Der Wohlfahrtsstaat - Seine Entwicklung und der Weg vom Ansehen in die Krise


Seminararbeit, 2010

13 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung – Der Wohlfahrtsstaat: Überholt oder auf der Überholspur?

2 Die Entwicklung des Wohlfahrtsstaates in 4 Phasen
2.1. Phase 1: Entstehung (Ende 19 Jh.)
2.2. Phase 2: Konsolidierung (Anfang 20 Jhd. – 1930er)
2.3. Phase 3: Expansion (Nachkriegszeit – Mitter 1970er)
2.4. Phase 4: Krise (ab Mitte 1970er)

3 Reformen des Sozialstaates in der neueren Geschichte

4. Soziale Arbeit im modernen deutschen Wohlfahrtsstaat
4.1. Aufgaben der Sozialen Arbeit
4.2. Einordnung der Sozialen Arbeit
4.3. Herausforderungen der Sozialen Arbeit

5 Ausblick und neue Konzepte

6 Fazit

7 Literaturverzeichnis

1 Einleitung – Der Wohlfahrtsstaat: Überholt oder auf der Überholspur?

Der deutsche Staat schützt seine Bürger durch reichhaltige Sozialprogramme vor den Gefahren und Risiken des Lebens. Der Sozialstaat(Ss) ist für den Bürger nicht nur in den Medien quasi omnipräsent, sondern zeigt sich auch durch Einrichtungen und Dienstleistungen in der täglichen Lebenswelt. Die Deutschen gelten als Vorreiter der Sozialversicherungen und der sozialen Marktwirtschaft und damit des Wohlfahrtstaates(Ws). Mit Beginn der Nationalstaatlichkeiten hat sich die deutsche Regierung stets darum bemüht, seine Bürger möglichst umfangreich abzusichern. Während sich der deutsche Staat 1912 noch mit den Ausgaben für Krankenversicherung, Altersversicherung, Invalidenfürsorge und Hinterbliebenenfürsorge schmückte (Abb1), hält die heutige Regierung mit den Auswüchsen des Sozialstaates lieber hinter dem Berg und versucht ihn nach allen Kräften einzudämmen. Der Sozialstaat (Anm.: in dieser Arbeit wird nicht zwischen Sozialstaat und Wohlfahrtsstaat unterschieden) hat stark an Ansehen verloren und gilt in der allgemeinen Stimmungslage der generierten Medienmeinung eher als Möglichkeit der Lebensausgestaltung für Faule und Schmarotzer. In Hinblick auf die knappen finanziellen Mittel der Regierung stehen auch die helfenden Berufe vor immer neuen Herausforderungen, finanzieller sowie personeller Art. Obwohl die Gesellschaft immer mehr Bedarf an Sozialleistungen entwickelt, stehen immer weniger Ressourcen zur Verfügung, was nicht zuletzt zu hohem Krankenstand, Langzeitarbeitslosigkeit, Politikverdrossenheit und Verzweiflung der Akteure führt.

In dieser Hausarbeit soll zuerst ein detaillierter Überblick über die Entwicklung des Ws gegeben werden und der damit zusammenhängende Weg vom Ansehen in die Krise. Eine genauere Betrachtung soll dann die Möglichkeiten sozialer Arbeit in Bezug auf die sinkenden finanziellen Mittels des Staates in den Vordergrund stellen. Die Dimensionen der Krise werden einzeln dargestellt werden und mit den Möglichkeiten des Ss verknüpft.

2 Die Entwicklung des Wohlfahrtsstaates in 4 Phasen

2.1. Phase 1: Entstehung (Ende 19 Jh.)

Die Betroffenen hätten „der Gesamtheit gegenüber einen begründeten Anspruch auf ein höheres Maß staatlicher Fürsorge, als Ihnen bisher hat zu Theil werden können.“ ( Reichstag 1881: 1).

Diese Worte Kaiser Wilhelms I. waren der Beginn einer bisher nicht dagewesen Versorgung der Bürger durch den Staat. Die Menschen, Ende des 19. Jahrhunderts stark geprägt durch die Industrialisierung, fanden bisher vor allem Schutz durch ihre Arbeit und die damit einhergehende innerbetriebliche Absicherung. Die „Vorreiterrolle in der staatlichen Sozialgesetzgebung“ (Schmidt u.a. 2007: 123) begann 1883 mit der Einführung einer Krankenversicherung, worauf 1884 eine Unfallversicherung, sowie 1889 eine Invaliditäts- und Altersversicherung folgte. Die Absicherungen reichten zunächst nur als „Zubrot“ (ebd.: 123) und die Zahl der Personen, die von den anfänglichen Absicherungen erreicht wurden, waren gering und beide Faktoren sollten sich bis weit ins 20. Jahrhundert hinein nicht weitgehend ändern. Dennoch blieb das Konzept in vielen Versicherungen bis heute bestehen. So ist z.B. das kaiserliche Sozialsystem „ein Sicherungssystem, das auf feste Kriterien bezogene rechtsförmige Leistungsansprüche Einzelner begründet(…) [und es ist] eine Versicherung, die im Wesentlichen durch die Beiträge der Arbeitgeber und Arbeitnehmer finanziert wurde (…).“ (ebd.: 124). Der Sozialstaat betraf von nun an also nicht nur die Seite der Transferleistungen sondern auch die der Abgaben. Die „doppelte Inklusion, damit ist gemeint, dass zum einen immer weitere Bevölkerungskreise von den sozialen Sicherungssystemen erfasst wurden und dadurch Ansprüche auf wohlfahrtsstaatliche Leistungen erwarben“ (Ullrich 2005: 23) und andererseits die automatische Belastung des Lohns setzte sich durch.

2.2. Phase 2: Konsolidierung (Anfang 20 Jhd. – 1930er)

Nach dem Ende des ersten Weltkrieges und dem Ende des deutschen Kaiserreiches, stand der deutsche Sozialstaat vor riesigen Herausforderungen. Mit dem Erstarken der extremen Parteien nahm auch der Ruf nach immer weiter ausgebauten Sozialleistungen zu. Die „wohlfahrtsstaatliche Expansionsdynamik“ (ebd.: 25) zeigte sich vor allem in der Erweiterung des Empfängerkreises von Sozialleistungen. Waren zu Beginn der Gesetzgebung vor allem Industriearbeiter versichert worden, wurden nun auch andere Arbeitergruppen wie Landarbeiter, Angestellte und selbstständige Handwerker aufgenommen. Der Ws erweiterte sich auch in den Leistungen, die abgesichert wurden. So „wurden im Laufe der Zeit immer mehr Risiken und Problemlagen sozialpolitisch bearbeitet. Dies gilt nicht nur für gänzlich „neue“ Bereiche (z.B. Arbeitslosigkeit, Ausbildungsförderung, Erziehung, Pflege); auch bestehende Absicherungen wurden kontinuierlich ausgebaut.“(ebd.: 26). Das Erstarken von Gewerkschaften drängte die Regierung dazu, in die Weimarer Reichsverfassung (WRV) eine Klausel aufzunehmen, die eine Absicherung bei Arbeitslosigkeit bieten sollte. Somit wurde 1927 das „Gesetz über Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung“ verabschiedet. Die WRV sieht vor, dass soweit „ eine angemessene Arbeitsgelegenheit nicht nachgewiesen werden kann“ (Art.163 WRV), der Staat helfend zur Seite stehen sollte.

2.3. Phase 3: Expansion (Nachkriegszeit – Mitter 1970er)

1945 ging für das Deutsche Reich der Zweite Weltkrieg mit der zweiten Weltkriegsniederlage zu Ende. Viele deutsche Städte waren geprägt von Zerstörung und Armut, viele Menschen waren tot oder vermisst, der Sozialstaat existierte quasi nicht mehr. Hans Günter Hockerts (vgl. Hockerts 1986: 41) spricht in diesen Jahren von einer „Gründungskrise“, die seiner Meinung nach vor allem drei Dimensionen hatte: die direkten Kriegsfolgen und die vom Nationalsozialismus hinterlassenen sozialen Hypotheken, die Defizite der sozialen Sicherungssysteme und das Konfliktpotential zwischen den deutschen Gewerkschaften und der Bundesregierung.

Die größten Herausforderungen des deutschen Sozialstaates lagen in der Nachkriegszeit also in der Bekämpfung der Kriegsfolgen. Mehrere Gesetzte wurden verabschiedet, u.a. das „Gesetz zur Verbesserung der Leistungen an Kriegsopfer“ und das „Gesetz zur Versorgung der Kriegsopfer“ (beide 1950). Weiter mussten die „Kriegsfolgelasten“ (Schmidt u.a. 2007: 158) unter der Bevölkerung verteilt werden. Wichtigster Bestandteil dieser Herausforderung war das am 14.08.1952 verabschiedete Lastenausgleichsgesetz, das in der Folge noch mehrere Male überarbeitet wurde. „Es sah unterschiedliche, teils einmalige, teils laufende Entschädigungsleistungen an die Betroffenen vor, die zu Teilen durch eine Abgabe auf größere Vermögen und Währungsumstellungsgewinne finanziert wurden.“ (ebd.: 158)

Im Hinblick auf die Probleme ist die folgende positive Entwicklung des deutschen Wohlfahrtsstaates umso erstaunlicher. Die von der noch jungen Regierung der BRD getroffenen Maßnahmen können ohne Frage als „ sozialpolitischer Erfolg“ (ebd.: 159) bezeichnet werden. Das Wachstum, das das deutsche „Wirtschaftswunder“ herbeiführte, war der maßgebliche Katalysator für die nun eintretende Expansion des Sozialstaates. Der Staat hatte durch steigende Steuereinnahmen mehr finanzielle Mittel zur Verfügung und sparte auf der anderen Seite viele Transferleistungen ein. Diese win-win-Situation beflügelte die Politiker und erlaubte sowohl wirtschaftliche (soziale Marktwirtschaft) als auch sozialpolitische (u.a. Sozialhilfegesetz und Arbeitsförderungsgesetz) Reformen. Vor allem mit dem Politikwechsel im Jahre 1969 wurden die Leistungen des Staates „deutlich erhöht“ und „neue Leistungen“ eingeführt (ebd.: 166).

Das Vertrauen, dass die deutschen Politiker und das deutsche Volk in ihren Wohlfahrtsstaat hatten, zeigt sich am deutlichsten mit der Verabschiedung der dynamischen Rente im Jahre 1967. Der Generationenvertrag sollte aktuelle und künftige Arbeitergenerationen im Ruhestand umfassend absichern, allein getragen durch die Arbeiterschaft.

Der geschaffene Wohlfahrtsstaat, der in diesen Jahren im Zenit seiner Popularität stand, konnte allerdings nur so lange funktionieren, wie das Wachstum stetig anhielt und die Arbeitsplätze gesichert waren und ausgebaut wurden. Schon Konrad Adenauer hatte in seiner Regierungserklärung vom 20.09.1949 erkannt: „[Dass] die beste Sozialpolitik eine gesunde Wirtschaftspolitik ist, die möglichst vielen Arbeit und Brot gibt.“ (PIPr 1/49,26) Die Folgen der Ölkrise Mitte der 70er Jahre beendeten schnell die Wunschvorstellungen von einem leicht finanzierbaren Sozialstaat, der Weg in die Krise war vorgezeichnet.

2.4. Phase 4: Krise (ab Mitte 1970er)

In den Sonntagen im November und Dezember des Jahres 1973 war es ruhig auf Deutschlands Straßen. Die Politik hatte auf die Ölkrise reagiert und ein deutschlandweites Sonntagsfahrverbot erlassen. Viele Tankstellen hatten zu dieser Zeit Plakate mit den Aufschriften „Sorry no Gas“ und „Benzin ausverkauft“ aufgestellt.

Die Welt war in eine Wirtschaftskrise geraten, die es so seit Ende der 20er Jahre durch den Börsencrash in den USA nicht mehr gegeben hatte. Während 1972 in Deutschland nur nahezu 20.000 Menschen arbeitslos gemeldet waren und damit quasi Vollbeschäftigung herrschte, stieg die Arbeitslosigkeit im Jahr 1974 auf 2,6% und 1975 auf 4,8% mit insgesamt 1.047.000 Arbeitslosen. Schuld daran war vor allem der Auftragsrückgang deutscher Schlüsselindustrien zu dieser Zeit. Die Autoindustrie (-18%), das Baugewerbe (-16%), sowie die Textil- und Bekleidungsbranche (-11%), konnten sich nur mit Massenentlassungen über Wasser halten. Dies hatte zur Folge, dass das Bruttoinlandsprodukt in dieser Zeit von 5,3% (1972) auf 0,4% (1974), bzw. -1,8% (1975) schrumpfte. (Alle Zahlen: Die Ölkrise, Internet)

Nach kurzer Erholung des Ws zu Beginn der 80er Jahre steuerte der deutsche Staat bereits auf die bislang größte Belastung des Sozialstaates zu.

Die politische Neuorientierung der DDR im Herbst 1989 und die im Jahr darauf folgende Wiedervereinigung stellte die BRD vor noch nicht dagewesene soziale, politische und vor allem finanzielle Probleme. „Der Transfer des westdeutschen Sozialversicherungssystems“(Schmidt u.a. 2007: 195) sollte den Menschen im Osten möglichst umgehend die Absicherung bieten, die für den Rest der Bundesbürger schon lange Gültigkeit besaß. Diese Absicherung der alten Bundesländer hatte aber bereits einen negativen Weg eingeschlagen, bevor die Wiedervereinigung stattfand. „(…) die Finanzierungsprobleme der bestehenden Sozialversicherungssysteme in den 1980er Jahren [waren] nicht beseitigt worden. Gleichzeitig steigerten die mit der Alterung der Gesellschaft verbundene wachsende Zahl der Altersrentner und steigende Pflegeleistungen, sowie die zunehmende Arbeitslosigkeit den Bedarf an sozialer Sicherung.“ (ebd.: 195) Der völlig anders und ineffizienter geführte Staat der DDR sollte also einer ebenfalls schwächelnden BRD angeglichen werden.

[...]

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Der Wohlfahrtsstaat - Seine Entwicklung und der Weg vom Ansehen in die Krise
Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Veranstaltung
Soziologie der helfenden Berufe
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
13
Katalognummer
V157792
ISBN (eBook)
9783640712601
ISBN (Buch)
9783640713448
Dateigröße
531 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wohlfahrtsstaat, Seine, Entwicklung, Ansehen, Krise
Arbeit zitieren
Timo Evers (Autor), 2010, Der Wohlfahrtsstaat - Seine Entwicklung und der Weg vom Ansehen in die Krise, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/157792

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