Ekel - Betrachtung der Empfindung in Sartres "La Nausée" unter dem philosophischen Aspekt des Existentialismus


Seminararbeit, 2009
14 Seiten, Note: 2,7

Leseprobe

Gliederung

I. Einleitung

II. Die Entwicklung des Ekels in Sartres La Nausée

III. Schlussbemerkung

IV. Résumé

I. Einleitung

La Nausée [ … ]: c ´ est moi “:1 so oder so ähnlich könnte das Ergebnis des Versuchs aussehen, dem Begriff Ekel in Jean-Paul Sartres im Jahre 1938 erschienenen Roman La Nausée eine Definition zuzuordnen. Unter dem theoretischen Aspekt betrachtet drückt Ekel als Bezeichnung für eine der stärksten Empfindungen, die der Mensch zu fühlen fähig ist, in erster Linie eine Abneigung bzw. einen starken Widerwillen gegen organische Substanzen jeglicher Art, gegen Objekte sowie auch gegen Subjekte aus. Er stellt somit eine Maßnahme zum Selbstschutz des eigenen menschlichen Körpers dar, dem etwas zu nahe kommt, das von dem Betroffenen als überaus unangenehm und aufdringlich empfunden wird. Als Ausweg aus dieser misslichen Lage bahnt sich bei der Person schließlich ein Ekel an, eine Art Abstoßungsreaktion, um sich von der unerwünschten Sache so schnell wie möglich zu distanzieren oder sich ihrer im günstigsten Fall sogar zu entledigen. In der Psychologie ebenso wie in der Neurologie wird Ekel als ein grundlegendes, jedem Menschen innewohnendes Reaktionsmuster angesehen,2 das sich äußerlich in der Mimik einer angewiderten Person zeigt. Bei den Betroffenen kommt es meist zu heftiger Übelkeit, die mit einem Brechreizgefühl einhergeht.

In der heutigen Umgangssprache findet sich das Adjektiv “ekelhaft“ zur Benennung unwillkommener bzw. unerwünschter Gegebenheiten. Der Begriff meint hier jedoch in den meisten Fällen lediglich ein negatives Empfinden bzw. die individuelle Zuschreibung einer Situation als ablehnend3 und wird daher in seiner Verwendung vielfach zweckentfremdet. Das subjektive Empfinden lehnt mit der Bezeichnung einer bestimmten Situation oder bestimmter Substanzen als “ekelhaft“ eben jene ab, wobei sich diese Art von Abneigung zumeist weit unterhalb des bei weitem darüber hinausgehenden, viel stärkeren Empfindens von Ekel befindet.

In Sartres Roman La Nausée verwendet der Protagonist des Öfteren sowohl den Begriff nausée als auch den Ausdruck dégoût. Im Deutschen jedoch ist lediglich der Universalterminus “Ekel“ als Äquivalent gebräuchlich, weshalb nicht exakt zwischen den beiden französischen Begriffen differenziert werden kann.

Dennoch ist anhand der wörtlichen Übersetzung eine leichte Differenz feststellbar:

während nämlich der Begriff nausée wörtlich mit “Übelkeit“ und “Brechgefühl“ übersetzt wird und lediglich im übertragenen Sinn “Ekel“ bedeutet, bezeichnet der Terminus dégoût buchstäblich “Ekel“ und “Abscheu“. Der Protagonist hält sich also regelmäßig innerhalb des Bereichs des dégoût auf, des Ekels im eigentlichen Sinn, wenn er im Roman von nausée, von einer ihn überkommenden Übelkeit, spricht. Der Begriff nausée findet sich in der Existenzphilosophie Sartres4 wieder und erlangt somit eine philosophische Komponente, während hingegen den Ekel konkret hervorrufende organische Aggregatzustände in die Kategorie des dégoût, des Ekels im allgemeinen Sinn, fallen.5 Fraglich ist jedoch, was genau der Protagonist letzten Endes unter nausée versteht, dem Gefühl, das ihn so oft überfällt und in dessen Kontext nicht selten das Gefühl der Angst steht.

II. Die Entwicklung des Ekels in Sartres La Nausée

Alles beginnt für den Protagonisten Antoine Roquentin mit einer in seinem Alltag wahrgenommenen Veränderung:

Dans mes mains [ … ], il y a quelque chose de neuf, une certaine fa ç on de prendre ma pipe ou ma fourchette. Ou bien c ´ est la fourchette qui a [ … ] une certaine fa ç on de se faire prendre [ … ]. [ … ][Comme] j ´allais entrer dans ma chambre, je me suis arrêténet, parce que je sentais dans ma main un objet froid qui retenait mon attention par une sorte de personnalité. J ´ ai ouvert la main, j ´ ai regardé: je tenais [ … ] le loquet de la porte “.6

Der Hauptdarsteller fühlt sich unwohl und reagiert auf die neue Erscheinung der ihn umgebenden Gegenstände mit Angst, Angst vor allem Neuen und damit Ungewissen, Angst vor Veränderung, Angst vor der Zukunft.7 Das erste Mal kommt der Protagonist mit dem Gefühl des Ekels in Berührung, als er - wie die Jungen es machten - einen Kieselstein über das Meer springen lassen wollte:

[ … ] [Je] me suis arrêté, j ´ ai laissétomber le caillou et je suis parti. [ … ] Il y avait quelque chose que j ´ ai vu et qui m ´ a dégoûté, mais je ne sais plus si je regardais la mer ou le galet. Le galetétait plat, sec sur tout un c ô té, humide et boueux sur l ´ autre. Je le tenais par les bords, avec les doigts tr è sécartés, pouréviter de me salir “.8

Diese auffällige Verhaltensweise kann als ein erstes Anzeichen für Ekel gewertet werden. Der Körper lehnt den Entschluss Roquentins, den Kieselstein zu werfen, ab, um sich selbst vor möglichen Gefahren zu schützen, die mit dem Werfen einhergehen könnten.9 Das Verhältnis zwischen ihm und den ihn umgebenden Dingen scheint hier verkehrt, zumal da er selbst nicht mehr handelndes Subjekt ist, sondern von den Sachen in die passive Position des Handlungsträgers gesetzt wird. Während Roquentin also den Posten der Dinge einnimmt, übernehmen jene seine Stelle: „ Les objets [ … ] me touchent, c ´ est insupportable. J ´ ai peur d ´ entrer en contact avec eux [ … ] “.10 Auffällig ist auch die Sichtweise Roquentins bezüglich der Abfassung seines Romans über den Marquis de Rollebon, die sich im Anschluss an diese Vorfälle ändert: „ Longtemps l ´ homme [ … ] m ´ a intéresséplus que le livre àécrire. Mais, maintenant, l ´ homme [ … ] commence à m ´ ennuyer. C ´ est au livre que je m ´ attache [ … ] “.11 Der Fokus seines Interesses gilt nun nicht mehr der Person selbst, sondern es geht Roquentin ab diesem Zeitpunkt vielmehr um das Schreiben des Buches an sich, um die Sache, während der Charakter Rollebons dabei in den Hintergrund zurücktritt. Auf Grund der Unbestimmtheit dieses unangenehmen Gefühls, dem Ekel, versucht Roquentin ihn eines Abends in dem Café, in welchem er sich aufhält, zu lokalisieren, um seiner Bedeutung in irgendeiner Weise näher zu kommen bzw. ihn gegebenenfalls sogar einmal definieren zu können: „ [ … ] [Je] l ´ ai [ … ], la Nausée. Et cette fois-ci, c ´ est nouveau: ç a m ´ a pris dans un caf é “.12 Der Protagonist verliert in dem Café jeglichen Orientierungssinn, versucht aber dennoch, die Lage zu überschauen und sich über den Ursprung seiner Lust, sich zu übergeben,13 klarzuwerden:

Sa chemise de coton bleu se détache joyeusement sur un mur chocolat. Ç a aussi ç a donne la Nausée. Ou plut ô t c ´ est la Nausée. La Nausée n ´ est pas en moi: je la ressens l à -bas sur le mur, sur les bretelles, partout autour de moi. Elle ne fait qu ´ un avec le café, c ´ est moi qui suis en elle “.14

Es entsteht der Eindruck, der Ekel nähere sich langsam von außen an Roquentin heran, und noch ist er es selbst, der sich in dem Ekel aufhält.

Einen kleinen Moment des Glücks empfindet er lediglich bei dem Hören des einen, ganz speziellen Liedes: „ [ … ] [Au-dehors,] il y a cette bande d ´ acier, l ´é troite durée de la musique, qui traverse notre temps de part en part [ … ] “.15 Roquentin versucht hier in der sich für ihn verändernden Umgebung etwas Vertrautes und Bestimmbares zu erkennen, womit er seinem Leben die Struktur zurückgeben kann, die es - zumindest für den Moment - verloren zu haben scheint. Dies gelingt ihm schließlich bei dem Lied auf Grund seiner begrenzten Spiellänge. Es folgt starren Normen und wird sich in seinem inhaltlichen Aufbau und in seinem Ablauf nicht ändern.16

Die Erfahrung des Ekels beginnt somit für den Protagonisten mit einer Identitätskrise, die Wahrnehmung in Bezug auf seine Umwelt wird vollständig auf den Kopf gestellt, er kann unerwartet einen Blick hinter die Dinge werfen, und dabei erscheint ihm Lebloses plötzlich als lebendig und sogar mit einer eigenen Persönlichkeit ausgestattet zu sein.17 Erste Anzeichen von Angst, auch Zukunftsangst bis hin zu Existenzangst kommen in seinen Gedanken auf. Roquentin kann sich selbst nicht mehr von den lebendigen Dingen um ihn herum abgrenzen, er fühlt sich in seiner Existenz bedroht. Gemäß Sartre geht die Existenz der Menschen der Essenz voraus.18 Menschen existieren also, bevor sie sich gewisse Eigenschaften aneignen können und sich somit ihre Essenz formen, während hingegen Dinge lediglich eine Essenz besitzen. Der atheistische Existentialismus, dem sich Sartre angehörig fühlte,19 erklärt die Angst anhand der eigenen Erkenntnis des Menschen, sich in seinem Sein selbst bestimmen zu können, den anderen Menschen gegenüber jedoch auch eine gewisse Verantwortung zu tragen, aus der sich zu befreien es unmöglich ist.20

Dieses Lied also ist weder auf dieselbe Art und Weise existent wie Roquentin in seiner menschlichen Form es ist, noch kann der Protagonist die Essenz des Liedes verändern.21 Dennoch ist es in seinem Wesen nicht zufällig, es wurde von einem Mann geschrieben und von einer Frau gesungen und ist somit von einer Notwendigkeit geprägt. Das Lied gibt ihm somit das Gefühl von Struktur, etwas, an dem er sich festhalten bzw. orientieren kann:

[ … ] [Le] disque [ … ] s ´ use, la chanteuse est peut-être morte: moi, je vais m ´ en aller, je vais prendre mon train. Mais derri è re l ´ existant qui tombe d ´ un présent à l ´ autre, sans passé, sans avenir, derri è re ces sons qui, de jour en jour, se décomposent [ … ] et glissent vers la mort, la mélodie reste la même, jeune et ferme, comme un témoin sans piti é “.22

Der Protagonist kommt während seiner Zeit in Bouville mit verschiedenen Arten von Existenzen in Kontakt: er betrachtet die Dinge genauer, wobei sich die Sachen immer weiter von seiner Sichtweise über sie entfernen und ihm fremd werden. Er kann sich deshalb nicht mehr auf seine ursprünglich fundierten Kenntnisse stützen und verliert somit einen wichtigen Rückhalt in seinem Leben.23 Dies führt bei Roquentin zwangsläufig zu Angst, da er - zu Beginn noch unbewusst, jedoch gewinnt er im weiteren Verlauf immer mehr an Bewusstsein - seine eigene Sicherheit bedroht sieht.24 Hieraus ergibt sich die intensive Auseinandersetzung mit seiner Umwelt, den Personen um ihn herum, und schließlich auch die Zuwendung und Erfahrung der eigenen Existenz. Zum jetzigen Zeitpunkt seines Bewusstseins sieht der Protagonist seine Existenzbegründung in seiner Arbeit: „ Ne pas oublier que M. de Rollebon représente, à l ´ heure qu ´ il est, la seule justification de mon existence “.25 Roquentin definiert sich hier über seine Arbeit, was als ein erster Versuch angesehen werden kann, wieder zu sich selbst zu finden. Gemäß Sartre geht die Existenz dem Wesen, der Essenz, voraus (s.o.). Er vertritt den Standpunkt, dass der Mensch nichts anderes als ein eigens entworfener Entwurf ist, für den man verantwortlich ist.26 Die Existenz eines Menschen ist deshalb nur in eben jenem Maße möglich, in dem der Mensch seinen eigenen Entwurf verwirklicht, der sich letztlich aus der Summe der eigenen Handlungen ergebe.27 Der Protagonist macht hier daher einen weiteren (un-)bewussten Schritt in Direktion seiner eigenen Identität, einen Schritt auf dem Weg, sich selbst zu finden, seinen persönlichen Sinn des Lebens und seinen Platz in der Welt.

Es gibt allerdings immer wieder Ansätze des Zweifelns bei Roquentin bezüglich seiner Daseinsberechtigung und somit Unsicherheiten in seinem Denken, die sein Bild von der Welt, von dem Sinn des Lebens, nicht aber zuletzt auch von sich selbst ins Wanken bringen:

[...]


1 J.-P. Sartre, La Nausée, Paris 2008, 181.

2 Vgl. W. Menninghaus, Ekel. Theorie und Geschichte einer starken Empfindung, Frankfurt am Main 1999, 8.

3 Zum Beispiel: „Der Schneeregen ist ekelhaft“ heißt in der gehobenen Sprache so viel wie: „Der Schneeregen ist sehr/wirklich unangenehm.“

4 Vgl. W. Menninghaus, Ekel, Frankfurt am Main 1999, 505.

5 Vgl. W. Menninghaus, Ekel, Frankfurt am Main 1999, 505.

6 J.-P. Sartre, La Nausée, Paris 2008, 17/18.

7 Vgl. J.-P. Sartre, La Nausée, Paris 2008, 19/20.

8 J.-P. Sartre, La Nausée, Paris 2008, 14.

9 Vgl. P. Poiana, The Subject as Symptom in Nausea, in: A. Rolls/E. Rechniewski, Sartre ´ s Nausea. Text, Context, Intertext, New York 2005, 78.

10 J.-P. Sartre, La Nausée, Paris 2008, 26.

11 J.-P. Sartre, La Nausée, Paris 2008, 29.

12 J.-P. Sartre, La Nausée, Paris 2008, 36.

13 J.-P. Sartre, La Nausée, Paris 2008, 37.

14 J.-P. Sartre, La Nausée, Paris 2008, 38.

15 J.-P. Sartre, La Nausée, Paris 2008, 41.

16 Vgl. W. Menninghaus, Ekel, Frankfurt am Main 1999, 512.

17 Vgl. W. Menninghaus, Ekel, Frankfurt am Main 1999, 504.

18 J.-P. Sartre, L ´ existentialisme est un humanisme, Paris 2008, 29.

19 Vgl. J.-P. Sartre, L ´ existentialisme est un humanisme, Paris 2008, 26.

20 Vgl. J.-P. Sartre, L ´ existentialisme est un humanisme, Paris 2008, 33.

21 Vgl. M. Carroll, 'It Is': Reflections on the Role of Music in Sartre's 'La Nausée', in: Carroll, Marc: Music and Letters, 87 (3), Oxford 2006, 401.

22 J.-P. Sartre, La Nausée, Paris 2008, 247.

23 Vgl. W. Menninghaus, Ekel, Frankfurt am Main 1999, 507.

24 Vgl. W. Menninghaus, Ekel, Frankfurt am Main 1999, 505.

25 J.-P. Sartre, La Nausée, Paris 2008, 106.

26 Vgl. J.-P. Sartre, L ´ existentialisme est un humanisme, Paris 2008, 30.

27 J.-P. Sartre, L ´ existentialisme est un humanisme, Paris 2008, 51.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Ekel - Betrachtung der Empfindung in Sartres "La Nausée" unter dem philosophischen Aspekt des Existentialismus
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Romanisches Seminar)
Veranstaltung
Proseminar: Melancholie und Depression. Französische Literatur und psychiatrischer
Note
2,7
Autor
Jahr
2009
Seiten
14
Katalognummer
V157923
ISBN (eBook)
9783640713608
ISBN (Buch)
9783640713769
Dateigröße
456 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ekel, Betrachtung, Empfindung, Jean-Paul Sartre, La Nausée, Philosophie, Existentialismus, Existenzphilosophie
Arbeit zitieren
Anna Vogel (Autor), 2009, Ekel - Betrachtung der Empfindung in Sartres "La Nausée" unter dem philosophischen Aspekt des Existentialismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/157923

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