Filmische und Fotografische Einflüsse in Kafkas Werk

Textanalyse "Der Verschollene"


Seminararbeit, 2010

16 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung..(S.2)

2. Bedeutung von Filmen und Fotografien für Kafka)

3. Fotografische Einflüsse in Kafkas Werk
3.1. Inhaltlich
3.2. Schreibtechnisch

4. Filmische Einflüsse in Kafkas Werk
4.1. Inhaltlich
4.2. Schreibtechnisch

5. Bedeutung Kafkas für den Film

6. Zusammenfassung

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In der vorliegenden Arbeit werde ich darstellen, in welcher Weise Filme und Fotografien Franz Kafkas Schreiben beeinflusst und inspiriert haben. Dabei werde ich zunächst in einem ersten Teil versuchen zu illustrieren, wie die damaligen Filme und Fotografien auf Franz Kafka selber als Person gewirkt haben, zu welchen Anlässen er beispielsweise in Filmvorführungen gegangen ist und welche Bedeutung Fotografien für ihn hatten.

In dem darauffolgenden zweiten Teil werde ich dann untersuchen, wie die rezipierten Filme und Fotografien auf Kafkas Werk gewirkt haben. Die Einflüsse werde ich hauptsächlich an entsprechenden Textstellen seines Romans „Der Verschollene“ darstellen, aber auch an anderen Texten wie zum Beispiel anhand der Kurzgeschichte „Der Jäger Gracchus“.

In einem abschließenden Teil werde ich dann die Bedeutung Kafkas für den Film erörtern und ob Kafkas Texte verfilmbar sind.

2. Bedeutung von Filmen und Fotografien für Kafka

Um zu verstehen, in welcher Weise Bilder und Filme auf Franz Kafka wirkten, ist es hilfreich zu wissen, dass er ein eidetisches Gedächtnis hatte. Das bedeutet, dass er sich Gesehenes schnell und veranschaulichend merken konnte. In dem von Hans-Gerd Koch herausgegebenen Buch „Als Kafka mir entgegenkam...“ gibt es dazu eine Anekdote, die von einem seiner Schulkameraden berichtet wird. Es heißt dort, dass dieser Schulkamerad und Franz Kafka einmal zusammen an einem Buchladen vorbeikamen und Kafka hätte seinen Mitschüler aufgefordert, ihn zu prüfen, indem er die Buchtitel der ausgelegten Bücher nennen sollte und Kafka würde bei geschlossenen Augen die Verfasser raten. Kafka hatte auf den Mitschüler großen Eindruck gemacht, da er diese „Prüfung“ bestanden hat (vgl. Koch, S. 27).

Im Zusammenhang mit Kafkas Wahrnehmung und seinem eidetischen Gedächtnis stehen auch die unterschiedlichen Wirkungen die Filme und Fotografien auf ihn hatten. Während er Fotografien ausführlich betrachtete und das Gesehene auf sich wirken ließ, um es zu verinnerlichen, nutzte er Filmvorführungen hauptsächlich als Ablenkung. Nach dem Besuch des Kaiserpanoramas, das eine Apparatur war, in die man hineinblickte und ein Rundpanorama ohne bewegte Bilder sah, notiert er daher auch in seinen Reisetagebüchern, dass die Bilder, die man in der Einrichtung zu sehen bekam, lebendiger wirkten als die Bilder aus dem Kinematographen, weil das Kaiserpanorama den Bildern die Ruhe der Wirklichkeit ließe und der Kinematograph dagegen dem Angeschauten die Unruhe ihrer Bewegung gebe. Die Ruhe des Blickes schien im wichtiger zu sein (vgl. Kafka: Reisetagebücher, S. 16).

Er konnte die Bilder des Kaiserpanoramas lang genug anschauen, um sie auf sich wirken zu lassen und sie zu verinnerlichen, während er sich von den Filmvorführungen in den alten Kinematographen geradezu überrollt fühlte, da die bewegten Bilder auf seine Sinne verstörend wirkten.

Dass Kafka ein gemächlicher, ruhig beobachtender Mensch war, verdeutlicht auch eine Stelle aus einem seiner Briefe an Felice in der es schreibt, dass er eine schöne Stunde mit Lesen in einem Buch verbracht hat und es ihm sehr viel Spaß gemacht hätte. Das Lesen selber aber beschreibt er folgendermaßen:

„[...] Ich habe nichts Bestimmtes gelesen, sondern nur 200 Seiten langsam durchgeblättert, die [...] Bilder angeschaut und nur hie und da etwas besonders Interessantes gelesen [...] (Franz Kafka: Briefe an Felice, S. 253).“

In seinem Buch „Kafka geht ins Kino“ beschreibt Hans Zischler eine Anekdote, die auch zeigt, dass Kafka mit Hektik nicht gut umgehen konnte. Es geht dort darum, dass Kafka zusammen mit Max und Otto Brod eine Parisreise unternommen hatte, die er vorzeitig unterbrechen musste, da sich bei ihm eine Furunkulose entwickelt hatte. Hans Zischler schreibt:

„[...] Der beschleunigte Durchlauf [...] droht dem Touristen zur Tortur zu werden,wenn er sich derart ungehemmt der Metropole aussetzt. Die Furunkulose wird von Kafka unmittelbar auf den schier körperlichen Schmerz bezogen, von Paris überrollt worden zu sein [...] (Hans Zischler: Kafka geht ins Kino, S. 28).“

Ähnlich wie die schnellen Bilder des Kinematographen wirkten hier die verschiedenen neuen und turbulenten Reize Paris’ auf Kafka irritierend.

Trotzdem war Kafka von dem Kinematographen beeindruckt und besuchte zunächst oft Filmvorführungen, die ihn auch in seiner Wahrnehmung beeinflussten. Zischler schreibt deswegen weiter, dass Kafka und Brod Vergnügen daran fanden mit dem Zug, Taxi oder der Metro zu fahren und die Fahrt wie eine Kamerafahrt zu erleben (vgl. Zischler: Kafka geht ins Kino, S. 49, 50).

Für Kafka war es jedoch scheinbar ein Zwiespalt, da er in seinen Tagebüchern über die durch Technik veränderte Wahrnehmung des Menschen sinniert und seine eigenen Eindrücke beim Reisen mit den Reisebeobachtungen Goethes aus dessen Tagebüchern vergleicht:

„[...] Reisebeobachtungen Goethes anders als die heutigen, weil sie aus einer Postkutsche gemacht mit den langsamen Veränderungen des Geländes sich einfacher entwickeln und viel leichter [...] verfolgt werden können [...] Ein ruhiges förmlich landschaftliches Denken tritt ein. [...] so braucht es beim Beschauer keine Gewalttätigkeiten und er kann ohne große Mühe systematisch sehen [...] (Franz Kafka: Tagebücher 1909-1912, S. 36, 37).“

Dieser Tagebucheintrag zeigt auch, wie bereits oben erwähnt, dass Kafka eher ein bedächtiger Beobachter war und mit zu schnellen Reizen überfordert war. Anders als Fotografien, die er regelrecht aufsaugte und an denen er die „Ruhe des Blicks“ entfalten konnte, nutzte Kafka das Kino daher auch lediglich als Ablenkung und um zu vergessen. In seinem Tagebuch hielt Kafka ferner fest, dass er den Wunsch hatte nach besinnungsloser Einsamkeit und Zischler schreibt, dass es auch dieser Wunsch nach besinnungsloser Einsamkeit ist, der ihn ins Kino trieb (Zischler: Kafka geht ins Kino, S. 121).

Kafka brauchte um Schreiben zu können Abgeschiedenheit und Selbstvergessenheit. Die Selbstvergessenheit versuchte er durch Ablenkung bei Kinobesuchen zu erreichen, die ihm auch gleichzeitig die Realität vom Leib halten sollen. Peter-Andre Alt zitiert in seinem Buch „Kafka und der Film“ eine Stelle aus einem Brief, den Kafka an Brod geschrieben hat und in der er beschreibt, dass nicht Wachheit, sondern Selbstvergessenheit Voraussetzung für das Schriftstellertum sei (vgl. Alt: Kafka und der Film, S. 33).

Dazu kommt, dass Kafka Filme anders wahrgenommen hat als Fotografien. Während er Fotografien ausführlich „erforschte“, beschränkte sich seine Wahrnehmung der gesehenen Filme nur auf Details, einzelne Bilder oder Sequenzen, die nur einige Sekunden dauerten. Teilweise genügten Kafka, der später nur noch selten zu Filmvorführungen ging, sogar schon die Filmplakate allein, um eine Zerstreuung und Selbstvergessenheit zu erreichen, wie eine Stelle aus einem Brief an Felice Bauer belegt:

„[...] wenn ich auch selbst nur sehr selten ins Kinematographentheater gehe, so weiß ich doch meißtens fast alle Wochenprogramme aller Kinemato- graphen auswendig. Meine Zerstreutheit, mein Vergnügungsbedürfnis sättigt sich an den Plakaten von meinem gewöhnlichen innerlichsten Unbehagen, von diesem Gefühl des ewig Provisorischen ruhe ich mich vor den Plakaten aus, immer wenn ich [...] in die Stadt zurückkam, hatte ich eine Gier nach den Plakaten [...] (Franz Kafka: Briefe an Felice, S. 335, 336).“

[...]

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Filmische und Fotografische Einflüsse in Kafkas Werk
Untertitel
Textanalyse "Der Verschollene"
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Germanistik)
Veranstaltung
Kafka - Der Verschollene Text-und Medienanalyse
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
16
Katalognummer
V157628
ISBN (eBook)
9783640704354
ISBN (Buch)
9783640704477
Dateigröße
402 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Dies war die beste Seminararbeit
Schlagworte
Filmische, Fotografische, Einflüsse, Kafkas, Werk, Textanalyse, Verschollene
Arbeit zitieren
Oezguer Dindar (Autor:in), 2010, Filmische und Fotografische Einflüsse in Kafkas Werk, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/157628

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