Kaum eine politische Idee hat in den vergangenen Jahren eine vergleichbare Resonanz quer über die politischen Fronten und Lager hinweg hervorgerufen wie das Konzept eines Bürgergeldes. Liberale Marktwirtschaftler, Konservative, die Kirchen, die Gewerkschaften, die Grünen, Arbeitgeber und Sozialwissenschaftler und -utopisten zeigen sich von der bestechenden Einfachheit der Bürgergeldidee beeindruckt und diskutieren die Umgestaltung des existierenden Systems der Sozialen Sicherheit.
Daß hierunter die Trennschärfe des Begriffs des Bürgergeldes erheblich gelitten hat, war wohl unvermeidlich. Mittlerweile stellt dieser Begriff ein Sammelbecken für eine Vielzahl unterschiedlichster Konzeptionen vom Niedriglohnzuschuß bis zur sozialistischen Gesellschaftsutopie dar. In dieser Arbeit werden die Begriffe Bürgergeld, Negative Einkommensteuer und Sozialdividende als Synonyme verwendet. Genauere Abgrenzungen werden bei Bedarf vorgenommen.
In dieser Hausarbeit soll in einem ersten Schritt die Entstehung, die bisherige Diskussion und die teilweise bereits stattgefundene praktische Erprobung des Konzeptes beleuchtet werden. Daran anschließend sollen die unterschiedlichen kursierenden Konzeptvarianten mit ihren Ansatzpunkten und unterschiedlichen Zielsetzungen kurz dargestellt, und ihre (mutmaßlichen) praktischen Auswirkungen untersucht werden . Nach einer kurzen Erörterung der Finanzierungsfrage werden abschließend die Vorschläge diskutiert und bewertet.
Als Literatur wurden relativ viele Zeitschriftenartikel verwendet, da zum Thema noch keine sehr breite Bücherauswahl vorhanden ist. Auch hat sich die wissenschaftliche Diskussion in Deutschland hauptsächlich in den Fachzeitschriften abgespielt. Bei der Zusammenstellung wurde versucht, ein Gleichgewicht zwischen Aufsätzen aus finanzwissenschaftlichen-, sozialwissenschaftlichen und fächerübergreifenden Zeitschriften herzustellen, weshalb auch Artikel aus der ZEIT und der Frankfurter Allgemeinen Zeitung verwendet wurden.
Allgemein ist zu beobachten, daß die Diskussion der Bürgergeldidee zwar um 1994 erneut aufgegriffen wurde, doch dann nicht mehr ernsthaft weiterverfolgt worden ist. Auch die scheint sich die deutsche Politik momentan eher den „kleinen Lösungen“ zuzuwenden, wie z.B. einem Einstiegsgeld für Langzeitarbeitslose.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Historische Entwicklung der Bürgergeldidee
Krise oder Ende des Sozialstaats
Krise oder Ende der Arbeitsgesellschaft
a) vorübergehende Anpassungskrise
b) Strukturkrise, Ende der Arbeitsgesellschaft
Bürgergeldkonzepte
Negative Einkommensteuer
Sozialdividende
Kosten des Bürgergelds
Auswirkungen der Einführung eines Bürgergeldes
Arbeitsmarkt
Sozialsystem
Kritische Würdigung der Bürgergeldidee
Empirische Untersuchungen über das Arbeitsangebot, Arbeitsanreiz
Sozialstaatsreform
Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die Arbeit untersucht das Konzept des Bürgergeldes als mögliche Antwort auf die Doppelkrise des Sozialstaats und des Arbeitsmarktes. Dabei wird analysiert, inwieweit die Einführung eines solchen Modells ökonomisch sinnvoll, politisch umsetzbar und sozial verträglich ist.
- Historische Herleitung der Bürgergeldidee und deren theoretische Grundlagen.
- Vergleichende Analyse verschiedener Bürgergeldkonzepte (Negative Einkommensteuer vs. Sozialdividende).
- Untersuchung der finanziellen Auswirkungen und der Kostenrechnung.
- Diskussion der arbeitsmarktpolitischen Effekte und der Reform des Sozialsystems.
- Kritische Würdigung anhand empirischer Untersuchungen und politischer Durchsetzbarkeit.
Auszug aus dem Buch
Krise oder Ende des Sozialstaats
Daß das Modell des Sozialstaats europäischer Ausprägung in eine tiefen Krise geraten ist, läßt sich seit der Kostenexplosion Mitte der 70er Jahre wohl kaum mehr bestreiten. Bislang hatten stabile Wachstumsraten und hohe Produktivitätssteigerungen für einen großen Verteilungsspielraum gesorgt, was den kontinuierlichen Ausbau des sozialen Sicherungssystems ermöglicht hatte.
Die nun in immer kürzeren Abständen auftretende Finanzkrisen lassen die Thesen der systeminhärenten Instabilität immer plausibler erscheinen. Dies soll im folgenden gezeigt werden.
Das als Moral Hazard charakterisierte Verhalten ist ein Phänomen des Sozialstaats, das nach Ansicht der neoliberalen Ökonomie nur über marktliche Hilfe in den Griff zu bekommen ist. Es bezeichnet das Risiko, daß Menschen so handeln, was man von ihnen befürchtet. Im konkreten Fall bedeutet dies, daß bereits das Vorhandensein einer Versicherung das Verhalten eines Versicherten beeinflußt. Dieser hat die Folgen seines Handelns nicht direkt und selbst zu tragen, sondern kann sie vielmehr auf die Solidargemeinschaft abwälzen.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in die Relevanz der Bürgergeldidee und Definition der verwendeten Synonyme.
Historische Entwicklung der Bürgergeldidee: Darstellung der gesellschaftlichen Trends, die zur Entstehung des Bürgergeldkonzepts führten, unterteilt in Sozialstaatskrise und Wandel der Arbeitsgesellschaft.
Bürgergeldkonzepte: Erläuterung der technischen Funktionsweise von Negativer Einkommensteuer und Sozialdividende.
Kosten des Bürgergelds: Analyse der finanziellen Machbarkeit und der Schwierigkeiten bei der Kostenkalkulation.
Auswirkungen der Einführung eines Bürgergeldes: Untersuchung der Folgen für die Arbeitsmarktflexibilität sowie für das bestehende Sozialsystem.
Kritische Würdigung der Bürgergeldidee: Evaluierung des Konzepts anhand empirischer Experimente und Diskussion der Reformimplikationen.
Fazit: Abschließende Bewertung der politischen Durchsetzbarkeit und Zusammenfassung der offenen Fragen.
Schlüsselwörter
Bürgergeld, Sozialstaat, Negative Einkommensteuer, Sozialdividende, Arbeitslosigkeit, Arbeitsmarkt, Sozialhilfe, Grundeinkommen, Finanzierung, Arbeitsanreiz, Reform, Sozialpolitik, Existenzminimum, Beschäftigungseffekte, Arbeitsgesellschaft.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die theoretischen Konzepte und die praktischen Auswirkungen des Bürgergelds als alternatives Modell der sozialen Sicherung.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Schwerpunkte liegen auf der Krise des Sozialstaats, der Transformation der Arbeitsgesellschaft, der Gestaltung von Bürgergeldmodellen sowie deren ökonomischen Auswirkungen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, den Nutzen und die Risiken des Bürgergelds zu bewerten, um festzustellen, ob es eine Patentlösung für die aktuellen sozialen und ökonomischen Probleme darstellt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es erfolgt eine systematische Literaturanalyse und Auswertung bestehender ökonomischer Studien und empirischer Experimente zur Negativen Einkommensteuer.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der Historie des Konzepts, der Funktionsweise der Modelle, der Finanzierungsfrage, Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt und einer kritischen Würdigung der Reformansätze.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Wichtige Begriffe sind Bürgergeld, Negative Einkommensteuer, Sozialdividende, Arbeitslosigkeitsfalle und Sozialstaatsreform.
Wie bewertet der Autor die politische Umsetzbarkeit?
Der Autor schätzt die politische Durchsetzbarkeit aufgrund der hohen Kosten und der weitreichenden gesellschaftlichen Folgen als eher gering ein.
Warum wird das Bürgergeld als "doppelter Häresieverdacht" bezeichnet?
Weil es von Kritikern einerseits als reine Umbenennung der Sozialhilfe abgetan wird und andererseits von Befürwortern des alten Sozialstaats als Bedrohung für dessen Prinzipien gesehen wird.
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- M.A. Hans Christian Siller (Author), 1998, Das Bürgergeld: den Teufel mit dem Beelzebub austreiben?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1577