des Wohnungsbauprogramms einzuheben. Die eingangs erwähnte Mietzinssteuer wurde durch die Wohnbausteuer abgelöst, welche streng der Finanzierung des kommunalen Wohnungsbaus dienen sollte. Da diese aber allein für die Umsetzung nicht ausreichte, wurde eine sogenannte Luxussteuer auf beispielsweise Alkohol, Rennpferde und eine Lustbarkeitsabgabe bei Veranstaltungen wie Theater, Oper, Varieté und Bällen erhoben.[15] Hugo Breitner, damaliger Stadtrat für Finanzen, sagte zu dieser Finanzpolitik folgendes:

„Unbeirrt von all dem Geschrei der steuerscheuen Klassen holen wir uns das zur Erfüllung der vielfachen Gemeindeaufgaben notwendige Geld dort, wo es sich wirklich befindet!“[16]

Zwar handelte sich Breitner somit den Titel „Steuersadist“[17] ein, dennoch boten diese Steuern die Basis für das angestrebte Sozialprogramm der Partei.

Der Wohnungsbau konnte ohne öffentliche Anleihen auskommen und musste auch keinen Gewinn einbringen. Wohnungsmieten wurden nur nach Betriebskosten, Reparaturrücklagen und Steueranteil erhoben und waren dementsprechend extrem günstig. Die geringen Mieten und auch der schon 1917 erlassene Mieterschutz, der das Kündigungsrecht des Hausbesitzers weitgehend einschränkte, waren insbesondere auch staatspolitische Entscheidungen um das Lohnniveau der Arbeiter gering zu halten und der Arbeitslosigkeit im freien Markt entgegenzuwirken.[18]

(siehe Abb.3) Das verabschiedete Bauprogramm beinhaltete, dass jährlich 5000 Wohnungen gebaut werden sollten. Da dieses Ziel recht schnell erreicht wurde, erhöhte man die Zahl auf 25000 Wohnungen bis zum Jahre 1929. Insgesamt entstanden in dem Zeitraum von 1923-1933 58667 Wohnungen und 5257 Vorstadthäuser durch die Gemeinde, wovon 63934 Wohnungen mit Hilfe der Wohnbausteuer finanziert wurden.[19]

4. Die Gemeindebauten als ein „Versailles der Arbeiter“

Die Hauptgebiete des kommunalen Wohnbaus befanden sich zum Teil am lückenhaften Rand des Stadtkerns, doch in erster Linie schlossen sie sich an die Arbeiterbezirke der Gründerzeit an. So lagen die Schwerpunkte der Bautätigkeit am Südrand in Favoriten und Simmering, im Norden in der Brigittenau und in Florisdorf und am westlichen Stadtrand von Meidling bis Ottakring.[20]

Das Ziel der Stadtverwaltung war es, mit dem Bau der Gemeindebauten die Wohnkultur in Wien zu heben, wobei besonders auf wohnhygienische Forderungen Rücksicht genommen wurde.

So wurden beispielsweise nur 50% der Geländeflächen bebaut und der Rest mit groß angelegten Höfen und Gartenanlagen versehen. Diese zum Teil halböffentlichen Räume waren begrünt, bekamen Spielflächen für Kinder und Ruheplätze für Erwachsene. Weiterhin wurde streng darauf geachtet, dass jede Wohnung einen Raum besitzt, in den direktes Sonnenlicht hinein scheinen kann. Auch von den Toiletten und den Küchen sollten jeweils Fenster entweder zur Strasse oder zum Hof zeigen. Im Unterschied zu den Bassenawohnungen waren diese nicht von einem Gang aus erschlossen, sondern hier sollten sich nur maximal vier Wohnungen auf einer Etage befinden, wodurch eine größere Privatheit der einzelnen Wohnparteien erzielt wurde.[21]

Anhand der folgenden drei Höfe soll der Charakter des Gemeindebaustils noch etwas näher betrachtet und aufgezeigt werden.

4.1. Der Metzleinstaler-Hof

Der Metzleinstaler-Hof umfasst den Margaretengürtel 90-98, die Fendigasse und die Siebenbrunnengasse. Er gilt als der erste Gemeindebau Wiens und ist Bestandteil einer weit umfassenden Stadtanlage, die sich entlang des ganzen Gürtels erstreckt.

Der erste Teil wurde bereits 1916 konzipiert und drei Jahre später von Robert Kalesa übernommen. Zunächst wurden fünf Wohnhäuser in zinshausähnlichem Charakter mit 101 Wohnungen errichtet. 1923 wurde der Bau durch den Architekten Hubert Gessner erweitert.[22] (siehe Abb.4-6)

[...]


[1] vgl. http://www.dasrotewien.at/online/page.php?P=12057

[2] Weihsmann, Helmut: Das Rote Wien. Sozialdemokratische Architektur und

Kommunalpolitik 1919-1934. Wien 1985. S.09-14

[3] Weihsmann. 1985. S.16f

[4] zitiert nach: Speiser, Wolfgang: Paul Speiser und das Rote Wien. Wien-München. 1979. S.51. In: Weihsmann, 1985. S.17

[5] Weihsmann, 1985. S.17

[6] Weihsmann, 1985. S.19

[7] Weihsmann, 1985. S.15

[8] Weihsmann, 1985. S.16

[9] Weihsmann, 1985. S.20

[10] Weihsmann, 1985. S.20

[11] zitiert nach: Kriechbaum, Gerald und Genoveva: Karl-Marx-Hof. Versailles der Arbeiter. Wien und seine Höfe. Wien 2007. S.14

[12] Kriechbaum, 2007. S.14

[13] Weihsmann, 1985. S.110

[14] Kriechbaum, 2007. S17

[15] Weihsmann, 1985. S.25f

[16] zitiert nach: Plakat „Wofür nimmt’s Breitner – Wofür gibt’s er aus? In: Weihsmann, 1985. S.26

[17] vgl. Weihsmann, 1985. S.33

[18] Weihsmann, 1985. S.35f

[19] Weihsmann, 1985. S.111

[20] Bobek, Hans/ Lichtenberger, Elisabeth: Wien. Bauliche Gestalt und Entwicklung seit der Mitte des 19. Jahrhunderts. Wien 1978. S.144

[21] Weihsmann, 1985. S.41ff

[22] Weihsmann, 1985. S.193

Ende der Leseprobe aus 32 Seiten

Details

Titel
Das Rote Wien - Die Gemeindebauten als ein „Versailles der Arbeiter“
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Kunsthistorisches Institut)
Veranstaltung
Wien: Kunst und Architektur
Note
2,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
32
Katalognummer
V157579
ISBN (eBook)
9783640702169
ISBN (Buch)
9783640702350
Dateigröße
8068 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rote Wien, Wien, Karl-Marx-Hof, Metzleinstaler-Hof, Jakob-Reumann-Hof, Werkbundsiedlung, Wohnungsbau, sozialer Wohnungsbau, Wohnungsbauprogramm, kommunaler Wohnungsbau, sozial, kommunal, Architektur, Baugeschichte
Arbeit zitieren
Nanni Harbordt (Autor), 2009, Das Rote Wien - Die Gemeindebauten als ein „Versailles der Arbeiter“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/157579

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Das Rote Wien - Die Gemeindebauten als ein „Versailles der Arbeiter“



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden