Zu Karl Mannheims Begriff der Kontagion


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010
11 Seiten, Note: sehr gut

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Zwei Wege der Erkenntnistheorie

3. Kontagion – Konjunktion – Kommunikation
3.1 Kontagion
3.2 konjunktives Erkennen
3.3 Kontagion – konjunktives Erkennen – Kommunikation

4. Das Problem der Moderne

5. Schlussbetrachtung

6. Literatur

1. Einleitung

Mannheims Vorstellung der Kontagion stellt einen möglichen Ausweg für die Menschen in einer entfremdeten Umgebung dar. In seiner kultursoziologischen Schrift „Eine soziologische Theorie der Kultur und ihrer Erkennbarkeit (Konjunktives und kommunikatives Denken)“ erläutert und diskutiert er mögliche Formen des Erkennens und Verstehens und weist dabei auf die Probleme moderner Gesellschaften hin. Gleichzeitig zeichnet Mannheim aber auch durch den Hinweis auf die Kontagion und eine Rückbesinnung auf diese Erkenntnisform einen Lösungsweg aus der alltäglichen Entfremdung auf.

Im Folgenden sollen daher zunächst die beiden Erkenntnisformen der Moderne (die Mannheim konstatiert) vorgestellt werden. Daraufhin soll das Verhältnis von Kontagion, Kommunikation und Konjunktion erläutert werden und abschließend soll auf die Problematik der Moderne eingegangen werden.

2. Zwei Wege der Erkenntnistheorie

Nach Mannheim ist die Moderne geprägt durch zwei verschieden Wege der Erkenntnistheorie.

Zum einen gibt es eine Form des Erkennens, die maßgeblich am Ideal exakter Naturwissenschaften ausgerichtet ist. Entscheidend ist hierfür das Erkennen als Quantifizieren. In dieser Erkenntnisform soll von der subjektiven Perspektive des Erkennenden abstrahiert werden, wie Mannheim es formuliert, soll ein Prozess der „Entanthropomorphisierung“ stattfinden.[1]

Eine andere Form der Erkenntnis entspringt nach Mannheim der Romantik und enthält Züge die der religiösen Erfahrung ähneln. Hier geht es vielmehr um eine vortheoretische Erfahrung und praktisches Wissen.[2]

Mannheim konstatiert hierbei dem naturwissenschaftlichen Erkennen einen entscheidenden Mangel. Das Problem für Mannheim ist, dass eine naturwissenschaftliche Herangehensweise alle anderen Erkenntnisformen verneint und somit darüber hinwegsieht, dass bei einem Erkenntnisakt eine besondere Beziehung zwischen Subjekt und Objekt entsteht. Hier wird der Begriff des Erkennens nach Mannheim viel zu eng gefasst, derartiges Erkennen ist nach Mannheim vielmehr nur ein Teil der Subjekt-Objekt-Beziehung: „jeder Erkenntnisakt ist nur ein unselbstständiger Teil einer existentiellen Beziehung zwischen Subjekt und Objekt, einer existentiellen Beziehung, die jeweils eine anders geartete

Gemeinsamkeit und eine stets spezifische Einheit zwischen diesen beiden stiftet.“ [3]

Diese Form des Erkennens, umfasst zwar das Quantifizieren, ein Verstehen des

„Qualitativen“ kann aber dadurch nicht erreicht werden. Für Verstehen greift sie zu kurz, da durch eine bloße begriffliche Objektivierung die eigentliche Qualität des Erkannten nicht erfasst werden kann.

3. Kontagion – Konjunktion - Kommunikation

3.1 Kontagion

Die Alternative ist für Mannheim ein weiterer Erkenntnisbegriff, der die besondere Beziehung zwischen Subjekt und Objekt reflektiert. Anstatt zu abstrahieren und einen Gegenstand oder eine Person rein rational und vermeintlich objektiv zu erfassen, zielt dieses Erkennen auf die spezielle Beziehung ab, welche beim Erkenntnisprozess entsteht. Hierzu dient Mannheim der Begriff der Kontagion. Als Kontagion bezeichnet Mannheim dieses besondere Gefühl der Einheit mit dem Gegenstand, das jeglicher Objektivierung und Abstrahierung in mittelbare Sprache vorausgeht. In dieser Kontagion kommt es zu einer Be-rührung bzw. An-rührung des Selbst, der Seele durch einen Gegenstand. Dieser Gegenstand wird in den Selbst- kreis aufgenommen, bildet eine Einheit mit dem Erkennenden. Es kommt zu einer Verschmelzung. Erst durch dieses existentielle Eins-sein, kann es zu einer greifbaren Subjekt-Objekt-Beziehung kommen. Mannheim zielt demnach darauf ab, dass wir einen Gegenstand erst dann wirklich erkennen und begreifen können, wenn wir eine existentielle, gestimmte Beziehung mit ihm eingehen. Erst durch das Aufnehmen des Gegenstandes, durch dessen Verschmelzung mit uns selbst, wird ein wirkliches

Verstehen des Gegenstandes, der Beziehung zum Gegenstand, sowie auch unserer selbst möglich.[4]

Als Berührung ist hierbei jegliche Aufnahme eines Objekts in den Selbstkreis zu betrachten, gemeint ist also nicht nur jegliches Erfassen des Anderen durch die Sinne (z.B. den Tastsinn), auch durch unseren Geist und unsere Seele können wir in der Kontagion erkennen. Es ist nicht immer klar, wann man bei Mannheim von einer Kontagion sprechen kann, was eine derartige Beziehung wirklich ausmacht. Was Mannheim jedoch verdeutlicht ist, dass die Anrührung bzw. Berührung durch den oder das Andere nicht durch bereits objektivierte Ausdrucksformen geschieht (die ja bereits eine Abstraktion darstellen). Wie Mannheim es formuliert, geht es vielmehr um ein umfassendes Aufnehmen des anderen „in seiner unwiederholbaren seelischen Einmaligkeit“.[5] Begegnet man einem Menschen, tritt man demnach in eine besondere Beziehung zu ihm, welche sich erneuern und verändern kann. Diese Beziehung bleibt in ihrer komplexen Qualität nicht mitteilbar, weil ihr spezieller Charakter nicht ohne Bedeutungsverlust formulierbar ist.

Für Mannheim stellt diese Kontagion die Grundlage jeglicher Kommunikation dar, die diese Beziehung abstrahiert, objektiviert, mitteilbar macht. Eine Frage, die hier offen bleibt ist jedoch, ob wirklich jegliche Begegnung bereits als Kontagion zu werten ist, oder eine Beziehung, die als Kontagion bezeichnet werden kann, einen besonderen Charakter haben muss. Handelt es sich beispielsweise bei Alltagssituationen zwischen Individuen, wie beispielsweise dem Bezahlen an der Kasse um eine derartige Beziehung oder nicht? Ist die Beziehung zum anderen zunächst vorbewusst und wird erst durch den Akt des konjunktiven Erkennens und der eventuell anschließenden Kommunikation bewusst? Oder muss, abgesehen von einer gewissen körperlichen Gestimmtheit, auch eine bewusste „seelische“ Bereitschaft vorhanden sein, um durch den anderen berührt werden zu können, oder reicht das bloße sinnliche Wahrnehmen um eine derartige Beziehung aufzubauen?

3.2 Konjunktives Erkennen

Das konjunktive Erkennen ist ein Erkenntnisprozess, der geprägt ist durch die subjektive Perspektive des Individuums. Auch wenn dieses perspektivische Wahrnehmen und Erkennen eines Gegenstandes durch die subjektive Position des Akteurs geprägt ist, muss es dennoch als eine echte Form des Erkennens wahrgenommen werden (im Gegensatz zur naturwissenschaftlichen Erkenntnis, die jegliche Perspektivität abwerfen und verneinen will). [6]

In diesem Erkennen kann der/das andere insoweit wahrgenommen werden, wie es sich in der Subjekt – Objekt-Beziehung auflöst, in ihr aufgeht. Am Beispiel der Beziehung zwischen zwei Personen lässt sich dies verdeutlichen. Das Erkennen ist zum einen durch den perspektivischen Standpunkt beider Akteure geprägt. Wie der andere wahrgenommen wird, hängt damit vom einzelnen Subjekt ab. Der vorbewusste, körperlich gestimmte Eindruck ist nicht objektivierbar. Des Weiteren kann der eine vom anderen auch nur das wahrnehmen, was auch in der spezifischen Beziehung preisgegeben wird. Eine Art „objektives“ entanthropomorphisiertes Wissen, das Feststellen eines „an sich“, wie es die Naturwissenschaften fordern, ist somit nicht möglich. In Mannheims Worten: „Jeder erkennt vom anderen nur so viel, und nur in der Weise, wie er in unsere gemeinsame Beziehung eingeht, in ihr existiert, in ihr sich entfaltet.“[7] Es handelt sich somit klar um ein vortheoretisches, praktisches Wissen, das erst durch eine Übersetzung in eine theoretische Sprache rational greifbar wird.

[...]


[1] ANNHEIM (1980): 201.

[2] gl. ebd.: 201f.

[3] Ebd.: 206.

[4] Vgl. ebd.: 207f.

[5] Ebd.: 209.

[6] Vgl. ebd.: 211f.

[7] Ebd.: 213.

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Zu Karl Mannheims Begriff der Kontagion
Hochschule
Universität Leipzig
Note
sehr gut
Autor
Jahr
2010
Seiten
11
Katalognummer
V157906
ISBN (eBook)
9783640710584
ISBN (Buch)
9783640710775
Dateigröße
453 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Karl, Mannheims, Begriff, Kontagion
Arbeit zitieren
Katharina Oberfeld (Autor), 2010, Zu Karl Mannheims Begriff der Kontagion, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/157906

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