Die Bauhaus-Rezeption in der DDR: Design, Architektur, Kunsthochschulwesen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006
18 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Das Bauhaus-Erbe in der Deutschen Demokratischen Republik
2.1 An Kunsthochschulen
2.2 Im Design
2.3 In der Architektur

3. Zusammenfassung

4. Literaturverzeichnis

1. Einführung

Das Bauhaus ist in den vergangenen Jahren zu einem der populärsten Forschungsthemen der deutschen und internationalen Kunsthistoriker avanciert. Dementsprechend groß ist der Bestand an Literatur zur Geschichte der Schule, den Dozenten und Fachbereiche. Die Ideen des Bauhauses haben dessen Einrichtung bis heute überlebt und wurden von seinen Vertretern und Schülern in die Welt getragen. Auch in der DDR haben solche Auffassungen Karriere gemacht und deutliche Spuren hinterlassen. Die Konzepte von Gropius, van der Rohe, Meyers und anderen haben Architektur, Design und Pädagogik so wesentlich beeinflusst, dass man bereits über jedes dieser Themen mehrere Bücher verfassen könnte. Allein: solche Bücher wurden noch nicht geschrieben. Der Anteil der Bauhaus -Literatur, der sich mit der DDR beschäftigt, ist verschwindend gering und zum größten Teil provokant-spielerisch oder rein monografisch in der Form.

Wer sich dennoch auf dieses Sujet einlässt, bemerkt, wie eng verstrickt die beteiligten Personen, Institutionen und Ereignisse sind, auch Disziplin übergreifend. Personen aus dem ehemaligen Bauhaus tauchten an Kunsthochschulen und in politisch markanten Ämtern auf. Wohnungen, welche neu gebaut wurden, wurden Trendgerecht eingerichtet. Diese Wechselbeziehungen sind der Grund für etliche Dopplungen, die in dieser Arbeit vorkommen mögen; wenn sie vorkommen, sind sie notwendig, um Zusammenhänge besser zu beleuchten.

Die Bauhaus -Rezeption in der DDR lief auf weiten Strecken parallel zur politischen Entwicklung im Land und lässt sich in mehrere Phasen gliedern, die nahezu mit den einzelnen Jahrzehnten zusammen fallen und unübersehbar mit der jeweiligen wirtschaftlichen und kultur-politischen Situation im Land verquickt sind.[1] Um nicht zu verwirren habe ich meine Abhandlung daher chronologisch gegliedert. Da die Bauhaus - Einflüsse in Ost-Deutschland wie bereits erwähnt umfassend waren, erhebt sie freilich keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern kann höchstens einen kurzen Abriss oder eine Übersicht über ein facettenreiches, umfangreiches Phänomen darstellen.

Alle drei Wirkungsstätten des Bauhauses – Weimar, Dessau und letztlich Berlin – befanden sich auf Territorium der DDR. Betrachtet man nun die Bauhaus -Rezeption und Fortentwicklung in dieser Zeit, offenbart sich eine einzigartige Ausgangssituation, denn die architektonischen und ideellen Hinterlassenschaften der Bauhäusler bewirkten eine wesentlich unmittelbarere Rezeption ihrer Ideen, als in der BRD oder in den USA. Auch gab es sowohl in Weimar, als auch in Dessau Menschen, die sich an die Anregungen des Bauhauses erinnerten und sich persönlich für dessen Wiederaufbau einsetzten.

Viele ehemalige Bauhäusler lebten in der DDR oder kehrten aus dem Exil dorthin zurück, da sie sich vom Sozialismus eine humane, gegenüber Kultur aufgeschlossene Gesellschaft erhofften.[2] Vor allem im Bereich der industriellen Formgestaltung wurden bis in die Fünfziger Jahre noch Vorkriegs-Entwürfe ehemaliger Bauhäusler umgesetzt.[3] Viele von ihnen verließen das Land jedoch bereits nach wenigen Jahren wieder, als das kulturpolitische Klima im Staat aufgrund der fortschreitenden Formalismus -Debatte deutlich abkühlte. Verfechter der Bauhaus -Ideen wurden verfemt und von höchster Stelle abgelehnt und verurteilt.[4]

Mitte der Fünfziger Jahre zeichnete sich dann vor dem Hintergrund der prekären wirtschaftlichen Situation und der enormen Wohnungsnot eine Neubewertung des Bauhaus -Gedankens ab: Man besann sich auf industrielle Bauweisen und die soziale Komponente des Bauhauses und erkannte es wieder als Teil des eigenen kulturellen Erbes an.[5]

In den Sechziger Jahren gab es etliche Monografien zum Thema, sowie erste größere Bauhaus -Ausstellungen in Dessau und Weimar. Das ehemalige Lehrgebäude in Dessau wurde gar zum Denkmal erklärt. In den 70er Jahren erfuhr das Bauhaus eine weitere ideologische Aufwertung, verbunden mit dem Etappenweisen Wiederaufbau, der in der feierlichen Wiedereröffnung der Dessauer Schule 1976, pünktlich zum 50jährigen

Jubiläum, kulminierte. In der Politik avancierte das Bauhaus indessen zu einer Art Vorläufer sozialistischer Baukunst. Man betonte hochoffiziell die enge Verbindung mit dem Wohnungsbauprogramm der DDR. [6] In den Achtzigern erwuchs das Ende der Siebziger gegründete Bauhaus-Kolloquium mehr und mehr zu einem Forum der Auseinandersetzung mit aktuellen städtebaulichen und architektonischen Problemen, zu deren Lösung man die ursprünglichen Bauhaus - Ideen heranzog.[7] Mit der Wiederaufnahme des Lehrbetriebes an der Hochschule in Dessau 1987[8] war das Bauhaus endgültig wieder im Staat präsent.

1.1 An Kunsthochschulen

Wie bereits erwähnt, übernahm die sozialistische DDR das Ideal der Gesellschaftsbildenden, „progressiven“ Kunsthochschule[9]. Darüber hinaus aber wurden gerade in der Nachkriegszeit Bauhaus -Ideen an Akademien höchstens geduldet, meistens sogar boykottiert. Ende der fünfziger Jahre wurden auch an Hochschulen regelrechte Polit-Kampagnen gegen „formalistische“ und „kosmopolitische“ Konzepte und Einrichtungen geführt[10]. Zudem veränderten staatliche Lenkungsversuche das Gesicht einiger Schulen wesentlich; z.B. mit der Einführung eines Marxistisch- Leninistischen Grundlagenstudiums, sowie schmerzhaften Einschränkungen für die Abteilungen Malerei, Grafik und Plastik[11]. (Vorzugsweise in Richtung des ideologisch erwünschten Sozialistischen Realismus[12] in der bildenden Kunst sowie des industriellen Designs.)

Die frühesten Versuche für die Wiedereinrichtung des Bauhauses fielen in die Zeit um 1950; sie waren größtenteils verknüpft mit dessen ursprünglichen Wirkungsstätten.

In Weimar begannen Hermann Henselmann und Ernst Neufert mit Überlegungen zum Aufbau der Schule unter zeitgemäßen Korrekturmaßnahmen in deren Programm, die schon im Herbst 1946 zur Eröffnung der Hochschule für Baukunst und Bildende Künste führten.[13]

Für das Kollegium konnten sie u. a. ehemalige Bauhaus -Schüler gewinnen. Darunter waren Peter Keler und Hanns Hoffmann-Lederer für die Vorlehre, die in ihrer Art dem Vorkurs von Josef Albers ähnelte; weiterhin Gustav Hassenpflug für Städtebau und Henselmann selbst als Dozent für Moderne Baukunst. Wie auch im ursprünglichen Bauhaus suchte er die Nähe zu Handwerk, Industrie und neuerdings auch den Gewerkschaften, um die Ausbildung an der Hochschule bestmöglich mit der praktischen Aufgabe des Wiederaufbaus zu verknüpfen.[14]

Bald aber tauchten bereits erste ideologische Konflikte bei der Zusammenarbeit mit den Besatzern und deutschen Stellen auf, sodass Leiter Henselmann bereits 1949 seinen Posten abgab und die Hochschule gleich mehrere Reformen durchlebte[15].

Auch in Dessau beruhte die Wiedererweckung des Bauhauses im Grunde auf persönlichem Engagement Einzelner. Fritz Hesse, der sich 1925 als Oberbürgermeister für die Umsiedlung der Akademie in ,seine’ Stadt eingesetzt hatte, machte sich auch nach seiner Wiedereinsetzung 1945 für eine Wiedereröffnung stark[16].

Für die programmatische Gesamtplanung konnte er zudem den Ehemaligen Hubert Hoffmann gewinnen, dessen Konzept sich an dem Lehrprogramm von Hannes Meyer orientierte. Des Weiteren sah sein Konzept vor, das neue Bauhaus zu einer „zentrale der gestaltung unserer umwelt“ zu machen.[17] Hierfür integrierte er in die herkömmlichen Arbeitsfelder der Schüler die Fächer Gartenbau und Landschaftsplanung. Hoffmann setzte sich stark für den kulturellen Wiederaufbau Dessaus ein, warb ehemalige Bauhäusler für seine Vorhaben an und erarbeitete umfangreiche Gliederungs- und Bebauungspläne für die Stadt, wobei er darauf achtete, Landschafts- und Architekturdenkmäler von Wert zu erhalten und zu integrieren.[18]

Nach der Abwahl des Bürgermeisters Hesse 1947 konnte jedoch kaum eines der zahlreichen Projekte umgesetzt werden, da alle Nachfolger aus der SED die Bauhaus -

Pläne boykottierten. Grund waren auch hier die beginnende Formalismus -Debatte und die daraus resultierenden ideologischen Reibungen[19]. In Berlin-Weißensee schließlich startete Mart Stam, der am Bauhaus unter Hannes Meyers Gastdozent für Baulehre und Städtebau gewesen war, einen weiteren Versuch, die Bauhaus -Ideen wieder an einer Hochschule einzuführen. 1950 gründete er an der dortigen Hochschule für bildende und angewandte Kunst ein Institut für industrielle Gestaltung, wo er selbst ein Seminar gab. Seine nahezu ausschließliche Ausrichtung auf das Industrieprodukt als Gegenstand der Gestaltung brachte Stam jedoch nicht nur in den Reihen der Partei, sondern nicht selten auch Anfeindungen von Studenten ein.[20] Das Ausbildungs-Konzept der Berliner Hochschule als Gesamtkunsthochschule mit einer allgemeinen Grundstufe vor der spezielleren Lehrlings-, Gesellen- und Meisterausbildung im Seminar für industrielle Formgestaltung geht deutlich auf das ursprüngliche Lehrkonzept des Bauhauses zurück.[21] Dass Stam zudem ehemalige Bauhäusler, wie z.B. den Architekten Selman Selmanagic, an die Hochschule berief, sorgte auch nach seinem Weggang 1953 für eine relativ konstante Entwicklung an der Schule, währenddessen das Institut für industrielle Formgebung mehr und mehr zur staatlichen Instanz instrumentalisiert wurde.[22]

Von allen Bauhaus -Nachfolgern spiegelt sich in Berlin am deutlichsten das Vorbild (des späten) Bauhaus.

Darüber hinaus gab es durchaus viele weitere, unterschwellige Versuche der Adaption von Ideen und Konzepten, die ebenfalls größtenteils von ehemaligen Bauhaus -Schülern und –Lehrern zusammenhängen. So bemühten sich u. a. Marianne Brandt an der Hochschule für Bildende Künste Dresden in den Abteilungen Holz, Keramik und Metall, sowie Herbert Wegehaupt an der Universität Greifswald um eine Wiederbelebung des Bauhaus -Gedankens.[23]

In Halle an der Saale war es Hochschuldirektor Walter Funkat, ehemals Schüler und Mitarbeiter von Gropius und van der Rohe, der entgegen den Anfeindungen und der zunehmenden staatlichen Kontrolle die Bauhaus -Prinzipien insbesondere in den Bereichen der industriellen Formgestaltung weiter durchsetzte.[24]

[...]


[1] Ergebnis dieses Konfliktes zwischen der Kontinuität eigener gestalterischer Überzeugungen und extremer Schwankungen der offiziellen Design-Politik führten zwangsläufig zu „Spannungen und Widersprüchen für das Design in der DDR (…)“ vgl. Eberle und Gronert 2004, S.7

[2] Graf 1994, S.106. Die Autorin beruft sich auf Christian Schädlich, der in seinem Buch „Bauhaus 1919- 1933“, erschienen 1983 in Dessau, von ca. 40 Ehemaligen ausgeht, welche „sich unmittelbar nach der Zerschlagung des Faschismus einfanden, um tatkräftig an der Schaffung einer menschenwürdigeren Gesellschaft teilzunehmen.“ Und „in deren politischen und künstlerischen Tätigkeiten die besten Traditionen des Bauhauses weiterlebten“. (S.20)

[3] Graf 1994, S.106. So zum Beispiel die berühmt gewordenen Stahlrohr-Möbel von Gustav Hassenpflug, die in einer Möbelfabrik in Stendal vom Band gingen.

[4] Ebd., S.106

[5] Ebd., S.107

[6] Graf 1994, S.108f.

[7] Ebd., S.110. Das wird bereits am Titel der Kolloquien deutlich. So stand die Veranstaltung 1983 zunächst unter dem Motto „Das Bauhaus-Erbe und die gegenwärtige Entwicklung in der Architektur. Zum 100. Geburtstag von Walter Gropius“; 1986 untersuchte man den „Wissenschaftlich-technischen Fortschritt und die sozial-kulturelle Funktion von Architektur und industrieller Formgestaltung in unserer Epoche“, wobei sich fast die Hälfte der Redner an historischen Sachverhalten, darunter dem Bauhaus, orientierte. Das 5. Bauhaus-Kolloquium 1989 fand zum Thema „Produktivkraftentwicklung und Umweltgestaltung – Zum 100. Geburtstag Hannes Meyers“ statt.

[8] Ebd., S.109

[9] Ebd., S.103

[10] Eisele & Gronert 2004, S.30 und Graf 1994, S.106f.

[11] vgl. http://www.burg-halle.de/295.html [Stand: 09.01.2006, 21:08 Uhr] und Eisele & Gronert 2004, S.31

[12] Der S ozialistische Realismus wollte besonders den ,neuen Menschen’ und die ,neue Gesellschaft’ darstellen – meist in pathetisch-verherrlichender Art und Weise – und wurde dementsprechend von der SED gefördert. Carolyn Graf schrieb dazu: „Der Künstler hatte als aktives Mitglied der Gesellschaft seinen Beitrag am nationalen Aufbauwerk zu leisten – und die Partei schrieb ihm vor, wie dieser Beitrag auszusehen hatte: ,Sozialistisch im Inhalt, national in der Form’ lautete der Slogan, den Ulbricht zunächst als Beschreibung der vorbildlichen sowjetischen Architektur von Stalin übernommen hatte.“ Vgl. Graf 1994, S.106

[13] Graf 1994, S.104 Zur Ausbildungskonzeption vgl. Abb.5

[14] Ebd., S.104

[15] Ebd., S.104.

[16] Ebd., S.105

[17] Ebd., S.105

[18] Ebd., S.105

[19] Graf 1994, S.105

[20] Ebd., S.105

[21] vgl. Abbildung 5: Rekonstruktion der Konzeption der Staatlichen Hochschule für Baukunst und Bildende Künste Weimar 1945-50.

[22] Graf 1994, S.105

[23] Ebd., S.106

[24] Graf 1994, S.106

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Die Bauhaus-Rezeption in der DDR: Design, Architektur, Kunsthochschulwesen
Hochschule
Staatliche Hochschule für Gestaltung Karlsruhe  (Institut für Kunstwissenschaft)
Veranstaltung
Seminar „From Bauhaus to our house - Kunsthochschulen der Moderne“
Note
1,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
18
Katalognummer
V157916
ISBN (eBook)
9783640714957
ISBN (Buch)
9783640715312
Dateigröße
498 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bauhaus, Weimar, Dessau, Kunsthochschulen, DDR, Architektur, Design
Arbeit zitieren
Franziska Beyer (Autor), 2006, Die Bauhaus-Rezeption in der DDR: Design, Architektur, Kunsthochschulwesen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/157916

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