In der vorliegenden Hausarbeit soll das mittelhochdeutsche Verb eingehend hinsichtlich seiner Tempuslehre betrachtet sowie analysiert und anhand von ausgewählten Beispielen veranschaulicht werden. Die Analyse orientiert sich hauptsächlich an der aktuellen Mittelhochdeutschen Grammatik von Hermann Paul.
Das Mittelhochdeutsche hat wie das Althochdeutsche zwei synthetisch gebildete Tempora: Präsens und Präteritum, welche durch morphologische Markierungen am Wortstamm gebildet werden. Diese Tempora werden mit sogenannten einfachen Formen wiedergegeben und stellen mehrere Zeitbereiche dar. Des Weiteren bilden sich erst im späten Mittelalter drei zusammengesetzte Formen aus, die in dieser Arbeit unterschieden werden sollen. Und zwar das Perfekt, Plusquamperfekt und Futur, welche ähnlich wie im Neuhochdeutschen nur durch periphrastische Bildungen umschrieben werden können. Hierbei wird das Hilfsverb konjugiert und mit infiniten Formen eines Verbs kombiniert. Während sich beispielsweise das mittelhochdeutsche Perfekt auf die Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft beziehen kann, bezeichnet das Plusquamperfekt hingegen lediglich die Vorvergangenheit.
Auch der Infinitiv Perfekt, welcher sich erst seit der Mitte des 12. Jahrhunderts entwickelte, soll eine Darstellung erfahren. Wohingegen der Gebrauch des Infinitiv Präsens wesentlich älter ist, welcher mit Hilfe eines Beispiels veranschaulicht werden soll. Es folgt eine ausführliche Betrachtung des umschriebenen Futurs hinsichtlich seiner Kombinationen sol, muoz, und wil mit Infinitiv sowie der Umschreibung mit werden.
Alles in allem sollen in der Arbeit die verschiedenen Bedeutungsvarianten der Tempora Präsens, Präteritum, Perfekt, Plusquamperfekt und Futur ausführlich vorgestellt werden. Im Verlaufe der Untersuchung werden ebenso einige Besonderheiten herauskristallisiert, wie beispielsweise die Bedeutungsvariante des Präsens, die als generelles (atemporales) Präsens bezeichnet wird, und somit eine Ausnahme bildet.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Einfache Formen
2.1. Präsens
2.1.1. Die zeitliche Gegenwart
2.1.2. Atemporales Präsens
2.1.3. Die Vergangenheit (historisches Präsens)
2.1.4. Zukünftiges Geschehen (futurisches Präsens)
2.2. Das Präteritum
2.2.1. Episches Präteritum
2.2.2. Präteritum mit Perfektbedeutung
2.2.3. Präteritum mit Plusquamperfektbedeutung
2.2.4. Gnomisches Präteritum
2.2.5. Präteritales Futur
3. Zusammengesetzte Formen
3.1. Die Umschreibung des Perfekts und Plusquamperfekts
3.1.1. Das umschriebene Perfekt
3.1.2. Das umschriebene Plusquamperfekt
3.2. Der Infinitiv Perfekt
3.3. Das umschriebene Futur
3.3.1. sol mit Infinitiv
3.3.2. muoz mit Infinitiv
3.3.3. wil mit Infinitiv
3.3.4. Umschreibungen mit werden
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das mittelhochdeutsche Verbalsystem, insbesondere die verschiedenen Tempusformen und deren Bedeutungsvarianten. Ziel ist es, die Entwicklung von den synthetischen Formen (Präsens und Präteritum) hin zu den im späten Mittelalter entstehenden periphrastischen Bildungen anhand literarischer Beispiele zu analysieren und deren kontextuelle Gebrauchsweise zu erläutern.
- Morphologische Analyse der synthetischen Tempora Präsens und Präteritum.
- Untersuchung der Bedeutungsvarianten des Präsens (u.a. atemporales und historisches Präsens).
- Analyse des Präteritums in seinen unterschiedlichen Funktionen (episch, gnomisch, perfektisch).
- Darstellung der zusammengesetzten Formen (Perfekt, Plusquamperfekt und umschriebenes Futur).
- Kritische Würdigung der Umschreibungen mit Modalverben wie sol, muoz und wil.
Auszug aus dem Buch
2.1.2. Atemporales Präsens:
Bsp.: got gibet ze künege, swer er wil – Gott macht zum König, wen immer er will. (Walther von der Vogelweide 12,30)
Unter einem atemporalen Präsens ist die Fähigkeit des Tempus, allgemeingültige Sachverhalte in der Sprache auszudrücken, zu verstehen, da hierbei der zeitliche Vorgang unbestimmt ist. Das atemporale Präsens wird auch als „generelles Präsens“ bezeichnet.
Die Referenzzeit und die Ereigniszeit können entweder in der Vergangenheit oder in der Zukunft liegen. Darüber hinaus kann sich die Referenz- und die Ereigniszeit mit der Sprechzeit überlappen:
Bsp.: Swer an rehte güete wendet sîn gemüete, dem volget soelde und êre. – Wer an das Gute seine Sinne wendet, der wird von Reichtum und Ehre begleitet. (Hartmann von Aue, Iwein, 1)
Des Weiteren ist das atemporale Präsens ebenso in der Einführung von Zitaten verstorbener Autoritäten vorzufinden:
Bsp.: Kyôt in selbe nennet sus - Kyot persönlich nennt ihn so. (Wolfram von Eschenbach, Parzival 416,20)
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung erläutert den Gegenstand der Untersuchung, das mittelhochdeutsche Verb, und skizziert die methodische Orientierung an der Grammatik von Hermann Paul.
2. Einfache Formen: Hier werden die synthetischen Verbformen Präsens und Präteritum behandelt und ihre vielfältigen zeitlichen sowie modalen Verwendungsmöglichkeiten aufgezeigt.
3. Zusammengesetzte Formen: Dieses Kapitel widmet sich der Entstehung und dem Gebrauch von Perfekt, Plusquamperfekt sowie verschiedenen Futurumschreibungen mittels Modalverben.
4. Fazit: Die Arbeit schließt mit einer zusammenfassenden Darstellung der Tempuslehre und der Erkenntnis über die Erweiterung der zeitlichen Referenz im Mittelhochdeutschen.
Schlüsselwörter
Mittelhochdeutsch, Verbalsystem, Tempusformen, Präsens, Präteritum, Perfekt, Plusquamperfekt, Futur, periphrastische Bildungen, Modalverben, Aktionsart, Sprachgeschichte, Grammatik, historisches Präsens, gnomisches Präteritum
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Hausarbeit?
Die Arbeit befasst sich mit der Tempuslehre des mittelhochdeutschen Verbs und analysiert die verschiedenen Tempora und ihre Bedeutungsvarianten.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Zentrum stehen sowohl die einfachen (synthetischen) als auch die zusammengesetzten (periphrastischen) Verbformen des Mittelhochdeutschen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, den Gebrauch der Tempusformen anhand von literarischen Beispielen zu veranschaulichen und ihre funktionale Differenzierung darzulegen.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewendet?
Die Untersuchung basiert auf einer analytischen Literaturarbeit, die sich vorwiegend an der „Mittelhochdeutschen Grammatik“ von Hermann Paul orientiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung einfacher Formen (Präsens, Präteritum) und zusammengesetzter Formen (Perfekt, Plusquamperfekt, Futur-Umschreibungen).
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem das atemporale Präsens, das epische Präteritum sowie die Modalverben sol, muoz und wil im Kontext der Futurbildung.
Was unterscheidet das „historische Präsens“ von anderen Formen?
Es dient dazu, vergangene Geschehnisse besonders lebendig zu gestalten, indem sie in die Gegenwart versetzt werden, obwohl sie zeitlich vor der Sprechzeit liegen.
Welche Funktion hat das gnomische Präteritum?
Das gnomische Präteritum wird verwendet, um allgemeine Wahrheiten und Erfahrungen in sentenzartigen Aussagen auszudrücken, ohne dabei eine spezifische Zeitstufe hervorzuheben.
- Quote paper
- Rebecca Tille (Author), 2010, Das mittelhochdeutsche Verb - Eine Untersuchung der Tempusformen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/157729