Methoden für den Grammatikunterricht

Eine Beurteilung der Methoden von Glinz, Sitta und Böttcher, Köller, Sowinski sowie Menzel und Eisenberg


Hausarbeit (Hauptseminar), 2001

24 Seiten, Note: gut


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

I. Einleitung

II. Methoden des Grammatikunterrichts
1. die traditionelle Grammatik
2. Die inhaltsbezogene Sprach- und Grammatikauffassung
3. Die funktionale Sprach- und Grammatikauffassung
4. Die strukturalistische Sprach- und Grammatikauffassung
5. Die kommunikationsbezogene Sprach- und Grammatikauffassung

III. Abschließende Bemerkungen

IV. Bibliographie:

I. Einleitung

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit den verschiedenen Ansätzen der Methoden des reflexiven Sprachunterrichts in der Schule. Im Verlauf des 20. Jahrhunderts wurden von Seiten der Didaktiker sowie der Linguisten neue Ansätze für einen Grammatikunterricht entwickelt. Ebenso wurde über den Sinn oder die Sinnlosigkeit des Grammatikunterrichts nachgedacht, und Konzepte entwickelt, die den Unterricht für Schüler und Lehrer verständlicher machen sollten. Deren Ziel sollte ein ausgereiftes Sprachverständnis sein.

Aber genauso wie über den Sinn diskutiert wird, unterscheiden sich auch die Ziele der verschiedenen Unterrichtsansätze. Während die Beherrschung der deutschen Grammatik für die Einen eine ordnungsstiftende Funktion hat, sehen Andere in ihr die Grundlage für Kommunikationsfähigkeit und kulturelle Identitätsbildung. Immer wenn neue methodische Ansätze erdacht und formuliert werden, werden Ziele und Sinn des Grammatikunterrichts erneut hinterfragt.

Umfragen zufolge ist der schulische Grammatikunterricht bei den meisten Menschen in schlechter Erinnerung geblieben. Trotzdem hält ein Großteil der Befragten Grammatikunterricht für notwendig und sinnvoll, auch wenn sie im Einzelnen keine Begründung dafür haben.[1] Die Sprachdidaktiker beschäftigen sich mit dieser Begründung im Zusammenhang mit der didaktischen Bearbeitung einer neuen, auf völlig anderen Zielen beruhenden Methode für den Grammatikunterricht in der Schule.

Diese Arbeit wird die unterschiedlichen Methoden darstellen und praktische Beispiele kurz vorführen, um die Methoden für die schulische Praxis zu verdeutlichen. Die Methoden werden vor allem unter dem Aspekt der Umsetzung in schulischer Praxis untersucht und dargestellt. Darüber hinaus werden sie überprüft, in wieweit diese das Interesse der Schüler zu wecken vermögen, sich mit der Grammatik der deutschen Sprache zu beschäftigen.

Es werden fünf große methodische Ansätze unterschieden, die den Grammatikunterricht beeinflussen: die traditionelle, die inhaltsbezogene, die funktionale, die strukturalistische und die kommunikationsbezogene Sprach- und Grammatikauffassung.[2] Innerhalb dieser Auffassungen gibt es verschiedene Ansätze, von denen hier aber nur eine Auswahl vorgestellt werden soll, damit anhand dieser der methodische Ansatz exemplarisch verdeutlicht werden kann.

Zur Darstellung der Methoden werden vor allem H. Glinz mit seinen Sprachproben, Sitta und Böttcher mit dem situationsorientiertem Grammatikunterricht, Köller als Beispiel für die funktionale Sprachtheorie, Sowinski mit einem strukturalistischem Ansatz, sowie Menzel und Eisenberg mit der Grammatikwerkstatt herangezogen.

In einem abschließenden Vergleich der unterschiedlichen Ansätze werden deren Vor- und Nachteile einander gegenübergestellt und der Versuch einer Beurteilung der Methoden gegeben.

II. Methoden des Grammatikunterrichts

1. die traditionelle Grammatik

Die traditionelle Sprachwissenschaft ist nicht als ein homogener Bereich zu verstehen, sondern umfaßt verschiedene Strömungen, Tendenzen und Schulen. Bereits in der Antike beschäftigte man sich vor allem in Form eines Unterrichts des guten Sprachgebrauchs mit der Grammatik. Sie war nicht so formal und systematisch aufgebaut, sondern galt vor allem als „eine Stilistik des guten Schreibens und Sprechens.“[3] Auch ihre führende Stellung als „Grammatika“ in den septem artes liberalis betont ihre sprachausbildende Funktion. Bis in das 16. Jahrhundert hinein wurden im Grammatikunterricht Lateinkenntnisse vermittelt. Erst als sich die deutsche Sprache zur Schrift- und Verkehrssprache entwickelte, löste sie das Lateinische in den Lehranstalten nach und nach ab. Im 19. Jahrhundert suchten die traditionellen Sprachwissenschaftler vor allem nach dem Ursprung der Sprache. Dieses Unternehmen war sehr idealistisch und wurde im 20. Jahrhundert von den realistischeren Bemühungen der Junggrammatiker abgelöst, die die Gesetzmäßigkeiten innerhalb der Sprache und im Lautwandel zu erforschen versuchten. Die traditionelle Sprachforschung hat viele Grundlagen geschaffen und bemühte sich sehr erfolgreich, die formale und systematische Seite der deutschen Sprache herauszustellen, derer sich auch heute noch bedient wird. So erforschte sie die Inhalte des Alt-, Mittel- und Neuhochdeutschen, erschloß die formale Seite der Sprache, arbeitete die Strukturen und Systeme der deutschen Sprache heraus und untersuchte die Arten und Formen der Laute, der Wörter und der Sätze auf ihre Gesetzmäßigkeiten hin.

In der Unterrichtspraxis umfaßt die traditionelle Grammatik im wesentlichen die Wort- und Satzlehre. Sie blieb in der Unterrichtspraxis eine Mischung aus der lateinischen Schulgrammatik und neueren deutschen Begrifflichkeiten, die im 19. Jahrhundert durch K.F. Becker geprägt und ausformuliert wurden. Becker unterscheidet 10 Wortarten: Substantiv, Adjektiv, Pronomen, Artikel, Numerale, Verb, Adverb, Präposition, Konjunktion und Interjektion und auch die traditionellen Satzgliedbegriffe wurden von ihm geprägt: Subjekt, Prädikat, Attribut, Objekt und adverbiale Umstandsbestimmung. In der traditionellen Grammatik wird der Satz als Analyseeinheit genutzt, ein Inhaltsbezug ist zumeist nicht vorhanden, da das Ziel der traditionellen Grammatik nicht ein inhaltsbezogenes ist, sondern das formale System Sprache beleuchtet werden soll. Die Äußerungszusammenhänge werden folglich aus der grammatischen Analyse ausgeklammert.

Ein auf diese Art gelehrter Grammatikunterricht soll "Einsicht in die Ordnung des Bestandes einer Sprache an Wörtern, Formen und Satzstrukturen"[4] bringen. Die sprachliche Korrektheit ist das Ziel, es wird eine strenge Werte- und Arbeitshaltung im Umgang mit Sprache und Literatur verfolgt. Die traditionellen Vertreter sehen die Sprache im Sinne Humboldts als eine wirkende Kraft und es wird damit argumentiert, dass „wenn die Urfunktion des Satzes nicht mehr anerkannt wird, (...) die Sprache ihre ordnungsstiftende Kraft [verliert].“[5] Die Ansicht, dass grammatisches Wissen Ordnungsstrukturen schafft, wird unter historischem Aspekt kritisch betrachtet. So bemerkt Köller: „Ein logisch kohärentes System kann die Grammatik schon deswegen nicht sein, weil sie ein historisch gewachsenes Gebilde mit all den Widersprüchlichkeiten und Inkonsequenzen ist, die solchen Gebilden zu Eigen sind. Wenn man logisches Denken mit logischen Systemen schulen will, dann ist die Grammatik dazu denkbar ungeeignet.“[6]

Der traditionelle Grammatikunterricht ist in vielen Schulen auch heute noch das am Häufigsten angewandte Modell. „Wenn er Sprachkunde weitgehend ausklammert, ist er etwas formal und trocken, bei Lehrern und Schülern nicht allzu beliebt (...) wird [aber] als Mittel der Denk- und Lernschulung betrachtet,(...)".[7]

Die traditionelle Grammatik wird meist kritisch betrachtet. Die Hauptkritik bezieht sich vor allem auf das Aufstellen einer Fremdnorm, d. h., dass die von oben festgesetzte Sprache mit der Sprachentwicklung der Schüler häufig nicht übereinstimmt. An Schüler, deren Herkunftssprache nicht der Schulsprache entspricht, werden Forderungen gestellt, die sie nur schwer oder gar nicht erfüllen können. Die traditionelle Grammatik geht damit an den realen Sprachwelten und an den Erfahrungen der Schüler vorbei. Gleichzeitig wird vor allem von den Vertretern der inhaltsbezogenen Sprachauffassung kritisiert, dass der traditionelle Grammatikunterricht nur formal und systematisch vorgeht und keinerlei inhaltlichen Anspruch an die Beispielsätze hat, anhand derer den Schülern Regularitäten der Sprache deutlich gemacht werden sollen. Die Schüler nehmen die Sätze, die der Lehrer verwendet, nicht ernst. Sie betrachten sie lediglich als bedeutungsleeres Material, dass sie nach grammatischen Operationen analysieren sollen. Die Schüler erfüllen damit, so die Kritik, lediglich "die Bewältigung der Situation Schule"[8]. Die Sprachreflexion bleibt auf diese Weise an schulische Situationen gebunden. Die Schüler sehen Sprache als etwas Formales und Abstraktes, in das sie ihr eigenes Sprechen nicht mit einbeziehen.

Die Sprachwissenschaft kritisiert häufig an der traditionellen Grammatik häufig kritisiert, dass sie keine einheitlichen methodologischen und operationalen Grundlagen hat. So ist es vor allem für Schüler verwirrend, wenn sie das Wort „die" in einem Satz (Bsp.: „Die Frau, die einen Mantel trägt, geht über die Straße.") zum Einen als Artikel und zum Anderen als Pronomen klassifizieren sollen, obwohl die Differenz in diesem Satz an der syntaktischen Position zu liegen scheint. Damit bekommt die traditionelle Auffassung auch häufig den Vorwurf der Unwissenschaftlichkeit.

Die traditionelle Grammatik hat durch ihre Systematisierung der deutschen Sprache viele Grundlagen geschaffen. Als Unterrichtsmodell wirkt sie jedoch ziemlich steif und schafft es offenbar nicht, ihr Ziel als ordnungsstiftende Kraft zu verwirklichen.

Die traditionelle Grammatik soll nun anhand eines Unterrichtsbeispieles verdeutlicht werden. Das Thema der Unterrichtsstunde ist die indirekte Rede. Sie bietet sich für alle Methoden an, da sie sowohl einen starken kommunikativen, als auch einen grammatischen Aspekt vorweisen kann.

Die Ziele in einem traditionellen Grammatikunterricht für die indirekte Rede sind:

1. Die Schüler kennen die Regel zur Verwendung der indirekten Rede.
2. Die Schüler kennen die Unterschiede zwischen indirekter und direkter Rede.
3. Die Schüler können den Konjunktiv II im Gegensatz zum Konjunktiv I in der indirekten Rede anwenden.
4. Die Schüler können beliebige Sätze von der direkten in die indirekte Rede, und umgekehrt, umwandeln.

[...]


[1] Vgl. Ingendahl, Werner: Sprachreflexion statt Grammatik. Ein didaktisches Konzept für alle Schulstufen. Tübingen 1999, S. 1f.

[2] Vgl. Rauscher, Hubertus: Didaktik des Sprachlehreunterrichts. Einführung in die Theorie und Praxis des Sprachunterrichts im engeren Sinne. Donauwörth 1982

[3] Eichler, Wolfgang: Grammatikunterricht. In: Taschenbuch des Deutschunterrichts. Grundlagen, Sprachdidaktik, Mediendidaktik. Hg. von Günter Lange, Karl Neumann und Werner Ziesenis. Göppingen 1998, S. 227

[4] Boettcher, Wolfgang; Sitta, Horst: Der andere Grammatikunterricht. Veränderungen des klassischen Grammatikunterrichts. Neue Modelle und Lehrmethoden. München 1978, S. 12

[5] Ebd.

[6] Köller, Wilhelm: Funktionaler Grammatikunterricht. Hannover 1983, S. 26

[7] Rauscher 1982, S. 28

[8] Boettcher /Sitta 1978, S. 35

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Details

Titel
Methoden für den Grammatikunterricht
Untertitel
Eine Beurteilung der Methoden von Glinz, Sitta und Böttcher, Köller, Sowinski sowie Menzel und Eisenberg
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Fachbereich Germanistik)
Note
gut
Autor
Jahr
2001
Seiten
24
Katalognummer
V15802
ISBN (eBook)
9783638208208
ISBN (Buch)
9783638644273
Dateigröße
544 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Methoden, Grammatikunterricht
Arbeit zitieren
Julika Stark (Autor), 2001, Methoden für den Grammatikunterricht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/15802

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