Zukunftsvorstellungen im Risikodiskurs: Der Klimawandel


Seminararbeit, 2008
18 Seiten, Note: 6,0

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung
1.1. Quellenauswahl
1.2. Zukunftssemantik
1.3. Risikosemantik

2. Wahrnehmung der Umwelt

3. Zukunftsvorstellungen im Risikodiskurs
3.1. Prognostizierte Klimakatastrophe vs. natürliches Wettergeschehen
3.2. Gegenwärtiges Risikobewusstsein
3.3. Medialisierung von Risiken
3.4. Selektion von Risiken

4. Fazit

5. Bibliografie

1. Einleitung

Die Eiskappen schmelzen, der Meeresspiegel steigt. Großflächige Überschwemmungen und verheerende Unwetter sind die Folge. Ein Szenario, das keineswegs neu ist und bereits in Filmen wie „The Day after Tomorrow“ aufgezeigt wurde. Die Auswirkungen globaler Gefahren sind heute in Zeitung, Radio und Fernsehen allgegenwärtig. In der langen Entwicklungsgeschichte der Erde hat es immer wieder abwechselnd Kälte- und Wärmeperioden gegeben, doch die Beschleunigung dieses aktuellen Wettergeschehens schenkt diesem eine verstärkte Aufmerksamkeit. Einerseits werden uns durch die moderne Technik, die weltweiten Hochwasser, Wirbelstürme und ausbreitende Desertifikationen täglich vor Augen geführt, andererseits ist es zudem möglich mittels Computersimulationen, Weltuntergangsszenarien oder visionären Filmen die Zukunft in unsere Gegenwart zu holen. Durch die mannigfaltigsten Reportagen wird die Bevölkerung mit einer möglichen Zukunft konfrontiert, die eventuelle Risiken aufzeigt und zum Nachdenken angeregt. Durch die Mobilitätszunahme seit dem Mittelalter und den industriellen Fortschritt im letzten Jahrhundert, ist die Menschheit im Zeitalter der Globalisierung angekommen. Die weltweite Vernetzung mittels Computer und Satelliten lässt jede Veränderung in der Umwelt sichtbar werden. Das Resultat aus „wissenschaftlicher Sicht“ scheint alarmierend. Ist die Klimakatastrophe vielleicht doch keine Science-Fiction Zukunft?

Von vielen führenden Meteorologen wird das turbulente Wettergeschehen jedoch als klimageschichtliche Normalität interpretiert. In der gegenwärtigen Debatte rund um den Klimawandel sehen sie eine populistische Panikmache und in den Prognosen reine Utopie. Im globalisierten Kontext gewinnen Zukunftsprognosen jedoch zunehmend an Dynamik und Komplexität, was Auswirkungen auf den Risikodiskurs und individuelle Entscheidungen hat. Wie wirken diese konträren Zukunftsvorstellungen auf das Bewusstsein des Menschen? Warum überwiegt das Untergangsszenario in der medialen Berichterstattung gegenüber der Darstellung einer natürlichen Änderung des Wetters? Kann die Antizipation einer Katastrophe vielleicht das Risikobewusstsein der Menschen verändern oder hat aufgrund der vielen nicht eingetroffenen Prognosen bereits eine Desensibilisierung stattgefunden? Diese Ambivalenz in der Thematik soll, neben der politischen und wissenschaftlichen Kontroverse, auch hinsichtlich der Semantiken von „Risiko“ und „Zukunft“ untersucht werden.

1.1. Quellenauswahl

Der Risikodiskurs rund um den vermeintlichen Klimawandel wird mittels Al Gore’ s Film „Eine unbequeme Wahrheit“ (2006) und dem Buch von Dr. Wolfgang Thüne „Freispruch - für CO2“ (2002) analysiert. Ersterer soll zeigen, wie die mediale Darstellung von Zukunftsprognosen mit dem Risikobewusstsein der Bevölkerung korrespondiert. Der Film illustriert meines Erachtens die gegenwärtige Medialisierung von Risiken sehr gut, indem er komplexe wissenschaftliche Zusammenhänge in vereinfachender Weise darstellt. Mit wenigen Parametern und Grafiken wird ein Untergangsszenario prognostiziert, welches sich, nach der Meinung von Al Gore, manifestieren wird, wenn der Mensch sein Verhalten gegenüber nicht Umwelt ändert. Gore, ehemaliger Vizepräsident der Vereinigten Staaten von Amerika, wurde am 31.03.1948 in Washington D.C. geboren. Nach seiner politischen Laufbahn bemühte er sich um Aufklärung der derzeitigen Wetterphänomene und bereist die verschiedensten Länder um seine Zukunftsvorstellung zu verbreiten und auf seinen Film aufmerksam zu machen.1 Insofern repräsentiert der Film eine Zusammenfassung des Klimawandel- Diskurses und stellt somit eine Grundlage meiner Untersuchungen zur Risikosemantik dar.

Der Diskurs wird ergänzt um das Buch „Freispruch CO2“ von Dr. Wolfgang Thüne. Wolfgang Thüne, geboren am 4. März 1943 in Rastenburg/Ostpreußen, ist Diplom- Meteorologe und moderierte u. a. Wettervorhersagen beim ZDF. Seit 1990 war er zeitweise im Klimabeirat der Deutschen Bundesregierung und referierte für „naturwissenschaftlich-technische Grundsatzfragen der Umweltpolitik“. Im Jahre 1999 wurde Thüne für sein Buch „Der Treibhaus-Schwindel“ mit dem Woitschach- Forschungspreis ausgezeichnet.2 Somit steht der medialen Dominanz von Al Gore eine nicht ganz so populäre, aber dennoch wissenschaftlich fundierte Quelle gegenüber, aus welcher eine ganze andere Vision abgeleitet werden kann.

1.2. Zukunftssemantik

Bei näherer Betrachtung des Begriffs „Zukunft“ ist es sinnvoll, seine Bedeutung in der heutigen Zeit mit dem vergangenen Verständnis zu vergleichen. Nach dem deutschen Soziologen Niklas Luhmann wurde das Zusammenleben zwischen den Menschen und ihrer Umwelt bis zum letzten Jahrhundert als „Essenzenkosmos“ wahrgenommen, welcher als Natur oder Schöpfung Gottes dargestellt werden konnte. Die Geschehnisse waren vorbestimmt, mögliche Gefahren ein Bestandteil des Lebens. Die Menschen fühlten sich ihrem Schicksal unterworfen.3 Zusammenfassend schreibt Luhmann: „Die Natur sah die Zukunft als Endform von Bewegungen, als Perfektion der Natur vor, und alle Unsicherheit wurde auf mögliche Korrumpierungen, auf Zufallsereignisse oder auf einen natürlichen Variationsspielraum bezogen.“4 Mit der industriellen Revolution und den technischen Errungenschaften entstanden ganz neue Möglichkeiten zur Gestaltung der Zukunft. Das Selbst- und Weltverständnis der Menschen verlagerte sich von einem bedingungslosen dem Leben ausgeliefert sein hin zu einem selbstbestimmten Leben. Der Mensch begann zunehmend zu begreifen, dass er auf sein Schicksal aktiv Einfluss nehmen kann. Dies war ein entscheidender Wandel im Bewusstsein des Menschen. Der deutsche Historiker Lucian Hölscher drückt dies in seinem Buch „Die Entdeckung der Zukunft“ wie folgt aus: „Neu am Zukunftshorizont der Jahrhundertwende war aber auch, daß man die Zeichen und Strukturen der zukünftigen Gesellschaft jetzt schon in der Gegenwart verankert.“5 Neben diesem Wissen, bewusst die Zukunft gestalten zu können, begleiteten den Menschen auch Prognosen und Visionen dessen was kommen wird. Per Definition stellt eine Prognose die Voraussage einer zukünftigen Entwicklung aufgrund wissenschaftlicher Daten oder Erkenntnissen dar.6 Die Antizipation dessen, was kommen wird, bildet das Tagesgeschäft in Medien, Politik oder Wirtschaft.7 Wie bereits erwähnt, sind wir dank der modernen Technik fähig, uns die unterschiedlichsten Szenarien und Katastrophen ins Blickfeld zu rufen. Oben erwähnte Faktoren illustrieren unsere Zukunft und fordern uns gleichzeitig auf, verantwortungsvoller mit der Umwelt umzugehen. Doch wie wollen Wissenschaftler über Jahre hinaus die Zukunft voraussagen, wenn Sie das aktuelle Wettergeschehen nicht über 3 Tage voraussehen können? Von Bedeutung ist jedenfalls, dass sich gegenwärtig getroffene Entscheidungen, sowohl ökologisch wie auch ökonomisch, auf das Morgen auswirken und jedes Handeln mit einem Risiko verbunden ist. Der Begriff der Zukunft ist folglich eng an die Semantik des Risikos gekoppelt.

1.3. Risikosemantik

Geht man bei der Analyse des Risikobegriffs von einer allgemeinen Wortdefinition aus, dann lassen sich mehrere Bedeutungen erkennen. Im Lateinischen bedeutet „risicare“ „in Gefahr laufen“ oder „wagen“, während im Griechischen „riziko“ mit „Schicksal“ oder „Vorherbestimmung“ gleichgesetzt wird. In der modernen Gesellschaft taucht der Begriff stets im Zusammenhang mit dem Konzept „Vorsorge“ auf. Die Vorsorge impliziert „ein sich vorher sorgen“. Das heißt, die Gesellschaft ist bemüht Risiken aus dem Weg zu gehen und die Wahrscheinlichkeit, dass Ereignisse negative Folgen haben könnten, zu minimieren. Die Menschheit ist bestrebt, sich Ihre Sicherheit zu erkaufen und durch ein individuelles Risikomanagement künftigen Schaden zu verringern.8 Die gegenwärtige Zukunft gestaltet die Entscheidungsfindung komplexer. Nach Luhmann bedeutet eine „ins Bewusstsein rückende Temporalisierung der Komplexität, daß die Risikolage des Handelns sich ändert.“9 Einerseits sieht er die Vorsorge mit Risiken verbunden (da sich die Kosten und der Verzicht, einer scheinbaren risikobehafteten Handlung, womöglich als unnötig erweisen),10 andererseits wäre „die Übernahme von Risiken zu verweigern oder ihre Ablehnung zu fordern, selbst ein riskantes Verhalten.“11 Zusammenfassend erklärt Luhmann Risiko, als „eine Form für gegenwärtige Zukunftsbeschreibungen unter dem Gesichtspunkt, dass man sich im Hinblick auf Risiken für die eine oder die andere Alternative entscheiden kann.“12 Laut Ulrich Beck, Professor für Soziologie an der Universität München, gehören Bedrohung und Unsicherheit zum Leben der Menschen dazu. In der Vergangenheit war die Menschheit stets mit Hungersnöten, Krankheiten oder vorzeitigem Tod konfrontiert. Davon ist jedoch die Semantik des Risikos zu unterscheiden, welche mit der Industrialisierung, der zunehmenden Bedeutung von Entscheidung, Unsicherheit und Wahrscheinlichkeit verbunden ist.13 Nach Beck bezieht sich die Risikosemantik „auf gegenwärtig thematisierte zukünftige Gefahren, die häufig aus den Erfolgen der Zivilisation resultieren.“14 Sie bietet damit auch die Option zur Gründung von „neuen, post-utopischen Mobilisierungen der Gesellschaften“15, wie z.B. globale Initiativen gegen den Klimawandel. Gegen Eventualitäten der Zukunft wird heute zunehmend in Form von zivilen Organisationen und sozialen Bewegungen gekämpft. Aufgrund der Vielzahl von Risiken in der heutigen Zeit, bleibt die individuelle Entscheidung offen, ob ein Risiko beachtet wird oder nicht.

[...]


1 Vgl. Gore, Eine unbequeme Wahrheit.

2 Vgl. Thüne, Freispruch - für CO2, S. 232.

3 Vgl. Luhmann, Beobachtungen der Moderne, S. 131.

4 Ebd.

5 Hölscher, Die Entdeckung der Zukunft, S. 131.

6 Vgl. Wahrig, Deutsches Wörterbuch, S. 215.

7 Vgl. Hölscher, Die Entdeckung der Zukunft, S. 130.

8 Vgl. Wahrig, Deutsches Wörterbuch, S. 399.

9 Luhmann, Gesellschaftstruktur und Semantik, S. 285.

10 Ebd.

11 Luhmann, Soziologie des Risikos, S. 4-5.

12 Luhmann, Die Beschreibung der Zukunft, S. 141.

13 Vgl. Beck, Weltrisikogesellschaft, S. 19.

14 Beck, Weltrisikogesellschaft, S. 19.

15 Ebd.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Zukunftsvorstellungen im Risikodiskurs: Der Klimawandel
Hochschule
Université de Fribourg - Universität Freiburg (Schweiz)
Veranstaltung
Proseminar: Zeit in der Geschichte. Vergangenheitsentwürfe, Erfahrungsräume und Zukunftsvorstellungen im 19./20. Jahrhundert
Note
6,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
18
Katalognummer
V157660
ISBN (eBook)
9783640710492
ISBN (Buch)
9783640710690
Dateigröße
533 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Klimawandel, Risiko, Diskurs, Beck, Zukunft, Semantik, Medialisierung
Arbeit zitieren
Heiko Hoffmann (Autor), 2008, Zukunftsvorstellungen im Risikodiskurs: Der Klimawandel, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/157660

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