"Der neue Menoza" - Lenz' Stück als Komödie?


Hausarbeit, 2010
18 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Handlungsstränge und Charaktere
2.1 Der Inhalt des Neuen Menoza
2.1.1 Nachtrag
2.2 Die Figuren
2.2.1 Der „edle Wilde“
2.2.2 Sprechende Namen
2.2.3 Zopf, Zierau und Beza

3. Komisch oder tragisch?
3.1 Komische Elemente
3.2 Aktives Bühnengeschehen
3.3 Die Commedia dell'arte als Inspiration
3.3.1 Überrumpelung und Sprachlosigkeit

4. Reaktionen

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

Primärliteratur

Sekundärliteratur

1. Einleitung

Noch vor den Soldaten verfasst Jakob Michael Reinhold Lenz im Jahre 1773 eine Komödie bestehend aus fünf Akten: Der neue Menoza. Oder Geschichte des cumbanischen Prinzen Tandi.[1] Das Drama wird 1774 veröffentlicht und greift damit viele Aspekte des Sturm und Drang auf. Im Gegensatz zum Hofmeister oder Vorteile der Privaterziehung und seinen bisherigen Stücken verwendet Lenz hierin eine leidenschaftliche, bewegte und ausdrucksstarke Sprache voller Gefühle und Spannungen. Hierbei lässt Lenz den Figuren unterschiedlich intensive Redeweisen zukommen, die sich ganz an deren Charakter orientieren.[2]

Doch nicht nur die gefühlsbetonte Sprache ist ein gängiges Zeitmotiv, das Lenz aufgreift. Darüber hinaus bringt er mit Prinz Tandi die Figur des ‚edlen Wilden‘ in seine Komödie ein. Diesem sollen die Gebräuche und Gewohnheiten Europas näher gebracht werden, wobei Tandi diese durch persönliche Erfahrungen und Bekanntschaften – beispielsweise mit dem Grafen Camäleon - schnell durchschaut und Ablehnung gegenüber ihnen äußert. Bereits der Titel von Lenz' Komödie Der neue Menoza macht den Bezug auf den dänischen Roman von Eric Pontoppidan, Menoza, ein asiatischer Prinz, welcher die Welt umher gezogen, Christen zu suchen, aber des Gesuchten wenig gefunden, deutlich. Doch außer dem Titel des 1742 in deutscher Sprache erschienenen Romans nimmt Lenz davon kaum etwas in sein eigenes Stück mit auf. Stattdessen lässt er gegenwärtige und aktuelle Motive und Gedanken die Komödie bestimmen: unter anderem Rousseaus Urteil gegenüber der Aufklärung sowie die Idealisierung eines ursprünglichen Lebensstils.[3]

Insgesamt wählt Lenz somit bedeutende und einschneidende Themen seiner Zeit und baut diese in sein Stück mit ein. Dennoch stellt er für die Komödie fest:[4] „Komödie ist Gemählde der menschlichen Gesellschaft, und wenn die ernsthaft wird, kann das Gemählde nicht lachend werden.“ [5]

In seiner Selbstrezension weist Lenz darauf hin, dass er diese menschliche Gesellschaft mit Prinz Tandi, der nach „Wahrheit, Größe und Güte“[6] sucht, konfrontiert. Dadurch ist es schließlich für das Publikum möglich, Vergleiche heranzuziehen.[7]

Ich habe gegen diesen Menschen [den Prinzen Tandi], gewöhnliche Menschen meines Jahrhunderts abstechen lassen, aber immer mit dem mir einmal unumstößl. angenommenen Grundgesetz für theatralische Darstellung, zu dem Gewöhnlichen, ich möcht' es die treffende Aehnlichkeit heissen, eine Verstärkung, eine Erhöhung hinzuthun, die uns die Alltagscharaktere im gemeinen Leben auf dem Theater anzüglich interessant machen kann.[8]

Christoph Hein schreibt darüber: „Lenz bringt einen Querschnitt der deutsche Stände des 18. Jahrhunderts, ein Panorama der Zustände. Seine Stücke formulieren die bürgerliche Gesellschaft.“ [9]

Doch weshalb wählt Lenz für den Neuen Menoza trotz seiner darin stark enthaltenen Kritik an der europäischen Gesellschaft überhaupt die Form der Komödie, kommt es hierin doch zur Vermittlung bedeutsamer Botschaften für das Publikum. Wenn das Gemälde für Lenz nicht lachend sein darf, weshalb zieht er die Komödie als Werkzeug der Tragödie vor?

Insgesamt fallen die Kritiken am Neuen Menoza fast durchgehend negativ aus, nur selten ist in der Forschung Positives über Lenz' Komödie zu lesen. Hat Lenz einfach nur das falsche Sprachrohr für sein Stück gewählt und wäre eine Tragödie nicht angebrachter gewesen? Oder handelt es sich überhaupt um eine Komödie, welche komischen Elemente enthält das Stück und wie ist dies zu bewerten? Diese Aspekte sollen in der folgenden Arbeit genauer untersucht werden.

2. Handlungsstränge und Charaktere

2.1 Der Inhalt des Neuen Menoza

Der neue Menoza lässt sich grob in drei Handlungsstränge unterteilen, die sich schließlich am Ende des Stücks kreuzen. Beim ersten Handlungsstrang spielt die gutbürgerliche Familie der Biederlings eine entscheidende Rolle. Herr von Biederling hat den cumbanischen Prinzen Tandi kennengelernt und lädt ihn zu sich nach Hause nach Naumburg ein. Tandi ist zwar in Europa geboren, wurde jedoch von Jesuiten nach Asien gebracht, wo er zum Thronfolger erklärt wird. Dieser Fakt ist für den dritten Handlungsstrang entscheidend. Tandi ist nach Europa gekommen, um „die Sitten der aufgeklärtesten Nation Europens kennen zu lernen“[10]. In Naumburg kreuzt sich der Weg des Prinzen mit dem Grafen Camäleon, der gemeinsam mit der spanischen Gräfin Donna Diana den zweiten Handlungsstrang bildet. Der Graf und die Gräfin sind liiert und haben den Vater Donnas vergiftet und schließlich den Schmuck der Mutter gestohlen. Beide sind nun auf der Flucht, doch Camäleon wollte sich auch Dianas entledigen. Dieser Versuch schlug jedoch fehl. Die Gräfin ist nun völlig auf das Ziel bedacht, sich an Camäleon zu rächen. In Naumburg verlieben sich nun der Prinz sowie der Graf in die Tochter der Biederlings, namens Wilhelmine.[11]

Wilhelmine entscheidet sich dafür den Prinzen zu heiraten, doch im dritten Akt muss das Ehepaar erfahren, dass es sich bei dem Prinzen um den verloren geglaubten Sohn der Biederlings handelt. Wilhelmine und Tandi wären somit Bruder und Schwester, doch hier kommt der dritte Handlungsstrang zum Tragen, der der vertauschten Kinder. Denn auch Wilhelmine wurde als Kind vertauscht, nämlich mit der Diana. Darüber weiß zu diesem Zeitpunkt außer Donna niemand Bescheid.[12] Auf einem Maskenball kommt es zum Höhepunkt des Stücks, auf dem sich alle Handlungsstränge kreuzen: Camäleon hat neuen Mut gefasst und möchte Wilhelmine auf dem Ball betäuben und vergewaltigen, diese hat jedoch mit Donna Diana die Rollen getauscht, da sie keine Lust hatte, auf das Fest zu gehen. Der Graf lockt die verkleidete Donna auf ein Zimmer, wo sie ihn schließlich mit einem Messer ersticht.[13] Tandi und Wilhelmine erfahren nun, dass sie nicht miteinander verwandt sind und können ihr Eheglück genießen.

2.1.1 Nachtrag

Genau genommen endet die Komödie mit der Vereinigung der Liebenden, doch Lenz fügt dem Stück eine Art Anhang hinzu.[14] Bereits bei den Soldaten hatte Lenz ein Nachspiel an das eigentliche Stück angefügt, wobei dieses beim Neuen Menoza eine Theorie veranschaulicht und eine Diskussion des Studenten Zierau, der zu Beginn der Komödie mit Tandi über Wissenschaft diskutiert hatte, mit seinem Vater über die drei Einheiten sowie die theatrale Illusion darstellt.[15] Eigentlich nimmt Zierau im Stück selbst eine eher unbedeutende Rolle ein, doch Lenz überlässt ihm die Schlussszene: Zieraus Vater möchte mit ihm das „Püppelspiel“[16] besuchen, woraufhin dieser erklärt, dass ein Mensch mit „Geschmack“[17] sich nicht am Puppenspiel erfreuen kann, da die drei Einheiten von Aristoteles nicht berücksichtigt werden und auch sonst keinerlei „Illusion“[18] aufgebaut werde. Der Vater entscheidet sich dafür, diese Unterstellung selbst nachzuprüfen und kommt unzufrieden nach Hause: Die Kurzweil beim Puppenspiel sei nicht länger vorhanden.[19]

2.2 Die Figuren

2.2.1 Der „edle Wilde“

Bereits in dem dänischen Roman von Eric Pontoppidan ist Menoza ein asiatischer Prinz, der statt der erhofften Kultur und Zivilisation in Europa lediglich von der dort herrschenden Unmoral und Kulturlosigkeit erschüttert wird. Dasselbe Schicksal ereilt auch Prinz Tandi im Neuen Menoza von Lenz.[20] Tandi ist aufrichtig, großmütig und unbestechlich und steht, wie Lenz in seiner Rezension schreibt, mit seinem beispiellosen Charakter im Mittelpunkt der gesamten Komödie inmitten „gewöhnliche[r]“[21] Figuren.[22] In Europa, genauer gesagt Naumburg angekommen, stößt Tandi immer wieder auf Unvereinbarkeiten im Handeln der Menschen und der ihm prophezeiten großartigen aufgeklärten abendländischen Welt.[23]

Tandi durchschaut die aufgesetzte Maske der Menschen und beginnt, sie zu kritisieren – eine Kritik, die den „aufgeklärteste[n] Nationen“[24] von Europa gilt und damit gleichzeitig Aufklärungskritik ist. Die Ehrlosigkeit, das grausame Verhalten der Menschen, ihre Triebhaftigkeit und ihre Intrigen widerstreben ihm:

In Eurem Morast ersticke ich – treib's nicht länger – mein Seel nicht! Das der aufgeklärte Weltteil! Allenthalben wo man hinriecht, Lässigkeit, faule ohnmächtige Begier, lallender Tod für Feuer und Leben, Geschwätz für Handlung – Das der berühmte Weltteil! o pfui doch![25]

Der Prinz bleibt mit seiner Kritik dennoch sehr unbestimmt, da er die Fehler der Menschen im Allgemeinen angreift, dabei jedoch nicht konkreter auf bestimmte Übel eingeht. Darüber hinaus kritisiert er keine bösartigen Frevel, keine direkt ausgeführten Aktionen, sondern lediglich Unterlassungen und Schwächen. Auch auf die Gründe für dieses Verhalten der Menschen geht er nicht näher ein, sondern weicht aus:[26] „Oh ich mag nicht reden, ich müßt' entsetzlich weit ausholen.“[27]

Obwohl Lenz hier die Möglichkeit gehabt hätte seine Gesellschaftskritik zu konkretisieren, lässt er die Chance ungenutzt. Weshalb bindet er Tandi als Mitspieler und Sprachrohr für sich selbst in die Komödie ein, wenn ihm im richtigen Moment die Worte versagen? Da Lenz sonst keinerlei Schwierigkeiten hat, seinen Standpunkt darzulegen ist eher davon auszugehen, dass Tandi in dieser vierten Szene des zweiten Aktes zwar größtenteils Lenz' Meinung darlegt, jedoch die Figur selbst ihr Leid über das Geschehen äußert und weniger für die Überzeugungen von Lenz Stellung bezieht.[28]

Zugleich spielt Lenz von Beginn der Komödie an mit dem Bild der Figur Tandis, das zwar dem Bild von Jesus Christus ähnelt – immerhin erkennt der Prinz den Sittenverfall Europas und erträgt diesen kaum – sich am Ende des Stücks jedoch mehr und mehr von diesem Bruder und Helfer der Menschheit entfernt. Denn Tandi hat nichts gemein mit der „Gesellschaft [von] Bettler[n] und Pöbel“[29], wie die Regieanweisung für die 10. Szene des III Aktes verdeutlicht, die auf Kosten des Prinzen trinken und essen. Der Charakter des Prinzen wird mit Voranschreiten des Stücks würdeloser. Schließlich endet Tandi als Sohn des spießigen Herrn von Biederling.[30] Dennoch gibt sich Lenz in seiner Rezension überzeugt davon, dass dieser besondere Charakter das Publikum von sich überzeugen könne und zum nachdenken anregen würde.[31]

[...]


[1] Vgl.: Georg-Michael Schulz: J.M.R. Lenz, Stuttgart 2001, S. 90.

[2] Vgl: Werner Kließ: Sturm und Drang. Gerstenberg, Lenz, Klinger, Leisewitz, Wagner, Maler Müller, Velber bei Hannover 1966, S. 48.

[3] Vgl.: Ebd.

[4] Vgl.: Sandra Kersten, Manfred Frank Schenke (Hgg.): Spiegelungen. Entwürfe zu Identität und Alterität, Festschrift

für Elke Mehnert, Berlin 2005, S. 320.

[5] Jakob Michael Reinhold Lenz: Werke und Schriften I, hg. von Britta Titel und Hellmut Haug,Stuttgart 1966, S. 419.

[6] Ebd., S. 415.

[7] Vgl: Hans-Gerd Winter: Jakob Michael Reinhold Lenz, Stuttgart/Weimar 2000, S. 65.

[8] Lenz: Werke und Schriften, S. 416.

[9] Christoph Hein: Öffentlich arbeiten. Essais und Gespräche, Berlin und Weimar 1988, S. 95.

[10] Jakob Michael Reinhold Lenz: Der neue Menoza. In: Werke in zwölf Bänden. Bd. 4, hg. von Christoph Weiß, Mörlenbach 2001, S 20.

[11] Vgl.: Kließ: Sturm und Drang, S. 48f.

[12] Vgl.: Ebd., S. 51.

[13] Vgl.: Schulz: J.M.R. Lenz, S. 94f.

[14] Vgl.: Kließ: Sturm und Drang, S. 52.

[15] Vgl.: Schulz: J.M.R. Lenz, S. 97.

[16] Lenz: Der neue Menoza, S. 127.

[17] Ebd., S. 128.

[18] Ebd.

[19] Vgl.: Kließ: Sturm und Drang, S. 53.

[20] Vgl.: Schulz: J.M.R. Lenz, S. 91.

[21] Lenz: Werke und Schriften I, S. 416.

[22] Vgl.: Heribert Tommek: J.M.R. Lenz: Sozioanalyse einer literarischen Laufbahn, Heidelberg 2003, S. 149.

[23] Vgl.: Jakob Michael Reinhold Lenz in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten, dargestellt von Curt Hohoff, Reinbeck bei Hamburg 1977, S. 61.

[24] Lenz: Der neue Menoza, S. 20.

[25] Lenz: Der neue Menoza, S. 34.

[26] Vgl.: Kließ: Sturm und Drang, S. 49.

[27] Lenz: Der neue Menoza, S. 34.

[28] Vgl.: Kließ: Sturm und Drang, S. 49f.

[29] Lenz: Der neue Menoza, S. 96.

[30] Vgl.: Tommek: J.M.R. Lenz, S. 150.

[31] Vgl.: Tommek: J.M.R. Lenz, S. 150.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
"Der neue Menoza" - Lenz' Stück als Komödie?
Hochschule
Karlsruher Institut für Technologie (KIT)  (Geistes- und Sozialwissenschaften)
Veranstaltung
Komödie
Note
2,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
18
Katalognummer
V157937
ISBN (eBook)
9783640738083
ISBN (Buch)
9783640738090
Dateigröße
533 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Menoza, Lenz, Stück, Komödie, Der neue Menoza, Tragikomödie, komisch, Commedia dell'arte
Arbeit zitieren
Rebecca Schwarz (Autor), 2010, "Der neue Menoza" - Lenz' Stück als Komödie?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/157937

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